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http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2008/nr15/Wissen/16180.html
Lateinamerika
Der Wandel ist kein Zufall
Von Sonja Wenger
Dass sich der Kontinent nach links bewegt, sei nicht Parteien, sondern
sozialen Bewegungen zu -verdanken, schreiben die AutorInnen eines
lesenswerten Sammelbandes. In jahrzehntelanger Arbeit sei es auf lokaler
Ebene gelungen, das Selbstbewusstsein der Bevölkerung zu stärken.
Es ist spannend, was sich seit einigen Jahren auf der politischen Bühne
Lateinamerikas abspielt: In vielen Ländern -haben sich jene Kandidaten
durchgesetzt, die sich nicht nur in ihren politischen Programmen dem
Neo-liberalismus wi--dersetzten, sondern ihren Versprechungen auch konkrete
Handlungen folgen liessen. Sei es mit der Wiederverstaatlichung der Erdöl
fördernden Betriebe in Venezuela und Bolivien. Sei es - wie in Bolivien und
Ecuador - durch das Einberufen einer neuen verfassunggebenden Versammlung,
die sich nicht nur aus der politischen Elite, sondern vor allem auch aus
VertreterInnen verschiedener indigener Völker und sozialer Bewegungen
zusammensetzt. Oder sei es durch greifbare Bemühungen, die Folgen von
krasser Armut, wirtschaftlicher Not und ungerechter Verteilung zu bekämpfen.
Dass es sich bei diesen Machtverschiebungen keineswegs um rein «zufällige
Wahlerfolge» oder «kurzfristig vorbereitete Putsche linksgerichteter
politischer Fraktionen» handelt, ist die These, die Leo Gabriel und Herbert
Berger, die Herausgeber des Sammelbands «Lateinamerika im Aufbruch»,
vertreten. Vielmehr seien sie die Folge eines «tief sitzenden Wandels des
politischen Bewusstseins und der gesellschaftlichen Strukturen der
Bevölkerungsmehrheiten». Was heute passiere, sei der Höhepunkt einer
Entwicklung, die bereits seit rund fünfzig Jahren andauere.
Gestärktes Selbstbewusstsein
Die meisten dieser - verallgemeinernd als links bezeichneten - Regierungen
verbindet weniger eine gemeinsame politische Ideologie als ihr Ursprung in
den sozialen Bewegungen. Einige der bekanntesten Beispiele sind die
brasilianische Landlosenbewegung MST, die ecuadorianische Indigenenbewegung
Conaie, die argentinische Arbeitslosenbewegung der «Piqueteros» oder
Boliviens Regierungspartei MAS, die aus der Bewegung der KokabäuerInnen
entstand. Bereits in den -achtziger Jahren haben sich die anfänglich nur
lokal aktiven Bewegungen immer stärker ausgetauscht und sind später zu
-grossen oder gar grenzüberschreitenden -Organisationen zusammengewachsen.
Das zeigt das Beispiel von Via Campesina, dem weltweiten Netz von
Bäuer-Innen, an dem seit seiner Gründung viele lateinamerikanische
Organisationen beteiligt sind. Die AutorInnen zählen unter anderem auch
Gewerkschaften, studentische Gruppen, natio-nale Organisationen für Frauen
oder MigrantInnen und die indigene Guerillaorganisation Zapatistische Armee
der Nationalen Befreiung (EZLN) im mexikanischen Bundesstaat Chiapas zu den
sozialen Bewegungen. Sie waren auf lokaler Ebene äusserst erfolgreich und
haben so mitgeholfen, das Selbstbewusstsein der seit Jahrhunderten
vernachlässigten Bevölkerung zu stärken und ein «nie da gewesenes Klima der
Politisierung» zu schaffen.
Packende Theorie
Das Buch «Lateinamerika im Aufbruch» kann also aus einer schier
un-überblickbaren Fülle an Bewegungen und Fällen schöpfen. Entsprechend
exemplarisch bleibt die Auswahl, welche die beiden Herausgeber getroffen
haben. Unterschiedlich ist auch die inhaltliche Herangehensweise der elf
AutorInnen - und erstaunlich spannend ist die Textsammlung dann doch zu
lesen. Trotz viel Theorie, historischer Daten und Analysen, wenig grafischer
Auflockerung und gänzlich fehlenden Bildmaterials vermögen die Berichte zu
packen. Es entsteht ein faszinierendes Gefühl, Geschichte in ihrem
Entstehungsprozess zu erleben. Die besprochenen Themen umfassen den Versuch
von Salvador Allende, in Chile Anfang der siebziger Jahre eine
sozialistische Demokratie durch Reformen statt durch eine Revolution
umzusetzen, den Aufstieg und die überraschende Politik von Argentiniens
Néstor Kirchner, Präsident Luiz Inácio «Lula» da Silvas Wirtschaftspolitik
in Brasilien, Hugo Chávez' Werdegang zu einer der umstrittensten
Führungspersönlichkeiten des Subkontinents, Evo Morales' erstes Jahr im Amt
als bolivianischer Präsident und zuletzt einen flammend geschriebenen Text
über den aufreibenden Zustand zwischen «Autoritarismus des Staates und
Widerstand des Volkes» in Mexiko.
Analytisch oder solidarisch?
«Lateinamerika im Aufbruch» zeugt von einem tiefen Verständnis der Materie.
Dennoch scheinen die AutorInnen des Sammelbands streckenweise den objektiven
Blick auf die Situation zu verlieren und können sich nicht immer
entscheiden, ob sie nun analytisch oder solidarisch sein wollen. Ausserdem
wären ein Glossar und ein Stichwortverzeichnis hilfreich gewesen. Trotzdem
ist das Buch ein gut strukturiertes und aktuelles Nachschlagewerk. Für
Kennerinnen wie für Neueinsteiger bietet es eine gute Basis, um die
aktuellen Entwicklungen besser einordnen zu können.
WOZ vom 10.04.2008
«Lateinamerika im Aufbruch. Soziale Bewegungen machen Politik»
Berger, Herbert / Gabriel, Leo (Hrsg.)
Mandelbaum Verlag. Wien 2007.
309 Seiten. Fr. 32.40. [17,80 EUR]
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