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http://www.telepolis.de/r4/artikel/19/19284/1.html
Nur eine Landtagssitzung in Sachsen?
Olaf Meyer 22.01.2005
Während einer Aktuellen Stunde redet die NPD Klartext. Nur politisch
Naive dürften sich jetzt verwundert die Augen reiben
Der neu gewählte Sächsische Landtag [1] ist gut 100 Tage in Amt und
Würden und hat in dieser Zeit schon mehrfach für Aufsehen weit über
seine eigentlichen Ländergrenzen hinaus gesorgt (Demokratische
Vertrauenswürdigkeit steht auf dem Spiel [2]). Und die Sitzung vom 21.
Januar 2005 dürfte vorläufig einen weiteren Tiefpunkt in der vormals
demokratischen Geschichte des Hohen Hauses markieren.
Während einer anberaumten Schweigeminute für alle Opfer des
Nationalsozialismus - "gleichviel durch welche Willkür- und
Gewaltmaßnahmen sie zu Schaden gekommen sind" -verließen die 12
Abgeordneten der NPD das Plenum. Die NPD-Fraktion wolle allein der
Opfer der Bombardierungen deutscher Städte durch die Luftangriffe der
Alliierten gedenken, wurde erklärt.
In seinem nachfolgenden Redebeitrag erklärte der NPD-Abgeordnete Jürgen
W. Gansel [3]: "Mit dem heutigen Tag haben wir auch in diesem Parlament
den politischen Kampf gegen die Schuldknechtschaft des deutschen Volkes
und für die historische Wahrhaftigkeit aufgenommen." Gansel bezeichnete
die Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 als "Bomben-Holocaust".
Der Alterspräsident des sächsischen Landtags, Cornelius Weiss (SPD),
sagte in seiner Rede zur geschichtlichen Verantwortung Deutschlands im
Zweiten Weltkrieg den NPD-Beiträgen entgegenhaltend unter anderem:
--Am Ende kehrte das Feuer in das Land der Brandstifter zurück. Wie
sagte Heinrich Heine in hellseherischer Voraussicht: "Dort, wo man
Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Eine deutsche
Stadt nach der anderen fiel den alliierten Bombenangriffen zum Opfer.
Keine drei Monate vor Kriegsende traf dieses Schicksal auf besonders
furchtbare Weise die Kunst- und Kulturstadt Dresden. So wichtig es ist,
diese schrecklichen Ereignisse unserer gemeinsamen Geschichte in
Erinnerung zu bewahren, so sinnlos, ja gefährlich ist es, sie
gegeneinander aufzurechnen ... Zur Erinnerung: Erst wollte der "größte
Führer aller Zeit" Österreich, dann das Sudetenland, dann
Rest-Tschechien, dann den "Korridor", dann ganz Polen und schließlich
die ganze Welt. Ein Ver-Führer - ein ver-führtes Volk, das am Ende die
Zeche zahlen musste. ... Sorgen wir gemeinsam dafür, dass sich
Geschichte nicht wiederholt. Das und nichts anderes ist das Vermächtnis
von Dresden, die Lehre aus jener furchtbaren Nacht vor 60 Jahren.--
Weiss betonte weiter: "Wir dürfen das Dresdner Inferno niemals
vergessen, wir dürfen aber auch nicht vergessen, wie es dazu kam." Hier
nannte er beispielsweise die Machtergreifung Hitlers 1933, die
Verfolgung der Juden, den Massenmord in Konzentrationslagern, die
deutschen Bombardements auf das spanische Guernica und das englische
Coventry. An die Demokraten im Parlament richtete der Alterpräsident
seinen Appell, "mit aller Entschiedenheit jenen in den Arm zu fallen,
die schon wieder nach der Brandfackel greifen". Von der
Zuschauertribüne des Landtags wurde die Rede von Cornelius Weiss aus
einer Gruppe sehr zahlreich anwesender Rechtsextremisten heraus mit
"alter Jude" kommentiert.
Gansel wiederum sagte im Hinblick auf die Ausführungen des
Alterspräsidenten, dass moralische Betroffenheit keine historischen
Fakten ersetze. Die Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und PDS
verließen daraufhin vollständig, die von SPD, CDU und F.D.P. teilweise
den Plenarsaal. Gansel wörtlich: "Der Bomben-Holocaust von Dresden
steht ursächlich weder im Zusammenhang mit dem 1. September 1939 noch
mit dem 30. Januar 1933."
Der NPD-Fraktionsvorsitzende Holger Apfel [4] titulierte - "mit Schaum
vor dem Mund und in Goebbelscher Manier" (Weiss) - den 8. Mai 1945 als
den "Tag der vermeintlichen Befreiung Deutschlands" und sprach des
weiteren davon, die "gleichen Massenmörder", die Dresden am 13. Februar
ausgelöscht hätten, seien "heute drauf und dran, neue Kriege vom Felde
zu ziehen".
Die Staatsanwaltschaft Dresden prüft gegenwärtig rechtliche Schritte.
Die Vorgänge und Aussagen in der Landtagssitzung vom 21. Januar sollen
wegen des Verdachtes auf Volksverhetzung "genauer ausgewertet" werden.
Die NPD-Fraktion hat mittlerweile eine Kundgebung zum "Gedenken an die
Opfer des anglo-amerikanischen Terrorangriffs auf Dresden vor 60 Jahren
für den 13. Februar 2005" vor dem Landtagsgebäude in Dresden
angemeldet. Die Schirmherrschaft über den abendlichen so genannten
Trauermarsch der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen hat "auf Beschluss
der Fraktion" Holger Apfel übernommen. Die Ordnungsbehörde der Stadt
Dresden rechnet für diesen Tag mit 5.000 Rechtsextremisten.
LINKS
[1] http://www.landtag.sachsen.de/slt_online/start.asp
[2] http://www.telepolis.de/r4/artikel/19/19271/1.html
[3] http://dokmz.akdh.ch/blog/2004/09/npd-mann-gansel-hetzer-mit-nsdap.html
[4] http://lexikon.idgr.de/a/a_p/apfel-holger/apfel-holger.php
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