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Nein zu einem europäischen McCarthyismus
Begibt sich Europa auf den Weg des McCarthyismus wie vor 50 Jahren die
Vereinigten Staaten? Sollen Meinungs- und Organisationsfreiheit „im
Namen der Demokratie“ getötet werden?
Am 14. Dezember stimmte der Politische Ausschuss der Parlamentarischen
Versammlung des Europarats in Paris für einen Resolutionsentwurf, der
von Göran Lindblad von der Europäischen Volkspartei (Christdemokraten)
eingebracht wurde und die Überschrift trägt: „Notwendigkeit einer
internationalen Verurteilung von Verbrechen der totalitären
kommunistischen Regimes“. Dieser Entwurf wird der Parlamentarischen
Versammlung des Europarats bei ihrer Sitzung vom 23. bis 27. Januar
2006 vorliegen.
Zu denjenigen, die dem Entwurf zugestimmt haben, gehören
Parlamentsmitglieder aus Ländern, die nicht zögern, Führer von Parteien
und Bewegungen einzusperren, während sie bei der Wiederbelebung von
Nazi-Symbolen wegschauen und bei ehemaligen Kriegsverbrechern
Straffreiheit tolerieren.
Der Entschließungsentwurf bezweckt nicht, die Urheber verwerflicher
Taten zu verdammen, sondern die kommunistische Bewegung und Ideologie
in Bausch und Bogen zu stigmatisieren, die, so der Entwurf, „wo und
wann immer verwirklicht, sei es in Europa oder anderswo, zu massivem
Terror, Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen in großem Umfang
geführt haben“. Der Entwurf verneint somit, dass die kommunistische
Bewegung und Ideologie fester Bestandteil der Geschichte der
Arbeiterbewegung und des gesellschaftlichen Fortschritts sind, und er
kriminalisiert fortschrittliche Ideen, die zum Erbe der Aufklärung
gehören und nach gesellschaftlichem, wirtschaftlichem und politischem
Wandel streben.
Außerdem verneint der Resolutionsentwurf die entscheidende Rolle der
Sowjetunion und der kommunistischen Bewegung im Kampf gegen die
Schrecken der Nazi-Herrschaft. Denken wir an die Worte Albert
Einsteins, als die Nazi-Maschinerie, bis dahin ungeschlagen, in
Stalingrad gestoppt wurde: „Ohne Russland, hätten diese Bluthunde (…)
ihr Ziel erreicht oder wären ihm jedenfalls nahe gekommen.“
Die Resolution, falls verabschiedet, würde zu einer offiziellen
Geschichtsdarstellung der UdSSR und des Kommunismus führen, welche die
historische Forschung lähmen und eine objektive Debatte über die
vergleichende Einschätzung der kapitalistischen und kommunistischen
Systeme behindern würde. Sie öffnete die Schleusen für eine - dem
McCathyismus der 50er Jahre ähnliche - Hexenjagd gegen Forscher, die
diese offizielle Geschichtsdarstellung nicht vertreten. Gegen eine
aktualisierte europäische Version des McCarthyismus müssen wir die
Forschungsfreiheit der Wissenschaftler sowie die allgemeine
Meinungsfreiheit sicher stellen.
Kriminalisierung bestehender sozialistischer Länder und kommunistischer
Parteien
Der Entwurf fordert, dass “die Wahrnehmung nationaler Interessen die
Länder nicht an der angemessenen Kritik an gegenwärtigen totalitären
Regimes (…) in bestimmten Ländern (…), wo weiterhin Verbrechen begangen
werden, hindern sollte“. Mit einer derartigen Kriminalisierung
bestehender sozialistischer Länder betreibt der Entwurf die
Vorbereitung militärischer Aggressionen, etwas was die Bush-Regierung
ihnen bereits mehrere Male angedroht hat.
Mit ihrer Kritik an der Tatsache, dass “kommunistische Parteien in
einigen Ländern legal und aktiv sind, selbst wenn sie sich in einigen
Fällen nicht von den Verbrechen totalitärer kommunistischer Regimes in
der Vergangenheit distanziert haben”, bereitet die Resolution darauf
vor, diese Parteien zu illegalisieren.
Bedrohung der gesamten Gewerkschaftsbewegung
Über den Kommunismus hinaus kriminalisiert der Resolutionsentwurf
selbst das Konzept des Klassenkampfes, „das dazu verwendet wird,
Verbrechen zu rechtfertigen“. Damit bedroht er die europäische
Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung als Ganzes, eine Bewegung, welche
sich den heutigen neoliberalen Politikkonzepten widersetzt.
Die Völker Osteuropas sind in eine zuvor nicht gekannte Armut gestürzt
worden. Überall in Europa machen sich Lohnabhängige und besonders die
Jugend Sorgen um ihre Zukunft. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, soziale
Errungenschaften werden demontiert, demokratische und
Gewerkschaftsrechte sind bedroht, und Kriege sind sowohl innerhalb wie
außerhalb Europas wieder aufgeflammt (Jugoslawien, Afghanistan, Irak).
Für die Initiatoren des Resolutionsentwurfs „spielt die Verdammung der
begangenen Verbrechen eine wichtige Rolle bei der Erziehung der
jüngeren Generationen. Die klare Position der internationalen
Gemeinschaft zur Vergangenheit könnte ein Bezugspunkt für ihr
zukünftiges Handeln sein.“ Das Zitat anerkennt das ganze Ausmaß der in
der Bevölkerung vorhandenen Ablehnung von Politiken, die in Osteuropa
verfolgt werden. Es enthüllt auch, dass sich die Strategie der
Initiatoren in den logischen Bezugsrahmen eines parteipolitischen
Kampfes und nicht eines Strebens nach Gerechtigkeit einfügt.
Heute Kommunisten, morgen Gewerkschaftler und Globalisierungsgegner,
und übermorgen…..?
Das offizielle Dokument ist auf der Webseite der Parlamentarischen
Versammlung des Europarats zu finden unter:
http://assembly.coe.int/main.asp?Link=/documents/workingdocs/doc05/edoc
10765.htm
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