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Fw: Antwort: [net-hh] Globale Energiekrise: Gruene Illusionen, linke Ignoranz (Kommentar)

-----Original Message-----
From: GRUENE LIGA Bundesverband [mailto:bundesverband@grueneliga.de] Sent: Thursday, April 20, 2006 9:10 AM
To: greenhouse@jpberlin.de
Subject: Fw: [net-hh] Globale Energiekrise: Gruene Illusionen, linke Ignoranz (Kommentar)

Kommentar zu: "Globale Energiekrise: Grüne Illusionen und linke Ignoranz" von Bruno Kern, Mainz (eMail 19.04.2006)

von Tilo Wille, Leipzig

Bruno Kern hat über <greenhouse@jpberlin.de> einen wunderschönen Artikel verbreitet, in dem er über BündnisGrüne, die Öko-SPDler und sonstige Linke schimpft (s. unten), selbst aber keine Alternative aufzeigt. Ach doch, am Ende ruft er ja zu einem radikalen Umdenken auf. Toll, aber wohin?

  1. Behauptung: Erneuerbare Energien bringen nichts, deren Herstellung braucht ja (wie Atomkraftwerke) fossile Energie. Gegenthese: Der Herstellungsaufwand kann und muss, wenn man selbst Erneuerbare-Energie-Anlagen baut, auch aus diesen kommen.
  2. Behauptung: Energieeffizienz bringt nichts, weil wir mit unseren Konsumansprüchen an Effizienzgrenzen stoßen. Frage: Sollen wir's sein lassen?
  3. Behauptung: Das kapitalistische Wirtschaftswachstum will man um keinen Preis in Frage stellen. Frage: Wer ist "man"?

Offenbar hat Herr Kern die Kritisierten sehr selektiv gelesen. Die Energiewende (oder Energierevolution) scheitert nicht an Strategien und an Potenzialen, sondern an der politischen Umsetzbarkeit. Die Grenzen des Wachstums sind denkenden Menschen spätestens seit dem "Club of Rome" bekannt. Aber gegen die Menschen sind politische (oder auch ökologische) Konzepte nur mit Hilfe von Diktaturen umsetzbar. Ich habe kein Vertrauen, dass eine "Ökodiktatur" wirklich funktioniert und die Welt rettet. Und einen funktionierenden Ökosozialismus habe ich auch noch nicht kennen gelernt.

Die o.g. Punkte 1., 2. und 3. getrennt zu betrachten ist völlig unsinnig. Soziale und kulturelle Werte wieder entdecken und sich dem Konsumwahn entziehen, seinen Energiebedarf (den privaten und gesellschaftlichen) ohne Verschwendung aus erneuerbaren Energien decken, regionale Kreisläufe wieder entdecken und stärken, mobil sein ohne Kerosin und Schnellstraßen, das ist alles bekannt, aber nur machbar, wenn es wieder von unten wächst. Wir brauchen eine echte Graswurzelrevolution, die uns irgendwann im Keim erstickt ist. Dennoch habe ich die Hofnung, dass es immer noch eine gar nicht kleine ökosoziale Basis und nicht nur "Grüne" oder "Linke" MdBs gibt.

Gerade Hermann Scheer beschreibt in seinem Buch "Energieautonomie" (Verlag Antje Kunstmann, München 2005, ISBN 3-88897-390-2) recht gut, was nötig ist, wo die politischen, wirtschaftlichen und privaten Hemmnisse sind und welches Aufbäumen gegen die Energiewende der drohende Machtverlust der Energie- und Ölkonzerne verursacht. Ich erkenne bei ihm und anderen Streiter/innen für ökosoziale Gerechtigkeit keinesfalls, dass es um ein "Weiter wie bisher" ginge. Natürlich kann man verschiedener Meinung über die Radikalität des Umbruchs sein, aber ohne die Menschen mitzunehmen geht es schlecht.

Auch kann man verlangen, Scheer, Müller und andere SPD-Linke müssten sich von der SPD der Wirtschaftsgläubigen - Schröder, Clement... - lossagen, BündnisGrüne und ökologische Linke vom Machtgerangel. Aber ein besseres System als die parlamentarische Demokratie hat leider noch niemand erfunden. Geändert werden muss die wählende (oder nicht wählende) Masse. Hier sollte Bruno Kern seine Ansatzpunkte für eine bessere Gesellschaft beschreiben. Allein ein "So nicht" bewirkt nichts. Und nicht alle, die das Gleiche wollen, sind meine Gegner.

Übrigens: Die beste Gesellschaftsform ist die Anarchie. Nur benötigt sie die idealen Menschen. Und die gibt es leider nicht.

Tilo Wille
Sprecher des Facharbeitskreises Energie der GRÜNEN LIGA - Netzwerk Ökologischer Bewegungen


Absender: "Greenhouse/JPBerlin" <greenhouse@jpberlin.de>
Datum: 19.04.2006 01:35
Thema: Fw: [net-hh] Globale Energiekrise: Gruene Illusionen, linke Ignoranz (Kommentar)

http://rs.net-hh.de/archiv/23914.htm

Grüne Illusionen und linke Ignoranz

Bruno Kern, Mainz

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor nunmehr zwanzig Jahren hat die Welt erschüttert. Das hohe Risiko der Atomenergie wurde schlagartig bewusst. Die Endlagerfrage ist bis heute weltweit ungelöst. Es ist überdies ein Märchen, dass die Atomenergie das Treibhausgas Kohlendioxid nicht freisetze. Wenn man über den laufenden Betrieb hinaus die Bilanz des gesamten Prozesses vom Uranabbau bis zur Endlagerung aufmacht, sieht die Rechnung schon wesentlich anders aus. Gerne vergessen wird auch, dass der Rohstoff Uran nicht unerschöpflich ist, vielmehr sogar in absehbarer Zeit nicht mehr in genügendem Maß verfügbar ist.

Dass das Zeitalter der fossilen Energien kurz vor dem Ende steht, ist inzwischen hinlänglich klar geworden. Vor allem das Erdöl geht unaufhaltsam zur Neige. Die Förderbedingungen in den großen Ölfeldern werden immer schwieriger. Der nötige Druck muss immer mehr durch das Einbringen von Wasser erzeugt werden, was wiederum die Qualität des Öls verschlechtert. Die Erschließung neuer Ölfelder ist aus Sicht der Geologen nicht mehr in nennenswertem Maß zu erwarten. Die Fachleute gehen mehrheitlich davon aus, dass der "Peak", also der Höhepunkt der Förderung, von dem aus es dann unaufhaltsam bergab geht, entweder bereits erreicht wurde oder kurz bevorsteht.

Inzwischen macht sich auch der Treibhauseffekt immer stärker bemerkbar. Das Münchner Fraunhofer Institut hat vor einigen Jahren das Szenario für den Fall entworfen, dass die Treibhausgase nicht in nennenswertem Maße reduziert würden. Bis zum Jahr 2030 sei unter anderem mit 900 Mio. bis 1,8 Mrd. zusätzlicher Hungertoter aufgrund der Verschiebung von Vegetationszonen zu rechnen! Wer sich programmatisch "soziale Gerechtigkeit" auf die Fahnen schreibt, sollte dies nicht länger ignorieren. Um den Treibhauseffekt so in Grenzen zu halten, dass wir seine Auswirkungen noch einigermaßen bewältigen können, darf die Durchschnittstemperatur langfristig um nicht mehr als 2 Grad Celsius steigen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist aber weltweit eine Halbierung des Ausstoßes von Kohlendioxid bis zum Jahr 2050 nötig. Da die Industrieländer der Ersten Welt aber verhältnismäßig mehr Treibhausgase in die Luft blasen, bedeutet das für sie eine Reduktion um 90 Prozent! Davon geht unter anderem das renommierte Wuppertal Institut aus.

Wie ist das zu bewerkstelligen? Die Bündnisgrünen und Teile der SPD, allen voran der Präsident von Eurosolar, Hermann Scheer, verbreiten eine ebenso naive wie gefährliche Illusion. Sie suggerieren, dass im Grunde alles so weiter gehen könnte wie bisher, dass unser Wohlstand und das wirtschaftliche Wachstum im Wesentlichen nicht in Frage stehe, dass man lediglich die Basis der Energieversorgung auf sog. "erneuerbare Energien" umstellen müsse. Die Sonne, so etwa Scheer, sei im Überfluss vorhanden, man müsse sie nur "anzapfen". Diese Sichtweise ist aber ebenso grundfalsch wie die Behauptung, Atomkraftwerke würden keinen Ausstoß von Kohlendioxid verursachen. Hier wie dort muss man nämlich den Gesamtprozess betrachten, also z.B. nicht nur das Photovoltaik-Kraftwerk im laufenden Betrieb, sondern den gesamten Prozess angefangen vom Bagger, der den Sand fördert, aus dem das Silizium für die Photovoltaik-Zellen gewonnen wird. Die technischen Anlagen, die Infrastruktur usw., die für die Bereitstellung erneuerbarer Energien nötig ist - dies alles basiert nach wie vor auf fossiler Energie. Ohne diese fossile Energiebasis wären erneuerbare Energien nicht "lebensfähig", sie sind gleichsam Parasiten der fossilen Energieversorgung. Lediglich Windräder scheinen eine insgesamt positive Energiebilanz zu haben. Wie sieht es aber aus, wenn mittels Windenergie der Wasserstoff als das Energiespeichermedium der Zukunft erzeugt werden soll? Als Treibstoff wird heute mehr und mehr Biosprit (Ethanol) propagiert. Bedenkt man dabei auch, was das an Verbrauch fruchtbaren Bodens, an Energieeinsatz in der Landwirtschaft, an mit viel Energie erzeugtem Kunstdünger bedeutet? Wie verträgt sich das mit der Forderung nach einer flächenextensiven Landwirtschaft? Erinnert sei auf die verheerenden Folgen, die der extensive Zuckerrohranbau zur Ethanolgewinnung etwa in Brasilien hatte. Oder das Drei-Liter-Auto: Der niedrige Spritverbrauch im laufenden Betrieb ist erkauft durch den Einsatz von Leichtmetallen (Aluminium, Magnesium), die in ihrer Herstellung wesentlich mehr Energie verbrauchen als Stahl. Schmidt-Bleek bemerkt dazu: "Alle stieren nur auf den Spritverbrauch und merken gar nicht, wie sie das gigantische Rohstoffkarussell noch schneller drehen lassen ... das funktioniert einfach nicht."

Es ist also eine gefährliche Illusion zu glauben, wir könnten uns das heutige Niveau des Energieverbrauchs leisten, wenn wir nur auf andere Quellen zurückgreifen.

Die zweite große Illusion ist das Märchen von der Effizienzrevolution. Intelligente Verfahren und Techniken würden, so die Behauptung, mit immer geringerem Stoffverbrauch und Energiedurchsatz letztlich dasselbe Maß an Gütern und Dienstleistungen hervorbringen. Natürlich hat es hier in manchen Bereichen erstaunliche Erfolge gegeben. Aber es leuchtet eigentlich schon dem gesunden Hausverstand ein, dass diese Entkoppelung von der stofflichen Basis auf eine innere Grenze stoßen muss. Irgendwann ist das Optimum erreicht. Fred Luks hat hierzu Folgendes errechnet: Wenn in den Industrieländern der Ressourcenverbrauch in den nächsten 50 Jahren um 90% sinken soll und wenn man ein jährliches Wirtschaftswachstum von 2% unterstellt (was in den Augen des politischen Mainstreams mehr als bescheiden ist), dann müsste man die Ressourcenproduktivität um das Siebenundzwanzigfache steigern! Dass das absurd ist, leuchtet unmittelbar ein.

Am Dogma des wirtschaftlichen Wachstums halten die Solarpropheten selbstverständlich fest. Dass ökologische Fortschritte dadurch wieder völlig zunichte gemacht werden, wird tunlichst verschwiegen. Die rot-grüne Bundesregierung konnte sich beispielsweise rühmen, durch das "Erneuerbare-Energien-Gesetz" den Anteil der "Erneuerbaren" an der Stromerzeugung erheblich gesteigert zu haben. Verschwiegen wurde, dass in etwa demselben Maß der Stromverbrauch insgesamt zugenommen hat!

Da man das kapitalistische Wirtschaftswachstum um keinen Preis in Frage stellen will, verbreitet man die Mär von der "Dienstleistungsgesellschaft", das heißt, man gibt vor, die nötigen Wachstumsraten anstatt durch rohstoff- und energieverbrauchende Produkte mehr und mehr durch Intelligenzleistungen wie etwa die Entwicklung von Computersoftware und Ähnlichem erzielen zu können. Doch ohne stoffliche Basis geht es nicht. Die Illusion ist nur deshalb aufrechtzuerhalten, weil die "schmutzigen", Energie und Rohstoffe verbrauchenden Voraussetzungen woanders geschaffen werden ...

Es führt kein Weg daran vorbei: Wenn wir lebenswerte Bedingungen für alle auf der Erde erhalten wollen, dann stehen unsere Industriegesellschaft, eine Ökonomie, die auf ständiges Wachstum angewiesen ist, und unser ohnehin recht zweifelhafter Wohlstand insgesamt zur Disposition! Eine Wirtschaft, die ökologisch sein will, darf nicht wachsen, sie muss schrumpfen! Das aber ist im Kapitalismus nicht denkbar. Die "Abrüstung" der Wachstumsgesellschaft muss bewusst geplant und organisiert werden. Es darf nicht der blinden und zerstörerischen Wachstumsdynamik des Kapitalismus überlassen bleiben, was, wie und wieviel wir produzieren. Leider ist bei uns auch ein Großteil der organisierten "Linken" (z.B. in der WASG oder Linkspartei) dem Wachstumsglauben verfallen. Das Rezept gegen die Arbeitslosigkeit wird in der keynesianistischen Ankurbelung von noch mehr Konsum gesehen - was notwendigerweise mit noch mehr Ressourcen- und Rohstoffverbrauch einhergeht. Anstatt die selbstzerstörerische Dynamik des Kapitalismus wirkungsvoll zu kritisieren und zu bekämpfen, hält man am Modell einer Konsumgesellschaft fest, das ohnehin immer nur für einen geringen Teil der Menschheit Geltung hatte, und beschränkt sich auf Verteilungsfragen. Zwanzig Jahre nach Tschernobyl rufen wir alle ökologisch sensibilisierten und kapitalismuskritischen Kräfte zu einem radikalen Umdenken auf.

Initiative Ökosozialismus
Bruno Kern, Mombacher Straße 75 A, 55122 Mainz
Tel.: 06131/236461
E-Mail: info@oekosozialismus.net
www.oekosozialismus.net

15. April 2006

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21.04.06    Greenhouse/JPBerlin <greenhouse@jpberlin.de>
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