- USA
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Radikalisierung oder Sackgasse
Seit mehreren Monaten ist die Lage in den Vereinigten Staaten durch eine
zunehmend polarisierte politische Diskussion gekennzeichnet. Davon zeugt die
Auswahl in den Buchhandlungen, auf deren Regalen sich Pamphlete pro und
contra Bush türmen, mit Bestsellern in beiden Lagern. Diese Polarisierung
bleibt nicht auf Buchhandlungen, Talk Shows oder die intellektuelle
Diskussion im Allgemeinen beschränkt, sondern hat auch auf die rechtliche
und die Wahlebene, aber auch auf die Ebene politischer Kämpfe übergegriffen.
Im vergangenen Jahr sind regelrechte Massenbewegungen entstanden, wie sie
das Land nie zuvor erlebt hat.
Von Luc Marchauciel
EINE ANHALTENDE ANTIKRIEGSBEWEGUNG
Während im Gefolge des Traumas vom 11. September (2001) der Einmarsch in
Afghanistan praktisch ohne jeden Widerstand vor sich ging, gilt das für die
Invasion im Irak nicht. Am Vorabend des Angriffs demonstrierten in den
Vereinigten Staaten am 15. Februar 2003 Hunderttausende DemonstrantInnen.
Die Breite der Bewegung übertraf somit bei Weitem die Opposition gegen den
Vietnam-Krieg in ihren Anfängen. Trotzdem flutete die Bewegung in der Folge
zurück und erlebte einen Dämpfer, nachdem das Ziel, den Krieg zu verhindern,
nicht erreicht wurde. Doch selbst in dieser Phase des Rückgangs hielt die
Bewegung an und blieb gut verankert. Während sich die Besatzung als immer
langwieriger, schmerzlicher und kostspieliger erweist und ein Jahr nach
ihrem Beginn eine tiefe Krise durchmacht, ist die Antikriegsbewegung am 20.
März des Jahres wieder imposant in Erscheinung getreten. In 250 Städten des
Landes wurde mobilisiert (New York: 100 000, San Francisco 25 000, Los
Angeles 15 000, Seattle 10 000 TeilnehmerInnen etc.). Die Proteste werden
zudem politischer. Es geht nicht mehr allein um die pazifistische Ablehnung
des Kriegs, sondern um eine antiimperialistische Ablehnung der Besatzung.
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch erklären, dass die Palästina-Frage in
die Forderungen der Antikriegsbewegung Eingang gefunden hat. Was in vielen
anderen Ländern als selbstverständlich erscheint, wurde in den USA aufgrund
des Widerstands so genannt "gemäßigter" Teile der Bewegung, die deren
unvermeidliche Marginalisierung prophezeiten, erst zögerlich in Angriff
genommen. Statt einer Marginalisierung fand faktisch das Gegenteil statt: Am
20. März war die Bewegung nicht nur zahlenmäßig, sondern auch im Bezug auf
ihre politische Kohärenz stärker. Über das Ziel, sich den imperialistischen
Angriffen überall in der Welt und vor allem im Nahen Osten zu widersetzen
und dem Selbstbestimmungsrecht der Völker Nachdruck zu verleihen, herrscht
Einigkeit. Es geht darum, über die pazifistischen Proteste hinaus zu
erklären, dass eine andere Welt nötig ist, und sie den kolonialen und
imperialistischen Ambitionen entgegenzuhalten -- von Faludscha bis Gaza, von
Caracas bis Port-au-Prince.
Ein anderer, sehr wichtiger Faktor dieser Bewegung ist die Mobilisierung der
Veteranenorganisationen und vor allem der Soldatenfamilien, wie
beispielsweise "Military Families Speak Out" [1]. Durch Verbreitung der
Aussagen von Soldaten, die den Besatzungsalltag und den Hass der
BesatzerInnen beschreiben, tragen diese Organisationen zum Kampf gegen die
Regierungspropaganda bei, die von den Medien wohlwollend verbreitet wird. Am
20. März organisierten diese Organisationen eine Kundgebung mit 1000
Personen in Fayetteville vor dem Militärstützpunkt Fort Bragg. Es war die
größte Kundgebung an diesem Ort seit 1970, als Jane Fonda sich an die
Soldaten gerichtet hatte, die den Vietnam-Krieg ablehnten.
Beabsichtigt ist genau das: die Infragestellung der Legitimität des Krieges
von innen zu einem Zeitpunkt, wo die internationale Isolierung, die
offensichtlichen Lügen über die Massenvernichtungswaffen und vor allem das
Aufkommen des bewaffneten Widerstands im Irak die Position der Regierung
Bush erheblich schwächen. Mit der Enthüllung über die Folterung irakischer
Gefangener befindet sich die Regierung heute in einer schweren Krise mit
noch kaum abschätzbaren Folgen, während die Unterstützung für die Besatzung
in Meinungsumfragen immer mehr dahinschwindet. Nahezu jeder und jede zweite
AmerikanerIn scheint sich heute für den unmittelbaren Rückzug der Truppen
auszusprechen. Damit wäre die öffentliche Meinung fortschrittlicher als die
zahlreicher Liberaler, deren Argumente in etwas lauten: "Jetzt, wo wir uns
in diese Lage hineinmanövriert haben, müssen die Truppen auch bleiben oder
durch UNO-Truppen abgelöst werden, bis eine demokratische Regierung
eingesetzt ist. Nur so können wir verhindern, dass das Land im Chaos und
Islamismus versinkt." Umso mehr muss daran erinnert werden, dass
- die Besatzung erst das Chaos geschaffen und dem Diskurs der islamischen
Fundamentalisten Auftrieb verliehen hat. Je länger die Besatzung andauert,
desto mehr wird er Auftrieb erhalten.
- eine imperialistische Besatzung der USA oder der UNO nie in eine wie
immer geartete Demokratie münden wird, da die Demokratie im Widerspruch zu
den neokolonialen Zielen der Besatzung steht;
- hinter dem pseudo-humanistischen Gerede eine typisch rassistische Haltung
steckt, das an die "zivilisatorische Mission" von Jules Ferry [2] erinnert.
Warum sollten die Vereinigten Staaten (deren Präsident nicht gewählt wurde),
die UNO (deren Funktionieren alles andere als demokratisch ist) oder wer
auch immer den IrakerInnen Demokratie beibringen? Im Namen welcher
Überlegenheit?
GESELLSCHAFTSFRAGEN WERDEN WIEDER AKTUELL
Mehr noch als die Frage des Krieges sind es die Frage der homosexuellen Ehen
und der Abtreibung, die in den vergangenen Monaten zu einer Polarisierung
zwischen Rechten und Linken geführt haben.
Die Kampagne für gleichgeschlechtliche Ehen startete im Februar, als sich
der neue Bürgermeister von San Francisco, Gewin Newsom, über die
Einschränkungen, die die kalifornische Verfassung auferlegt, hinwegsetzte
und begann, Heiratsurkunden für homosexuelle Paare auszustellen. Zweifellos
liegt darin eine Portion Opportunismus seitens dieses Demokraten, der sich
soeben gegen seinen Gegenspieler von den Grünen durchgesetzt hatte und in
der liberalsten Stadt des Landes sein eher rechtes Image abschütteln wollte.
Wie dem auch sei: Auf diesem Gebiet gibt es weder an den Taten noch an der
Argumentation Newsoms etwas auszusetzen, der dem Druck aus den Reihen seiner
eigenen Partei standgehalten hat.
Vom ersten Tag nach Beginn der Ausstellung der Urkunden an warteten Tausende
homosexuelle Paare geduldig in einer Schlange vor dem Rathaus und harrten
zeitweise stundenlang im heftig herunterprasselnden Regen aus. Die Bilder
dieser sich täglich neu bildenden endlosen Schlange an Heiratswilligen
verliehen den Forderungen nach gleichen Rechten landauf landab Sichtbarkeit,
zumal gleichzeitig in Massachussets, wo der Oberste Gerichtshof die
Verweigerung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare als diskriminierend
verurteilt hatte, die Diskussion aufbrach. [3]
Während auf der anderen Seite George Bush ankündigte, er würde eine
Verfassungsrevision unterstützen, die homosexuelle Ehen verbietet, ging eine
regelrechte Bewegung zur Offensive über und verglich ihren Kampf mit dem
Kampf um Bürgerrechte in den sechziger Jahren. Diese Bewegung prallt frontal
mit der Ideologie der christlichen Rechten zusammen, die seit den achtziger
Jahren das politische Leben der Vereinigten Staaten dominiert, und stellt in
diesem Sinn einen wesentlichen Bündnispartner für eine andere Bewegung dar,
die wieder aus ihrer Asche emporsteigt, der Kampagne für das Recht auf
Abtreibung.
In der Abtreibungsfrage ist es indes eher die christliche Rechte, die noch
immer in der Offensive ist. Ihr Druck ist bis in die Reihen der
Demokratischen Partei spürbar, denn 1996 unterzeichnete Bill Clinton das so
genannte "Heiratsverbots"-Gesetz, das sich die Verringerung der Abtreibungen
zum Ziel setzte und sich mit einer Enthaltsamkeitskampagne an Jugendliche
richtete. Der Erfolg von Kampagnen dieser Art misst sich an der Anzahl
jugendlicher Mütter, die in den Vereinigten Staaten gegenüber anderen
Industriestaaten überdurchschnittlich hoch liegt. Das formulierte Anliegen,
die Zahl der Abtreibungen dringend zu reduzieren, zielt nicht auf
Erleichterung des Zugangs zu Verhütungsmitteln, um eine medizinischen
Eingriff zu vermeiden, der traumatisierend sein kann, sondern dient eher als
Feigenblatt einer repressiven Sexualpolitik und der Infragestellung des
Rechts auf Abtreibung. Seit der Ära Clinton haben zahlreiche Staaten Gesetze
erlassen, die die Entscheidungsfreiheit einschränkten (Vorschreibung von
24-stündigen Wartefristen; Vorschreibung einer elterlichen Einwilligung bei
minderjährigen Frauen; Verweigerung finanzieller Unterstützung bei armen
Frauen etc.), ohne in der Bundesverwaltung oder der den Demokraten
nahestehenden feministischen Bewegung auf nennenswerten Widerstand zu
stoßen. Diese Angriffe erreichten kürzlich die Ebene der Bundesverwaltung:
Im November 2003 nahm der Kongress einen Text an, der gewisse Methoden der
Abtreibung zu einem fortgeschritteneren Zeitpunkt verbietet, und der Senat
verabschiedete im März ein Gesetz, das dem Fötus einen von der Mutter
unterschiedlichen Rechtsstatus einräumt -- ein Angriff auf eine Schwangere
wäre als Angriff auf zwei Personen zu betrachten-- , was ein erster Schritt
in Richtung der vollständigen Infragestellung des Rechts auf Abtreibung ist.
Auf dieser Ebene hat South Dakota nun den ersten Schritt getan und ein
Gesetz zur Diskussion gestellt (in die Begutachtung geschickt), das bis zu
fünf Jahre Gefängnis für alle Abtreibungen vorsieht, die nicht zum Zweck
erfolgen, das Leben der Mutter zu retten.
Angesichts dieser gravierenden Verschlechterung der Lage und der Tatsache,
dass die fanatischen AbtreibungsgegnerInnen seit 1993 sogar so weit gehen,
Ärzte/Ärztinnen tätlich anzugreifen zu ermorden, bedeutete die Demonstration
vom 25. April ein Wiedererwachen der feministischen Bewegung, die
entschlossen ist, ihre Errungenschaften zu verteidigen. Mit nahezu einer
Million Teilnehmerinnen war dies ein außerordentlich bedeutender Erfolg, der
Anlass zu Hoffnung gibt, sofern auf Dauer eine wirkliche Bewegung aufgebaut
werden kann, die sich nicht dazu einspannen lässt, der Unterstützung des
demokratischen Präsidentschaftskandidaten Kerry zu dienen. So traten,
angeführt von Hillary Clinton, der Reihe nach Rednerinnen ans Pult und
erklärten, die einzige Lösung bestehe darin, Kerry zu wählen, da es unter
seiner Präsidentschaft keinen Grund mehr gäbe zu demonstrieren. [4]
Diese momentan leider vorherrschende Strategie wäre eine tödliche Sackgasse
für die Bewegung. Davon zeugt die Bilanz der Clinton-Jahre, als die
feministischen Organisationen auf Mobilisierungen verzichteten, um "ihren"
Präsidenten nicht zu stören. Mit dem Ergebnis, dass Clinton sein Versprechen
nie einlöste, ein Gesetz zur Verteidigung des Abtreibungsrechts
durchzubringen, sondern die Vereinigten Staaten unter seiner Präsidentschaft
sogar die höchste Zahl an restriktiven Maßnahmen ergriffen haben. Zudem
wurden alle republikanischen Gesetze in jüngster Zeit mit Unterstützung der
Stimmen von Demokraten beschlossen, wie beispielsweise das Gesetz über den
Rechtsstatus von Föten, dem 47 Demokraten zustimmten. So wird es weiterhin
nötig sein, unabhängig zu demonstrieren, wen immer die Bevölkerung im
November zum Präsidenten wählt.
SCHWIERIGER KLASSENKAMPF
Der düsterste Punkt an der Lage in den Vereinigten Staaten ist das geringe
Niveau von unmittelbar antikapitalistischen Kämpfen, ob im Rahmen der
Globalisierungskritik oder in Arbeitskämpfen.
Der Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung ist zwar ursprünglich
in den Vereinigten Staaten, nämlich in Seattle, entstanden, danach aber sehr
rasch wieder zurückgeflutet, während sie in anderen Kontinenten einen
anhaltenden Aufschwung erlebt hat. Der ursprünglich in Seattle zustande
gekommene Zusammenschluss von Gewerkschaften, Umweltschutzbewegungen,
radikalen politischen Organisationen und humanistischen NGOs konnte sich auf
Dauer nicht halten und ist nach dem Schock des 11. Septembers sogar
auseinander gebrochen. Die fadenscheinigen Forderungen des so genannten
Kampfs gegen den Terrorismus brachten den internationalistischen Eifer so
mancher AktivistInnen und insbesondere der Gewerkschaften zum Erliegen.
Dennoch stellt die Bewegung gegen Krieg und Besatzung ein ähnliches
Sammelbecken dar wie die GlobalisierungsgegnerInnen, auch wenn diese
wesentlich schwächer ist als die Bewegung in Seattle.
Was die Arbeitskämpfe betrifft, muss man, um deren momentane Schwäche zu
verstehen, auf zwei besondere Momente in der Geschichte der Vereinigten
Staaten zurückblenden, die die Arbeiterbewegung erheblich geschwächt haben:
- die Bleigewicht-Ära in den fünfziger Jahren, als die Gewerkschaftsapparate
sich von ihren GegnerInnen den Inhalt der Diskussionen vorschreiben ließen
und im Namen des nationalen Interesses und der Erfordernisse des Kalten
Krieges den Kampf gegen den Kommunismus unterstützten;
- die Phase der neoliberalen Offensive der achtziger Jahre, die unter der
Präsidentschaft des Demokraten Clinton begann und in der Amtszeit Reagans
ausgeweitet wurde. Diese Politik mündete, wie in anderen Industriestaaten,
wenn auch früher und stärker, zu einem massiven Reichtumstransfer zugunsten
der KapitaleigentümerInnen und der SpitzenverdienerInnen. Während 1973 das
Durchschnittseinkommen der 20 Prozent Reichsten zehn Mal über dem der 20
Prozent Ärmsten lag, betrug es im Jahr 2000 das 20-Fache. Ob unter Reagan
und Bush oder unter Clinton, diese Offensive nahm die Form eines Abbaus des
Sozialstaats und der systematischen Zerstörung jeglicher Arbeitsgesetzgebung
an, die einem im Übrigen fiktiven "reinen Wettbewerb" im Wege hätte stehen
können.
Der Prozess der Umstrukturierung der Industrie war geprägt von einem
beispiellosen Angriff auf die Gewerkschaften. Schätzungsweise ein Drittel
bis die Hälfte aller Stellen, die durch einen mit den Gewerkschaften
ausgehandelten Tarifvertrag geregelt waren, sind verschwunden. In den
Pseudo-Eldorados der High-Tech-Industrie wie dem Silicon Valley haben die
Absenz von Gewerkschaften und die Prekarität der Beschäftigungsverhältnisse
ein beispielloses Niveau erreicht, sodass oft der schlichte Begriff
Arbeitsvertrag an sich obsolet ist. Die meist sehr konservativen,
korrumpierten amerikanischen Gewerkschaften haben selbst den Ast abgesägt,
auf dem sie gesessen sind, indem sie eine selbstmörderische Politik der
Klassenkollaboration fortsetzten, anstatt frontal Widerstand gegen diese
Offensive zu leisten, als das noch voll in ihren Händen gelegen wäre. Damit
sind heute die Möglichkeiten, Arbeitskämpfe vom Zaum zu brechen, wesentlich
schlechter.
Vor diesem Hintergrund ist der Arbeitskonflikt, den Ende 2003 die
ArbeiterInnen einer Supermarktkette in Südkalifornien ausgefochten haben,
ausgesprochen beispielhaft [vgl. Artikel[394-usa-sustar.htm] in dieser
/Inprekorr/]. Die ArbeiterInnen lehnten den neuen Arbeitsvertrag ab, den
einzelne Aushängeschilder der Branche wie Safeway ihnen vorlegten. Dieser
Vertrag sah vor, ihnen einen Großteil der Sozialbeiträge wegzunehmen, die in
Zukunft nicht mehr vom Unternehmer, sondern von ihnen selbst bezahlt werden
sollten. [5] Dieser argumentierte mit der Notwendigkeit, angesichts der
wilden Konkurrenz einer anderen Kette, in der das völlige Fehlen von
Gewerkschaften den Aktionären freie Hand ließ, die Kosten senken zu müssen.
Obwohl der Streik von den Medien weitgehend boykottiert wurde, dauerte er
mehrere Monate. 70 000 ArbeiterInnen beteiligten sich daran, und es entstand
eine bedeutende Solidaritätsbewegung. Dennoch endete er in einer Niederlage,
als die erschöpften Streikenden Anfang des Jahres gezwungen waren, den
vorgeschlagenen Vertrag zu unterzeichnen. Dieser Streik war exemplarisch, da
er von einer erstaunlichen Mobilisierungsfähigkeit zeugte, aber auch im
Hinblick auf die Verbohrtheit und bürokratische Blindheit der
Branchengewerkschaft, die zahllose Meetings durchführte und hochtrabende
Reden schwang, sich aber weigerte, den Streik auf das übrige Kalifornien
auszudehnen. Er endete daher in einer Niederlage, und die Angestellten in
Nordkalifornien stehen nun vor der Situation, denselben Vertrag
unterzeichnen zu müssen. Dennoch machte der Streik in Ansätzen eine
alternative Gewerkschaftsstrategie sichtbar und populär, die auf einer
Ausweitung des Streiks beruht und der sich zukünftige Streikende im
gegebenen Moment vielleicht bedienen werden. [6]
WELCHE POLITISCHEN ANTWORTEN?
Im Kontext der "Vietnamisierung" der Besatzung und der beschriebenen
Polarisierung könnte man berechtigterweise erwarten, dass der Wahlkampf eine
klare Opposition im Sinn der klassischen Spaltung zwischen Rechten und
Linken aufweisen würde. Doch dem ist nicht so. Statt dessen herrscht
Konfusion vor.
Der Ursprung dieser Konfusion muss in der Ideologie des "Anybody but Bush"
gesucht werden, die wie ein Bleigewicht auf der Linken der Vereinigten
Staaten lastet. Argumentiert wird wie folgt: Die Regierung Bush hat
faschistoide Züge. Daher muss man verantwortlich handeln und die Differenzen
mit den Demokraten zurückstecken, um in erster Linie und um jeden Preis Bush
loszuwerden. Dieser Gedankengang bedeutet für die amerikanische Linke einen
fürchterlichen Rückschritt gegenüber den Wahlen im Jahr 2000, als rund um
den Kandidaten Nader bei aller Beschränktheit eine echte linke Alternative
entstanden war. Vor allem aber ist er inhaltlich völlig fragwürdig,
angefangen bei seinen Prämissen -- mit der systematischen Bezeichnung aller
republikanischen Regierungen als "faschistoid", wie dies seit dreißig Jahren
geschieht, wird vor allem die Gefährlichkeit des Faschismus relativiert --
bis zu den praktischen Konsequenzen, der bedingungslosen Unterstützung für
die Demokraten.
So stehen wir vor einer paradoxen Situation: Während die gesellschaftliche
Polarisierung zugenommen hat, hat vor Kerry vielleicht noch kein anderer
demokratischer Kandidat je so sehr seinem republikanischen Gegner geglichen.
Kerry ist Millionär, unterstützt die steuerliche Entlastung der Reichen, ist
Anhänger der Todesstrafe, gegen homosexuelle Ehen und hat Bush seit dem 11.
September in seinen Kriegsabenteuern unterstützt. Beispielsweise hat er für
den Krieg und für den US-Patriot Act gestimmt, der eine gravierende
Einschränkung der Freiheiten brachte. In der Frage der Besatzung kann man
sich sogar berechtigterweise fragen, wer von beiden das kleinere Übel ist,
wenn man bedenkt, dass Kerry sogar die Entsendung von mehr Truppen fordert
als Bush. Einen solchen Kandidaten, der seine Vergangenheit als "Held" des
Vietnam-Krieges ins Zentrum seiner Fernsehauftritte stellt, als Kriegsgegner
darzustellen, ist ein schönes Beispiel für den konfusen Zustand der Linken
in den Vereinigten Staaten.
Es ist daher nötig, die Unterwanderung durch zahlreiche Koryphäen dieser
Linken anzuprangern, die im Jahr 2000 Nader unterstützt hatten und sich
diesmal für eine Unterstützung der Demokraten aussprechen. Der Regisseur
Michael Moore hat diese Strategie beispielsweise verteidigt und bei den
Vorwahlen auf General Wesley Clark gesetzt. Damit schlägt er der
Antikriegsbewegung de facto vor, sich ins Schlepptau eines der
Verantwortlichen der US-Intervention in Serbien nehmen zu lassen. Die
Taktik, in die Vorwahlen der Demokraten einzugreifen, anstatt eine
unabhängige Kampagne zu führen, hat unweigerlich dazu geführt, sich
letztlich hinter den nach den Kriterien der tonangebenden Medien
glaubwürdigsten Kandidaten zu stellen, de facto also hinter den Kandidaten,
der Bush am meisten gleicht. Ein schöner Erfolg für die Prediger des
Realismus und eines verantwortungsvollen Verhaltens.
Es hat auch etwas Ergreifendes an sich, wenn Kucinich, der in diesen
Vorwahlen zweifellos am weitesten links stehende Kandidat der Demokraten,
erklärt, im Rennen bleiben zu wollen, auch wenn Kerry dieses bereits
gewonnen hat, um Einfluss auf die Diskussion nehmen und die Demokratische
Partei auf eine Antikriegshaltung einzustimmen zu können. Welche sinnlos
verschwendeten Energien, die am Ende doch nur dem Falken Kerry zugute kommt.
Auf diesem Ruinenfeld hätte eine Kandidatur Naders, selbst ohne
Unterstützung so mancher Liberaler, wenn sie mit den sozialen Bewegungen
verbunden wäre, ein wenig Klarheit bringen und verhindern können, dass das
vor vier Jahren angesammelte politische Kapital verspielt wird. Doch obwohl
heute Naders Recht verteidigt werden muss, sich zur Wahl zu stellen [7],
muss gesagt werden, dass diesmal sein Wahlkampf auf einer wesentlich
zwiespältigeren Grundlage aufbaut.
Zuerst, weil Nader im Gegensatz zum Prozess vor vier Jahren allein
kandidiert, ohne zu versuchen, von der Grünen Partei aufgestellt zu werden.
Er scheint eine individuelle Kandidatur vorschlagen zu wollen, die nicht an
Parteien oder soziale Bewegungen gebunden ist und die er um seine Website
aufbauen will. Das Ergebnis ist, dass sich sein Wahlkampf bisher auf
keinerlei glaubhafte Mobilisierung der Basis stützen kann. Selbst in den
liberalsten Staaten tut er sich schwer, die notwendigen Unterschriften
zustande zu bekommen, und man sieht keine einzigen Nader-AnhängerInnen an
Demonstrationen -- im Gegensatz zu den DemokratInnen, die dort schamlos um
Unterstützung werben. Schließlich ist auch nicht ersichtlich, wie der ohne
eine solide Kampagne, die ihn vor Ort unterstützt, das Blackout der Medien
durchbrechen können wird. [8]
Zudem gibt es Probleme mit dem Inhalt seiner Botschaften. So steht die
Gegnerschaft gegen den Krieg überhaupt nicht im Zentrum seines Diskurses,
sondern er baut seine Kampagne lieber rund um traditionelle Themen wie die
Kritik an den Multis und den Umweltschutz auf. Vor allem aber preist er
seine Kandidatur als dritten Weg, anstatt sich als linke Alternative zu den
Demokraten zu präsentieren, und manche Initiativen wie seine Avancen
gegenüber dem reaktionären, ehemals "unabhängigen" Kandidaten Ross Perot
sind völlig irritierend. Alles in allem schreckt Nader davor zurück, sich
als klar in Bruch mit den Demokraten stehender Kandidat zu präsentieren und
bevorzugt ein verschwommeneres Profil, um Druck auf die Demokraten machen zu
können.
Damit trägt er weiter zur Verwirrung bei. Die zur Folge könnte sein, dass
die radikale Linke ihr Interesse an einer so zwiespältigen,
eigentbrötlerischen Kandidatur verliert. Selbst die Grüne Partei ist heute
zurückhaltend, Stellung zu beziehen, und sehr gespalten in dieser Frage.
Einige möchten Nader unterstützen, andere möchten einen eigenen
Parteikandidaten aufstellen, und wieder andere wollen sogar auf einen
Kandidaten verzichten, um die Demokraten nicht zu stören.
WELCHE PERSPEKTIVEN?
Die Situation in den Vereinigten Staaten ist gekennzeichnet durch die
schwache Verankerung einer an den politischen Auseinandersetzungen und
Mobilisierungen orientierten Alternative. Eine solche Alternative hat ihre
Glanzzeiten erlebt, beispielsweise in der Zusammenarbeit in Seattle und im
ersten Wahlkampf von Nader. Doch vor dem Hintergrund eines schwachen Niveaus
an sozialen Kämpfen und einer starken Verankerung des "Zweiparteiensystems"
konnten diese Bemühungen langfristig nicht fruchten. Die in Seattle
begonnene Dynamik des Zusammenschlusses von Gewerkschaften und
globalisierungskritischer Bewegung ist an der patriotischen Reaktion auf den
11. September zerbrochen, und die Hoffnungen, die 2000 rund um den
Nader-Wahlkampf aufgekommen sind, sind im schwammigen Terrain der "Anybody
but Bush"-Kampagne zerronnen.
Die gegenwärtige Situation, in der wieder Massenkämpfe aufkommen, wenn auch
nicht auf einem direkt antikapitalistischen Terrain, bieten Voraussetzungen
für einen möglichen politischen Aufbau, der sich eine wirkliche linke,
antikapitalistische, antiimperialistische Partei zum Ziel setzt, die sich
als Sprachrohr der Kämpfe gegen die verschiedenen Formen von Ausbeutung und
Unterdrückung versteht. In der gegenwärtigen Konfusion könnte ein erster
bescheidener, aber unerlässlicher Schritt sein, die verschiedenen Teile der
revolutionären Linken nach dem Vorbild der Treffen der Antikapitalistischen
Europäischen Linken oder des in Mumbai eingeleiteten Prozesses [9]
zusammenzuführen. Die revolutionäre Linke wäre dann in einer viel besseren
Lage, sich an all jene zu richten, die kürzlich gegen den Krieg, gegen die
Todesstrafe [10], für das Recht auf Abtreibung oder für homosexuelle Ehen
auf die Straße gegangen sind, und könnte ihnen vorzuschlagen, gemeinsam eine
politische Alternative zu den Zwillingsparteien aufzubauen, die den
amerikanischen Kapitalismus repräsentieren.
LucMarchauciel ist Inprecor-Korrespondent in den Vereinigten Staaten.
Übersetzung: Tigrib
Aus: Inprekorr Nr. 394/395 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
E-Mail: inprekorr@comlink.org
Bestellungen: Verlag Neuer Kurs, Dasselstr. 75-77, D-50674 Köln
Doppelheft: 4,50 EUR; Schnupperabo: Ein Vierteljahr für 5 EUR
Jahresabo: 26 EUR (Inland), 15 EUR (ermäßigt), E-Abo 50%
Artikel im CL-Datennetz: cl.medien.inprekorr
Artikel im Internet: http://inprekorr.de
[1] "Soldatenfamilien packen aus."
[2] Jules Ferry (1832--1893), französischer Politiker in der Dritten
Republik, kurze Zeit Regierungschef, bevor er wegen seiner umstrittenen
Kolonialpolitik zurücktreten musste. [Anm. d. Ü.]
[3] Auf gerichtliche Weisung musste die Ausstellung von Heiratsurkunden
nach einem Monat gestoppt werden, und Anfang August 2004 erklärte der
Oberste Gerichtshof Kaliforniens alle Urkunden für homosexuelle Paare für
ungültig. [Anm. d. Ü.]
[4] Kerry ließ sich an der Demonstration lieber vertreten, als selbst zu
erscheinen, höchstwahrscheinlich, um die Demonstration vereinnahmen zu
können, ohne sich persönlich zu kompromittieren.
[5] Die Praxis häufiger Neuverhandlungen von befristeten
(Kurzzeit)Verträgen ist ein ausgesprochen wirksames Mittel in den Händen der
UnternehmerInnen.
[6] In den USA verbietet das Gesetz Solidaritätsstreiks. Würden sich die
Gewerkschaften genau an den Wortlaut des Gesetzes halten, wäre jeder Erfolg
von Arbeitskämpfen von Vornherein ausgeschlossen.
[7] Dieses Recht wird von vielen liberalen UnterstützerInnen der Demokraten
in Frage gestellt. Sie führen eine reichlich hysterische Kampagne, um Nader
zum Rückzug seiner Kandidatur zu bewegen, und legen damit in einem Land, in
dem der Pluralismus schon heute ausgesprochen schwach entwickelt ist, ein
eigenwilliges politisches Verständnis an den Tag.
[8] Unter diesen Umständen ist es äußerst verwunderlich, dass Nader in
manchen Umfragen 8 Prozent der Stimmen zugesprochen werden. Vielleicht ist
dies ein Zeichen dafür, dass die Wählerschaft gar nicht so anfällig auf die
"Anybody but Bush"-Kampagne ist.
[9] Zu diesen Treffen siehe /Inprekorr/ 392/393, S. 43 ff.
[10] Auf dem Gebiet der Kampagne gegen die Todesstrafe wurde im Februar ein
wichtiger Sieg errungen, als im Staat Kalifornien in letzter Minute die
geplante Hinrichtung des Afroamerikaners Kevin Cooper annulliert wurde, der
vor 20 Jahren für ein Massaker verurteilt wurde, das er höchstwahrscheinlich
nicht begangen hat. Die Unterstützungskampagne für Cooper dürfte das Urteil
mit beeinflusst und den Staat Kalifornien in Verlegenheit gebracht haben.
Die nächste in diesem Staat geplante Hinrichtung betrifft Stanley Williams,
Mitglied einer ehemaligen Jugend-Bande in Los Angeles, der sich im Gefängnis
gebessert und gegen Jugendgewalt engagiert hat, wofür er für den
Friedensnobelpreis nominiert wurde. Williams ist auch Held des Films
Redemption.
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