## Nachricht vom 24.12.96 weitergeleitet
## Ursprung : /CL/ANTIFA/ALLGEMEIN
## Ersteller: W.FRUTH@LINK-F.rhein-main.de

Nur eines darf man nicht zulassen: das Vergessen. Mit jedem Vergessen sterben die Gefolterten und Verbannten ein zweites Mal.
George Steiner


Wolfgang Langhoff (1901-1966), Schauspieler, Mitglied der KPD wurde im Maerz 1933, direkt nach dem Reichstagsbrand, verhaftet. 13 Monate verbrachte er im Gefaengnis, im KZ Lichtenburg und im KZ Boergermoor.  Nach seiner Freilassung floh er in die Schweiz, wo er bis 1945 blieb.  Sein Bericht "Die Moorsoldaten", dem der folgende Auszug entnommen ist, erschien erstmals 1935 in der Schweiz und gelangte illegal schon damals auch nach Deutschland.



D i e  " B V s "
Unter den neuen Gesetzen, die die nationale Regierung erlassen hat, befindet sich auch das Gesetz zur "Bekaempfung des Berufsverbrechertums".

Danach wird vom Richter auf Antrag der Polizei ueber einen mehrfach vorbestraften Verbecher die sogenannte Sicherheitsverwahrung verhaengt. wenn also ein Verbrecher eine bestimmte Reihe von Straftaten abgesessen hat und die Gefahr besteht, dass er wieder rueckfaellig wird, so kann er, zunaechst einmal fuer drei Jahre, in ein Konzentrationslager uebergefuehrt werden. Er braucht nicht erst erneut straffaellig zu sein, ja er kann sogar unter Umstaenden schon jahrelang keine Strafe mehr abgesessen haben, trotzdem hat die Polizei das Recht, diese Vorbeugungsmassnahme jederzeit zu ergreifen.  Einbrecher, Hochstapler, Totschlaeger, Moerder, aber ebenso auch Gewohnheitsdiebe fallen unter diesen Begriff "Berufsverbrecher".  Man mag zu diesen Vorbeugungsmassnahmen stehen wie man will - die nationale Regierung hat sich sehr viel darauf zugute getan -, hier soll nur geschildert werden wie diese "Berufsverbrecher" im neuen deutschen Sinne erzogen wurden.

Station 1 der Lichtenburg - der neue Zellenfluegel, in dem auch ich lag - wurde von den Schutzhaeftlingen geraeumt und fuer die Einlieferung der "Berufsverbrecher" frei gemacht. Ab Mitte Dezember kamen jeden Mittwoch, wenn der Kursgefaengniswagen durch Torgau fuhr, etwa acht bis zehn "Berufsverbrecher" an. Und jeden Mittwoch gab es denselben Empfang. 

Man muss sich das ungefaehr so vorstellen.  Ein solcher Mann, der nichtsahnend zu Hause sitzt, erhaelt ein Schreiben: Sie werden hiermit aufgefordert, sich am soundsovielten um soundso viel, zu melden.

Er steht vielleicht unter Polizeiaufsicht und ist ueber diese Aufforderung nicht besonders erstaunt. Er wird ja oft zur Polizei betellt. er ueberlegt sich vielleicht: 'Was koennen sie denn diesmal von mir wollen?'

Auf der Polizei eroeffnet man ihm, dass er in Sicherheitsverwahrung kommt. Er wird sofort dabehalten, es besteht keine Einspruchsmoeglichkeit. seine Frau darf ihm noch ein Paket oder ein Koefferchen miit der noetigen Leibwaesche bringen, und dann geht's mit dem naechsten Sammeltransport ab in die Lichtenburg.  Er hat keine Ahnung, was ihm bevorsteht. "Sicherheitsverwahrung", darunter kann er sich recht wenig vorstellen. Er ist vielleicht ein abgebruehter Junge, kennt das Gefaengnisleben aus jahrelanger Erfahrung in- und auswendig, ist dort bestimmt nicht mit Glacehandschuhen angefasst worden, aber er hat einigermassen als Mensch gelebt, hat die Schliche und Kniffe gelernt, die dem Gefangenen das Gefaengnisdasein erleichtern, hat gewussst, wofuer und warum er seine strafe verbuesst. So etwas aehnliches mag er auch jetzt erwarten. Oder vielleicht sogar noch etwas Besseres.  Sicherheitsverwahrung kann doch nicht so schlimm sein wie Strafhaft.  Er hat ja kein "Faktum" gemacht. Nun, er wird auf jeden Fall vorsichtig sein, schlau wie ein gerissener Fuchs, der alle Fallen kennt.

Von Torgau aus bringen ihn die Landgendarmen mit acht oder zehn anderen "Berufsverbrechern" nach der Lichtenburg. Sie stehen vor dem alten, eisernen Gittertor. der wachhabende SS-Mann kommt mit dem schweren Schluessel. Einer der Neueingelieferten versucht einen Witz zu machen, er will sich gleich gut einfuehren und ruft:
"Gruess Gott, Herr Wachtmeister! Machen sie auf, wir sind da."
Der SS-Mann grinst nur. er dreht den Schluessel im Schloss.  "Gruess Gott, ja, das ist das Richtige. Kommt mal rein. Gleich gibt's Gruess Gott."

Sie stehen auf dem Burghof und warten, bis der "Schwarze" [der Lagerkommandant/WF] herunterkommt. Wir Schutzhaeftlinge, die im Verwaltungsgebaeude und in der Bibliothek zu tun haben, schauen vom ersten Stock aus auf sie hinunter. Man darf nicht glauben, dass man die "Berufsverbrecher" von aussen erkennen kann. Das sind keine Ganoven mit Halstuch und Muetze. Sie sind im Gegenteil alle sehr gut gekleidet, haben schicke Maentel an, blank geputzte Schuhe, anstaendige und gutbuergerliche Huete auf dem Kopf und sehen wie "bessere Herren" aus. Neugierig streichen ein paar SS-Maenner um sie herum. Wir stehen an den Fenstern mit klopfendem Herzen und verbissenen Gesichtern. Wir wissen ja, was denen dort unten bevorsteht. Sie selbst wissen es nicht, sie sind ahnungslos ...  Jetzt kommt der "Schwarze" ueber den Hof.
Wir hoeren ein Kommando:
"Stillgestanden!"
Er mustert die Leute. Gruendlich und langsam.
"Wieviele Jahre haben Sie gehabt?"
"Die letzte Strafe zwei Jahre, drei Monate."
"Wie lange insgesamt?"
"Sieben Jahre zusammen."
"Wofuer?"
"Einbruch und Versicherungsbetrug."
Er fragt jeden einzelnen. Ganz ruhig, mit leiser Stimme. Seine Augen unter dem Muetzenschirm wandern unentwegt ueber die Gruppe.
Ploetzlich schreit er:
"Wollen Sie mal gefaelligst den Kopf gradaus nehmen! Was gibt's denn hier zu fluestern! Verrueckt geworden, was?! Abschaum!  Verbrecherpack! Diebesgesindel! Im neuen Deutschland ist kein Platz mehr fuer euch! Habt ihr geglaubt, dass Adolf Hitler ruhig zusieht, wie ihr das Volksganze verseucht und die Volksgenossen betruegt?!  Euch werden die Augen noch aufgehen! Ihr seid der letzte Dreck, den Frass nicht wert, den ihr hier bekommt! Unter der schwarzrotgoldenen Regierung, da hat euer Weizen geblueht! Das Lied ist aus! Mir ist das ganz egal, ob ihr hier verfault oder krepiert, aber heraus kommt keiner mehr von euch! Denkt bloss nicht, dass wir human sind! Wir pfeifen auf Humanitaet! Humanitaet ist das Merkmal der Schwachen!" Reden war seine starke Seite. Jetzt ist er im Fahrwasser. Das donnert nur so ueber den Hof. Die Berufsverbrecher starren ihn entsetzt an.  Wir kennen diese Mittwochrede. Fast immer dieselbe. Zum Abschluss heisst es: "Rechts um! Im Laufschritt, marsch, marsch!" Der Trupp setzt sich in Bewegung. Der Weg fuehrt zwischen Mauer und Kirche auf den kleinen hinteren Hof. In den Gaengen und unter den Torboegen hat sich die SS versteckt und stuerzt jetzt von hinten auf die ahnungslos Laufenden. Gummiknueppel sausen auf sie ein, Fusstritte und Faustschlaege. Ein SS-Mann springt einem Laufenden mit beiden Beinen ins Kreuz. Eine artistische Glanzleistung! Der Gefangene schlaegt der Laenge nach hin. Er wird hochgerissen, er blickt sich hilfesuchend um - er weiss nicht, was los ist -, er bleibt stehen, er soll laufen, zoegernd geht er ein paar Schritte, der SS-Mann pruegelt auf ihn ein. Er laeuft den anderen nach.  Wie eine Herde wahnsinniger Schafe jagen die entsetzten Neuankoemmlinge davon, geradewegs hinein in den engen Hof. Die SS mit Gebruell, Geschrei und wildem Pfeifen hinter ihnen her. Die wilde Menschenjagd ist los!

Die Hofmauer entlang, an der Latrine vorbei, galoppieren die Gefangenen im Kreis. In wahnsinnigem Tempo. Sie rasen wie Verruecktgewordene ueber den aufgeweichten Hofboden, durch Schlamm, Schnee und Wasserlachen. Ihre Kofffer, ihre Pakete fliegen in den Dreck. Sie stolpern, fallen. Pruegel helfen ihnen wieder auf die Beine. Sie strecken flehend die Arme aus. Sie heulen.  "Los, los, laufen ihr Hunde! Wollt ihr nicht laufen?!" Sie jagen im Kreis um ihr Leben. Ihre Lungen keuchen. Sie koennen nicht weiter. Der erste faellt und bleibt liegen. Fusstritte in den Ruecken nuetzen nichts mehr. Er ist erledigt ...  Hinter dem Fenster der Kantine stehe ich und blicke auf den Hof. Ich kann zwischen den Mauern nur einen Ausschnitt sehen. Runde um Runde tauchen die Gehetzten auf. Das Fenster ist geschlossen, ich hoere keinen Laerm, keine Rufe, keine Schreie, lautlos wickelt sich diese Hoellenvision vor mir ab, wie in einem grausigen Stummfilm. Ich sehe die geschwungenen Arme, die niedersausenden Gummiknueppel, schemenhaft stuerzen Menschen nieder, erheben sich wieder, kriechen auf allen vieren weiter, dann bleibt der Hof eine Weile leer, bis die Runde von neuem auftaucht, von Mal zu Mal langsamer, mit durchgesackten Knien, ueber den Kopf gekreuzten Armen.  In der blinkenden Wasserlache schwimmt ein Hut. Dicht daneben blaeht sich das Papier eines aufgeplatzten Paketes ... Traeume ich dieses Bild? Ist es denkbar, dass sich diese Szene im 20. Jahrhundert abspielt? Ich fuehle Stiche, das Herz schmerzt mich, die Fingernaegel graben sich in die Handballen. Nein, das traeumst du nicht! Das ist alles wahr, das sind Menschen dort unten wie du, aus Fleisch und Blut, die Geschlagenen und die Schlagenden. Menschen, Menschen sind das! Und dafuer haben Geschlechter gelebt und gedacht, Generationen die tiefsten Herzen, die hoechsten Gehirne erschaffen! Dafuer, dass wir wieder am Anfang stehen, am Beginn der Barbarei, als einzigen Unterschied nur die Verfeinerung, die groessere Raffiniertheit, die geschicktere Verlogenheit in den Methoden!  Zwanzig Minuten und laenger werden die Berufsverbrecher so gejagt, bis die meisten am Boden liegen. Dann wird die erste Pause gemacht.  Sie muessen ihre Pakete und Koffer auflesen. Sie werden in den Zellenfluegel gefuehrt.

Wer sie so aus dem Hinterhof wanken sieht und sie noch vor einer halben Stunde sauber im Vorderhof stehen sah, wird sie nicht wiedererkennen. Gebrochene Menschen torkeln in ihren Stall. Entsetzt, beschmutzt, halb wahnsinnig.

Zu viert werden sie in eine vollkommen leere Zelle gesperrt. Da ist weder Schemel noch Tisch noch Bett. Nichts, nur die vier Waende und der Steinboden. Erst nachts werden Strohsaecke hineingeworfen. Die Zellenfenster sind mit einer blauweissen Farbe angestrichen worden, so dass staendig ein unnatuerliches, blaeuliches Halbdunkel in der Zelle herrscht.

Sie sind noch nicht von der ersten Qual befreit. Es geht weiter. Kaum haben sie ihre Maentel ausgezogen, ertoent die Trillerpfeife durch den Fluegel. Sie werden wieder herausgetrieben. Es geht im Laufschritt ueber den grossen Hof zum Lazarettfluegel.  In der Barbierstube stehen unsere Haeftlinge, die ihnen den Kopf kahl scheren muessen. Jeden Mittwoch sind unsere Friseure zu nichts zu gebrauchen. Sie sind unruhig, nervoes und zittern schon vorher, ehe die "Berufsverbrecher" in die Stube gepruegelt werden. Unter Geschrei und in wahnsinniger Eile wird ihnen der Kopf geschoren. Die Maschinen sind nicht mehr scharf, ganze Stueckchen Haut gehen mit ab. Dann werden sie in den ersten Stock ins Lazarett getrieben.  Sie muessen sich nackt ausziehen, um gewogen zu werden. Die drei SS-Maenner fallen ueber jeden einzelnen noch einmal her.  Das Lazarett ist nur durch eine duenne Holzwand von der Kantine getrennt. Dort sitze ich und muss der SS Stenographie-Unterricht geben. Darum hat mich der Kommandant gebeten, weil seine "Jungens doch was lernen muessen"! Waehrend ich die Zeichen an die Tafel male, hoere ich nebenan dumpfe Schlaege auf nacktes Fleisch klatschen. Ich kann nicht weiterschreiben.

Die SS-Maenner heben die Koepfe, blinzeln sich an und beobachten mich.
Einer sitzt da und nickt mir mit tiefernsten Augen zu. Wir haben noch kein Wort miteinander gesprochen, aber wir verstehen uns. Der Gefangene, der nicht reden darf, spricht mit Augen, Koerper und Ausdruck, mehr als manch einer mit dem Mund. Wir sind spaeter Freunde geworden. Heute [1935/WF] ist er schon lange nicht mehr in der SS. Er hat es nicht ausgehalten.

Wenn die Pruefung im Lazarett beendet ist, ist der Tag der Berufsverbrecher noch lange nicht zu Ende. Jetzt wird ihnen erst in den Zellen die Gefaengnisornung bekannt gegeben. Dort geht alles auf Pfiff. einmal pfeifen, zweimal pfeifen, dreimal pfeifen heisst immer etwas anderes: Raustreten, vor der Zelle strammstehen, sich nach der Wand umdrehen, in die Wachstube kommen usw. Die SS-Maenner fragen sie ueber ihre Vorstrafen aus. Mancher ist darunter, der seit Jahren keine Strafe mehr erhalten hat, dem es gerade geglueckt war, im buergerlichen Leben wieder Fuss zu fassen. Sie muessen genau ihre Straftaten schildern. Die SS-Maenner hoeren sie sich begierig, wie Kriminalromane, an. Dabei wird auf der Wachstube weitergepruegelt.  Das war Mittwoch fuer Mittwoch der Empfang der BVs!  Was diese Menschen dann im Verlauf ihrer Haft auszuhalten hatten, laesst sich nicht beschreiben. Vier Mann sind buchstaeblich zu Tode gepruegelt worden. Unsere Kameraden in der Schreinerei mussten die Holzkisten anfertigen, in denen die Leichen abtransportiert wurden.  Der Arzt, der in SS-Uniform und mit seinem eigenen Mercedeswagen ungefaehr zweimal in der Woche kam, stellte Totenscheine aus, in denen es sich um Herzschlage, Gehirnschlaege oder andere mit natuerlichem Tod endende Krankheiten hatte.  Im Anfang durften die BVs - so war ihr abgekuerzter Name fuer Berufsverbrecher - auch nicht arbeiten. sie hockten in der dunklen Zelle. Nur zum Exerzieren wurden sie herausgeholt. strammstehen, ausrichten, in Viererreihen rechts schwenkt, links schwenkt, Kniebeuge, Laufschritt. Bald waren es zweihundert Mann, die in alten, blauen Uniformen im Hof gedrillt wurden. Zweihundert kahl geschorene Koepfe, zweihundert bleiche Gesichter, zweihundert Maschinen mit Beinen und Armen, die sie im Takt schwingen, rechts, links, rechts, links ... Eine Latrinenkolonne musste die schweren Kaesten, die unter den Brillen des Aborts standen, im Laufschritt ueber den Hof zur Dunggrube bringen. So ein Kasten war anderthalb Zentner schwer.  Die BVs erhielten keine Pakete, keine Post, sie hatten keine Raucherlaubnis, durften nicht miteinander sprechen, voelliges Redeverbot.

Von Zeit zu Zeit sah ich die Zerschlagenen im Lazarett. Ein grauenhafter Anblick. Ich blickte durch den Spion der Zellentuer. Da lagen drei Mann in den Betten. Blaue, aufgeschwollene Gesichter. Der eine hatte einen Tick. Er schaute unentwegt an den Waenden hinauf, von einer Wand zur andern. Die Augen ausdruckslos und stumpf.  Stundenlang bewegte er den Kopf, hin und her, immer in der gleichen Richtung.

Einer hatte einen Selbstmordversuch gemacht. Er wurde noch rechtzeitig abgebunden. Ich war gerade im Zimmer des Kommandanten, als er am Vormittag die telefonische Meldung aus der Station 1 erhielt.

"So, er lebt noch, was? Also, Fettke (so hiess der Stationsleiter), "passen Sie auf: In Zukunft muss in der Nacht jede Viertelstunde kontrolliert werden. - Was? - Ja, das ist ganz egal, die Zellen muessen eben aufgeschlossen werden. so etwas darf nicht noch einmal vorkommen."

Seit der Zeit hatten die BVs auch keine Nachtruhe mehr. Alle Viertelstunde rasselte die Tuer, blendete ein Scheinwerfer herein.  Man braucht Gefangene nicht immer zu schlagen. Es gibt auch andere, kalte Methoden, mit denen sie erledigt werden koennen. Eines Nachmittags stand ich am Kantinenfenster und sah in den Hof hinunter, wo die BVs Laufschritt machen mussten. Ein einziger SS-Mann stand in der Mitte und gab die Kommandos. Seelenruhig und verschlafen. Ein kleiner, dicker Gefangener kam nicht mehr mit. Ich beobachtete, wie er sich bei jeder Runde flehend an den SS-Mann wandte. Der machte nur eine Kopfbewegung, eine laessige Handbewegung: er musste weiterlaufen.

In der Kantine war es leer. Ausser mir war noch die Frau des Kantiniers, Frau Wolf, da. Sie stand neben mir und sah auch hinunter.  Frau Wolf war Berlinerin, fuenfundvierzig bis fuenfzig Jahre alt.
"Ach Gott, ach Gott, nee, nee! Sehense nur mal an, Herr Langhoff!  Nee, nee, das kann ja 'n Mensch nicht mit ansehn!" Sie hielt sich den Zipfel ihrer Schuerze vor den Mund und starrte wie hypnotisiert auf das Schauspiel.
"Wenn Sie's nicht ansehen koennen, warum schauen Sie hin?" "Is ja wahr, is ja wahr! Gott, Sie haben ja recht. Das sagt ja mein Mann auch! Wissense, ich rege mich ja immer so furchtbar darueber auf! Sie koennen's glauben oder nicht: ich kann nachts schon fast nicht mehr schlafen! Und was sich die Leute in Prettin ueber den Kommandanten erzaehlen! Na, die wissen alles, was hier drin vorgeht!  Sie glauben nicht, wie verhasst die SS bei uns in Prettin ist. Jetzt haben se doch wieder eenen totgeschlagen? Was? Nee, nee, das nimmt noch mal een schlimmes Ende! Mein Mann sagt immer: Det will der Fuehrer gar nicht!"
Ich lasse sie reden. Das geht wie ein Wasserfall.  "Und zahlen tut die SS auch nicht! Immer anschreiben, was glaubense, was wir schon alles im Buch haben! Ich wollt, wir haetten erst die Haelfte in bar. Der 'Schwarze' hat 'ne Wut auf uns, das sag ich Ihnen ganz im Vertrauen. Der denkt naemlich, hier muesste alles nach seiner Pfeife tanzen! Der hat ja 'nen Klaps, ist ja groessenwahnsinnig, der Mensch! Stimmt's oder stimmt's nicht? - Nee, nu schauense nur mal, schauense mal runter! Is das nich ne Gemeinheit! Der kleine Dicke, der kann ja nich mehr laufen."
Sie blickt unverwandt hinunter in den Hof. So haben frueher Frauen auf den Scheiterhaufen oder auf die oeffentliche Hinrichtung geblickt.

Der dort unten wurde inzwischen von zwei anderen BVs untergefasst und im Laufschritt weitergeschleppt. Er lief schon kaum mehr. Seine Beine pendelten hinter ihm her. Wie Gummistrippen. Die beiden Kameraden schleiften ihn, hopp, hopp, ueber den Platz. Runde um Runde. Kamen sie zum SS-Mann, mit Blicken wie furchtsame Hunde, die ihre Beute ablegen wollen - eine ungeduldige, kurze Bewegung: weiter, weiter!  Kein Schlag, keine Misshandlung, es geht auch so.  Der arme Gejagte kam ins Lazarett. Waehrend des Laufens war sein doppelseitiger Leistenbruch herausgetreten.  So haben die Nationalsozialisten in der Lichtenburg die Berufsverbrecher "erzogen".

Jede Gesellschaft muss sich vor asozialen Elementen schuetzen. Das wird kein Mensch bestreiten. Man kann es tun, indem man die Wurzel des Uebels beseitigt, naemlich die Verhaeltnisse, die mit Naturnotwendigkeit immer wieder verbrecherische Elemente zuechten, oder indem man diese Gesellschaftskrankheit als Chirurg durch Ausmerzung, Absperrung und Isolierung zu heilen versucht.  Ich aber bin ueberzeugt: Jeder einzelne dieser Menschen, die das durchmachen mussten, was ihnen auf der Lichtenburg angetan wurde, ist eine Bestie geworden! Und wehe dem SS-Mann oder vielmehr wehe der Menschheit, an der sich diese Maenner einmal raechen werden.


S t i l l e   N a c h t,   h e i l i g e   N a c h t  . . . 

Im Zellenfluegel der Station 1 wird der Weihnachtsbaum gerichtet. Ein grosser, schoener Baum. Er reicht von unten bis zur eisernen Galerie des ersten Stockes. Seine Aeste erfuellen die ganze Breite des Flures.
Wir sind damit beschaeftigt, die Lichter aufzustecken. Der Dekorateur aus meiner Zelle fuehrt als Fachmann das grosse Wort. Sonst ist es ziemlich einsilbig unter uns ...

Heute frueh sind 250 Mann entlassen worden. Weihnachtsentlassungen.  Sie wohnen fast alle in der Umgebung, zwei oder drei Stunden Bahnfahrt von hier. Heute abend sitzen sie zu Hause, haben die Frau im Arm, das Kind auf dem Schoss ... Wie haben ihre Gesichter geglueht, die Augen geleuchtet. Wir Zurueckgebliebenen blickten ihnen nach, als sie ueber die Strasse zum Bahnhof zogen. An der Ecke begannen sie ploetzlich zu laufen.
"Schau nur, wie der Fritz die Kurve nimmt ..."
"Junge, Junge, hat der's eilig."
"Wenn ich herauskomme, ich laufe auch so." -

Dann waren sie verschwunden. Wir sind an die Arbeit gegangen. stumm.  Versonnen. 'Du hast dir doch denken koennen, dass du nicht dabei bist. Was willst du also? - Aber der war doch dabei, und der, und der auch! Warum eigentlich nicht ich? warum nicht? - Meine Frau haette Augen gemacht, wenn ich ploetzlich in der Tuer gestanden waere!  "Guten Tag. gibt's hier noch einen Platz fuer mich?" - Nein, das darf ich nicht sagen. Sie wuerde zu sehr erschrecken. Ich muss vorher vom Bahnhof aus antelefonieren. Oder noch besser, ich schicke ein Telegramm. Ja, das ist das beste. Dann kann sie sich vorbereiten. Ich bin neugierig, wie das Zimmer aussieht. Sie sagt, es sei so klein wie eine Zelle. [1] Schadet nichts. Eine Zelle - aber zu zweit. Und dann kommt der Abend, dann kommt die Nacht. Wenn sie doch nie aufhoerte ... Ich werde ihr sagen, dass wir uns nie mehr trennen wollen, dass wir ...'

"Wir muessen eine Liste machen von denen, die nichts von zu Hause geschickt bekommen haben."
"Gut. - Machen wir eine Liste."
Unter den Entlassenen waren viele, die schon ihre Weihnachtspakete erhalten hatten. Sie haben sie dagelassen zur gemeinsamen Verteilung an Beduerftige. Letzter Gruss an die Kameraden. eine Kommission von Haeftlingen wird bestimmt, die die Verteilung vornimmt. Wir koennen in unserer Station fuenfzig Weihnachtsteller machen mit Backwerk, Wurst, Fett, Aepfeln, Nuessen, Zigarren und Zigaretten. Wir nehmen unsere Essnaepfe dafuer und stellen sie auf langen Tischen, ueber die wir frische Bettlaken breiten, unter dem Baume auf.  Beim Notieren der Namen derer, die beschert werden sollen, ergeben sich Schwierigkeiten. Mancher, von dem wir wissen, dass er ein armer Teufel ist, weigert sich, auf die Liste gesetzt zu werden. Mit rotem Kopf stoesst er unwirsch hervor:
"Ich will nichts. Lasst mich zufrieden. Verzichte." Erst nach langem Ueberreden, nachdem wir sein empfindsames Herz beschwichtigt haben, willigt er ein. Kameraden kommen zu uns:
"Den muesst ihr auch noch draufsetzen. der hat noch nie etwas geschickt bekommen. Er will's nur nicht sagen." Dann ist die Liste fertig. wir verbringen die stunden der Daemmerung auf der Treppe hockend. In den Zellen haben wir kein Licht. Die Stationswache im ersten Stock hatte sich einen Radioapparat zugelegt.  Weihnachtslieder, Glockenlaeuten, Orgelspiel toent aus der Wachstube.  So ein Zellenfluegel ist wie eine Badeanstalt. unten der Flur das Schwimmbasin. Eiserne Treppen zu den Galerien. Und es halt alles so.  In leisen Gespraechen verfliesst die Zeit. dann wird der Baum angezuendet. Vom oberen Saal kommen die Gefangenen in den Zellenfluegel. Sie gehen langsam, zoegernd, abwartend. Sie blicken misstrauisch auf den Baum hinunter. Sie kommen ueber die Treppe, ueber den Flur, sie setzen sich auf die Stuehle und Baenke, die wir in langen Reihen aufgestellt haben.

Stille. Der Baum knistert, die Kerzen flackern. Verlegen, beklommen starren wir in die Lichter. Oben auf der Bruecke beugt sich der Wachhabende ueber das Gelaender: "Los, fangt schon an! Weihnachtslied singen!"
"Stille Nacht, heilige Nacht ..."
Nur drei oder vier Stimmen. Die anderen starren auf den Baum. - Bittere Stunde des nagenden Heimwehs. erbarmungslos ausgeliefert dem suessen Schmerz solcher Feier. Verschwimmende Augen, in denen sich die Lichter spiegeln, gebeugte Schultern, hoffnungslos auf den Knien ruhende Haende ...
Ich lese aus dem Balladenbuch vor. die "Bruecke am Tay" von Fontane. 
"Kauft Zuendhoelzer!" - "Weihnachten in der Grosstadt." Der Rest unseres Gesangschors (die besten Saenger sind heute entlassen) singt:
"Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum ..." Die Geschenke werden verteilt. Jeder holt seinen Teller ab. "Danke", sagt er, "dank schoen ..."
Es will keine Stimmung aufkommen. Alles bleibt in der Luft haengen. 
Halbe Saetze, gefluesterte Worte, unbehagliche Bewegungen.
Laut donnert es durch den Bau:
"Station 1 Achtung!"
Wir springen hoch und nehmen Haltung an. Der Kommandant betritt die Station.
"Station 1 angetreten zur Weihnachtsfeier."
"Danke. Hinsetzen. Weitermachen."
Er kommt durch den Flur, zwischen den Stuehlen durch, bis zum Baum.  Sein Gesicht sieht noch blasser aus als sonst. Seine gefuerchteten Augen stechen unter der schwarzen Muetze hervor. Er tritt vor den Baum. Er nimmt die Muetze ab. Ohne die Muetze sieht er ganz anders aus. Die Daemonie ist verschwunden. Der Dorfpolizist kommt zum Vorschein. 
Er, der Eiserne, Harte, ist sichtlich ergriffen. Leise beginnt er, in saechsischem Tonfall:
"Deutscher Lichterbaum! - Deutsche Weihnachten! ..." Oh, er versteht den Ton zu finden! Er spricht mit Gefuehl. Sein verbissenes Gefuehl glaettet sich, Einfalt strahlt aus seinen Augen.  Ein Kind steht so unter dem Weihnachtsbaum.  "Ich blicke in eure ehrlichen Gesichter" (seit wann haben wir ehrliche Gesichter?) "und sehe euch an: Ihr seid keine schlechten Menschen, keine Untermenschen. Und wenn auch dieses Weihnachten hart fuer euch ist, auch fuer euch schlaegt einmal die Stunde der Freiheit! Helft dann mit am Aufbau unseres grossen, neuen deutschen Vaterlandes. Leistet willige Gefolgschaft unserem herrlichen Volkskanzler und Fuehrer Adolf Hitler, der auch fuer euer Glueck, fuer eure Zukunft kaempft und der jetzt sicher sorgenvoll unter dem Lichterbaum steht und an sein Volk denkt. Deutsch sei unsere Feier!  Deutsch bis ins Mark! Deutsch sein heisst Nationalsozialist sein. in diesem Sinne begehen wir das erste nationalsozialistische Weihnachtsfest."
Er setzt die Muetze auf, er ist wieder der alte - der "Schwarze".
"Weitermachen!"
"Station 1 Achtung!"
Er verlaesst die Station. Wir atmen auf.

Und dann habe ich angefangen, humoristische Gedichte vorzutragen. Ich habe stundenlang Witze erzaehlt. Bloss nicht den Kopf haengen lassen.  Stimmung ist die Parole. Schliesslich droehnt der Bau vom Gelaechter.
"Singen wir eins!"
Alle Mann singen begeistert nach einem Tonfilmschlager:
"Wir zahlen keine Miete mehr
Wir sind auf der 'Lichte' zu Haus.
Und ist die Zelle noch so klein,
Wir machen uns gar nichts daraus.
Ein Meter fuenfzig im Quadrat,
Wir haben ja wenig Gepaeck,
Wenn die Zelle nur 'nen Strohsack hat,
Und wir werden halbwegs satt,
Dann ziehn wir nicht wieder weg!"

Am anderen Vormittag, am Weihnachtsfeiertag, wird ein Kamerad aus Station 3 zum Verhoer in das Zimmer des Kommanddanten geholt. Man hat irgendwo in Mitteldeutschland Waffen gefunden. Er soll etwas darueber wissen. Der Kommandant leitet das Verhoer.  Nach zwei Stunden wird der Kamerad ins Lazarett getragen. Die Waende im Zimmer des Kommandanten sind mit seinem Blut bespritzt. Man sieht es noch nach den Feiertagen.


"H e i l   Hi t l e r !"

Dies ist die Geschichte eines Mannes, der nicht "Heil Hitler!" sagen wollte. Er gehoerte einer religioesen Sekte an, der Gemeinde der "Ernsten Bibelforscher". Ihm hatte es Gott verboten, den Hitlergruss zu gruessen. Der Name dieses Mannes war Frank oder Franke. Von Beruf war er eine Art Ingenieur.

Und weil ihm Gott verboten hatte, Hitler zu ehren, vermochte keine irdische Macht, ihn dazu zu bewegen. Denn die Ernsten Bibelforscher waren Fanatiker und ihren inneren Geboten treu. Sie sagten es jedem, der es hoeren und nicht hoeren wollte: "Hitler hat sein Reich auf Blut gebaut." Und da sie zu den Vierzigtausend gehoerten, die nach der neuen Sintflut in das Paradies auf Erden eingehen, war es ihnen leicht, Schmerzen und Entbehrungen und die Armut ihres irdischen Daseins zu ertragen.

So kam er in die Lichtenburg und wurde unser Kamerad. er redete nicht viel, er blickte jeden freundlich an. Er trug spaerliches, leicht gewelltes, blondes Haar ueber einer glatten Stirn, hatte grosse, blaue Augen, rosige Backen, einen fraulichen Mund und ein ein wenig zu kleines Kinn. Er mochte vierzig Jahre alt sein. Er fegte unermuedlich die Zelle und den Flur, holte Wasser und machte sich jedem nuetzlich.

Aber er erhob den Arm nicht zum Gruss. Er sagte nicht: "Heil Hitler."
Das erstemal, als es der Posten bemerkte, rief er ihn zurueck.
"Warum hast du nicht gegruesst?"
"Weil Gott es mir verboten hat."
Der Posten glaubte nicht recht zu hoeren. Er glotzte ihn verstaendnislos an.
"Willst du mich verhoehnen?"
"Nein."
"Von welcher Station bist du?"
"Von der Station 3."
Am Abend wurde er geholt. Dunkelarrest. Eine Woche. Er kam wieder.
Mit blutunterlaufenen Augen.
"Sei vernuenftig", sagten ihm die Kameraden. "Was liegt schon an dem bisschen 'Heil Hitler'! Mach's so wie wir. Wir tun doch auch nur so." Er schuettelte den Kopf. Am naechsten Tag fiel er wieder auf. Er kam in den Dunkelarrest. Vierzehn Tage.
Wir erkannten ihn nicht mehr, als er zurueckkam.
Aber er erhob den Arm nicht zum Gruss.

Jetzt nahm sich der dicke Zimmermann vor, ihm den Gruss beizubringen. 
Mit fuenf SS-Maennern fuehrten sie ihn auf den kleinen Hof.
"Arm hoch! Arm hoch! Arm hoch!"
Der Kommandant sah zu.
"Arm hoch!"
Krach, fallen sie ueber ihn her. Er stuerzt in die vereisten Pfuetzen.
"Arm hoch! Heil Hitler! Heil Hitler! Wird's bald?!" Das geht so lange, bis er bewusstlos liegenbleibt. Sein Blut gefriert auf dem harten Boden.
Wir beschwoeren ihn. Es hilft nichts. Sein Gesicht wird starr, es bekommt einen kindlich eigensinnigen Zug. Er gruesst nicht. Wir sind verzweifelt.
Jetzt wird er von uns abgesondert. In die Zellen der Berufsverbrecher gelegt. Er bekommt ihre Kleidung an. Jeden Tag schleppt er im Laufschritt die Abortkuebel. Seine Haende sind blutig vom Tragen. Er wechselt zwischen Arrest, Schlaegen und Abortreinigung.
Wir nicken ihm zu, wenn wir ihn sehen. Wir fluestern ihm zu. Wir strecken den Arm aus und machen ihm den Gruss vor.  Die SS schliesst Wetten ab.
"Wird er gruessen oder nicht?"

Nach vielen Wochen kommt er wieder auf die Station. Er haelt sich an der Wand fest.
Schon im Flur begegnet ihm ein SS-Mann. Sein rechter Arm erhebt sich ungeschickt. Die blutverkrustete Hand streckt sich. Er fluestert:
"Heil Hitler!"


Anmerkung:
[1] Die Verhaftung Langhoffs bedeutete fuer seine Frau den Verlust jedes Einkommens. Deshalb musste sie die gemeinsame Wohnung aufgeben und in jene erwaehnte "Zelle" ziehen.

