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"Mindestens zehnprozentige Steuer auf Millionenvermögen"
Reinhard Jellen 12.12.2008
Interview mit Sahra Wagenknecht, Teil 2
Zu Teil 1 (1) des Interviews
Sind mit dem Platzen der Finanzblase auch reiche Menschen ernsthaft
betroffen oder fallen diese – aufgrund der von der Regierung gegebenen
unbegrenzten Garantie für Sparguthaben wieder relativ weich?
Sahra Wagenknecht: Die Garantie wird noch gar nicht relevant weil bisher
in Deutschland noch keine Bank derart zusammengebrochen ist. Das Problem
mit den wirklich Reichen ist, dass sie ihr Vermögen so diversifiziert
haben, dass sie, auch wenn sie an einzelnen Stellen Verluste haben, in
der Summe ständig Vermögenszuwächse verbuchen können. Wenn man dort
etwas ändern will, muss man tatsächlich politisch andere Schritte gehen.
Ich bin z. B. der Überzeugung, dass man in Deutschland eine mindestens
zehnprozentige Steuer auch auf Millionenvermögen erheben sollte um
tatsächlich Vermögen umzuverteilen. Dann kann man auch mit diesem Geld
solche Verluste übernehmen.
„Neue Dimension des Lohndumpings“
Das wäre ein erster Schritt einer Umverteilung währenddessen eine
platzende Finanzblase relativ unkoordiniert verschiedenste
Einkommensgruppen trifft und gerade die Reichen wegen der breiten
Streuung ihrer Vermögen oft keine besonders gravierenden Verluste zu
verzeichnen haben. Wenn Aktienkurse fallen ist das zwar auch ein
Verlust, aber es ist beispielsweise für nächstes Jahr schon wieder
angekündigt, dass hohe Dividenden ausgeschüttet werden sollen, was in
der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation ein Unding ist.
Worin sehen Sie im Moment die größte Gefahr für die Lohnabhängigen?
Sahra Wagenknecht: Die größte Gefahr ist natürlich, dass die miserable
Lohnpolitik, die wir sogar während des sogenannten Aufschwungs hattenl,
mit dem Krisenargument und der Erpressung durch mögliche
Arbeitslosigkeit fortgesetzt wird. Das ist genau der falsche Weg. Gerade
als Reaktion auf die Krise brauchen wir kräftige Lohnsteigerungen. Das
wäre auch der einzige Weg, wie sich die Wirtschaft wieder stabilisieren
könnte. Aber man wird natürlich versuchen mit weiteren Entlassungen neue
Dimensionen des Lohndumpings zu eröffnen.
Würde es zu Ihrer sehr empirisch orientierten Analyse nicht passen,
wieder auf die Philosophie zurückzukommen, um z.B. anhand des Marxschen
Entfremdungstheorems die wachsende Unterordnung der Menschen unter von
ihnen selbst produzierte Dinge und Strukturen im Finanzkapitalismus zu
kritisieren?
Sahra Wagenknecht: Freilich hat sich dieses System schon sehr stark
verselbständigt und es besitzt eine immanente Logik, nach der das Ganze
funktioniert, in die sich auch die Herrschenden einordnen, wobei sie
auch diejenigen sind, die davon profitieren. Ihnen geht es ja nicht nur
wie dem Zauberlehrling, der völlig entsetzt die Ergebnisse seines Tuns
anschaut, sondern sie wollen das bisherige Modell eines entfesselten
Kapitalismus fortschreiben, weil es ihnen nützt. Dennoch kann man auch
an ihren Reaktionen ablesen, dass sie auch merken, dass sie die
Entwicklung nicht mehr hundertprozentig im Griff haben.
„Es ist eindeutig, dass der Kapitalismus elementare Dinge nicht mehr
gewährleistet“
Die Frage ist wie der Kapitalismus darauf reagiert. Historisch hat er in
Situationen, in denen er große wirtschaftliche Probleme hatte, nicht nur
Demokratie abgebaut, sondern wirklich abgeschafft. Die letzte
Weltwirtschaftskrise hatte gerade in Europa nicht nur wirtschaftlich
verheerende Folgen, sondern auch politisch.
Müsste die langjährige Diskussion über die Verwerflichkeiten und
Vorteile des Kapitalismus nicht auch einmal grundlegend in die Bahnen
einer Diskussion über Fremd- und Selbstbestimmung des Menschen gebracht
werden?
Sahra Wagenknecht: Vor allem muss man sich die Frage stellen, zu welchem
Zweck die Wirtschaft überhaupt existiert. Es ist eindeutig, dass der
Kapitalismus elementare Dinge, die eigentlich eine wirtschaftliche
Ordnung gewährleisten sollte, nicht mehr gewährleistet. Er ist eine
Wirtschaftsordnung, die im globalen Maßstab Hunger erzeugt und Menschen
ermordet, denn anders kann man es nicht beschreiben, wenn Menschen
verhungern und selbst in den Industrieländern immer mehr Menschen
ausgegrenzt und in schlimme Armut gestürzt werden obwohl wir
technologisch längst in der Lage wären, jedem Menschen einen gesicherten
Lebensstandard zu sichern. Eine Wirtschaftsordnung, die hier versagt ist
krank und gerade in der Krise sollte man über Alternativen nachdenken.
Das Thema Finanzkrise sollte für die Linke ein gefundenes Fressen sein.
Doch in den Medien ist derzeit nicht viel von Ihrer Partei zu hören? Warum?
Sahra Wagenknecht: Zum Teil wird die Linke mit ihren Vorschlägen auch
geschnitten. Wir haben ja konkrete Vorschläge wie die Millionärssteuer
(2) und erheben die Forderung, nicht jetzt in der Krise die Verluste zu
verstaatlichen, sondern überhaupt den gesamten Finanzsektor in
öffentliches Eigentum zu überführen um die blinde Renditejagd mit ihren
negativen Folgen in Zukunft überwinden zu können. Ich denke schon dass
die Linke Antworten (3) hat, aber vielleicht könnte man diese in der
Öffentlichkeit etwas offensiver vertreten.
„Zu wenig starke Akteure“
Das Problem mit dieser Krise aber ist, dass man sich nicht einfach
hinstellen kann und eine Steuer und mehr Regulierung fordern, sondern
die Krise ist schon der Anlass um die Frage nach einer grundlegenden
Systemalternative zu stellen. Und das sollte die Linke meines Erachtens
ruhig noch lauter tun.
Sehen Sie im Moment einen gesellschaftlichen Akteur, der sich gegen die
von der Politik weltweit eingeschlagene Entwicklung einer Sozialisierung
der Verluste und einer baldigen Reprivatisierung der Gewinne stemmt?
Sahra Wagenknecht: Sicherlich gibt es noch viel zu wenig starke Akteure
und internationale Abstimmung und solange das so ist wird die Politik
ihr Spiel wie gehabt durch ziehen. Wir brauchen eine starke Bewegung
außerhalb der Parlamente aber auch politische Kräfte, die der Bewegung
eine Stimme geben. Das ist die Aufgabe der Linken und anderer linker
Parteien in Europa. Leider agieren die Linken in vielen Ländern zu
defensiv. Gerade die grundlegende Frage nach einer Systemalternative
sollte man international stellen.
Könnte hierbei die derzeitige deutsche Gewerkschaftsbewegung eine Rolle
spielen und wenn ja, warum tut sie es nicht?
Sahra Wagenknecht: Weil die Gewerkschaften in sich nicht einig sind. Es
gibt Teile der Gewerkschaften, die ihre Anhängerschaft der SPD, die nun
wirklich eine neoliberale Partei geworden ist, überwunden haben aber
auch einen immer noch erheblichen Anteil, der sich genau in dieser
Gefolgschaft sieht. Das bringt große Schwierigkeiten mit sich. Insoweit
ist der letzte Abschluss im Metallbereich nicht gerade ein Beleg der
Stärke. Man muss also sehen wie man die Zusammenarbeit mit den
Gewerkschaften in eine wesentlich offensivere Richtung lenken könnte.
Könnte man die Krise sogar nutzen um etwaige gesellschaftliche
Alternativen voranzubringen?
Sahra Wagenknecht: An sich braucht man die Krise nicht, um Alternativen
zu erreichen. An sich sind Alternativen immer eine Frage von
Kräfteverhältnissen. Alternativern sind auch möglich, wenn es keine
Krise gibt. Aber natürlich haben wir gerade eine wirtschaftlich
desaströse Situation und eine Krise, die auch in einem Jahr nicht
überwunden sein wird. Die Hoffnung ist, dass dies schon bei immer mehr
Menschen ein Nachdenken hervorruft.
Müsste man, um dem Machtmissbrauch der Eliten Einhalt zu gebieten, die
Gesetze verschärfen oder die bestehenden Gesetze adäquat anwenden - oder
nützen in diesem Fall die besten Gesetze und Gesetzeshüter nichts?
Sahra Wagenknecht: Den Sozialismus wird man nicht nur anhand von
Gesetzen einführen, dazu braucht man eine ganz andere gesellschaftliche
Bewegung. Aber erste Schritte wären durchaus Gesetze, welche z.B. einen
Großteil der spekulativen Kapitalbewegungen verbieten und den
Kapitalverkehr wieder regulieren. Dafür sollte man sich schon einsetzen.
Teile der marxistischen Linken, wie etwas Robert Kurz (4), werfen den
Globalisierungskritikern vor, mit ihrer Kritik des raffenden und der
Lobpreisung des schaffenden Kapitals in antisemitische Denkstrukturen
zurückzufallen. Ist dieser Vorwurf Ihrer Meinung nach ganz abwegig oder
steckt dahinter auch ein realer Kern?
Sahra Wagenknecht: Erst einmal glaube ich nicht, dass linksorientierte
Globalisierungskritiker das Vokabular vom raffenden und schaffenden
Kapital benutzen. Es ist völlig absurd die Globalisierungskritik als
antisemitisch zu verunglimpfen.
„Es haben sich erhebliche Entwicklungen vollzogen“
Dass man zwischen produktiven, realen Investitionen und Finanzkapital
differenziert und berücksichtigt, dass im heutigen Kapitalismus das
Finanzkapital letztlich bei der Verringerung von Verteilungsspielraum
eine erhebliche Rolle spielt, was hat das mit Religion zu tun? Die
antiproduktiven und antiinnovativen Tendenzen des heutigen
Finanzkapitalismus sollte man zum Thema machen. Wo Herr Kurz hier
Antisemitismus wittert ist mir unerfindlich.
Wobei in der marxschen Analyse die sogenannte Überakkumulation von
Kapital und das Ausweichen in die Sphären des fiktiven Kapitals, also
Produktion und Spekulation miteinander verzahnt sind...
Sahra Wagenknecht: Die sind auch miteinander verzahnt. Gerade heute sind
viele Produktionsunternehmen Finanzunternehmen geworden. Z.B. hat
General Motors jahrelang mehr Gewinne gemacht mit seinen
Finanzgeschäften als mit dem Verkauf von Autos. Deswegen ist dieses
Unternehmen auch technologisch zurückgeblieben und das hat auch damit
etwas zu tun, dass die reale Nachfrage auf Grund der kapitalistischen
Verteilungsverhältnisse nicht vorhanden ist. Das mit zu thematisieren
heißt ja nicht, dass man die antiproduktive Tendenz des heutigen
Kapitalismus leugnen muss. Und ich finde schon gar nicht, dass man damit
in die Nähe der Nazis kommt. Ich finde solche Denunziationen ziemlich
absurd.
Noch eine letzte Frage: Was ist Ihrer Meinung nach das größte Manko der
Marxschen Analyse?
Sahra Wagenknecht: Das größte Manko besteht darin, dass es eine
Weiterentwicklung der Marxschen Analyse seit den 70er Jahren und einen
lebendigen marxistischen Diskurs kaum noch gegeben hat. Aber ich hoffe,
dass sich das wieder langsam entwickelt und die Marxsche Analyse
fortgeführt werden kann. Hier gibt es aber auch ein Problem: Wir
brauchen wieder Diskussionszusammenhänge, in denen marxistische Theorie
weiterentwickelt wird. Natürlich kann man die Welt anhand des “Kapitals“
allein nicht erklären, aber es gibt Grundlagen, Hilfsmittel und
Werkzeuge um die Realität zu verstehen. Aber wir brauchen die eigenen
Köpfe um hier noch ein ganzes Stück weiter zu denken, denn es haben sich
erhebliche Entwicklungen vollzogen, die jetzt analysiert und begriffen
werden müssen.
Links
(1) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29298/1.html
(2)
http://die-linke.de/politik/themen/die_internationale_finanzkrise_2008/detail/zurueck/die-internationale-finanzkrise-2008/artikel/banken-in-oeffentliche-kontrolle-und-millionaersteuer/
(3) http://die-linke.de/politik/themen/die_internationale_finanzkrise_2008/
(4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28905/1.html
Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29299/1.html
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