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Forum: cl.weltanschauung.anarchie
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Ein Zwischenruf des Ziegelbrenners

Liebe Leserinnen und Leser,

auf keinen Newsletter bekam ich in den letzten Jahren so viel Feedback wie auf denjenigen vom 30.5. zum 200. Geburtstag von Michael Bakunin - und es war fast durchweg zustimmend, teils mit ergänzenden Hinweisen versehen; auch wurde der Newsletter in verschiedenen Mailinglisten weitergeleitet. Vielen Dank dafür. Das jedoch jemand die Existenz Gottes verteidigte und "intelligentes göttliches Design" wahrnahm, auch wenn es "manchmal nicht so schnell zu entdecken ist" - Schwamm drüber.

Ernster wog da schon der Einwand, warum ich nichts Positives im Veganismus sehe. Nun - so ist es natürlich nicht. Problematisch erscheint mir nur, daß der Umstand, das Veganismus in den letzten Jahren gesellschaftsfähig geworden ist, gleichzeitig mit einer Entpolitisierung einherging. Veganismus ist nun irgendwie Lifestyle - und damit vielfach konform mit der zunehmenden gesellschaftlichen Ich-Bezogenheit & dem Drang zur individualisierten Selbstverwirklichung, wie er sich auch in der gegenwärtigen Ratgeber-Schwemme ausdrückt.

Zum 200. Geburtstag von Bakunin gab es immerhin zwei Radio-Beiträge, einen von Rolf Cantzen im Bayerischen Rundfunk (und dort als Podcast zu hören):
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/bakunin-arbeiterbewegung-anarchismus-100.html, sowie ein "Kalenderblatt" im Deutschlandfunk von Agnes Steinbauer: http://www.deutschlandfunk.de/michail-bakunin-der-begruender-des-anarchismus.871.de.html?dram:article_id=287743 (das im selben Sender wenige Tage zuvor wieder einmal Anarchie als Synonym für Chaos & Barbarei betrachtet wird - diesmal in Bezug auf die Ukraine - ist ebenso ärgerlich wie fehlerhaft und offenbart schlampige Redaktionsarbeit, wo doch schon ein Blick in Wikipedia genügt hätte: http://de.wikipedia.org/wiki/Anarchie). Nachsitzen: Anomie ist keine Anarchie. Und Falsches wird auch durch wiederholten Abschreiben nicht richtig.

"Anarchismus ist sozialrevolutionär, weil er nichts hält von einer Teilnahme an Herrschaftsverhältnissen, sondern er propagiert die Verweigerung dieser Teilnahme und die Auflösung dieser
Herrschaftsverhältnisse und die Schaffung neuer, freiheitlicher Gemeinschaftsformen", zitiert Agnes Steinbauer im o.g.
"Kalenderblatt". Insofern ist Bakunin nicht zuletzt auch ein unermüdlicher Propagandist gewesen von Wohn-, Arbeits- und
Lebensformen, die man heute vielleicht "solidarisch" nennen würde, ein Aspekt, der in meinem letzten Einwurf allerdings zu kurz kam. Und betont sei hier Bakunins Ansicht, dass Freiheit nur durch Freiheit verwirklicht werden kann, nicht durch eine wie auch immer geartete "Diktatur des Proletariats".

Bakunins Lieblingsgetränk? Vielleicht war es Punsch, mit Rum, Zucker, Zimt, Sirup und Wein: "Bakunin rührt mit der breiten Holzkelle in dem wahrlich alchemistischen Gemenge. Von bläulich-violetten zuckenden flammen umgeben bittet er, zur Abschwächung, noch um einige Flaschen Rotwein und gießt den Rebensaft in den Kupferkessel. der Wein erstickt die Rum-Flamme. Mit kräftigen Drehbewegungen rührt und rührt Bakunin in dem brodelnden Gebräu - und endlich, endlich taucht er die Holzkelle in das dionysisch dampfende Getränk - und kostet: 'Beim verfluchten Zar! Herrlich, herrlich!'" (Bakunin Almanach, Berlin 2007, S.264/ 265, erschienen im Karin Kramer Verlag, der sich lange Jahre sehr um Bakunins Werk verdient gemacht hat).

Warum der Anarchismus in der Geschichte so erfolglos blieb? Nun, immer wieder wurden anarchistische Bewegungen, sobald sie umfassender wurden, gewaltsam erstickt. AnarchistInnen haben, als "natürliche"
GegnerInnen jedweder Herrschaft und Staatlichkeit, mächtige Feinde. Dass "der Mensch in totaler Freiheit zum uneingeschränkten Egoismus" (so eine Zuschrift) neige und insofern nicht zum Anarchismus tauglich sei ist wohl nicht zuletzt eine Frage des Menschenbildes. Da die Kompetenz über das eigene Leben in der Geschichte immer wieder an Autoritäten abgegeben wurde (Eltern, Kirche, Chefs, Staat etc.) ist uns selbstbestimmtes, verantwortliches Handeln allerdings in der Tat nicht in die Wiege gelegt worden. Was aber eben nicht heißt, daß Autonomie und Eigenverantwortlichkeit grundsätzlich unmöglich wären.

Eine kleine Korrektur zum letzten Einwurf: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Oder so ähnlich. Bakunin, wir gedenken Deiner. Und nicht: Dir. Oh weh. Doch ist es ein Gerücht, daß die Buchverkäufe deshalb so schleppend gingen, weil man "als Anarchist sowieso nur die Fäuste und nicht den Kopf benötigt" und die Sprache nicht beherrscht. Der Ziegelbrenner stellt sich beschämt in die Ecke...

Ungeachtet der vielen Reaktionen auf meinen Einwurf - es wurde kaum ein Buch mehr verkauft deshalb, das Lager bleibt voll. Das Zitat des vor 150 Jahren geborenen, dem Symbolismus zugerechneten und mit dem Anarchosyndikalismus sympathisierenden französischen Poeten Pierre Quillard (1864-1912) ist vielleicht ganz im bakunistischen Sinn: "Gute Literatur ist eine herausragende Form der Propaganda durch die Tat".

In diesem Sinne: Freiheit & Glück!

Es grüßt Der Ziegelbrenner (ehem. Anares)

PS: derzeit kommen allerlei dreifarbige Produkte meist minderer Qualität in den Handel, darunter schwarz-rot-gelbe Kehr-Garnituren & Bratpfannen. Eigentlich eine schöne Ironie: Deutschland entstauben (oder in die Pfanne hauen). Anpfiff also für den langen Lauf zur Abschaffung des (National-)Staatlichkeitswahns!


Der Ziegelbrenner
Medienversand

E-Mail: info ät ziegelbrenner.com
Internet: www.ziegelbrenner.com

12.06.14    Absender/-in: Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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