Friedrich Engels: ber den Antisemitismus [80] 
(Aus einem Brief nach Wien)

   ... Ob Sie aber mit dem Antisemitismus nicht mehr Unglck als Gutes anrichten werden, mu ich Ihnen zu bedenken geben. Der Antisemitismus ist das Merkzeichen einer zurckgebliebenen Kultur und findet sich deshalb auch nur in Preuen und sterreich resp. Ruland. Wenn man hier in England oder Amerika Antisemitismus treiben wollte, so wrde man einfach ausgelacht, und Herr Drumont erregt in Paris mit seinen Schriften - die an Geist denen der deutschen Antisemiten unendlich berlegen sind - doch nur ein bichen wirkungslose Eintagssensation. Zudem mu er ja jetzt, da er als Stadtratskandidat auftritt, selbst sagen, er sei gegen das christliche Kapital ebensosehr wie gegen das jdische! Und Herrn Drumont wrde man lesen, wenn er auch die gegenteilige Meinung vertrte.

    Es ist in Preuen der Kleinadel, das Junkertum, das 10000 Mark einnimmt und 20000 Mark ausgibt und daher den Wucherern verfllt, das in Antisemitismus macht, und in Preuen und sterreich ist es der dem Untergang durch die grokapitalistische Konkurrenz verfallene Kleinbrger, Zunfthandwerker und Kleinkrmer, der den Chor dabei bildet und mitschreit. Wenn aber das Kapital _diese_ Klassen der Gesellschaft vernichtet, die durch und durch reaktionr sind, so tut es, was seines Amtes ist, und tut ein gutes Werk, einerlei, ob es nun semitisch oder arisch, beschnitten oder getauft ist; es hilft den zurckgebliebenen Preuen und sterreichern vorwrts, da sie endlich auf den modernen Standpunkt kommen, wo alle alten gesellschaftlichen Unterschiede aufgehen in den einen groen Gegensatz von Kapitalisten und Lohnarbeitern. Nur da, wo dies noch nicht der Fall, wo noch keine starke Kapitalistenklasse existiert, also auch noch keine starke Lohnarbeiterklasse, wo das Kapital noch zu schwach ist, sich der gesamten nationalen Produktion zu bemchtigen, und daher die Effentkenbrse zum Hauptschauplatz seiner Ttigkeit hat, wo also die Produktion noch in den Hnden von Bauern, Gutsherren, Handwerkern und hnlichen aus dem Mittelalter berkommenen Klassen befindet - nur da ist das Kapital vorzugsweise jdisch und nur da gibt's Antisemitismus.

    In ganz Nordamerika, wo es Millionre gibt, deren Reichtum sich in unseren lumpigen Mark, Gulden oder Franken sich kaum ausdrcken lt, ist unter diesen Millionren _nicht_ _ein_ _einziger_ _Jude_, und die Rothschilds sind ware Bettler gegen diese Amerikaner. Und selbst hier in England ist Rothschild ein Mann von bescheidenen Mitteln z.B. gegenber dem Herzog von Westminster. Selbst bei uns am Rhein, wo wir mit Hilfe der Franzosen den Adel vor 95 Jahren zum Land hinausgejagt und uns eine moderne Industrie geschaffen haben, wo sind da die Juden?

    Der Antisemitismus ist also nichts als eine Reaktion mittelalterlicher, untergehender Gesellschaftsschichten gegen die moderne Gesellschaft, die wesentlich aus Kapitalisten und Lohnarbeitern besteht, und dient daher nur reaktionren Zwecken unter scheinbar sozialistischem Deckmantel; er ist eine Abart des feudalen Sozialismus, und damit knnen wir nichts zu schaffen haben. Ist er in einem Lande mglich, so ist das ein Beweis, da dort noch nicht genug Kapital existiert. Kapital und Lohnarbeit sind heute untrennbar. Je strker das Kapital, desto strker auch die Lohnarbeiterklasse, desto nher also das Ende der Kapitalistenherrschaft. Uns Deutschen, wozu ich auch die Wiener rechne, wnsche ich alsso recht flotte Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft, keineswegs deren Versumpfen im Stillstand.

    Dazu kommt, da der Antisemitismus die ganze Sachlage verflscht. Er kennt nicht einmal die Juden, die er niederschreit. Sonst wrde er wissen, da hier in England und in Amerika, dank den osteuropischen Antisemiten, und in der Trkei, dank der spanischen Inquisition, es Tausende und aber Tausende _jdischer_ _Proletarier_ gibt; und zwar sind diese jdischen Arbeiter die am schlimmsten ausgebeuteten und die allerelendsten. Wir haben hier in England in den letzen zwlf Monaten _drei_ Streiks jdischer Arbeiter[81] gehabt, und da sollen wir Antisemitismus treiben als Kampf gegen das Kapital?

    Auerdem verdanken wir den Juden viel zuviel. Von Heine und Brne zu schweigen, war Marx von stockjdischem Blut; Lasalle war Jude. Viele unserer besten Leute sind Juden. Mein Freund Victor Adler, der jetzt seine Hingebung fr die Sache des Proletariats im Gefngnis in Wien abbt, Eduard Bernstein, der Redakteur des Londoner 'Sozialdemokrat', Paul Singer, einer unserer besten Reichstagsmnner - Leute auf deren Freundschaft ich stolz bin, und alles Juden! Bin ich doch selbst von der 'Gartenlaube'[82] zum Juden gemacht worden, und allerdings, wenn ich whlen mte, dann lieber Jude als 'Herr von'.

London, 19. April 1890. zuerst abgedruckt in: 'Arbeiter-Zeitung', Nr. 19 vom 9. Mai 1890

Anmerkungen (von der Redaktion der MEW):

[80] Mit diesem Brief antwortete Engels dem sterreichischen Bankangestellten Isidor Ehrenfreund, der ihm am 21. Mrz 1890 geschrieben hatte, da unter den Mitgliedern des Klubs der Beamten Wiener Bank- und Kreditinstitute, dem er angehrte, sowie unter einem gewissen Teil der Wiener Bevlkerung der Antisemitismus weit verbreitet sei und sich in der Propaganda gegen das jdische Kapital ausdrcke. Engels' Antwort an Ehrenfreund wurde in der 'Arbeiter-Zeitung' mit der folgenden redaktionellen Anmerkung verffentlicht: 'Es bedarf wohl kaum der Genehmigung, da wir diesen Brief mit beiderseitiger Autorisation, der des Schreibers und der des Empfngers, zum Abdrucke bringen.' Der Name des Empfngers wurde in der Zeitung nicht genannt. Engels Brief wurde auch im 'Berliner Volksblatt' Nr. 109 vom 13. Mai 1890 und in der in Mnchen erscheinenden sozialpolitischen Wochenschrift 'Das Recht auf Arbeit' Nr. 315 vom 28. Mai 1890 abgedruckt.

[81] Hinweis auf folgende Streiks jdischer Arbeiter in London: der Streik der Schneider und Krschner im August/September 1889, der Streik der Bcker im November 1889 und der Schuharbeiter im Mrz/April 1890. In diesen Streiks setzten die Arbeiter die Annahme ihrer Forderungen durch. Die Schneider, die Krschner und Bcker erreichten die Einfhrung des Zehnstundenarbeitstages an Stelle des bisherigen vierzehn- bis sechzehnstdnigen und die Schuharbeiter setzten die Forderung durch, wonach die Heimarbeit eingestellt und von den Unternehmern entsprechende Arbeitssttten gewhrleistet werden sollten. Die Fabrikanten muten auerdem der Forderung der Schuharbeiter nach Einfhrung eines Arbeitsschidsgerichts zustimmen.

[82] 'Die Gartenlaube. Illustriertes Familienblatt' - literarische Wochenschrift kleinbrgerlicher Richtung; erschien von 1853 bis 1903 in Leipzig und von 1903 bis 1943 in Berlin.

Quelle: MEW (Marx-Engels Werke), Band 22, S. 49-51
