Wolfgang Neugebauer


WIENER PSYCHIATRIE UND NS-VERBRECHEN

(Referat im Rahmen der Arbeitstagung "Die Wiener Psychiatrie im 
20. Jahrhundert", Wien,

Institut fr Wissenschaft und Kunst, 20./21. Juni 1997 ,
Quelle: Dokumentationsarchiv des sterreichischen Widerstandes)


INHALT


1. rzte und "Rassenhygiene"

2. Zwangssterilisierung

3. Euthanasie

4. Euthanasie und Holocaust

5. Anstaltsmorde nach 1941

6. Kinder-Euthanasie

7. Humanexperimente und (pseudo)wissenschaftliche Forschung

8. Kinder-Euthanasie und "asoziale" Jugendliche



1. rzte und "Rassenhygiene"

Naturwissenschaftler, rzte und Psychiater haben einen 
originren und aktiven Beitrag zur Ausformung von Kernstcken 
der NS-Ideologie, nmlich Rassenlehren und Rassenhygiene 
geleistet. Im 19. Jahrhundert breiteten sich biologistische 
Ideen sowohl in den Geistes- und Naturwissenschaften als auch in 
der Politik aus. Die Sozialdarwinisten meinten, da die 
biologischen Prinzipien vom Kampf ums Dasein und von der 
natrlichen Auslese in der menschlichen Gesellschaft ebenso 
herrschen mten wie in der Natur. Auch in der Gesellschaft 
wrden nur die krftigsten und lebensfhigsten Individuen und 
Rassen im Kampf ums Dasein berleben, die Schwcheren 
unterliegen und zugrunde gehen. Verschiedene Theoretiker 
entwickelten Vorstellungen von der "Aufartung" des Volkes bzw. 
der Rasse durch aktive oder passive Auslese. Heute lcherlich 
anmutende Ansichten von der Hherwertigkeit einer nordischen, 
germanischen oder arischen Rasse wurden in zahlreichen pseudo- 
und populrwissenschaftlichen Publikationen und Zeitschriften 
verbreitet und verfehlten nicht ihre Wirkung. In der 1920 
erschienenen Schrift "Die Freigabe der Vernichtung 
lebensunwerten Lebens" des Juristen Karl Binding und des 
Psychiaters Alfred Hoche wurde erstmals die Ausmerzung der 
Geisteskranken angesprochen.

Die Erb- und Rassenkunde, die Rassenhygiene, etablierte sich als 
wissenschaftliches Fach; "rassenhygienische" berlegungen 
durchdrangen die Sozial- und Gesundheitspolitik und fhrten 
insbesondere in der Psychiatrie zur Entwicklung 
humanittsabgewandter Vernichtungsprogramme. Selbst 
fortschrittliche politische Krfte konnten sich der 
Attraktivitt eugenischer Manahmen nicht entziehen, wie z. B. 
die positive Haltung des ob seiner humanen Leistungen legendren 
sozialdemokratischen Stadrats fr das Wohlfahrtswesen der Stadt 
Wien Prof. Dr. Julius Tandler zur Sterilisierung bzw. 
Eliminierung von "minderwertigen" und "lebenunwerten" Leben 
zeigt. Auch in katholischen und besonders in protestantischen 
Kreisen wurde die rassenhygienische Sterilisierung propagiert. 
In der wissenschaftlichen Literatur wird zu Recht von einem 
"rassenhygienischen" Paradigma gesprochen. Die 
Nationalsozialisten haben in Anstzen und Umrissen schon 
vorhandene Konzepte fr die "Ausmerzung der Minderwertigen" 
radikalisiert und mit beispielloser Konsequenz in die 
Wirklichkeit umgesetzt.

Obwohl die Vorbereitung, Planung, Entschlubildung, Propaganda 
und zentrale Steuerung sowohl der Zwangssterilisierung als auch 
der Euthanasie von Berlin aus erfolgte - dort war der aus 
sterreich stammende Ordinarius fr Psychiatrie in Berlin Max de 
Crinis mitbeteiligt -, gab es auch in sterreich Protagonisten 
der "Rassenhygiene". Insbesondere die 1925 an der Universitt 
Wien gegrndete Wiener Gesellschaft fr Rassenpflege, deren 
erster Vorsitzender Univ. Prof. Dr. Otto Reche, Vorstand des 
Anthropologischen Instituts, war, entfaltete eine rege 
Schulungs- und Vortragsttigkeit. Nach der Annexion sterreichs 
im Mrz 1938 wurde die "Rassenhygiene" auf verschiedenen Ebenen 
institutionalisiert. An den Universitten Wien und Innsbruck 
wurden Lehrkanzeln fr "Erb- und Rassenpflege" geschaffen, und 
die Rassenhygiene wurde in die Medizinerausbildung integriert. 
Der kommissarische Dekan der medizinischen Fakultt und sptere 
Rektor der Universitt Wien Eduard Pernkopf hatte schon in 
seiner ersten Vorlesung am 6. April 1938 ein glhendes 
Bekenntnis zu den rassenhygienischen Theorien des 
Nationalsozialismus (und deren praktischen Konsequenzen) 
abgelegt.

Bemerkenswert erscheint mir, da der Ordinarius fr Psychiatrie 
an der Universitt Wien Prof. Dr. Otto Ptzl, obwohl 
Altparteigenosse seit 1930, nicht als besonderer Protagonist der 
Euthanasie in Erscheinung getreten ist. Viktor Frankl, der 1940- 
1942 die Neurologische Abteilung des Jdischen Spitals leitete, 
erzhlte mir in einem Interview, da ihm Ptzl immer wieder 
jdische Patienten berstellte und damit vor der Euthanasie 
bewahrte. Als radikale Verfechter der NS-Rassenhygiene und 
"ausmerzender" Manahmen bettigten sich damals die spteren 
Universittsprofessoren Walther Birkmayer und Konrad Lorenz. So 
referierte der damalige SS-Untersturmfhrer Dr. Birkmayer ber 
die "Vererbung von Nervenkrankheiten" auf einem SS- 
Schulungsabend 1938:
"Unserem Volk blieb es vorbehalten, ein Genie zu gebren, das 
instinktiv erkannte und forderte, da nur die Reinheit der Rasse 
und die erbbiologische Gesundheit das Volk vor dem Verfall 
retten kann. Und wir mssen als fanatische Jnger alles 
Krankhafte, Unreine und Verderbbringende aus unserem Volke 
ausrotten ...".



2. Zwangssterilisierung

Die erste verbrecherische Manahme, die die Nationalsozialisten 
nach ihrer Machtergreifung auf dem Gebiet der "Erb- und 
Rassenpflege" durchfhrten, war die zwangsweise, das heit 
staatlich angeordnete Sterilisierung (Unfruchtbarmachung) von 
"Erbkranken" durch das "Gesetz zur Verhtung erbkranken 
Nachwuchses" vom 14. Juni 1933, das mit Verordnung vom 
14.11.1939 ber 1.1.1940 in der Ostmark eingefhrt wurde. Die 
Sterilisierungsaktion nahm aber in sterreich nur mehr 
geringeres Ausma an, da zu diesem Zeitpunkt bereits die 
weitergehende Manahme der Euthanasie praktiziert wurde. Nach 
meinen Schtzungen bzw. Hochrechnungen fanden in sterreich etwa 
5000 bis 10.000 Zwangssterilisierungen statt, wobei eine 
Todesrate von etwa 1,2 % angenommen wird - im brigen eine 
weitere Kategorie von NS-Opfern, von denen bisher nie die Rede 
war.

Aufgrund des Gesetzes waren Amtsrzte und Anstaltsleiter zur 
Anzeige von sogenannten "Erbkranken" an 
"Erbgesundheitsgerichte", bestehend aus einem Richter und zwei 
rzten, verpflichtet, wo ein Pseudogerichtsverfahren abgewickelt 
wurde. Nach Angaben von Horst Seidler kamen beim 
Erbgesundheitsgericht Wien 20 % der Meldungen von der Wagner 
Jauregg Heil- und Pflegeanstalt, deren Namensgeber Univ. Prof. 
Dr. Julius Wagner-Jauregg, Nobelpreistrger fr Medizin, 
brigens am 21.4.1940, kurz nach Inkrafttreten des 
Zwangssterilisierungsgesetzes in sterreich und knapp vor seinem 
Tod, noch eigenhndig seine Aufnahme in die NSDAP beantragt 
hatte. Neben der Antragstellung und Richterttigkeit wirkten 
rzte und Psychiater in Erbgesundheitsgerichtsverfahren auch als 
Gutachter, wobei sich aufgrund der groen Zahl der Betroffenen 
betrchtliche Nebeneinkommen ergaben.

Obwohl das Gesetz zur Verhtung erbkranken Nachwuchses zutiefst 
vom NS-Gedankengut geprgt war und folgerichtig 1945 aus der 
sterreichischen Rechtsordnung eliminiert wurde, wurden die 
beteiligten rzte und Richter strafrechtlich nicht zur 
Verantwortung gezogen; vermutlich weil dieses NS-Verbrechen auf 
gesetzlicher Grundlage erfolgte und Sterilisierungen von 
Behinderten bis heute praktiziert werden.



3. Euthanasie

Die Zwangssterilisierung gengte den nationalsozialistischen 
"Rassenhygienikern" jedoch nicht, da sie, wenn berhaupt, erst 
nach vielen Generationen Resultate zeigen konnte; die NS-Medizin 
zielte auf die vllige Ausschaltung aller Psychopathen, 
Schwachsinnigen, Behinderten und anderer "Minderwertiger" ab. Es 
ist kein Zufall, da der Ausrottungsfeldzug gegen die 
Geisteskranken im Jahr des Kriegsausbruches 1939 begann, hatte 
doch Hitler bereits 1935 derartige Manahmen fr diesen Fall 
angekndigt. Damit sollte der in den Augen der 
Nationalsozialisten vor sich gehenden "negativen Auslese" durch 
den Krieg - Tod oder Verstmmelung der Gesunden, berleben der 
Kranken - entgegengewirkt werden.

Unmittelbarer Anla war die Notwendigkeit, Lazarettraum zu 
schaffen und Spitalspersonal freizustellen. Nach der 1942 
verfaten Hartheimer Statistik wurden insgesamt 93.521 Betten, 
zum Groteil fr militrische Zwecke, "freigemacht" und, 
berechnet fr einen 10-Jahres-Zeitraum, ber 885 Millionen RM 
(das sind etwa 35 Milliarden Schilling) an Kosten eingespart.

Grundlage fr diese erste Massenmordaktion des NS-Regimes 
bildete eine auf den 1. September 1939 rckdatierte 
"Ermchtigung" des Fhrers Adolf Hitler zur Gewhrung des 
"Gnadentodes" fr unheilbar Kranke, die keinerlei Gesetzeskraft 
oder Legalitt hatte. Im Rahmen dieser von der "Kanzlei des 
Fhrers" organisierten Ttungsaktion (nach der Adresse Berlin, 
Tiergartenstrae 4, "T4" genannt) wurde ein Groteil der 
PatientInnen der psychiatrischen Anstalten im Deutschen Reich in 
"Euthanasieanstalten", u. a. nach Hartheim bei Eferding, 
abtransportiert und dort mit Giftgas gettet. Die Angehrigen 
der Opfer wurden mit verflschten Briefen und Totenscheinen zu 
tuschen versucht. Vorher waren die Patienten von bezahlten 
"Gutachtern", etwa 40-50, davon zwei aus Wien, Dr. Erwin 
Jekelius und Dozent Dr. Hans Bertha, im Wege einer 
Fragebogenauswertung fr die Euthanasie ausgewhlt worden.

Aus der Heil- und Pflegeanstalt Wien-Steinhof, eine der grten 
Anstalten des Deutschen Reiches, wurden in den Jahren 1940/41 
zwischen 3200 und 4000 PatientInnen nach Hartheim deportiert. 
Weiters wurden 2282 Insassen der der Stadt Wien gehrenden 
Anstalt Ybbs an der Donau sowie 500-600 Patienten der damals auf 
dem Gebiet des Reichsgaues Wien liegenden Anstalt Gugging nach 
Hartheim berstellt. In die Euthanasie-Aktion waren auch 
Pfleglinge kleinerer Anstalten und - ber den Kreis der 
Geisteskranken weit hinaus - Insassen von Pflegeheimen und 
Altersheimen einbezogen. Allein im Versorgungsheim der Stadt 
Wien Lainz wurden 346 Fragebgen ausgewertet. Insgesamt sind in 
der Euthanasieanstalt Hartheim im Zuge der Aktion "T4" 1940/41 
18.269 Menschen, zum Groteil aus sterreich, ermordet worden, 
wobei die Ttungshandlung - das Aufdrehen des Gashahnes - 
rzten, den Psychiatern Dr. Rudolf Lonauer aus Linz und Dr. 
Georg Renno aus Straburg, vorbehalten blieb.

Von allen sterreichischen Anstalten sind die "T4"-Krankenmorde 
in Wien-Steinhof am schlechtesten dokumentiert, weil nach 1945 
kein Gerichtsverfahren gegen die Verantwortlichen zustande kam 
und eine Anstaltsgeschichte bislang fehlt; eine deutsche 
Dissertation ist noch nicht fertiggestellt. Das 
Gerichtsverfahren gegen den schwerkranken langjhrigen 
Anstaltsleiter Hofrat Dr. Alfred Mauczka, einen der wenigen 
Nichtnazis, wurde eingestellt; gegen den ab 1. 1. 1944 
vertretungsweise fungierenden Direktor Dozent Dr. Hans Bertha 
wurde lediglich ein mit skandalsem Freispruch endendes 
Verfahren wegen illegaler NSDAP-Ttigkeit durchgefhrt, so da 
der schwer belastete "T4"-Gutachter seine akademische Karriere 
fortsetzen und Ordinarius fr Psychiatrie an der Universitt 
Graz werden konnte.



4. Euthanasie und Holocaust

Die Aktion "T4" wurde, nicht zuletzt aufgrund der immer 
strkeren kirchlichen Proteste, auf Befehl Hitlers am 24. August 
1941 abgebrochen; die Euthanasiemorde kamen dadurch jedoch 
keineswegs vollstndig zum Erliegen. Die "Kinder-Euthanasie" 
wurde weitergefhrt, und in den Euthanasie-Anstalten wurden 
Hftlinge aus Konzentrationslagern im Zuge der Aktion "14f13" 
vergast. Als einzige Euthanasie-Anstalt blieb Hartheim, bis 
Dezember 1944, weiter in Betrieb, unter anderen wurden dort 
Hftlinge der KZ Dachau, Mauthausen und Gusen sowie 
geisteskranke Ostarbeiter vergast, die keine Leistung mehr 
erbringen konnten.

An dieser Stelle kann ich nur darauf verweisen, aber nicht 
ausfhren, da die Euthanasie in mehrfacher Hinsicht - 
ideologisch, psychologisch, organisatorisch und personell - eine 
wichtige Entwicklungsphase fr den 1941 beginnenden Holocaust an 
Juden und Roma war.



5. Anstaltsmorde nach 1941

In den einzelnen Anstalten wurde die Ermordung von 
Geisteskranken durch Verhungern, Vergiften u. . fortgesetzt; 
vielfach entsprang diese der Initiative von Gauleitungen, 
Anstaltsleitungen oder einzelnen rzten. Ob eine zentrale 
Anweisung fr diese ungeregelten Mordaktionen vorlag, ist nicht 
klar. Viktor Brack, einer der Hauptverantwortlichen fr die 
Euthanasie-Aktion in der "Kanzlei des Fhrers", prgte dafr die 
Bezeichnung "wilde Euthanasie". Untersuchungen fr die Anstalten 
in Klagenfurt und Wien/Steinhof haben ergeben, da seitens des 
Pflegepersonals zeitweise sogar mehr Patienten gettet wurden, 
als von oben angeordnet worden war. Der Gesichtspunkt der 
"Pflegeaufwendigkeit" war dabei von entscheidender Bedeutung: Je 
mehr ein Patient die Pfleger in Anspruch nahm, desto grer war 
seine Aussicht auf Todesbeschleunigung.

H. Rittmannsberger hat fr Niedernhart herausgearbeitet, da 
1942/43 zahlreiche Patienten aus kleineren Anstalten berstellt 
wurden, die innerhalb weniger Tage starben. Ebenso geschah dies 
in anderen groen Anstalten. Besonders gut dokumentiert ist das 
Schicksal der im August 1943 aus den Alsterdorfer Anstalten 
(Hamburg) nach Steinhof gebrachten 228 Frauen und Mdchen, von 
denen 201 - meist nach betrchtlichen Gewichtsverlusten durch 
Hungern - umkamen. Offenbar dienten diese Verlegungstransporte 
zur Verschleierung des raschen Sterbenlassens bzw. dessen 
Beschleunigung. Zu den in Hartheim ermordeten 15.000 bis 18.000 
sterreichern/innen kommen also einige weitere Tausend, die in 
den Anstalten selbst ums Lebens gebracht wurden. Das heit, da 
die Grenordnung der sterreichischen Euthanasieopfer bei 
mindestens 20.000 bis 25.000 liegt.



6. Kinder-Euthanasie

Die Nationalsozialisten begannen die zu Unrecht Euthanasie 
(griechisch: schner Tod) oder "Gnadentod" genannte Vernichtung 
des "lebensunwerten Lebens" mit geistig und krperlich 
behinderten Kindern. Zur Durchfhrung wurde nach Beratungen in 
der "Kanzlei des Fhrers" und in Zusammenarbeit mit dem 
Reichsrztefhrer Dr. Leonardo Conti im ersten Halbjahr 1939 
eine Organisation mit der Tarnbezeichnung "Reichsausschu zur 
wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer 
Leiden" geschaffen. Durch einen geheimen Runderla des 
Reichsinnenministeriums vom 18.8.1939 wurden alle Hebammen und 
rzte verpflichtet, in den Kliniken anfallende Migeburten 
(Idiotie, Mongolismus, Mikro- und Hydrozephalus, Mibildungen 
der Extremitten) sowie Kinder bis zu drei Jahren mit diesen 
Leiden den Gesundheitsmtern zu melden. Nach einer Pseudo- 
Begutachtung wurden die den Eltern durch Drohung oder Tuschung 
weggenommenen Kinder in eine der ca. 30 "Kinderfachabteilungen" 
eingeliefert, wo sie im Laufe einiger Wochen mittels Morphium- 
Hydrochloral, Luminal oder durch Nahrungsmittelentzug gettet 
wurden.

Die Geschichte der Kinder-Euthanasie in Wien ist nun durch eine 
sehr grndliche, mir allerdings nur fragmentarisch vorliegende 
Gttinger medizinhistorische Dissertation von Matthias Dahl 
aufgearbeitet. Die "Kinderfachabteilung" wurde auf dem Gelnde 
der Anstalt "Am Steinhof" (Adresse: 14., Baumgartner Hhe 1) am 
24. 7. 1940 als Wiener stdtische Jugendfrsorgeanstalt "Am 
Spiegelgrund" erffnet und wies damals 640 Betten auf. Als im 
Zuge einer Kompetenznderung im Magistrat im April 1942 die 
Jugendfrsorgeanstalten vom Gesundheitswesen zur Hauptabteilung 
fr Jugendwohlfahrt und Jugendpflege wanderten, wurden 7 
Pavillons der neuen Hauptabteilung "zur Fhrung eines 
Dauerheimes und einer Beobachtungsanstalt" (spter Wiener 
stdtisches Erziehungsheim "Am Spiegelgrund", 680 Betten 
berlassen, whrend zwei Pavillons, 15 und 17, mit 220 Betten 
als "Kinderfachabteilung" gefhrt wurden.
Bis Ende 1942 hie diese Einrichtung Heilpdagogische Klinik "Am 
Spiegelgrund", danach Wiener stdtische Nervenklinik fr 
Kinder. Die Klinik "Am Spiegelgrund" fungierte zwar als 
"Kinderfachabteilung" des "Reichsausschusses" in Berlin und ihre 
Leiter erhielten von dort ihren Spezialauftrag, administrativ 
unterstand sie aber dem "Hauptgesundheitsamt der 
Gemeindeverwaltung des Reichsgaues Wien". Diese kommunale 
Institution war fr die Durchfhrung der rassenhygienischen 
Manahmen des NS-Staates zustndig, wofr eine eigene Abteilung 
"Erb- und Rassenpflege" (mit einem Referat 3 "Ausmerzende 
Manahmen") geschaffen wurde. Als Hauptverantwortliche 
fungierten die aus Berlin kommenden rzte Prof. Dr. Max Gundel 
als Stadtrat und Dr. Hans Vellguth als Medizinaldirektor, beide 
langjhrige NSDAP-Mitglieder; ebenso waren die Leiter der 
Abteilung "Erb- und Rassenpflege" (bis Frhjahr 1941) Dr. Arend 
Lang, ein Ostfriese, und (danach) Dr. Richard Gnther, ein 
Sachse, bewhrte Parteigenossen (und SS-Angehrige) aus dem 
Altreich - eine Feststellung, mit der der sterreichische Anteil 
an diesen NS-Verbrechen keineswegs herabgespielt werden
Auch die Leiter der Kinderklinik, zuerst Dr. Erwin Jekelius, 
dann Dr. Ernst Illing, waren berzeugte Nationalsozialisten, die 
ihrer Aufgabe nicht gezwungenermaen oder mit schlechtem 
Gewissen nachkamen, sondern in der Euthanasie eine aus ihrer 
Weltanschauung resultierende Verpflichtung sahen. Der 1905 in 
Hermannstadt geborene Jekelius war seit 1933 NSDAP-Mitglied, 
gleichzeitig auch der Vaterlndischen Front, und erhielt 1936 
durch Intervention des Prsidenten des Evangelischen 
Oberkirchenrates bei Brgermeister Dr. Schmitz einen Posten als 
Amtsarzt der Stadt Wien. Da er an der Konferenz von etwa 30 
"Experten" ber das Euthanasie-Gesetz im Oktober 1940 und an 
zwei weiteren Sitzungen des "Reichsausschusses" im Mrz 1941, 
also am Hhepunkt der Euthanasie-Mordaktion, teilnahm, ist er 
zum engsten Kreis der Euthanasie-Verantwortlichen zu zhlen. In 
einer Auseinandersetzung mit Stadtrat Gundel und seinem Kollegen 
Dr. Hans Bertha zog Jekelius den krzeren, verlor mit seiner 
Einberufung 1942 seine Leiterstelle an Dr. Illing und wurde 
schlielich 1944 in das Altersheim Lainz versetzt. Nach seiner 
Flucht 1945 wurde er von der sowjetischen Besatzungsmacht 
verhaftet, weil er auch in Ruland Euthanasie-Handlungen 
durchgefhrt haben soll, und verstarb 1952 in einem Lager.

ber Vermittlung von Prof. Heinze vom "Reichsausschu" wurde der 
1904 in Leipzig geborene Ernst Illing, der zuvor in der 
"Kinderfachabteilung" der Landesanstalt Grden bei Brandenburg 
ttig gewesen war, zum Nachfolger von Jekelius bestellt. Der bis 
April 1945 ttige Illing war einer von zwei Euthanasierzten, 
die von sterreichischen Volksgerichten zum Tod verurteilt und 
hingerichtet wurden. [...]



7. Humanexperimente und (pseudo)wissenschaftliche Forschung

In der neueren einschlgigen Literatur zur Kinder-Euthanasie 
wird der Aspekt der (pseudo)wissenschaftlichen Forschung bzw. 
der Forschung bar jeder humaner Schranken strker hervorgekehrt. 
Ernst Klee hat die Rolle zweier fhrender Wissenschaftler 
beleuchtet, die "gemeinsam Karriere ber Leichen" machten: 
Professor Julius Hallervorden, noch 1982 als "Altmeister der 
deutschen und internationalen Neuropathologie" gefeiert, und 
Prof. Hans Heinze, "der im Dritten Reich zum fhrenden Kinder- 
und Jugendpsychiater aufsteigt". Gtz Aly etwa weist darauf hin, 
da die Begutachtung im Rahmen der Kinder-Euthanasie - im 
Vergleich zu "T4"-Begutachtungen - sorgfltiger erfolgte und 
kommt zur Auffassung, da die "Kinderaktion" "mehr als nur eine 
Facette der nationalsozialistischen Massenmorde" war und als 
"zukunftsweisende gesundheitspolitische Manahme des 
nationalsozialistischen Staates" gedacht war.

"Wissenschaftlichkeit, Forschungsehrgeiz und Reformeifer", meint 
er, "verbanden sich in der Institution 'Reichsausschu' zu einem 
brisanten Gemisch aus Fortschritt und Vernichtung".

Einzelne "Kinderfachabteilungen" hatten Forschungsabteilungen, 
wo klinische Versuche, diagnostische Experimente und anatomische 
Forschungen durchgefhrt wurden. Solche der rztlichen Ethik 
zutiefst widersprechenden Aktivitten drften auch an der Wiener 
Kinderklinik "Am Spiegelgrund" stattgefunden haben. Wie M. Dahl 
nachweist, hat es auch eine mrderische Kooperation mit der 
Universittskinderklinik bei Tbc-Impfversuchen gegeben. Im 
Illing-Proze haben die Sachverstndigen, die Professoren E. 
Stransky und Fritz Reuter, in ihrem Gutachten festgestellt, da 
in fast allen Krankengeschichten Encephalographien vermerkt 
sind - in mehreren Fllen wurde diese belastende und 
schmerzhafte Untersuchung trotz schlechten Gesundheitszustandes 
der Patienten und ohne medizinische Notwendigkeit vorgenommen. 
So starb das dreijhrige Kind Johann Wenzl am 18. 6. 1942, als 
es vom Arzt Dr. Heinrich Gross encephalographiert wurde - die 
Gutachter sprachen von einem "Migriff in der Prozedur".

Dr. Heinrich Gross, Jahrgang 1915, seit 1931 in der NS-Bewegung 
aktiv und ab 1940 am "Spiegelgrund" ttig, drfte zu jenen 
vornehmlich jngeren rzten gehrt haben, die ber den 
Ttungsauftrag hinaus die Situation zu "wissenschaftlichen" 
Zwecken ausntzten. Wie er in einem Interview 1979 selbst zugab, 
besorgte er sich mehrere hundert Gehirne von in der Kinderklinik 
bzw. in der Anstalt "Am Steinhof" verstorbener oder getteter 
Patienten, die er fr Hirnforschungen verwendete. Seine Kollegin 
Dr. Barbara Uiberrak, seit 1938 am Steinhof und als Prosektor 
fr den ganzen Komplex Steinhof zustndig, erklrte in ihrer 
Zeugenaussage im Illing-Verfahren am 8. 1. 1946: "Fast jeder der 
einzelnen Flle ist wissenschaftlich gesehen hoch interessant. 
Wir haben 'Am Steinhof' noch alle 700 Gehirne, in den meisten 
Fllen auch die Drsen mit innerer Sekretion fixiert, ausgebaut, 
so da sie jederzeit einer wissenschaftlichen pathologischen 
Untersuchung zugefhrt werden knnen. Ich glaube, da es lohnend 
wre, einige Flle aus jedem Jahr herauszugreifen."

Dieser Aufgabe widmete sich Gross gemeinsam mit Uiberrak, 
nachdem er der Verfolgung durch die sterreichische Justiz unter 
fragwrdigen Umstnden entgangen war. Gross baute seine 
wissenschaftliche Karriere auf den Hirnen jener Menschen auf, 
fr die er nie ein Wort des Bedauerns oder Mitgefhls gefunden 
hatte.



8. Kinder-Euthanasie und "asoziale" Jugendliche

Die Absichten und Planungen der fr die Gesundheits- und 
Sozialpolitik verantwortlichen NS-Funktionre in Staat, Partei 
und SS gingen weit ber "Erbkranke", Geisteskranke und 
Behinderte hinaus; von den verbrecherischen Manahmen waren alle 
den Normen des NS-Regimes nicht entsprechenden Menschen bedroht, 
insbesondere alle jene, die keine Leistung fr die 
"Volksgemeinschaft" erbrachten oder erbringen konnten, die vom 
konomischen Standpunkt als "unntze Esser" angesehen wurden. 
Bei der wissenschaftlichen Definition der Asozialitt, die als 
erblich hingestellt wurde, hatte sich der sterreicher Friedrich 
Stumpfl, spter Ordinarius fr Rassenhygiene an der Universitt 
Innsbruck, hervorgetan.

Schon 1939 war mit dem Aufbau gigantischer Karteien im Rahmen 
der "Erbbiologischen Bestandsaufnahme" begonnen worden, in die 
neben Geisteskranken und Behinderten alle Arten von "Asozialen", 
verwahrloste Kinder und Jugendliche, Alkoholiker u. dgl., 
einschlielich aller lebenden Vorfahren und Nachkommen 
("Sippschaft"), aufgenommen wurden. In der Wiener Zentralkartei, 
in der zeitweise 70 MitarbeiterInnen wirkten, waren bis 1943 
bereits 700.000 Personen erfat, womit die NSDAP-intern 
geschtzte Grenordnung von 500.000 "Asozialen" - ein Viertel 
der Bevlkerung von Gro-Wien - noch bertroffen wurde. Da 
diese Menschen als zuknftige Opfer nationalsozialistischer 
Rassenpolitik ins Auge gefat waren, liegt in der Logik des NS- 
Systems. Manche Forscher (G. Aly, K. H. Roth, K. Drner, D. 
Peukert) nehmen an, da eine Art "Endlsung der sozialen Frage", 
also eine Ausrottung der gesamten als "minderwertig" angesehenen 
Unterschichten der Gesellschaft geplant war.

In Wien-Steinhof wurde zustzlich zur Jugendfrsorgeanstalt bzw. 
zum Erziehungsheim "Am Spiegelgrund" im Pavillon 23 im November 
1941 eine unter der Leitung des seit 1931 der NSDAP angehrenden 
Arztes Dr. Alfred Hackel stehende "Stdtische Arbeitsanstalt 
Steinhof" eingerichtet, wo im Durchschnitt 100 "asoziale" 
Mdchen und Frauen, groteils um die 20 Jahre, unter 
lagerhnlichen Bedingungen untergebracht wurden. Den 
mrderischen Ausmerzungstendenzen wurde vor allem mit der 
Hinaufsetzung der Altersgrenze der Kinder-Euthanasie von drei 
auf 17 Jahre Rechnung getragen, wodurch auch die Einbeziehung 
von verwahrlosten und schwer erziehbaren Kindern ermglicht 
wurde. "In der Ttungspraxis des 'Reichsausschusses' spielten 
die Kriterien 'soziales Verhalten' und 'allgemeine 
Lebensbewhrung' von Anfang an eine entscheidende Rolle", 
resmiert G. Aly. Aus Schilderungen von Personen, die als Kinder 
oder Halbwchsige den Aufenthalt in der Jugendfrsorgeanstalt 
"Am Spiegelgrund" berlebten, wissen wir, auch bei kritischer 
Beurteilung dieser Quellen, da die Todesdrohung - ausgesprochen 
oder unausgesprochen - stndig im Raum stand.

Zum einen gab es eine permanente Unterversorgung mit 
Nahrungsmitteln, die zu einer hohen Mortalittsrate fhrte, zum 
anderen hing ber jedem Patienten das Damoklesschwert der 
"Euthanasierung" durch Vergiften oder Abspritzen, die offenbar 
auch als schrfste Strafe im Falle von Widersetzlichkeiten zur 
Anwendung kam. "Nachts schlich sich das Grauen ber Gnge und 
Rume. Meine Angst war unbeschreiblich", schreibt der ehemalige 
Zgling des Steinhofer Pavillons 18 Alois Kaufmann in seinen 
Erinnerungen. Ein anderer Insasse, Friedrich Zawrel, erinnert 
sich an seinen zweiten Aufenthalt im Pavillon 17 1943/44: "Als 
ich eines Tages bemerkte, da der eben geschilderte Knabe nicht 
mehr in seinem Bett lag, befragte ich die Schwester Sikora nach 
dem Verbleib des Knaben. Sie antwortete mir wrtlich 'durt hin 
wirst a bald kummen'.

... Fast tglich wurden nun offensichtlich die Leichen der 
euthanasierten Kinder, die in Zellstoff eingewickelt waren, wie 
Brotwecken in diesen Sarg gelegt und so geschlichtet, da der 
Sarg ordnungsgem gefllt war. Dann wurde er geschlossen und 
mit dem Zweiradler weggebracht. Ich beobachtete, wie 
Anstaltsangehrige diese in Zellstoff eingepackten Kinderleichen 
zu diesem Sarg hintrugen, meist unter dem Arm."

Von der Euthanasie waren also auch die in den Pavillons 17 und 
18 untergebrachten schwererziehbaren Kinder und Jugendlichen 
zumindest bedroht; ebenso waren die im Pavillon 23 inhaftierten 
Insassinnen der "Arbeitsanstalt fr asoziale Frauen" potentielle 
Opfer, wenngleich hier eher die Zwangssterilisierung zur 
Anwendung kam. Aus dem oben zitierten Gutachten des Instituts 
fr gerichtliche Medizin der Universitt Wien geht hervor, da 
bei den 17 untersuchten Krankengeschichten fnf Verstorbene 
zwischen 13 und 17 Jahre alt waren. (Quelle: 
Dokumentationsarchiv des sterreichischen Widerstandes)



Euthanasie im Nationalsozialismus

Jugendstiltheater.Wien.
