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Freitag 18.01.2008
Jürgen Meier
Nur Tiger überleben
KREUZZUG: Die Scientology-Sekte ist nicht nur in Westeuropa auf dem
Vormarsch. Anmerkungen zu dem Opium der Eliten
Scientology sei eine Psycho-Ideologie, die auf "die völlige Unterdrückung
des Einzelnen" ziele. Starke Worte. Zu hören waren sie im vergangenen Jahr
von einer Sprecherin der Hamburger Innenbehörde, auf deren Initiative die
Innenminister der Länder nun ein Verbot der Organisation prüfen lassen. Was
schwierig sein dürfte. Denn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte
hat im April 2007 Scientology ausdrücklich als religiöse Gemeinschaft
anerkannt. Die Organisation versuche "geistliche, humanistische oder
ähnliche Werte" zu verbreiten, stellten die Richter fest. Worauf am 24.
September der Nationale Gerichtshof Spaniens den Scientologen das Recht
zusprach, sich in das Register der offiziell anerkannten religiösen
Gemeinschaften einzutragen.
Am 5. November 2007 erkannte Portugal Scientology offiziell als religiöse
Organisation an und am 3. Dezember stellte die südafrikanische Steuerbehörde
fest, Scientology sei eine Wohltätigkeitsorganisation. "In einem solchen
Klima einen solchen Antrag zu stellen, ist mehr als unverständlich", stellte
die Vorstandssprecherin von Scientology Deutschland, Sabine Weber,
selbstsicher fest. Der "Kreuzzug Europa" zeigt Früchte. Scientology ist auf
dem Vormarsch. 2007 entstanden weltweit mehr als 1.500 Zentren, Missionen
und Scientology-Kirchen. In diesem Jahr wurden neue Gruppen in Afghanistan,
Nigeria und Bahrain gegründet, so dass Scientology in 163 Nationen mit
insgesamt mehr als zehn Millionen Mitgliedern vertreten ist. Dabei sind die
"Abspaltungen" von ehemaligen Scientology-Gurus noch nicht mitgerechnet, die
ihrem geistigen Vater Hubbard treu ergeben sind.
Portugal breitete die Arme für die Hubbard-Manager besonders weit auf. Hier
werden nicht nur wie in allen Ländern, in denen Scientology als Kirche
anerkannt ist, die hohen Einnahmen aus Zeitungen, Verlagen und Kursen, nicht
versteuert. Portugal erkennt sogar deren "Geistliche" an und stellt deren
Eheschließungen mit der Zivilehe gleich. Diese "Geistlichen" bekommen auch
das Recht zur Krankenhausseelsorge, und deren Vorschläge für
Scientology-Feiertage finden staatlicherseits Beachtung.
Man stelle sich vor, alle Portugiesen würden am 13. März Ron Hubbards
Geburtstag als staatlichen Feiertag begehen, um sich kollektiv an den
"Hubbard-Elektrometer", einem "religiösen Hilfsmittel, das während der
kirchlichen Beichte benutzt wird" (Hubbard), anzuschließen, um, wie Hubbard
schreibt, "Entheta in Theta umzuwandeln. Mit anderen Worten, die
Aufspeicherungen von Enturbulierung aus dem Leben einer Person entfernen
oder dafür sorgen, dass sie nicht mehr restimuliert sind. Ein Auditor
versucht nicht, irgendetwas zu heilen. Er hebt einfach die Tonstufe an." Mit
anderen Worten, ganz im Scientology-Slang, ausgedrückt: Die Festplatte des
"Beichtenden" muss gelöscht und neu programmiert werden. Das wäre ein
Feiertag des Irrationalismus!
Die Vernunft und der Verstand des Menschen sollen zerstört werden. Dies
entspricht dem Niveau der heutigen kapitalistischen Gesellschaften. Das
lässt sich nicht verbieten. Scientology, so würde Erich Fromm sagen, passt
in die Welt des "Marketing-Charakters" und der "unproduktiven
Ich-Orientierung". Scientology ist die Glorifizierung eines amerikanisierten
Egotrips: Das Leben ist ein "Spiel"! Jeder spielt für sich! Jeder kann
Sieger werden! Keiner muss sterben! Jeder kann ewig leben! Kriege sind nur
Teile dieses Spiels! Natürlich muss Hubbards "religiöse Philosophie", wie er
seine Lehre nennt, durch Kurse im Hirn des "Clears" implantiert werden, um
Krieg und Tod siegreich zu überleben.
Mit "positiver Religion" (Hegel) hat diese sich selbst "moderner Buddhismus"
nennende Scharlatanerie nichts gemeinsam, was der Name bereits zum Ausdruck
bringt. Er setzt sich aus Scientia, lateinisch Wissenschaft, und Logos,
griechisch Vernunft, zusammen. Scientology ist weder wissenschaftlich noch
von Vernunft geprägt. Der Name Scientology erhebt keinen kirchlichen
Anspruch. Ob Muslim, Christ oder Jude - für alle existiert ein Gott, an den
geglaubt und dessen Offenbarung gelebt wird. Bei Scientology gibt es keinen
Gott, vor dem alle Menschen gleich sind. Hubbards "Tonskala" ist nicht, wie
die "Zehn Gebote", eine göttliche Offenbarung. Sie teilt in wertes und
unwertes Leben ein. Eine Frau, die es wagt, ihr Kind abzutreiben, rutscht
auf dieser Skala auf die Stufe 1.1. Der stramme Scientologe steht auf 4.4.
"Leichte Geburten können nur bei Frauen erwartet werden, die relativ hoch
auf der Tonskala sind", schreibt Hubbard.
Wie die Praxis dieser Ideologie aussieht, soll ein Beispiel zeigen. Der
Bürgermeister der Stadt Perm am westlichen Ural, Wladimir Fil, stellte
Scientology im März ein mehrstöckiges Gebäude für die Einrichtung eines
Hubbard-Colleges of Administration zur Verfügung. Dort werden Direktoren und
Manager von 28 staatlichen oder halbstaatlichen Firmen mit Zehntausenden von
Mitarbeitern auf die Scientology-Ideologie eingeschworen. Der Staatsbetrieb
"Perm-Motoren", 3.000 Mitarbeiter, steht unter der Führung von Scientologen,
die regelmäßig mit der Zentrale in Los Angeles in Verbindung treten müssen.
Hier wie in der "Perm-Maschinenfabrik" wurden Hubbard-Colleges eröffnet, in
denen die Mitarbeiter geschult werden, um im kapitalistischen
Konkurrenzkampf siegen zu können. "Nur die Tiger überleben", sagt
Scientology und verlangt unter anderem für Schulungen der Mitarbeiter eine
Art Steuer, die deren Wirtschaftszweig World Institute of Scientology
Enterprises (WISE) in Los Angeles einstreicht.
Alexander Guriev, der Chef der Permer Provinzverwaltung, ist scientologisch
geschult. Ebenso der Verwaltungsdirektor des größten städtischen
Industriegebietes sowie der Chef des örtlichen Fernsehsenders T-7 Grigorij
Volchek. Perm könnte bald die erste Millionenstadt sein, die scientologisch
gemanagt und manipuliert wird. Scientology durchtränkt Russland mit einer
Ideologie, die zur Freude amerikanischen Kapitals gedeiht und die die
russische Bevölkerung in einzelne "Spieler" zerlegt, die keine gemeinsame
Vorstellung mehr von Staat, Nation, Klasse und Gesellschaft entwickeln
sollen. Übrigens in Moskau wurde Ron Hubbard nicht nur zum Ehrendoktor
gekürt, ein Krankenhaus mit 400 Betten will nach seiner "Narconon-Methode"
reichen, alkoholkranken Russen "Entheta" mit mehrstündigen Saunagängen,
überdosierten Vitaminzugaben und viel "Hubbard-Messungen" austreiben. Gott
kommt hier nicht vor. Aber Geld. Viel Geld.
Zur Erfüllung dieses Zwecks orientieren sich immer mehr deutsche
Personalberatungsfirmen an den Prinzipien des Dr. Steven Reiss, der den
Scientology-Neopositivismus mit der Aktiengesellschaft EAMS (European
Academy for Motivation System), Sitz in der Schweiz, von Ohio nach Europa
tragen will. "Macht (Einfluss, Leistung, Führung, Kontrolle)" lautet das
erste von 16 "Reiss-Lebensmotiven", die Menschen genauso in ein Raster
schieben, wie dies in "Hubbards Tabelle der Einstufung des Menschen"
geschieht.
Der Professor aus Ohio hat lediglich Ron Hubbard für Europa geglättet und
von viel amerikanischem Kitsch befreit. Der Zweck dieser Philosophie, ob da
nun Reiss oder Hubbard die Verpackung ziert, ist der gleiche. Sie soll Geld
durch Manipulation "einspielen". Nur ein "hoher Grad an Selbsterkennung
bezüglich berufsrelevanter und persönlicher Werte, Ziele und Motive" könne
das "eigene Führungsverhalten optimieren". "Wie treffe ich richtige
Personalentscheidungen unter Beachtung der Motivation?" "Wie setze ich Teams
optimal zusammen?" fragt die Berliner Personalberatung Mannroth, die ihre
täglichen Manipulationsaktivitäten auf Dr. Reiss stützt und genau das
umsetzt, was auch Hubbards Ziel war. Skrupellose Manager sollen ihren "Job"
als "Spiel" begreifen, bei dem jene über die Klinge springen, die keinerlei
"Macht"-Motiv in sich verspüren, sondern die sogar noch froh sind, wenn sie
mit einem "Ein-Euro-Job" ihr klägliches Leben aufbessern dürfen, ganz zu
schweigen von jenen Menschen, die aus Not die Flucht von Afrika über das
Mittelmeer auf sich nehmen, um überleben zu können.
Ob Reiss oder Hubbard, jeder aktualisiert den Neopositivismus auf seine
Weise und will den Blick auf die Totalität des Lebens verhindern. Eine an
sich seiende Wirklichkeit gibt es hier nicht. Der Mensch wird weder als
Gattungswesen noch als Individuum verstanden. Alles wird durch den "Thetan"
beherrscht. Die Natur als vom Menschen unabhängige Seinskategorie, mit der
der Mensch arbeitend in Beziehung tritt, wird negiert; denn alles Denken und
Tun ist auf Manipulation anderer und des eigenen Selbst abgestellt. Wie wird
mein Staat, mein Betrieb, mein Produkt, mein "Team", wie werde ich im
"Spiel" der Konkurrenz zum Sieger? Das ist die Zentralfrage des
Scientology-Positivismus. Deshalb gewinnt er in allen kapitalistischen
Ländern an Einfluss. Die Wissenschaft soll dem Zweck der universellen
Manipulation dienen. Sie soll nicht dazu beitragen, dass sich die Erkenntnis
über die Wirklichkeit tatsächlich vertieft. So beginnt jedes
Scientology-Seminar damit, die Wirklichkeit als objektive Kategorie zu
negieren; denn, so lernen alle Neopositivisten, also nicht nur die
Scientologen: Die Wirklichkeit ist immer subjektiv. Daher kommt es nur auf
die eigene Sichtweise an, nicht auf die Prozesse von Dingen und Beziehungen
von Menschen, die sich hinter den Erscheinungen des eigenen Sichtvermögens
verbergen.
Durch bombastisch klingende Termini will Scientology allerdings
Wissenschaftlichkeit vermitteln. "Wie es aber eine leere Breite gibt, so
auch eine leere Tiefe", würde Hegel vermutlich diese Geistesblasen
kommentieren, dessen dialektische Methode die Neopositivisten gar nicht
mögen. Ausbeutung, Unterdrückung, Krieg sind nur "Spiele" für den
Scientologen, also nichts, was zur gesellschaftlichen Totalität gehört.
Spiele sind aber bekanntlich immer Begegnungen von einzelnen Menschen, nicht
von Völkern oder Klassen. Im echten Spiel ist die gesellschaftliche
Wirklichkeit der Menschen ausgeklammert. Im Spiel kommen nur Spaß und Freude
auf, wenn der Ehrgeiz die Spieler dazu treibt, die eigene Technik und
Methode zu verbessern, um Sieger zu werden. Was im Spiel Spaß bringen kann,
ist im Leben allerdings oft unmenschlich und tödlich. Die Wirklichkeit ist
nämlich kein Spiel. Sie ist eine Totalität von Totalitäten natürlicher und
menschlich-gesellschaftlicher Prozesse. Hier geht es um Leben und Tod, um
Klima, um Hunger, Angst, Furcht, Lust, Liebe und Vernunft. Um in dieser
Totalität menschlich denken und handeln zu können, braucht es keinen
Neopositivismus, gleichgültig in welchem Gewand er daher kommt, sondern
einen wissenschaftlich ungetrübten Blick auf diese Gegebenheiten.
Dialektisches Denken ist gefragt und ein Blick, der begreift, dass wir in
dieser Totalität des gesellschaftlichen Seins intensiv von den ökonomischen
Kategorien geprägt werden und nicht von einem "Thetan" oder einer "Energie"
oder von sonstigen Weltgeistern oder Außerirdischen.
"Der kleine Dienstag aber wich nicht vom Apparat."
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