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Grüne Illusionen und linke Ignoranz
Bruno Kern, Mainz
Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor nunmehr zwanzig Jahren hat die Welt erschüttert. Das hohe Risiko der Atomenergie wurde schlagartig bewusst. Die Endlagerfrage ist bis heute weltweit ungelöst. Es ist überdies ein Märchen, dass die Atomenergie das Treibhausgas Kohlendioxid nicht freisetze. Wenn man über den laufenden Betrieb hinaus die Bilanz des gesamten Prozesses vom Uranabbau bis zur Endlagerung aufmacht, sieht die Rechnung schon wesentlich anders aus. Gerne vergessen wird auch, dass der Rohstoff Uran nicht unerschöpflich ist, vielmehr sogar in absehbarer Zeit nicht mehr in genügendem Maß verfügbar ist.
Dass das Zeitalter der fossilen Energien kurz vor dem Ende steht, ist inzwischen hinlänglich klar geworden. Vor allem das Erdöl geht unaufhaltsam zur Neige. Die Förderbedingungen in den großen Ölfeldern werden immer schwieriger. Der nötige Druck muss immer mehr durch das Einbringen von Wasser erzeugt werden, was wiederum die Qualität des Öls verschlechtert. Die Erschließung neuer Ölfelder ist aus Sicht der Geologen nicht mehr in nennenswertem Maß zu erwarten. Die Fachleute gehen mehrheitlich davon aus, dass der "Peak", also der Höhepunkt der Förderung, von dem aus es dann unaufhaltsam bergab geht, entweder bereits erreicht wurde oder kurz bevorsteht.
Inzwischen macht sich auch der Treibhauseffekt immer stärker bemerkbar. Das Münchner Fraunhofer Institut hat vor einigen Jahren das Szenario für den Fall entworfen, dass die Treibhausgase nicht in nennenswertem Maße reduziert würden. Bis zum Jahr 2030 sei unter anderem mit 900 Mio. bis 1,8 Mrd. zusätzlicher Hungertoter aufgrund der Verschiebung von Vegetationszonen zu rechnen! Wer sich programmatisch "soziale Gerechtigkeit" auf die Fahnen schreibt, sollte dies nicht länger ignorieren. Um den Treibhauseffekt so in Grenzen zu halten, dass wir seine Auswirkungen noch einigermaßen bewältigen können, darf die Durchschnittstemperatur langfristig um nicht mehr als 2 Grad Celsius steigen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist aber weltweit eine Halbierung des Ausstoßes von Kohlendioxid bis zum Jahr 2050 nötig. Da die Industrieländer der Ersten Welt aber verhältnismäßig mehr Treibhausgase in die Luft blasen, bedeutet das für sie eine Reduktion um 90 Prozent! Davon geht unter anderem das renommierte Wuppertal Institut aus.
Wie ist das zu bewerkstelligen? Die Bündnisgrünen und Teile der SPD, allen voran der Präsident von Eurosolar, Hermann Scheer, verbreiten eine ebenso naive wie gefährliche Illusion. Sie suggerieren, dass im Grunde alles so weiter gehen könnte wie bisher, dass unser Wohlstand und das wirtschaftliche Wachstum im Wesentlichen nicht in Frage stehe, dass man lediglich die Basis der Energieversorgung auf sog. "erneuerbare Energien" umstellen müsse. Die Sonne, so etwa Scheer, sei im Überfluss vorhanden, man müsse sie nur "anzapfen". Diese Sichtweise ist aber ebenso grundfalsch wie die Behauptung, Atomkraftwerke würden keinen Ausstoß von Kohlendioxid verursachen. Hier wie dort muss man nämlich den Gesamtprozess betrachten, also z.B. nicht nur das Photovoltaik-Kraftwerk im laufenden Betrieb, sondern den gesamten Prozess angefangen vom Bagger, der den Sand fördert, aus dem das Silizium für die Photovoltaik-Zellen gewonnen wird. Die technischen Anlagen, die Infrastruktur usw., die für die Bereitstellung erneuerbarer Energien nötig ist - dies alles basiert nach wie vor auf fossiler Energie. Ohne diese fossile Energiebasis wären erneuerbare Energien nicht "lebensfähig", sie sind gleichsam Parasiten der fossilen Energieversorgung. Lediglich Windräder scheinen eine insgesamt positive Energiebilanz zu haben. Wie sieht es aber aus, wenn mittels Windenergie der Wasserstoff als das Energiespeichermedium der Zukunft erzeugt werden soll? Als Treibstoff wird heute mehr und mehr Biosprit (Ethanol) propagiert. Bedenkt man dabei auch, was das an Verbrauch fruchtbaren Bodens, an Energieeinsatz in der Landwirtschaft, an mit viel Energie erzeugtem Kunstdünger bedeutet? Wie verträgt sich das mit der Forderung nach einer flächenextensiven Landwirtschaft? Erinnert sei auf die verheerenden Folgen, die der extensive Zuckerrohranbau zur Ethanolgewinnung etwa in Brasilien hatte. Oder das Drei-Liter-Auto: Der niedrige Spritverbrauch im laufenden Betrieb ist erkauft durch den Einsatz von Leichtmetallen (Aluminium, Magnesium), die in ihrer Herstellung wesentlich mehr Energie verbrauchen als Stahl. Schmidt-Bleek bemerkt dazu: "Alle stieren nur auf den Spritverbrauch und merken gar nicht, wie sie das gigantische Rohstoffkarussell noch schneller drehen lassen ... das funktioniert einfach nicht."
Es ist also eine gefährliche Illusion zu glauben, wir könnten uns das heutige Niveau des Energieverbrauchs leisten, wenn wir nur auf andere Quellen zurückgreifen.
Die zweite große Illusion ist das Märchen von der Effizienzrevolution. Intelligente Verfahren und Techniken würden, so die Behauptung, mit immer geringerem Stoffverbrauch und Energiedurchsatz letztlich dasselbe Maß an Gütern und Dienstleistungen hervorbringen. Natürlich hat es hier in manchen Bereichen erstaunliche Erfolge gegeben. Aber es leuchtet eigentlich schon dem gesunden Hausverstand ein, dass diese Entkoppelung von der stofflichen Basis auf eine innere Grenze stoßen muss. Irgendwann ist das Optimum erreicht. Fred Luks hat hierzu Folgendes errechnet: Wenn in den Industrieländern der Ressourcenverbrauch in den nächsten 50 Jahren um 90% sinken soll und wenn man ein jährliches Wirtschaftswachstum von 2% unterstellt (was in den Augen des politischen Mainstreams mehr als bescheiden ist), dann müsste man die Ressourcenproduktivität um das Siebenundzwanzigfache steigern! Dass das absurd ist, leuchtet unmittelbar ein.
Am Dogma des wirtschaftlichen Wachstums halten die Solarpropheten selbstverständlich fest. Dass ökologische Fortschritte dadurch wieder völlig zunichte gemacht werden, wird tunlichst verschwiegen. Die rot-grüne Bundesregierung konnte sich beispielsweise rühmen, durch das "Erneuerbare-Energien-Gesetz" den Anteil der "Erneuerbaren" an der Stromerzeugung erheblich gesteigert zu haben. Verschwiegen wurde, dass in etwa demselben Maß der Stromverbrauch insgesamt zugenommen hat!
Da man das kapitalistische Wirtschaftswachstum um keinen Preis in Frage stellen will, verbreitet man die Mär von der "Dienstleistungsgesellschaft", das heißt, man gibt vor, die nötigen Wachstumsraten anstatt durch rohstoff- und energieverbrauchende Produkte mehr und mehr durch Intelligenzleistungen wie etwa die Entwicklung von Computersoftware und Ähnlichem erzielen zu können. Doch ohne stoffliche Basis geht es nicht. Die Illusion ist nur deshalb aufrechtzuerhalten, weil die "schmutzigen", Energie und Rohstoffe verbrauchenden Voraussetzungen woanders geschaffen werden ...
Es führt kein Weg daran vorbei: Wenn wir lebenswerte Bedingungen für alle auf der Erde erhalten wollen, dann stehen unsere Industriegesellschaft, eine Ökonomie, die auf ständiges Wachstum angewiesen ist, und unser ohnehin recht zweifelhafter Wohlstand insgesamt zur Disposition! Eine Wirtschaft, die ökologisch sein will, darf nicht wachsen, sie muss schrumpfen! Das aber ist im Kapitalismus nicht denkbar. Die "Abrüstung" der Wachstumsgesellschaft muss bewusst geplant und organisiert werden. Es darf nicht der blinden und zerstörerischen Wachstumsdynamik des Kapitalismus überlassen bleiben, was, wie und wieviel wir produzieren. Leider ist bei uns auch ein Großteil der organisierten "Linken" (z.B. in der WASG oder Linkspartei) dem Wachstumsglauben verfallen. Das Rezept gegen die Arbeitslosigkeit wird in der keynesianistischen Ankurbelung von noch mehr Konsum gesehen - was notwendigerweise mit noch mehr Ressourcen- und Rohstoffverbrauch einhergeht. Anstatt die selbstzerstörerische Dynamik des Kapitalismus wirkungsvoll zu kritisieren und zu bekämpfen, hält man am Modell einer Konsumgesellschaft fest, das ohnehin immer nur für einen geringen Teil der Menschheit Geltung hatte, und beschränkt sich auf Verteilungsfragen. Zwanzig Jahre nach Tschernobyl rufen wir alle ökologisch sensibilisierten und kapitalismuskritischen Kräfte zu einem radikalen Umdenken auf.
Initiative Ökosozialismus
Bruno Kern, Mombacher Straße 75 A, 55122 Mainz
Tel.: 06131/236461
E-Mail: info@oekosozialismus.net
www.oekosozialismus.net
15. April 2006
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