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Matthias Bauer schrieb am 12.04.10: > > Entweder gerecht oder gar nicht > > Kopenhagen hat endgültig gezeigt: Nachhaltigkeit lässt sich nicht verordnen > > Selten haben die Ergebnisse einer internationalen Konferenz für eine so > tiefe und breite Enttäuschung gesorgt: Die schwedische > EU-Ratspräsidentschaft sprach von der "Katastrophe von Kopenhagen"; die > Nichtregierungsorganisation Attac von einer "reinen Farce"; der Kieler > Klimaexperte Mojib Latif von "Sterbehilfe für das Weltklima". Das Scheitern > des Kopenhagener Weltklimagipfels im Dezember 2009 war aber keine echte > Überraschung, sondern nur das letzte gebrochene Versprechen der > internationalen Entwicklungspolitik - das letzte einer langen Reihe. > > Die Schere zwischen den deklarierten Zielen der Nachhaltigkeit und den > realen Ergebnissen geht immer weiter auseinander. Diese Tatsache steht im > erstaunlichen Widerspruch zu der breiten Zustimmung, die das Leitbild > "Nachhaltigkeit" seit Jahren genießt: "Von der Weltbank bis zur Gesellschaft > für technische Zusammenarbeit, von der UNO bis zur EU, von den > Entwicklungsagenturen bis zu den führenden Unternehmen, von Parteien und > Verbänden bis zur ,Ökogruppe' vor Ort, von den Nichtregierungsorganisationen > und den Grünen bis zur Internationalismus- und Umweltbewegung ist > Sustainable Development der ,größte Renner'."(1) Wird zu viel über > Nachhaltigkeit geredet und zu wenig nachhaltig gehandelt? > > Der Widerspruch liegt leider nicht nur zwischen Reden und Handeln. Die > Nachhaltigkeitsdebatte selbst ist bisher widersprüchlich und mehrdeutig > gewesen. > > Was "nachhaltig" heißt, ist oft das Gegenteil > > Für die Kritiker war der zusammengesetzte Begriff "nachhaltige Entwicklung" > (sustainable development) ein letzter Rettungsversuch der internationalen > Entwicklungspolitik, die seit Ende der 1960er Jahre durch die Vertreter der > sogenannten Dependencia-Theorien in Lateinamerika und auch durch die > Umweltbewegung immer mehr kritisiert worden war. > > Mit dem 1987 veröffentlichten "Brundtland-Bericht" der Weltkommission für > Umwelt und Entwicklung gelang es einerseits, den Entwicklungsbegriff durch > die Verbindung mit dem Begriff der Nachhaltigkeit aufzuwerten. Andererseits > belastete der Bericht den Nachhaltigkeitsdiskurs dauerhaft, indem er > Kernelemente und Widersprüchlichkeiten der vorherigen Entwicklungspolitik > fortschrieb. Vor allem der auf wirtschaftliches Wachstum reduzierte > Entwicklungsbegriff wurde nicht in Frage gestellt. Unter dem Markenzeichen > "nachhaltige Entwicklung" sollten Auswege aus der sozialen und ökologischen > Krise gesucht werden, hauptsächlich durch die Behebung der bisherigen > "Fehler" von Entwicklung. Das sollte aber keineswegs einen Abschied vom > bisherigen nicht-nachhaltigen Produktions- und Gesellschaftsmodell bedeuten. > Dieses sollte vielmehr korrigiert werden, damit es fortgesetzt werden > konnte. > > Bis heute ist dies die Haltung der "Mainstream-Interpretation" von > Nachhaltigkeit. So wie die Entwicklungspolitik der Nachkriegszeit > gesellschaftliche Entwicklung mit wissenschaftlich-technischem Fortschritt > und Wirtschaftswachstum gleichsetzte, bekennen sich heute die meisten > Vertreter von Politik und Wirtschaft zu Nachhaltigkeit in Form von > "nachhaltigem Wachstum". Bei der schwarz-gelben Bundesregierung hieß es im > Dezember 2009: "Es geht nicht um Wachstum um des Wachstums willen, sondern > um nachhaltiges Wachstum (...) Ein Wachstum, mit dem man an das Morgen und > die nächste Generation denkt sowie unsere Lebensumwelt im Blick hat (...) > Deshalb hat die neue Bundesregierung als eine ihrer ersten Maßnahmen das > Wachstumsbeschleunigungsgesetz beschlossen." > > Der Begriff "nachhaltiges Wachstum" stellt keine verzerrte Interpretation > der ursprünglichen Idee von Nachhaltigkeit dar, sondern steht mit dieser in > vollem Einklang. Der Brundtland-Bericht betrachtet Wirtschaftswachstum > ausdrücklich als eine notwendige Strategie der nachhaltigen Entwicklung. > Dafür war die Brundtland-Kommission sogar bereit, die biophysischen "Grenzen > des Wachstums" zu relativieren: "Es sind vielmehr lediglich technologische > und gesellschaftliche Grenzen, die uns durch die Endlichkeit der Ressourcen > und die begrenzte Fähigkeit der Biosphäre zum Verkraften menschlicher > Einflussnahme gezogen sind. Technologische und gesellschaftliche > Entwicklungen aber sind beherrschbar und können auf einen Stand gebracht > werden, der eine neue Ära wirtschaftlichen Wachstums ermöglicht."(2) > > Die Agenda 21, das 1992 in Rio de Janeiro beschlossene Aktionsprogramm für > nachhaltige Entwicklung, sieht Umweltschutz als Voraussetzung für ein > dauerhaftes Wirtschaftswachstum, denn "eine intakte Umwelt liefert die > erforderlichen ökologischen und sonstigen Ressourcen zur Aufrechterhaltung > des Wachstumsprozesses und zur kontinuierlichen Expansion des Handels."(3) > Für die Agenda 21 ist eine Liberalisierung des Welthandels eine wichtige > Strategie, "um die gesetzten Umwelt- und Entwicklungsziele auch tatsächlich > verwirklichen zu können."(2) > > Die These der Unverzichtbarkeit von Wirtschaftswachstum, die sowohl im > Brundtland-Bericht als auch in der Agenda 21 vertreten wird, hat viel zur > breiten Akzeptanz der Nachhaltigkeit in Wirtschaftskreisen beigetragen.(1) > Schon 1994 hatten 1.840 Unternehmen die "Charta für eine langfristig > tragfähige Entwicklung" der Internationalen Handelskammer ICC > unterschrieben, darunter BASF, Bayer, BMW, Daimler-Benz, RWE, Siemens, > Nestlé, Sandoz und Shell. In der Charta stand: "Wirtschaftliches Wachstum > schafft die Voraussetzungen für die bestmöglichste Verwirklichung von > Umweltschutz." > > Das soziologische Äquivalent zur ökonomischen Wachstumstheorie sind die > Modernisierungstheorien, die sich durch einen festen Glauben an den > wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt auszeichnen. Dieser > Fortschrittsmythos lebt in der Nachhaltigkeitsdebatte fort. Der > Brundtland-Bericht macht nicht einmal vor der Atomenergie halt. "Wenn es > keine neuen Versorgungsalternativen gibt, besteht kein Grund, warum > Kernenergie nicht in den 1990er Jahren groß herauskommen sollte", heißt es > dort. Zu den umweltschutzrelevanten Technologien zählt der Bericht auch die > Informations- und Kommunikationstechnologien, Gen- und Biotechnologien sowie > die Raumfahrttechnologie.(2) > > Die Positionen, die die bisherige Nachhaltigkeitsdebatte bestimmt haben, > zeigen eine merkwürdige Kontinuität zu den nicht-nachhaltigen Merkmalen des > vorherrschenden Entwicklungsmodells. An dieser Stelle sollte man fragen: Wie > sollen die Probleme dieser Welt mit der gleichen Denkweise gelöst werden, > die sie erzeugt hat? > > Was Nachhaltigkeit fördert, heißt nicht immer so > > Obwohl stets betont wird, dass die "drei Säulen" der Nachhaltigkeit - die > ökologische, die soziale und die ökonomische Dimension - gleichberechtigt > seien, wurde bisher die Bedeutung der sozialen Dimension meistens den > anderen "Säulen" unterordnet. Die Strukturen der sozialen Ungleichheit > gehören zu den wichtigsten Lücken im Brundtland-Bericht, obwohl (oder > vielleicht weil) sie eine zentrale Rolle bei der Un-Möglichkeit des > sozial-ökologischen Wandels der Gesellschaft spielen. > > Unter "Strukturen der sozialen Ungleichheit" werden hier jene politischen, > wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Faktoren verstanden, die eine > ungleiche Verteilung von Einkommen, Bildung, Macht, Prestige, Eigentum oder > Selbstbestimmung in der Weltgesellschaft legitimieren, reproduzieren und > verstärken. Der Begriff "Strukturen" will bewusst machen, dass die Macht der > einen oft die Ohnmacht der anderen ist; dass die individuelle > Selbstbestimmung der Europäer oft die Fremdbestimmung anderer Völker > bedeutete; dass es keinen Reichtum ohne Armut und kein Expertentum ohne > Laientum gibt - und umgekehrt. > > Im Brundtland-Bericht konzentriert sich die Definition von nachhaltiger > Entwicklung auf die Generationengerechtigkeit. Die Tatsache, dass diese > Definition noch heute überwiegend akzeptiert wird, könnte als Beweis gelten, > dass die soziale Dimension in der Nachhaltigkeitsdebatte nicht zu kurz > kommt. Doch in Wirklichkeit wird das Thema "soziale Ungleichheit" oft auf > die Armut in Afrika reduziert, während Machtverhältnisse oder Zusammenhänge > zwischen Reichtum und Armut verschwiegen werden. Gleichzeitig werden in der > Nachhaltigkeitsdebatte immer wieder die Verbraucher und die Armen als die > Hauptverursacher der Umweltprobleme genannt. Sie sind nämlich diejenigen, > die im Discounter kaufen und nur auf den Preis achten. Die Armen sind für > das Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern verantwortlich. Armut, > so der Brundtland-Bericht, "verschmutzt die Umwelt und schafft auf eine > andere Weise Umweltbelastung. Jene, die arm und hungrig sind, werden oft > ihre unmittelbare Umwelt zerstören, um zu überleben: Sie werden Wälder > roden; ihr Vieh wird das Grasland überweiden; sie werden Grenzländer > übermäßig nutzen; und in wachsender Zahl werden sie in die verstopften > Städte strömen. Der kumulative Effekt dieser Veränderungen ist so > weitreichend, dass Armut selber zu einem wahren Geißel der Menschheit > geworden ist."(2) > > Eine Kritik an konkreten Institutionen der westlichen Länder wird selten > geäußert. Gerade der Brundtland-Bericht geht aber noch weiter. Er geht > nämlich von der Annahme aus, dass ein noch stärkeres Wirtschaftswachstum in > den Industrieländern die Voraussetzung für die Entwicklung der ärmeren > Länder sei. Damit steht er in einer Linie mit den konservativsten Denkern, > die ihr Entwicklungsmodell der Modernisierung Trickle-down-Effekt nannten: > Eine höhere Reichtumsproduktion "oben" führt demnach zu einem Überschuss, > der nach "unten", bis zu den Ärmsten, durchsickert ("trickle down") - und > zwar sowohl im nationalen als auch im internationalen Rahmen. Anders gesagt: > Je mehr die Reichen aufhäufen, desto mehr Krümel fallen von ihrem Tisch. > > Die Lösungskompetenz für ökologische Probleme wird hingegen den modernen > industrialisierten Ländern und den Experten zugeschrieben.(1) Die in der > Nachhaltigkeitsdebatte vorherrschenden Top-Down-Ansätze, die die Probleme > "von oben nach unten" lösen wollen, rechtfertigen die Strukturen der > sozialen Ungleichheit statt sie zu überwinden. Als "realistisch" betrachten > Politiker und Experten oft nur solche Lösungen, die einen offenen Konflikt > mit den vorherrschenden Interessen oder mit den Sponsoren der Wissenschaft > vermeiden. Dadurch werden sogenannte End-of-pipe-Strategien wie der Ausbau > von Dämmen gegen die zunehmende Gefahr von Überflutungen gegenüber > "radikalen", also an den Wurzeln der Probleme ansetzenden Strategien > bevorzugt. > > Nachhaltigkeit kommt nicht von oben > > Anfang 2009 projizierten viele Menschen die Hoffnung auf eine bessere > Zukunft auf die "Macht": Barack Obama genoss den Ruf eines Propheten und > Angela Merkel war "die Klimakanzlerin". Das Scheitern der Klimakonferenz in > Kopenhagen hat dieses warme Image der Macht enttarnt. Nicht nur das Klima > zwischen reichen und armen Ländern wurde dort rauer. Der harte Umgang mit > der Zivilgesellschaft und zum Teil sogar mit der Presse erinnerte eher an > die Selbstabschottung von G8-Gipfeln und WTO-Konferenzen als an > internationale Umweltkonferenzen. > > Diese neue Entwicklung könnte die Erfüllung der zehn Jahre alten Prognosen > von einer "Brasilianisierung der Welt"(4) und einer "20:80-Gesellschaft"(5) > sein: Den "Eliten" geht es heute nicht mehr darum, globale Lösungen für > globale Probleme zu suchen, sie wollen nur noch die Privilegien eines > Fünftels der Weltbevölkerung gegen den Rest schützen. Vor diesem Hintergrund > könnten der Ausbau der Dämme in den Niederlanden, die Zurückweisung der > afrikanischen Migranten während und nach der Überquerung des Mittelmeers und > das Herausdrängen von Kritikern bei der Klimakonferenz in Kopenhagen als > Analogie betrachtet werden. > > Diese Logik birgt aber ein hohes Gefahrenpotenzial für die Zukunft der > Weltgesellschaft. "Es droht ein Kampf aller gegen alle," warnte die > US-Umweltökonomin Elinor Ostrom im Dezember 2009 in einem Interview. Sie war > gerade mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt worden, weil > sie in ihrer Forschung gezeigt hatte, "wie gemeinschaftliches Eigentum von > Nutzerorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann". > > Nach den so gut wie gescheiterten Top-Down-Strategien der Nachhaltigkeit > weisen die Thesen von Elinor Ostrom in die entgegengesetzte Richtung. Sie > plädiert für Dezentralisierung, Regionalisierung und Empowerment > (Ermutigung, Selbstbefähigung, Ermächtigung). In ihrer Nobelpreis-Rede > sprach Ostrom von globalen politischen Entwicklungen, in denen das Empfinden > vorgeherrscht habe, Vielfalt sei Chaos und man müsse dem Chaos durch > Vereinheitlichung und Zentralgewalt entgegentreten. Man habe geglaubt, nur > staatliche, überregionale Instanzen könnten regionale Konflikte um begrenzte > Ressourcen lösen. Ihre eigene Forschungsarbeit habe jedoch gezeigt, dass die > regionalen Nutzer einer Ressource sehr wohl selbstorganisiert und > verantwortlich mit dieser umgehen, auch ohne Einflussnahme einer > übergeordneten Instanz - unter einer Bedingung: direkte Kommunikation muss > möglich sein. "Komplexität ist nicht dasselbe wie Chaos", sagte Ostrom und > beharrte mit Vehemenz darauf, dass man vertrauen müsse, statt ständig die > Unfähigkeit des Menschen zur eigenständigen Problemlösung zu proklamieren: > "Es gibt ein Wort, das kann ich nur wiederholen und nochmals wiederholen: > Vertrauen!" Die Quintessenz ihrer Rede war: "Polyzentrische Systeme können > mit Komplexität umgehen." Patentrezepte gebe es nicht. Regelwerke werden > nach Ostroms Erkenntnissen am besten lokal durch die Nutzer der Ressourcen > selbst ausgehandelt, denn es könnten nur solche Regelwerke und > Sanktionssysteme funktionieren, denen die Betroffenen selbst zugestimmt > haben.(4) > > Für Jürgen Habermas kann nur eine lernfähige Gesellschaft "evolutionäre > Sackgassen" - eine Finanzkrise, einen Krieg oder den ökologischen Kollaps - > in ihrer Entwicklung vermeiden.(5) Da gerade die starren Strukturen der > sozialen Ungleichheit diese Lernfähigkeit hemmen, ist ihre Überwindung die > Voraussetzung jeder ernstzunehmenden Nachhaltigkeit. > > Davide Brocchi > > > Der Autor wurde 1969 in Rimini (Italien) geboren und lebt in Köln. Er ist > Publizist und freier Dozent, unter anderem am Institut für > Umweltkommunikation der Universität Lüneburg. Seine Schwerpunkte sind die > kulturelle Dimension der nachhaltigen Entwicklung und die interkulturelle > Kommunikation. > > > (1) Helga Eblinghaus, Armin Stickler: Nachhaltigkeit und Macht. Zur Kritik > von Sustainable Development. IKO, Frankfurt/M. 1996 > > (2) Volker Hauff (Hrsg.): Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht. > Eggenkamp, Greven 1987 > > (3) Bundesumweltministerium (Hrsg.): Agenda 21. BMU, Bonn 1997 > > (4) Commonsblog.de zu Elinor Ostrom: www.de.wordpress.com/tag/elinor-ostrom > > (5) Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Suhrkamp, > Frankfurt/M. 2006 > > > -- > DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - April/Mai 2010 - > www.raberalf.grueneliga-berlin.de > >
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