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Sabine Ellersick schrieb am 03.07.11: > > Pakistan: > Kriegsschauplatz Pakistan > ------------------------------------------------------------------- > > Durch die kalte Hinrichtung von Osama Bin Laden auf Barack Obamas Befehl hat > Pakistan wieder einmal in die Schlagzeilen der internationalen Aktualität > gefunden. Einige haben gemeint, das Verschwinden des Führers von Al-Qaida > würde nicht viel ändern. Das stimmt womöglich, wenn man an die arabische > Welt denkt. Doch aus der Sicht von Washington und Islamabad handelt es sich > keineswegs um eine Anekdote! Sie verschärft die Widersprüche, die in der > pakistanischen Gesellschaft ohnehin am Werk sind. Sie beleuchtet die > Interessenskonflikte, die das Bündnis mit den USA schwächen. Doch Pakistan > ist ein Schlüsselbaustein der Geostrategie, die von den asiatischen früheren > sowjetischen Republiken bis nach China reicht. Die Konsequenzen der > "Operation Geronimo" [1] werden sich nicht auf die Region beschränken. > > > Von Pierre Rousset > > > Dieser Artikel beschäftigt sich nur mit Pakistan; wir möchten dennoch einen > kleinen Umweg in Richtung USA einschlagen. Die kalte Hinrichtung von Bin > Laden gab Gelegenheit für eine breite politische Offensive mit dem Ziel, die > Freiheit der Intervention des US-amerikanischen Imperialismus > wiederherzustellen, der in den Augen der öffentlichen Meinung durch die > Lügen und Skandale der Bush-Administration diskreditiert war. Es sollte > gezielten Tötungen, der Kerkerhölle von Guantanamo (die Obama eigentlich > schließen wollte), dem Einsatz der Folter (das Auffinden von Bin Laden soll > durch Geständnisse, die durch fortgesetzte Folter erzwungen wurden, > erleichtert worden sein), der direkten und geheimen Intervention auf fremden > Territorien im Namen des nationalen Interesses und durch den Abschied von > jeder Regel des Rechts und der Moral eine neue Legitimation verschafft > werden. Alles spielte sich auf dem Hintergrund eines gesteigerten > Nationalismus einer Großmacht ab. Diese ideologische Offensive ist umso > verheerender, als sie von Obama angeführt wird, einem schwarzen und > demokratischen Präsidenten, dessen Wahl zu Freudenstürmen bei vielen > fortschrittlichen Menschen in den USA und weltweit geführt hatte. > > Kommen wir auf Pakistan zurück. Die Bin-Laden-Affäre bestärkt das Bild eines > Landes, dessen Bevölkerung Geißel von regionalen Konflikten ist -- der > Afghanistankrieg und der Konflikt mit Indien --, aber auch des islamischen > Terrorismus, der Geheimdienste, der Armee und der geschäftstüchtigen > Familienklans, sowie von ausländischem Druck und Interventionen (der USA, > aber auch von Saudi-Arabien und anderen). Leider gibt es an diesem Bild viel > Wahres und wir müssen das Warum zu verstehen suchen. > > Ein wichtiger Hinweis: Pakistan ist ein besonders komplexes Land -- > wahrscheinlich mehr als die meisten anderen Länder. Aber schon in ziemlich > "einfachen" Fällen ist es niemals einfach, hinter dem Anschein die > untergründigen Realitäten zu erfassen. Wie steht es um den Sunnismus? Das > Universum der Stämme? Die Kultur der Urdu, Paschtu, Belutschi oder Hindi > Sprechenden? Welches ist das besondere Zusammenspiel der Mächte in den > verschiedenen Provinzen, die heute zu Pakistan gehören -- und wie läuft es > auf Bundesebene ab? Der Autor möchte hier nicht auf diese Fragen antworten. > Dieser Artikel hält sich -- sagen wir -- an ein erstes Analyseniveau. Er > verfolgt nur beschränkte Ziele: Diese Komplexität aufzuzeigen, die > nationalen und internationalen Aspekte der gegenwärtigen Krise > herauszuarbeiten und einige grundlegende Fragen zu stellen. > > In der Tat zeigt die pakistanische Krise einige hochkritische Aspekte, > vielleicht wegen den Bedingungen, die seiner Geburt vorausgingen (die > Teilung des britischen Reichs der Indien 1947), der Versäumnisse der > herrschenden Klassen und der historischen Schwäche der Linkskräfte. Das gilt > beispielweise für die "Taliban", die Nuklearisierung des Konflikts zwischen > Indien und Pakistan, oder auch die aufeinander folgenden Sackgassen der > imperialistischen Politik der USA. Man kann aus solchen kritischen > Höhepunkten, deren Reichweite weit über diese Region hinausgeht und die uns > alle interessieren, viel lernen. > > > AM ANFANG STAND DER KRIEG > > Pakistan ist als Staat sehr spät (1947) geschaffen worden. Am Anfang standen > die Bevölkerungsverschiebungen auf religiöser Grundlage anlässlich der > "Teilung" des britischen Reichs der Indien: es wurden etwa 17 Millionen > Menschen auf die eine oder die andere Seite "verschoben". Der neue Staat > wurde in den Regionen des Nord-Ostens und Nord-Westens gegründet, wo die > Muslime historisch in der Mehrheit waren. Außerdem kamen noch sieben > Millionen Muslime aus anderen Regionen Indiens nach Pakistan -- die > Muhadschirin ("Auswanderer" [Anm. d. Red.]). > > Seit der "Vivisektion" von 1947 gibt es in Pakistan sehr wenige Hindus. > Indien jedoch verfügt über eine beträchtliche muslimische Minderheit mit > über 150 Millionen Menschen, fast ebenso viele wie Pakistan Einwohner hat. > Sie stellen etwa 12 Prozent der indischen Bevölkerung dar. > > Sicherlich kann man im heutigen Pakistan alte historische Wurzeln finden, > vor allem in den bevölkerungsreichsten Provinzen Pandschab (in der Mitte) > und Sindh (im Süden). Aber von allen großen asiatischen Ländern ist Pakistan > dasjenige, dessen Grenzen am künstlichsten sind. Zu Beginn umfasste es zwei > Landesteile, die weit auseinander lagen und durch Indien getrennt waren, > einerseits das westliche Pakistan (das die politische Macht monopolisierte) > und sodann das östliche Pakistan (dessen Bevölkerung größer war). Nach dem > Krieg von 1971 hat sich dieser Teil abgespalten und unter dem Namen > Bangladesch seine Unabhängigkeit erklärt. > > Doch auch nach der Abtrennung von Bangladesch (eine zweite Teilung!) blieben > die Grenzen Pakistans auf zweifache Weise künstlich; sie wurden auf der > westlichen Seite durch den britischen Kolonialismus gezogen und auf der > östlichen durch die Teilung von 1947 -- im Norden waren sie durch die Kette > des Himalaja gewissermaßen naturgegeben (auf der anderen Seite befindet sich > China) und im Süden durch das arabische Meer. Auch der Name Pakistan (Land > der Reinen) ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben von Pandschab, Afgania > (Paschtunenprovinzen im NW des Landes), Kaschmir, Sindh und den drei letzten > Buchstaben von Belutschistan. > > Häufig gibt es eine stärkere gemeinsame historische Identität zwischen den > Bevölkerungen auf der einen oder anderen Seite der Grenze als zwischen den > verschiedenen Bevölkerungen der pakistanischen Provinzen: Paschtunen oder > Pathanen gibt es im Nordwesten und in Afghanistan, Belutschen im Westen und > im Iran, im Pandschab und Sindh und Indien im Osten oder Kaschmir im Norden. > Die östlichen Provinzen sind vom britischen Kolonialismus tief geprägt > worden, doch dies gilt für die westlichen Provinzen viel weniger: Die > erstgenannten waren in die blutigen Auseinandersetzungen um die Teilung 1947 > direkt verwickelt, doch für die westlichen Provinzen gilt dies nicht. Durch > den Zustrom von Vertriebenen ergab sich nach der Teilung zusätzlich ein > Mosaik von Bevölkerungsgruppen, die im zu gründenden Pakistan leben: die aus > Indien eingewanderten Muslime, die Muhadschirin ("Auswanderer" [Anm. d. > Red.]), haben sich gewissermaßen Karatschis bemächtigt und sich den > Bewohnern des Sindh entfremdet. > > Die Vereinigung Pakistans wurde nie vollendet und Irredentismus oder > bewaffnete Bewegungen der nationalen Befreiung existieren seit vielen > Jahren, so in Belutschistan, wo fünf Kriege stattfanden: 1947--1949, 1955, > 1958--1969, 1973-1977 (8 000 Tote) und seit 2004. Seit seiner Gründung ist > Pakistan also ein Land, in dem Krieg geführt wurde, das von inneren > Konflikten durchzogen und von heftigen Grenzspannungen geprägt ist. Es steht > auch im Zentrum wichtiger geostrategischer Ziele sowohl in Südasien als auch > im Hinblick auf die großen Weltmächte. > > > GEOSTRATEGISCHER KREUZUNGSPUNKT > > Südasien umfasst sieben Staaten (sofern man Birma im Südosten dazurechnet); > zwei sind Inseln (Sri Lanka und die Malediven) und zwei Himalaja-Staaten > (Nepal und Bhutan) mit einer weniger großen Bevölkerungszahl. Den westlichen > bzw. östlichen Rand bilden zwei der bevölkerungsreichsten Länder der Erde, > nämlich Pakistan (über 180 Mio. Einwohner) mit seiner Hauptstadt Islamabad > und Bangladesch (über 165 Mio.) mit der Hauptstadt Dhaka. Trotzdem wird der > gesamte Subkontinent von einem Giganten dominiert, nämlich Indien mit seinen > 1,2 Milliarden Menschen und der Hauptstadt Neu-Delhi. Wegen seiner Größe, > der Bevölkerung, der Wirtschaft und seiner Armee ist Indien weit mächtiger > als seine Nachbarn (auch wenn Pakistan ebenfalls über die Atombombe > verfügt). Indien ist die Regionalmacht. > > In dieser Region hat die Rivalität zwischen Indien und Pakistan immer (also > seit Ende des 2. Weltkriegs) die politischen Entscheidungen der beiden > Seiten bestimmt. So hat Islamabad die Regierung von Sri Lanka unterstützt, > während Neu-Delhi die tamilischen "Befreiungstiger" gegen das Regime in > Colombo bewaffnete, das man als zu stark westlich orientiert ansah. > > Im Übrigen liegt Pakistan geografisch an der Schwelle zwischen dem Nahen > Osten, Zentralasien mit den früheren Sowjetrepubliken und Südasien. Im Osten > hat es eine Grenze mit Indien, im Westen mit dem Iran und im Nordwesten mit > Afghanistan. Kulturell stellt es eine Region der Begegnung zwischen dem > iranischen und dem indischen Raum dar. Als muslimisches Land mit einer > sunnitischen Mehrheit (75 %) und einer schiitischen Minderheit (20 %), > bekommt es die Schläge der Rivalität zwischen Saudi-Arabien und dem Iran ab. > Außerdem stellt der Hafen von Karatschi (der wichtigsten Industriestadt des > Landes) den besten Umschlagsplatz für das Öl aus Zentralasien dar. > > Schließlich stellte Pakistan zur Zeit des Kalten Krieges und des > russisch-chinesischen Konflikts ein wichtiger Pfeiler der Geostrategie dar. > Damals wurde Islamabad sowohl von Washington wie von Peking gegen Delhi > unterstützt. Tatsächlich suchte das kapitalistische Indien die Hilfe > Moskaus, um sich gegen die imperialistische Herrschaft zu schützen. Außerdem > kam zum sowjetisch-chinesischen Konflikt noch der Konflikt zwischen China > und Indien hinzu. Der Himalaja war und ist eine sehr sensible Zone. In > seinen Höhen standen sich 1962 China und Indien bewaffnet gegenüber (wobei > China den Sieg davontrug), weil es Grenzstreitigkeiten gab. Von Tibet über > Nepal bis Bhutan ist die Kette des Himalajas ein Gebiet heftiger Kämpfe um > Einfluss zwischen den beiden asiatischen Giganten. > > Mittels Afghanistan und den islamistischen Bewegungen, die in der ganzen > Region operieren, ist Pakistan auch in die Konflikte zwischen den > Großmächten verwickelt, bei denen es um die Zukunft der früheren > Sowjetrepubliken Mittelasiens geht -- eine Region, die zwischen dem > Kaspischen Meer und China liegt. Es geht vor allem um Tadschikistan, > Usbekistan und Turkmenistan (die alle an Afghanistan grenzen), sowie etwas > nördlicher um Kirgisien, wo die USA ihre erste Militärbase in diesem Teil > der Welt errichten konnten, die Base von Manas, die heute als Stützpunkt für > die NATO-Truppen dient, die in "Afpak" (Kunstwort aus Afghanistan und > Pakistan) operieren. > > Durch diese Entwicklungen wurde Pakistan zu einem Eckstein des großen Spiels > zwischen Washington, Peking und Moskau, welches vom nordwestlichen Asien > (Korea und Japan) bis nach Südasien (die Meerengen des Indischen Ozeans), > von Mittelasien (die früheren Sowjetrepubliken) bis zum Nahen Osten (Iran) > abläuft. Diesen Eckstein kann man heute umso weniger vernachlässigen, als er > über Atomwaffen verfügt. Als strategischer Kreuzungspunkt liegt Pakistan im > Mittelpunkt zahlreicher regionaler und internationaler Spannungen. > > Die Kriege in Afghanistan binden das Ganze zusammen. > > > VON DER INDISCHEN ZUR AFGHANISCHEN FRONT > > Lange Zeit lag die "heiße Grenze" Pakistans im Osten (gegen Indien), > teilweise auch im Nordosten, weil die Grenzziehung in Kaschmir unklar war, > einem mehrheitlich von Muslimen bewohnten Gebiet, über das Indien in > erheblichem Maße bei der Teilung die Kontrolle behalten konnte (doch ein > Teil befindet sich auf der pakistanischen Seite der Grenze). Indien > verweigert den Kaschmiris das Recht auf Selbstbestimmung, und es gibt dort > eine Reihe von bewaffneten Gruppen, die mit Unterstützung aus Islamabad > operieren, eine Situation, die als Rechtfertigung für den permanenten > Kriegszustand zwischen den beiden Ländern hergenommen wird, der bisweilen zu > offenen bewaffneten Konflikten geführt hat (es gab zwischen Indien und > Pakistan seit 1947 bereits vier Kriege). > > Auch wenn die wichtigsten bewaffneten Konfrontationen von Pakistan verloren > wurden, so hat der permanente Kriegszustand mit Indien dem neuen Staat doch > geholfen, seine Einheit durchzusetzen (allerdings konnte dies den Verlust > von Bangladesch nicht verhindern). Die Armee und die Sicherheitsdienste > (ISI [2]) konnten dadurch ihren Vorrang und ihre Allgegenwart rechtfertigen. > Die Bewegungen für Autonomie und Unabhängigkeit, die demokratische > Opposition und die Linke wurden im Namen des nationalen Interesses > unterdrückt und als "fünfte Kolonne" verteufelt. > > Der Konflikt mit Indien hat es dem pakistanischen Staat (und besonders der > pakistanischen Armee) also ermöglicht, ihre Legitimität zu begründen. Indien > hat die nützliche Funktion eines "Erbfeindes"; die "Teilung" von 1947 hat zu > einem blutigen Bruch geführt, der seither sorgfältig gepflegt wird. Der > Konflikt zwischen den beiden Ländern wird von den führenden Klassen und > Eliten auf beiden Seiten instrumentalisiert. Man braucht sich daher nicht zu > wundern, dass alle Versuche, Friedensprozesse in Gang zu bringen, versandet > sind. Bis heute gibt es starke Spannungen zwischen den beiden Ländern, die > durch Blutbäder verstärkt werden: der Hindu-Terrorismus gegen die > muslimische (und christliche) Bevölkerung in Indien, der einheimische > islamische Terrorismus in Indien oder von Pakistan manipuliert, wie dies > 2008 beim mörderischen Angriff auf ein großes Hotel in Mumbai (Bombay) durch > ein Selbstmordkommando der Fall war. > > Doch mit dem heute von der NATO geführten Krieg in Afghanistan ist die > Nordwestgrenze von Pakistan viel "heißer" geworden als die Grenze zu Indien > -- mit beträchtlichen Veränderungen. Denn der gegenwärtige Konflikt betrifft > nicht die "Erbfeinde" -- ganz im Gegenteil, in ihm stehen sich die > Verbündeten von einst gegenüber: Washington und Islamabad haben beide die > Entwicklung der islamistischen Bewegungen begünstigt, um das laizistische > Regime der Volkspartei in Kabul und nach dem Einmarsch 1979 die Truppen der > Sowjetunion zu bekämpfen. Im Gefolge des mörderischen Attentats vom > 11. September 2001 gegen die Twin Towers von Manhattan und das Pentagon > konnte die Regierung der USA leicht aus früheren Freunden Feinde machen. Für > die pakistanischen Führer war dies nicht so einfach. > > Angesichts der Bevölkerungsgröße und der geografischen Ausdehnung von Indien > kann allein Afghanistan im Kriegsfall Pakistan eine "strategische Tiefe" > verschaffen, die es bräuchte, um die Truppen neu aufzustellen und zu > reorganisieren. Dazu braucht es in Kabul ein Regime, das dem in Islamabad > gewogen ist: dies waren die Taliban. Der sunnitische Fundamentalismus diente > als ideologischer Zement für diese strategische Allianz, was dadurch > erleichtert wurde, dass die paschtunischen Stämme auf beiden Seiten der (nur > theoretisch bestehenden) internationalen Grenze leben. > > Aus der afghanischen Frage wurde dadurch eine inner-pakistanische Frage. Die > Lage in den beiden Ländern ist inzwischen so ineinander verwoben, dass man > in den diplomatischen Kreisen bereits von "Afpak" spricht. Und Washington > betrachtet die beiden Länder inzwischen als eine Operationsbühne. > > Der Konflikt mit Indien schließt den pakistanischen Staat zusammen, der > Konflikt in und mit Afghanistan bringt ihn aus dem Gleichgewicht. Durch die > Intervention der NATO wurde aus der afghanischen Krise eine pakistanische > Krise. Das zeigte sich 2009 im Swat-Tal, einer Hochburg der Taliban im > Nordwesten. Inzwischen ist sie im Pandschab angekommen und destabilisiert > das Land (und nährt gleichzeitig einen massiven Waffenhandel). > > Pakistan krankt inzwischen an Afghanistan. Doch die Krise, die das Regime > unterminiert, hat auch andere Wurzeln. > > > EINE NEUE GEOPOLITISCHE INSTABILITÄT > > Die Zeit des Kalten Krieges, als die internationalen Bündnisse stabil und > die Welt in zwei Lager aufgeteilt war, und gemäß dem Motto "der Feind meines > Feindes ist mein Freund" gehandelt wurde, ist längst zu Ende gegangen. > Damals konnte Pakistan gleichzeitig auf die Hilfe von Washington und Peking > bauen; und damals verfügte Islamabad über erheblichen Erpressungsspielraum > gegenüber den Westmächten. > > Seit den 1990er Jahren und der Implosion der UdSSR sind die strategischen > Bündnisse in Südasien viel flüssiger geworden. Die Annäherung zwischen > Washington und Neu-Delhi ist spektakulär, weil auch ein Abkommen über > Atomwaffen erzielt und der Beitritt Indiens zur neoliberalen Weltordnung > vereinbart wurde. Vor den Parlamentswahlen von 2009 brauchte die indische > Regierung der Kongresspartei die Unterstützung des auf Bundesebene von der > indischen Kommunistischen Partei-Marxisten (PCI-M) geführten Blocks als > Mehrheitsbeschaffer, was der Linken gewisse Druckmöglichkeiten verschaffte. > Nach der Wahlniederlage der KPI gilt dies nicht mehr. Nun hat Neu-Delhi > freiere Hand für eine Annäherung an die USA. > > Die pakistanische Militärführung versucht, die östliche Front (Indien) > zugunsten der Westfront (Afghanistan) abzubauen. Aber die Taliban und andere > fundamentalistische Strömungen verfügen nach wie vor über erheblichen > Rückhalt in den Geheimdiensten. Denn die pakistanische Armee hat in der > Afghanistanfrage immer ein doppeltes Spiel gespielt: Offiziell war sie gegen > den "islamischen Terrorismus" auf Seiten der NATO, hielt aber dennoch enge > Beziehungen zu den Taliban und den anderen religiösen "extremistischen" > Strömungen aufrecht. > > Aber von Seiten der USA betrachtet kann sich Islamabad nicht mehr alles > erlauben: Nun ist es Washington, das auf Islamabad zunehmend Druck ausüben > kann, was eine Fortsetzung der Politik des doppelten Spiels immer > schwieriger macht. Während also die Intervention der USA in Afghanistan > Pakistan destabilisiert und den "Antiamerikanismus" verstärkt, fordert > Washington von Pakistan ein deutlicheres Engagement gegen die Taliban. Für > ihr Geld möchte die Regierung der USA Taten sehen, denn Islamabad erhält > Manna in Form von Dollars für sein Engagement an der Front, und dieses Geld > wiederum möchte die Armee nicht verlieren. So war die Offensive der > pakistanischen Armee gegen die Taliban im Swat-Tal so groß wie keine vorher > -- es war alles andere als eine kosmetische Operation! > > Doch die Affäre um Bin Laden hat einmal mehr bestätigt, dass das alles die > pakistanischen Sicherheitsdienste nicht davon abhalten konnte, ihr doppeltes > Spiel fortzusetzen und sich das Huhn, das goldene Eier legt, warm zu halten > (den Chef von Al-Qaida, dessen Suche die Geldmittel der USA fließen ließ). > Denn Abbottabad, eine Stadt in der Nähe von Islamabad, beherbergt die > wichtigste Militärakademie des Landes! Aber die Ausdehnung des Krieges über > das Swat-Tal hinaus bedrohte gleichzeitig das innere und das äußere > Gleichgewicht. > > Ab 2009 trat Pakistan in eine Phase wachsender Instabilität ein, und zwar > sowohl wegen des regionalen Kontextes als auch der Rückwirkungen des > Afghanistankrieges auf das Land. > > > ZWISCHEN ARMEE UND TALIBAN > > Der Krieg im Swat hat illustriert, bis zu welchem Punkt die Bevölkerung > zwischen dem Ambos der Fundamentalisten und dem Hammer der Militärs > eingeklemmt war. Sie wurde von den Taliban einer theokratischen Diktatur > unterworfen. Die Armee hat den Einwohnern befohlen, ihre Dörfer zu > verlassen, um nicht Opfer der Kampfeshandlungen zu werden, bevor sie ihre > Offensive startete. Doch die Flüchtlinge irrten auf den Straßen herum oder > wurden bei unerträglicher Hitze (sie sind an die Kälte der Höhen gewöhnt) in > Zeltsiedlungen abgeschoben, die oft ohne Trinkwasser, ohne sanitäre > Einrichtungen und Verpflegung und ohne Bewachung waren. Insgesamt waren im > ganzen Land wohl etwa 2,5 Mio. Menschen auf der Flucht, was zu einer > riesigen humanitären Katastrophe führte. > > Die gleiche Untätigkeit und Unfähigkeit zeigte sich in der neuen humanitären > Krise, von der über 20 Mio. Menschen direkt betroffen waren, als es 2010 zu > außergewöhnlich großen Überschwemmungen kam. > > Dass eine "bürgerliche" Armee eine solche Verachtung der Bevölkerung an den > Tag legt, die sie eigentlich beschützen soll, kommt leider immer wieder vor. > Doch in Pakistan geschah Schlimmeres. Seit der Gründung des Staates waren > die Militärs über die meiste Zeit an der Macht. Das Offizierskorps > profitierte davon und breitete sich dadurch in die Gesellschaft aus, als es > sich Ländereien und Unternehmen unter den Nagel riss. Es dient nicht nur den > herrschenden Klassen, es ist zu einem Teil dieser Klassen geworden. Es > reproduziert die traditionelle Arroganz und die Verweigerung von Demokratie > der Großgrundbesitzer und der oberen Kasten in einer Gesellschaft, die zu > denen mit der größten Ungleichheit weltweit gehört. > > Die pakistanische Armee bietet eine wirkliche Karikatur einer militärischen > Einrichtung, doch dasselbe gilt auch für die Taliban als fundamentalistische > Bewegung. > > Es gibt Unterschiede je nach Region, aber insgesamt stellt Pakistan kein > Land dar, das "natürlich" von den "Bärtigen" bevölkert ist und wo die Frauen > unsichtbar wären. Die Männer tragen häufig nur einen stolzen Schnurrbart. > Und wenn man die Frauen sich entscheiden lässt -- eine von ihnen, nämlich > Benazir Bhutto wurde immerhin Staatspräsidentin, bevor man sie dann > ermordete --, dann tragen sie keinen Schleier oder höchstens ein leichtes > Kopftuch, das die Haare, die Ohren, den Hals nicht verbirgt. Diejenigen > unter ihnen, die Landarbeit verrichten (müssen), tragen ein dickeres > Kopftuch als Schutz gegen Sonne und Regen. Die Durchsetzung von rigiden > Verhaltensnormen hat nichts mit einem "muslimischen Menschsein" zu tun; es > geht hier um gesellschaftliche Gewalt. In der Religion (nicht nur im Islam!) > dienen Verbote dazu, hierarchische, gesellschaftliche und patriarchale > Strukturen abzusichern -- und die Fundamentalisten treiben diesen Tatbestand > nur auf die Spitze. > > Es genügt nicht, ein Glaubensetikett aufzukleben ("muslimisch", > "christlich"), um eine Bewegung zu definieren. Eine sich auf die Religion > berufende Strömung, wie man es heute vorsichtig formuliert, kann sehr links > sein (dies galt für die Befreiungstheologie in Lateinamerika, oder die > Theologie des Kampfes auf den Philippinen), oder aber rechtsradikal (man > nehme die Getreuen von George W. Bush in den USA). Man muss daher die > politische Funktion von religiösen Bewegungen verstehen, sonst kann man sich > bei Begriffen wie "gläubig" oder "religiöse Bezüge" gefährlich irren. > > Dank der Untätigkeit des Regimes konnten sie eine gewisse gesellschaftliche > Unterstützung bekommen -- und dies umso mehr, als sie den Männern eine > absolute Kontrolle über die Frauen garantieren. Die wegen des Swat-Krieges > geflohenen Menschen prangerten im Allgemeinen den Terror der Taliban an > (ohne notwendigerweise die Armee zu unterstützen), doch einige billigten die > Rückkehr zur Scharia, um endlich einige lange schwelende Konflikte regeln zu > können. Denn die pakistanische Justiz kümmert sich einen Dreck um diese > Sachen (Erbrecht, Auseinandersetzungen um Ländereien usw.), sofern nur > einfach Leute betroffen sind -- und andernfalls entscheidet sie zugunsten > der Besitzenden, der Einflussreichen, der Korrupten. > > Heute bekämpfen die Taliban die USA. Sind sie deswegen fortschrittliche > Antiimperialisten? Sie haben ihren Charakter seit der Zeit, als sie ein > enger Verbündeter des pakistanischen Staates, der selbst mit den USA liiert > war und ist, waren, überhaupt nicht geändert. Sie sind und bleiben > Reaktionäre. Bündnisse werden geschlossen und gekündigt, doch von Pakistan > aus gesehen haben die Taliban nicht einen Hauch von Fortschritt; dies galt > seit jeher und gilt weiter. Sie setzen eine totalitäre und obskurantistische > Macht durch, die sich in die neoliberale Weltordnung einfügt, obwohl sie die > Vergangenheit ideologisch verklärt. > > Die Feinde unserer Feinde sind nicht notwendig unsere Freunde. Aus der Sicht > der Volksklassen gibt es in den Konflikten nicht immer nur zwei Seiten, ein > "fortschrittliches" und ein "reaktionäres" Lager. Es können auch drei Seiten > sein und sind es häufig, wenn sie z. B. zwei reaktionäre Lager bekämpfen. > Wie man in solchen Fällen interveniert, ist eine Frage des > Kräfteverhältnisses, das in Pakistan leider sehr ungünstig ist. Doch > deswegen darf man sich nicht hinter die Armee stellen noch die Taliban > unterstützen, wenn die Linkskräfte die Hoffnung haben wollen, das > Kräfteverhältnis zu verbessern. > > > DIE ISLAMISTISCHE BÜCHSE DER PANDORA > > Die radikal-fundamentalistischen Bewegungen sind nicht nur eine Schöpfung > der "afghanischen Kriege", wiewohl die von Pakistan und den USA empfangene > Hilfe gegen Moskau sehr bedeutsam war. Die Entwicklung der Taliban in > Pakistan selbst wurde - vor allem in den 1970er und 1980er Jahren -- durch > den Generalstab und die wichtigsten Parteien begünstigt, die dadurch eine > wirkliche Büchse der Pandora geöffnet haben. > > Der pakistanische Staat entstand als muslimischer, aber nicht islamischer > Staat. Zu behaupten, es gäbe im britischen Reich der Indien zwei Nationen > auf religiöser Grundlage, um damit die Teilung zu rechtfertigen, setzte > sicherlich eine Dynamik der "Säuberung" in Gang. Doch der Bezug auf den > Islam konnte kulturell zu verstehen sein -- die behauptete Identität war die > einer Kultur und nicht einer besonderen Religion -- oder gar eine > sektiererische Interpretation einer Religion. Am Anfang waren die großen > Parteien laizistische Parteien. Die Gesetze hatten ihren Ursprung im > britischen Recht -- oder es wurde das Gewohnheitsrecht anerkannt. Die > unvollendete Islamisierung des pakistanischen Staates wurde von oben > durchgesetzt. Der Umschlag ereignete sich zu Ende der 1970er Jahre unter der > Militärdiktatur von General Zia-ul-Haq. > > Die vorherrschenden Klassen und Eliten, die Armee und die klientelistischen > Parteien, haben mehrere Jahrzehnte lang jede auf ihre Art mit der Karte der > Islamisierung des pakistanischen Staates und seiner Gesetze gespielt. In der > ersten Zeit hat dies zu sehr scharfen Konflikten zwischen der sunnitischen > und der schiitischen Glaubensrichtung geführt (in einigen Jahren gab es > Hunderte von Toten). Tatsächlich stehen sich in den religiösen Konflikten > verschiedene Strömungen des Islam gegenüber, auch wenn es häufig nicht > günstig ist, einer religiösen Minderheit (Hinduismus, Christentum) > anzugehören, zu der sich etwa drei Prozent der Bevölkerung bekennen, ohne > die Ahmadiyya-Anhänger zu vergessen, die in Pakistan nicht als Muslime > anerkannt werden -- weil diese Minderheiten den Fundamentalisten häufig als > Sündenböcke dienen. > > In einem zweiten Zeitraum vermochten die Taliban -- auf dem Hintergrund der > Ereignisse in Afghanistan -- in Pakistan selbst aufzusteigen (bis heute ist > es ihnen gelungen, sich nicht nur in den Gebieten der Paschtunen, sondern > auch im Pandschab festzusetzen). Sie haben die guten Beziehungen zum > Staatsapparat und die verbreitete Ablehnung der USA ausgenützt. Zeitweilig > konnten sie sich auch einer gewissen Unterstützung oder zumindest > wohlwollenden Toleranz der "öffentlichen Meinung" versichern (also der > Medien und der Mittelklassen). Doch ihre Aura als Kämpfer oder Opfer ist > wegen ihrer extremen Brutalität verblasst: Sie haben Läden angezündet, weil > dort Musik verkauft wurde, sie haben Mädchenschulen zerstört, sie haben -- > sogar auf einem Campus im Pandschab -- Studentinnen Säure ins Gesicht > geschüttet, weil sie keinen Schleier trugen, sie haben in kurzen Prozessen > Leute abgeurteilt und die Hinrichtungen auch noch gefilmt und ins Netz > gestellt, sie haben GegnerInnen erwürgt und sogar in der Hauptstadt blutige > Entführungen und Attentate vorgenommen. > > Im Februar 2009 versuchte die Regierung mit einem Flügel der Taliban zu > einem Kompromiss zu kommen; sie hat dabei im Namen eines angeblichen > Gewohnheitsrechtes im Swat-Tal den Einsatz der Scharia gebilligt -- oder > vielmehr eine reaktionäre Konzeption von "islamischer Justiz". [3] Dann kam > es zu einer raschen Folge von Ereignissen, die auf die pakistanische > Öffentlichkeit einen massiven Einfluss hatten. Wie viele Kommentatoren es > vorausgesagt hatten, erwies sich das Abkommen als Luftbuchung: Es kam nicht > zur Feuereinstellung, sondern die Taliban drängten in die Nachbarprovinzen > und ihre militärischen Einheiten drangen bis auf 100 km in Richtung > Hauptstadt vor. > > Im Übrigen ermöglichte die Verbreitung eines insgeheim gefilmten Videos im > Internet eine Klarstellung, was der Einsatz der Scharia bedeutet. Es zeigte > eine junge Frau, die wegen "schlechten Benehmens" ausgepeitscht wurde. Ein > religiöses Oberhaupt des Swat-Tals goss noch Öl ins Feuer, als er erklärte, > eigentlich hätte das Opfer gesteinigt werden müssen. Das hat zu einer > starken Emotionalisierung im Land und zu zahlreichen Frauendemonstrationen > geführt. > > Als dann im Swat-Tal unter solchen Bedingungen Militäroperationen > durchgeführt wurden, konnten sich Regierung und Arme einer viel größeren > Unterstützung von Seiten der Oppositionsparteien, der Medien, von > intellektuellen Milieus, von NROs und fortschrittlichen Organisationen und > auch der "öffentlichen Meinung" in einem breiteren Sinn erfreuen, als das im > Allgemeinen vorher der Fall gewesen war. > > > DER TEUFELSKREIS DES RELIGIÖSEN SEKTIERERTUMS > > Im Hinblick auf das religiöse Sektierertum verschlimmert sich die Lage > zusehends. Im Gegensatz zu den weit verbreiteten Klischees sind es nicht die > am wenigsten gebildeten Klassen, die die Agenten der Intoleranz und des > religiösen Obskurantismus sind, auch wenn viele arme Familien ihre Kinder in > Koranschulen geben (den Madrassen), weil es keine öffentlichen Schulen gibt. > Die gebildeten "Mittelklassen" können äußerst konservativ sein (das kann man > gegenwärtig auch in Thailand beobachten). Davon zeugt auch die seit einiger > Zeit erfolgende Verbreitung des Ganzkörperschleiers (obwohl man/frau damit > keine Feldarbeit verrichten kann). > > Wenn sie einmal losgetreten ist, dann kennt der Teufelskreis der religiösen > Intoleranz keine Grenzen. Ein Gesetz von 1986 sieht für Blasphemie die > Todesstrafe vor -- daraus wurde ein Schulbeispiel. Wer nämlich dieses Gesetz > kritisiert, begeht in den Augen der religiösen Tugendwächter -- Blasphemie. > So wurde am 4. Januar 2011 Salman Taseer, der mächtige Gouverneur der > Provinz Pandschab und Mitglied der laizistischen Regierungspartei PPP [4] > ermordet, weil er sich mutig für die Verteidigung einer christlichen > Dorfbewohnerin namens Asia Bibi eingesetzt hatte, die wegen Blasphemie zum > Tode durch den Strang verurteilt worden war. > > Der Gouverneur wurde von einem seiner Leibwächter unter den Augen der > anderen, die nicht eingegriffen haben, umgebracht. Der religiöse > Radikalismus ist in den gesamten Staatsapparat eingedrungen. Was noch > wichtiger ist, der Mörder ist ein Sufi, und der Sufismus wird als eine > tolerante und spirituelle Richtung des Islam angesehen. Die Anwälte gehören > auch dieser Richtung an und sie argumentieren, man könne sie nicht des > Extremismus anklagen, denn Sufis seien /per definitionem/ tolerant. Im > Übrigen sagen sie, ihr Klient sei nicht schuldig, denn nicht er habe Salman > Taseer getötet, sondern Allah. Müssen also die Richter Allah verurteilen? > > Dass die Sufi-Gemeinschaft unter anderen öffentlich den Mörder lobt und aus > ihm einen Helden des Islam macht, sagt einiges über die Zersetzung der > pakistanischen Gesellschaft aus. Nur vier Monate nach Salman Taseer wurde > Shahbaz Bhatti ermordet, der einzige Christ im Kabinett und Minister für > Minderheiten. > > Die Hälfte der wegen Blasphemie verurteilten Menschen gehört der kleinen > christlichen Minderheit an. Doch das Übel frisst sich in alle Milieus und > gibt die Möglichkeit, alte Rechnungen zu begleichen. So wurde ein Arzt ins > Gefängnis geschickt, weil er die Visitenkarte eines Pharmareferenten in den > Papierkorb geworfen hatte - und der hieß Mohammed. Oder ein junger Schiit, > dessen Motorrad bei einem Unfall an ein Mohammed geweihtes Denkmal stieß. Er > besaß den doppelten Nachteil, ein Schiit und ein Fischer zu sein, der sich > mit einem Nachbarklan um die Fischereirechte in einem See stritt. Noch > während er sich im Gefängnis befand, wurde er auf brutale Weise ermordet. > > Über tausend Menschen wurden wegen Blasphemie angeklagt -- eine > Anschuldigung, die einen gesellschaftlichen Ausschluss und eine Flucht in > den Untergrund nach sich zieht, selbst wenn es gar nicht zu einer > gerichtlichen Verurteilung kommt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der > nächste religiös begründete Mord geschieht, an einer Persönlichkeit, die > sich diesem Terrorgesetz entgegenstellt: die Abgeordnete Sherry Rehman -- > die der Innenminister angeblich nicht schützen kann. > > > ZWISCHEN MILITÄRDIKTATUREN UND KORRUPTER DEMOKRATIE > > In Pakistan gibt es keinen Staat, der über eine demokratische Legitimation > verfügte. Die meiste Zeit herrschten Militärdiktaturen im Land, zwischen > denen kurze parlamentarische Zwischenspiele stattfanden. "Parlamentarisch" > bedeutet keineswegs "demokratisch" -- der Unterschied ist bedeutungsvoll. > Die Zivilregierungen wurden von klientelistischen, korrupten und der > Geschäftswelt verpflichteten Parteien gestellt. Den Militärs wurde es leicht > gemacht, den Parlamentarismus zugunsten von bestimmten Privatinteressen als > Politik zugunsten der "politischen Klans", die "die 22 großen Familien" > vertreten, die das Land beherrschen, anzuprangern. Und die Parteien hatten > leichtes Spiel, die Militärs als unfähig hinzustellen, auf Dauer den Staat > zu lenken. Durch seine Untätigkeit hat der Generalstab es erreicht, dass > Militärregime abgelehnt werden. Durch ihre Raffsucht haben es die "großen > Familien" erreicht, dass die parlamentarischen Regime abgelehnt werden. > Beide haben die Korruption immer weiter ausgedehnt. Daraus ergab sich der > Wechsel zwischen einer direkten Machtausübung durch die Armee und dem > "direkten Zugriff" der Zivilen mittels Parlament -- ein Wechsel, der beide > Seiten gegenseitig schwächte; danach befand sich das Land schließlich in > einer tiefen Legitimitätskrise. > > Das Bündnis von Islamabad mit Washington hat diesen Zustand nur > verschlimmert. Von Pakistan aus gesehen verfügen auch die USA über keine > demokratische Legitimität. Sie haben die schlimmsten Diktaturen unterstützt > und die übelste Korruption gedeckt. Sie haben Afghanistan in einen endlosen > Krieg gestürzt. Sie entschuldigen sich auch nicht für die häufigen > militärischen "Fehlleistungen" oder "Kollateralschäden", die in der > Zivilbevölkerung, die in der Nähe der afghanischen Grenze lebt, zu einer > immer höheren Zahl von Opfern geführt haben. Bush hat das Feuer des "Kampfes > der Kulturen" angefacht, indem er /urbi et orbi/ verkündet hat, sein > christlicher Gott sei für die Entsendung von US-amerikanischen Truppen in > muslimische Länder -- und dies geschah dann auch noch auf dem Hintergrund > von Lügengebäuden wie im Irak. Trotz seines vorsichtigeren Stils hat Barak > Obama Afpak zu einem wichtigen Thema seiner Präsidentschaft gemacht, und er > schaut mit Argusaugen auf die pakistanische Politik. Er ordnete die > flagranteste Verletzung der pakistanischen Souveränität an, indem er > Kommandos losschickte, um Osama Bin Laden umzubringen. > > Die massive Finanzhilfe, die die USA Pakistan nach dem 11. September 2001 > haben zukommen lassen, hat die Lage der PakistanerInnen nicht verbessert. Im > Gegenteil, die vom Internationalen Währungsfonds (IWF) durchgesetzte > neoliberale Wirtschaftspolitik hat dazu beigetragen, die gesellschaftliche > Krise zu verschärfen. > > > EINE FRAGMENTIERTE STAATSMACHT > > Pakistan scheint ein Land zu sein, das von einer Armee strukturiert wird, > die in der Gesellschaft kampiert und den Staat kontrolliert. Doch hinter > dieser Fassade verbirgt sich eine weitgehend fragmentierte Staatsmacht. > > Wegen ihrer Allgegenwart und ihrer zentralen Rolle in der Politik hätte die > Armee jenseits der regionalen Unterschiede ein Mittel der Integration und > der Zusammenführung von Eliten sein können. Solches hat sich nicht ereignet. > Das Offizierskorps wird von Pandschabis kontrolliert und bleibt es auch > weiterhin. Die pakistanische Volkspartei (PPP), die zu einer bestimmten Zeit > die Hoffnungen der fortschrittlichen Kräfte auf sich zog und der es gelang, > im ganzen Land solidarische Strukturen aufzubauen, wurde vom Bhutto-Klan > privatisiert (der aus dem Sindh stammt, aber über beträchtlichen Einfluss > auch im Pandschab verfügt). Inzwischen ist sie eine Klientelpartei unter > anderen. Islamismus und Fundamentalismus haben die Bevölkerung nicht nur > nicht zusammengeführt, sondern die Konflikte verschärft. Die > Sonderinteressen der Herrschenden haben sich überall durchgesetzt, und das > bisweilen sogar zum Schaden der kollektiven Interessen der führenden Klassen > und der Eliten -- ein Kollektivinteresse der Besitzenden, das keine > politische Kraft je vertreten hat, nachdem der Elan der Gründerzeit von > Pakistan einmal verpufft war. > > Die Privatisierung der Staatsmacht hat zu einer Fragmentierung zwischen den > großen Familien, den Fraktionen des Militärs und den kommunitären Strukturen > geführt. Auf der Grundlage des Kräfteverhältnisses und der "Gebräuche" fällt > die Anwendung der Gesetze je nach Ort durchaus unterschiedlich aus -- und > keineswegs immer so, wie es die "Herren" vor Ort möchten. In der Politik > braucht man große Geldmittel, um ein Mandat zu bekommen, und solch ein > "business" muss sich rentieren. Die Korruption ist daher in den Augen der > Besitzenden das (legitime) Mittel, diese Rentabilität zu sichern. Die > Allianzen ändern sich je nach den Interessen jedes Klans oder jedes > Stammesrates. Alle bedienen sie ihre Klientel. > > Die Konflikte laufen gleichzeitig auf mehreren Ebenen ab: Sektenkriege > zwischen Anhängern muslimischer Strömungen, Gewaltakte zwischen > verschiedenen Gemeinschaften (Muhadschirin gegen Sindhis, Sindhis gegen > Pandschabis, Muslime gegen Christen usw.), Morde zwischen verschiedenen > rivalisierenden politischen Klans, Blutrache zwischen Stämmen, die Armee > gegen BürgerInnen, Besitzende gegen Ausgebeutete, patriarchale Herrscher > gegen Frauen usw. Hinter einem scheinbar einfachen Konflikt auf politischer > oder religiöser Grundlage verstecken sich häufig viel tiefere und > komplexere. So geben die Taliban z. B. vor, sich am weltweiten Dschihad zu > beteiligen, doch die betroffenen paschtunischen Stämme im Nordwesten > Pakistans sind in sehr lokale Machtkämpfe verwickelt, was zu sich rasch > ändernden Allianzen zwischen Klans führt. > > Ein Konflikt kann "strukturierend" sein und stabile politische > Kräftekoalitionen und auf Dauer ausgerichtete politische Projekte > hervorbringen. Dies gilt für das heutige Pakistan nicht. Tatsächlich ist es > der pakistanische Staat insgesamt, bei dem das Risiko besteht, dass er > morgen auseinander zu fallen beginnt. Wir möchten daran erinnern, dass es > sich hier um einen Staat handelt, der über Atomwaffen verfügt! > > > NEUE GEOSTRATEGISCHE GEGEBENHEITEN? > > Die "Operation Geronimo" hat in Pakistan zu einem politischen Sturm und > einem ersten mörderischen Attentat geführt. Doch bis heute gab es wenige > Mobilisierungen der Bevölkerung (die Empörung ist weniger lebhaft als nach > der Freilassung von David Ramond, einem CIA-Agenten, der mitten am Tag in > Lahore zwei Pakistanis niedergeschossen hatte). Die Regierung wird > gleichzeitig angeklagt, zugelassen zu haben, dass die USA die Souveränität > des Landes verletzten, und Bin Laden beschützt zu haben, oder aber nicht zu > wissen, was die Geheimdienste so alles tun. Die politische Krise ist tief, > doch scheint es mir schwierig zu sein, ihren Ausgang vorhersagen zu wollen. > Mehr denn je ist Pakistan ein Schlüssel im geopolitischen Spiel, an dem > zahlreiche Akteure teilnehmen. > > Die USA brauchen eine politische Lösung für den Afghanistankrieg -- also ein > Abkommen mit Teilen der Taliban, das man schwerlich durchsetzen kann, wenn > die pakistanischen Geheimdienste (die heute im Hinblick auf solche > Verhandlungen noch Mullah Omar beschützen) nicht mit im Boot sind. Doch ist > die Definition des "guten Talibans" nicht notwendiger Weise die gleiche. Für > Islamabad muss ein guter Taliban ausschließlich in Afghanistan kämpfen und > nicht gegen den pakistanischen Staat -- aber das dringendste Problem für > Washington betrifft genau jene Gruppen, die es auf die NATO-Streitkräfte > abgesehen haben. > > Islamabad möchte in keinem Fall in Kabul eine Regierung akzeptieren, die > gute Beziehungen zu Neu-Delhi unterhält -- doch Indien hat seine Aktivitäten > in Afghanistan von Jahr zu Jahr verstärkt. Dies hat die gegenwärtige Krise > beschleunigt, denn die pakistanischen Regierungsbehörden hatten wohl das > Gefühl, dass hinter ihrem Rücken Verhandlungen über Afghanistan stattfanden, > um zu einem Abkommen zu kommen, bei dem sie keine Rolle spielten. > > Schließlich hat Peking eigene Karten und unterstützte in der Affäre um Bin > Laden Islamabad bedingungslos. In Pakistan gibt es bereits Kräfte, die zu > einer Veränderung bei den Bündnissen aufrufen, um die Möglichkeit der > Erpressung gegen Washington wiedergewinnen zu können: Wenn man drohte, sich > ausschließlich auf China zu stützen, hätte das seine Wirkung, weil das > Gewicht des Freundes in Asien beständig zunimmt; dann könnte man die > imperialistische Arroganz der USA anprangern. > > Sicherlich möchte die Regierung der PPP nicht mit Washington brechen, denn > ohne dessen Hilfe würde sie stürzen; auch die Regierung Obama möchte die > Lage nicht weiter anheizen. Doch sie sind nicht die einzigen Spieler am > Tisch. > > In diesem Schachspiel (oder Go oder Poker), das um das > afghanisch-pakistanische Operationsfeld geführt wird, sind die betroffenen > Bevölkerungen die großen Abwesenden. Doch sie kämpfen auch ... > > Solche Kämpfe gab es auf Seiten der Ziegeleiarbeiter, die im Hinterland > sklavenähnlichen Bedingungen unterworfen sind, oder bei den Textilarbeitern > im Wirtschaftszentrum Faisalabad. Es sind die Bauern des Pandschabs oder die > Fischer des Sindh, die gegen die militärischen Einrichtungen kämpfen. Es > sind die Frauen, die tagtäglich Widerstand gegen eine uralte patriarchale > Unterdrückung leisten -- oder aber auch gegen den mächtigen Aufstieg des > religiösen Fundamentalismus. Es sind die fortschrittlichen Kräfte aller > Richtungen, die versuchen, die demokratischen und die Menschenrechte zu > verteidigen. > > Diese Kämpfe des einfachen Volkes kommen in den Schlagzeilen der > internationalen Medien nur selten vor. Das macht sie nicht weniger wichtig. > Nachdem wir den "Kriegsschauplatz Pakistan" behandelt haben, müssten wir sie > in einem Artikel mit dem Titel "Kampfschauplatz Pakistan" ehren. > > > Pierre Rousset ist Mitglied des Exekutivbüros der IV. Internationale und der > Neuen Antikapitalistischen Partei Frankreichs (NPA). Er arbeitet im Netzwerk > Europe solidaire sans frontières (Solidarisches Europa ohne Grenzen, ESSF) > mit, dessen Website eine wahre Fundgrube für die internationale Aktualität > ist. (www.europe-solidaire.org) > Übersetzung: Paul B. Kleiser > > > > ------------------------------------------------------------------- > Aus: Inprekorr Nr. 4/2011 (Internationale Pressekorrespondenz) > Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht > Bestellungen: Inprekorr, Hirtenstaller Weg 34, 25761 Büsum > E-Mail: vertrieb(at)inprekorr.de > Doppelheft: 4 EUR; Schnupperabo: Ein halbes Jahr für 10 EUR > Jahresabo: 20 EUR (Inland), 12 EUR (ermäßigt), E-Abo 50% > Artikel im CL-Datennetz: cl.medien.inprekorr > Artikel im Internet: http://www.inprekorr.de > ------------------------------------------------------------------- > > ----- > [1] Der Apachenkrieger Geronimo wurde am 16. Juni 1829 geboren und starb am > 17. Februar 1909 im Gefängnis. Bei seiner Geburt wurde er Go Khla Yeh (der > Gähnende) genannt; er kämpfte in Mexiko und den USA. Das Weiße Haus hat > diesen Namen Geronimo an Osama Bin Laden vergeben, eine bezeichnende > Namengebung, aus der eine tiefe Verachtung einer der wichtigsten Gestalten > des indianischen Widerstandes gegen die europäische Landnahme Nordamerikas > spricht. Sie zeigt aber auch eine sowohl unfreiwillige wie unverdiente > Ehrung für Bin Laden. > [2] Inter-Services Intelligence, die wichtigste und mächtigste der drei > pakistanischen Geheimdienstorganisationen. Sie hängt eigentlich von der > Regierung ab, stellt aber einen Staat im Staate dar. > [3] Dieser Punkt ist mir wichtig. Der Begriff "Scharia" ist sehr vage und > für viele Interpretationen offen. Für viele Muslime handelt es sich um ein > spirituelles Konzept, eine Richtschnur für den persönlichen Weg, und nicht > um einen rigiden juristischen Codex. Es hat verschiedene Einflüsse bei der > Ausarbeitung der Rechtsprechung gegeben, je nach Land und Rechtsschule. Das > muslimische Recht ist veränderlich und kein unbewegliches, "heiliges" Recht. > Was man häufig als Anwendung der Scharia ansieht, stellt tatsächlich eine > äußerst reaktionäre Interpretation des muslimischen Rechtes dar. > [4] Pakistanische Volkspartei. >
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