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Linke Zeitung, 28.8.07
100 Jahre Arbeiterbeschwichtigung
von Montgomery Burns
Vor genau hundert Jahren wurde in Stuttgart die Sozialistische Jugendinternationale gegründet. Erster Vorsitzender war kein Geringerer als Karl Liebknecht. Sein Anliegen war vor allem die Erziehung der Jugend zum Antimilitarismus. Manch einer mag sich sieben Jahre später im Schützengraben dran erinnert haben.
Was seinerzeit als Verband junger Arbeiterinnen und Arbeiter begann, mutierte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem Club sozialdemokratischer (Regierungs-)Parteijugendorganisationen. Eben jene trafen sich an diesem Wochenende im Postbahnhof in Berlin-Friedrichshain um sich selbst zu feiern und ein bisschen Sozialismus, einige sogar ein bisschen Revolution, zu fordern. In Deutschland hat die IUSY zwei Mitgliedsorganisationen, welche da wären: Die "Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken" und die "JungsozialistInnen in der SPD".
Der Autor konnte sich glücklicherweise umsonst reinschmuggeln. Ein Tagesticket der Veranstaltung hätte 40? gekostet.
"Ich bin echt sauer. Da beschäftige ich mich seit 15 Jahren mit Anti-Atompolitik und jetzt werden wir von e-on gesponsort!" meint ein Mann im roten T-shirt hinterm Juso-Stand. Die Tatsache, dass ausgerechnet e-on (Stichwort Atomkraftwerke), Deutsche Telekom (Stichwort Arbeitsplatzabbau) und Microsoft (Stichwort Wissensmonopol) Anzeigen in der Festschrift geschaltet haben, sorgte bereits im Vorfeld für einigen Unmut vor allem bei den Falken, die tendeziell deutlich links von den Jusos stehen (aber auch deutlich weniger Mitglieder haben).
Doch auch die Sachen, die der Mann so anzubieten hat sind ein wenig verwirrend. "Kapitalismus ist neben Patriachat, Rassismus und Antisemitismus ein Strukturmerkmal unserer Gesellschaft, dessen Kritik zur Erlangung einer anderen, solidarischen, menschenwürdigen Welt notwendig und zwingend bleibt. Oftmals gleitet scheinbare Systemkritik in reaktionäre Versatzstücke ab. Gerade aufgrund der Notwenidigkeit von Kapitalismuskritik und antikapitalistischer Politik sind reaktionäre Ansätze, die sich genau dies auf die Fahnen schreiben, aber dieses nicht leisten, aufzudecken und offensiv zu bekämpfen." heißt es dort in einem Pamphlet der Jusos Berlin. Reaktionäre Ansätze, die sich Kapitalismuskritik auf die Fahnen schreiben. Ist das nicht die Politik der SPD?
Guantanamo-Minister Steinmeiers Geleitwort steht in besagter Festschrift und manch einer ist noch ganz angetan von der Rede eines Problembären namens Beck, der bereits am Mittag seinen Auftritt hatte. Die Treppen nach oben, gelangt man zur Konzerthalle, in der Culcha Candela auftritt. Und dort liegt auch die e-on-Bar, die der Akw-Betreiber freundlicherweise gesponsort hat. (Nein, Spaltbar heißt sie leider nicht.) Alkoholfreies gibt.s sogar für lau. Ansonsten trifft man Andrea Nahles, Blauhemden, ein paar Menschen aus Übersee, einige Jackett-Träger, viele im H&M-Freizeitlook, einige wenige im schwarzen Dress. Oben hängen Parolen aus vergangenen Tagen: "Republik das heiß nicht viel, Sozialismus ist das Ziel. Die Arbeitklasse ist der natürliche Feind des Krieges. Freiheit für Chile" etc. steht auf gedruckten Transparenten. Der Klomann soll 4? die Stunde bekommen. Die Jusos sind sauer, weil ein paar Falken immer wieder den Stecker der e-on-Leuchtwand herausziehen.
Unten steht ein Mitglied einer Berliner Antifagruppe auf der Suche nach Streit und fragt, ob die Sozialdemokraten nicht schon 1918 die Arbeiterklasse verraten hätten. Aber er seie doch Sozialist und habe für Friedrich Ebert nichts übrig, entgegnet ihm der angesprochene Juso.
Ein paar Falken wollen mit einem Anti-AKW-Transparent zur e-on-Bar ziehen. Das aber verbietet der Bundesvorsitzende. Man habe schon genug Stress mit den Jusos, das Fass dürfe jetzt nicht überlaufen, solche Dinge könnten später diskutiert werden, aber man könne und dürfe doch jetzt nicht die Partnerorgansation und den Sponsor verärgern. Statt dessen könne man doch einen "Speakers corner" am Ausgang aufstellen, wo noch mal jeder seine Meinung kundtun dürfe. Die Falken-Aktivisten sind mit dem Kompromiss sichtlich zufrieden.
Fazit IUSY: Ein bisschen links, ein bisschen Staat, ein bisschen Kapital.
Einige beherzte AKW-Gegner aus dem Umfeld der Berliner Falken verstießen dann später doch noch gegen die Weisung ihres Bundesvorsitzenden und verschönerten die e-on-Leuchtwand mit Hilfe von Klebeband. Wie lange es gehalten hat weiß der Autor nicht. Er fand die Party nicht sehr spannend und ging bald wieder. Der "International Union of Socialist Youth" und allen anderen Sozialdeokraten widmet er folgendes Gedicht von Erich Mühsam:
Der Revoluzzer
War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.
Und er schrie: "Ich revolüzze!"
und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.
Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
seine Gaslaternen putzt.
Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.
Aber unser Revoluzzer
schrie: "Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!
Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt , -
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!"
Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.
Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.
http://www.youtube.com/watch?v=OcTxHONF2TU
http://www.youtube.com/watch?v=RPGvJDpFXB8
http://www.taz.de/index.php?id=deutschland&art=3649&id=deutschland-artikel&cHash=3c6d54bb46
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