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http://de.indymedia.org/2008/03/210793.shtml
[hier auch bebildert!]
Neuseeland: Das Land der langen Lebenslüge
Valerie Morse 18.03.2008 03:54 Themen: Weltweit
Am 15. Oktober 2007 führte die neuseeländische Polizei eine beispiellose
Reihe landesweiter Razzien in 60 verschiedenen Häusern durch und
verhaftete 17 indigene und anarchistische AktivistInnen. Die Verhaftungen
basierten auf Überwachungs- und Abhörmassnahmen, die unter dem 'Terrorism
Suppression Act' (Anti Terrorismus-Gesetz) erlassen wurden. Dies war das
erste mal, dass dieses Gesetz angewendet wurde, das unmittelbar nach den
Ereignissen vom 11 September 2001 erlassen wurde und sich direkt darauf
bezieht.
Links: October15thSolidarity.info | Aotearoa IMC | Te Mana Motuhake ō
Tūhoe
Die Razzien fanden ab 5 Uhr früh am Montag Morgen statt. Um 5.45 Uhr
klopfte die Polizei an meine Tür. Dann brachen sie die Tür fast ein. Als
ich öffnete, kamen 15 PolizisteInnen hereingestürmt und wedelten mit einem
80-seitigen Durchsuchungsbeschluss. Als ich sagte, dass der Beschluss
nicht unterschrieben sei, antwortete der Komissar 'hier, hier ist die
unterschriebene Kopie'. Dann machten sie sich über mein Zimmer her,
rupften die Pflanzen aus ihren Töpfen, entfernten die Rückwand meines
Kühlschranks und nahmen eine lange Liste von Dokumenten, Fotos,
elektronischem Gerät und Klamotten mit. Zum Schluss nahmen sie mich fest
wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung.
Die Razzien kamen völlig überraschend für mich, für Neuseeland und für den
Rest der Welt, soweit diese solche Ereignisse verfolgt. Neuseeland, auch
Aotearoa genannt – das 'Land der langen weissen Wolke' in der
Sprache der Maori – hat den Ruf von guten sozialen Verhältnissen,
eine fortschrittliche Regierung und einen beneidenswerten Prozess zur
Klärung von Ansprüchen, die sich aus Verletzungen des Vertrags von
Waitangi ergeben. Der Vertrag wurde 1840 zwischen etwa 500
Stammesoberhäuptern der Maori und der britischen Krone geschlossen.
Was in Wirklichkeit in Aotearoa hinter den Kulissen der cleveren 'clean,
green, 100% pure' Vermarktungs-Kampagne der Regierung passiert ist etwas
anderes, als diese uns weismachen will.
Schlachtfeld Medien
Am Tag der Verhaftungen fand ein Schlachtfest der Medien statt, als die
Polizei bruchstückhaft Teile des Beweismaterials durchsickern liess, die
von Napalm-Bomben, Anschlagsplänen auf Premierministerin Helen Clark und
Präsident George Bush und 'IRA-ähnlichen Kriegsplänen' handelten. Die 17
Verhafteten wurden in vier verschiedenen Orten dem Haftrichter vorgeführt.
Einer wurde sofort entlassen, die anderen wurden in Untersuchungshaft
genommen, da die Staatsanwaltschaft Einspruch gegen die Haftverschonung
eingelegt hatte.
Wir wurden zu einer Bedrohung der 'nationalen Sicherheit' erklärt. In dem
Dunstkreis von Terrorismus-Hysterie und geheimen Beweisen hatten Anträge
auf Haftverschonung keine Chance.
Die neuseeländische Regierung hat alle von Bush im Anschluss an 9/11
gestellten Anforderung zum Thema Terrorismus erfüllt. Gleichzeitig wurden
alle brutalen Taktiken der US-Regierung importiert – Repression,
Überwachungstechnologie und Polizei, die hyper-paranoid auf politische
Aktivitäten reagiert, besonders, wenn diese von indigenen AktivistInnen
ausgeht, die es wagen, von Bestrebungen nach Souveränität zu sprechen.
Verhaftet wurden…
Unter den 17 Verhafteten vom 15. Oktober waren 12 Maori, davon viele vom
Stamm der Tuhoe. Tuhoe haben eine lange Geschichte des Widerstands gegen
Kolonialisierung. Sie haben nie den Vertrag von Waitangi unterschrieben.
Es gibt eine Geschichte, die besagt, dass einem Regierungsvertreter davon
abgeraten wurde, zu den Tuhoe zu gehen, um den Vertrag unterschreiben zu
lassen, weil er sonst womöglich aufgegessen würde. Heutzutage haben Tuhoe
den höchsten Anteil and Menschen, die von klein auf Maori sprechen und
haben eine starke kulturelle Identität, die verbunden ist mit dem Gebiet,
das sie 'Te Urewera' nennen – das Land des Nebels. Es gibt ungefähr
30.000 Menschen, die sich zu den Tuhoe zählen und viele davon leben immer
noch in relativ isolierten Gemeinden im Urewera-Gebiet.
Die Razzien und Verhaftungen waren das Resultat einer zweijährigen, 8
Millionen Dollar teuren Operation, die 'Operation Eight' genannt wird. An
den Razzien waren etwa 300 PolizistInnen beteiligt. Die meisten wussten
nicht viel von den Ermittlungen oder den Verdächtigen und es scheint, dass
keiner die Geschichte der Politik der verbrannten Erde, von Mord und
Landraub kannte, die den heftigen Widerstand der Tuhoe vor über hundert
Jahren hervorgerufen haben.
…12 indigen Menschen…
Die Staatsgewalt hat eine Art, bequemer weise Dinge zu vergessen, die
nicht in ihre Darstellung der Welt passen. Dies war auch am 15. Oktober
der Fall. In einer spektakulären Vorführung sind schwerbewaffnete und
vermummte PolizistInnen – das sogenannte 'armed offenders squad'
– in die kleine Ortschaft Ruatoki eingefallen und haben den gesamten
Ort abgeriegelt. Auf ihrer Suche nach Terroristen und Beweismaterial haben
sie alle Fahrzeuge angehalten und die Insassen fotografiert. Bei den
Hausdurchsuchungen wurden viele Menschen traumatisiert, z. B. wurden eine
Frau und fünf Kinder sechs Stunden lang in einem Schuppen eingesperrt,
während der Vater vernommen wurde, die Unterwäsche einer Frau wurde als
Beweismaterial beschlagnahmt und ein Schulbus wurde gestürmt.
Bei einer Durchsuchung in Süd-Auckland wurde eine ganze Familie,
einschliesslich eines 12-jährigen Mädchens, gezwungen, sich hinzuknien mit
den Händen hinter dem Kopf und so fünf Stunden lang zu verharren. So sieht
das Muster für Hausdurchsuchungen in Maori-Gemeinden aus.
…und 5 nicht-indigene Menschen
Die Situation für die nicht-indigenen Verhafteten (die im weiteren als
Pakeha, also weisse Neuseeländer, bezeichnet werden) war wesentlich
anders. Mir wurden nicht einmal Handschellen angelegt, als ich zum
Polizeiwagen geführt wurde. Keine weissen Stadtteile wurden abgeriegelt
und keine weissen Nachbarn wurden angehalten und fotografiert, als sie den
Morgen zur Arbeit gingen. So etwas geschieht nur mit Maori.
Der institutionelle Rassismus der Polizei und des Justizapparats hat die
Maori nicht weiter überrascht, und besonders nicht die Tuhoe, die unter
seinen Willkürakten seit 160 Jahren leiden. Für die Pakeha hingegen war es
ein Weckruf. Leider haben die meisten es weniger als Rassimus begriffen,
sondern als Ausweitung der staatlichen Macht gegenüber politischen
Dissidenten. Ich sage leider, weil klar aus den 10.000 Seiten
Beweismaterial, die ich bisher gesehen habe, hervorgeht, dass es die
Unabhängigkeit der Maori ist, die der Staat fürchtet. Es ist die
politische Kraft der vereinigten Indigenität, vor der sich die herrschende
Klasse ängstigt.
Für Maori in Aotearoa Neuseeland sind der 'Krieg gegen den Terror' und
diese Razzien ein Teil einer langen Geschichte der Kolonialisierung, die
nicht vergessen ist.
In den 1860ern wurde der 'Suppression of Rebellion Act' verabschiedet,
dessen Formulierungen eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Terrorism
Suppression Act von 2002 aufweisen. Dieses ältere Gesetz wurde vom jungen
neuseeländischem Staat benutzt, um eine Serie von bösartigen Angriffen auf
Maori-Gemeinden auszuführen, um Land für Siedlungen zu beschlagnahmen.
Gruppen von Menschen und ganze Stämme wurden zu Aufständischen erklärt, so
dass der Staat eine ganze Reihe von ausbeuterischen und repressiven
Massnahmen gegen sie einleiten konnte.
Der institutionelle Rassismus
Ich bin der Überzeugung, dass ich verhaftet wurde, um die rassistische
Natur der Polizeioperation zu verschleiern.
Durch die Verhaftung einiger Pakeha-AktivistInnen konnte die Regierung den
Vorwurf entschärfen, dass es sich um eine gezielte Aktion gegen Maori
handelte. Ich wurde auch deshalb verhaftet, weil ich mit den
Maori-Angeklagten bekannt bin und weil ich, als Anarchistin, der Regierung
genügend Probleme und Peinlichkeiten beschert habe, dass sie mich gerne
kaltstellen möchten. Im Juni letzten Jahres habe ich ein Buch über die
Beteiligung der neuseeländischen Regierung am 'Krieg gegen den Terror'
veröffentlicht. Darin behaupte ich, dass sowohl politische Dissidenten,
als auch Maori das Ziel diese Krieges seien, zusammen mit Flüchtlingen und
MigrantInnen. Es hat mir ein Gefühl von bizarrer Ironie und grausiger
Genugtuung bereitet, in meiner Zelle zu sitzen und mir dazu zu
gratulieren, dass ich Recht hatte.
Es ist klar, dass in einem Land mit 4 Millionen EinwohnerInnen jeder jeden
kennt. Es gibt mit Sicherheit Verbindungen zwischen AnarchistInnen,
Umwelt-, Anti-Kriegs- und indigenen AktivistInnen: die meisten kennen sich
und arbeiten regelmässig zusammen. Mensch müsste in einem Zustand völliger
Illusionen leben, um nicht zu erkennen, wie diese Themen miteinander
verbunden sind, besonders in Neuseeland, wo die Auswirkungen der
neoliberalen Strukturanpassungen der 80er Jahre jeden Tag zu spüren sind.
Die Labour Partei - fucking people over since 1999
Das neuseeländische Parlament ist nach dem Vorbild der
Westminster-Demokratie gestaltet, es gilt aber das Verhältniswahlrecht.
Zur Zeit regiert die Labour Partei mit einer delikaten Balance aus
Abkommen – teils formell, teils informell – mit anderen,
kleineren Parteien.
Genau wie die Britische Labour Partei, hat auch die neuseeländische längst
jegliche Ähnlichkeit mit einer Partei der Arbeiterklasse abgelegt und hat
die neoliberale Wirtschaftsordnung mit offenen Armen übernommen. Dies hat
besonders Maori betroffen, die im Allgemeinen die allgegenwärtige
Kommodifizierung, insbesondere der Flora und Fauna, des Landes und des
geistigen Eigentums, ablehnen. Trotzdem haben viele Maori bis vor kurzem
die Labour Partei unterstützt und alle Maori-Sitze im Parlament wurden von
Labour besetzt.
Im Jahre 2004 hat die Regierung das 'Seabed and Foreshore' Gesetz
verabschiedet, wodurch den Maori die Nutzungsrechte am Land zwischen
Niedrig- und Hochwassermarke sowie am Meeresboden genommen wurden. Obwohl
das Gesetz internationalen Regelungen widerspricht und trotz einer
Verurteilung durch die UN wurde das Gesetz nahezu einstimmig im Parlament
verabschiedet. Seit dem findet sich in den Büchern des Finanzministeriums
ein Eintrag für diese neuen Vermögenswerte. Diese groteske Konfiszierung
wurde von vielen Maori als Kriegserklärung verstanden. Es entstand ein
Bruch in der Labour Partei, als dessen Resultat die Maori Partei entstand,
die jetzt eine ernsthafte Bedrohung für den Erhalt der Maori-Sitze für
Labour und insgesamt für den Machterhalt der Labour Partei darstellt.
Politisch gesehen, ist dies einer der Hauptgründe für die Razzien. Im
Wahljahr 2008 ist es für die Labour Partei wichtig, radikale Maori als
gefährliche Bedrohung für die Stabilität des Landes darzustellen. Dies war
ein Risikospiel von Premierministerin Helen Clark, um eine vierte Amtszeit
durch eine Politik des Teilen und Herrschen zu erreichen. In den Medien
hat Clark wiederholt behauptet, dass es sich bei den Razzien um eine reine
Polizeimassnahme handelte, während es in politischen Kreisen in Wellington
allgemein bekannt ist, dass nichts von Bedeutung ohne ihre ausdrückliche
Zustimmung geschieht.
Gesetze für den 'War on Terror'
Der andere politische Faktor, der zu den Razzien geführt hat, ist die
Beziehung der Regierung zu den USA und anderen engen Verbündeten auf dem
Verteidigungsgebiet. Als Mitglied des exklusiven Fünfer-Klubs UKUSA, einem
nachrichtendienstlichen Netzwerk, das zusammen mit den USA, UK, Canada und
Australien betrieben wird, ist Neuseelands Sicherheit eng mit den USA
verbunden. Diese Beziehung, sowie die daraus resultierenden
organisatorischen Verbindungen, haben eine wichtige Rolle bei der Reaktion
Neuseelands auf die Terrorismus-Hysterie der USA gespielt. Ausserdem hatte
Neuseeland eigene interne Gründe dafür, die Terrorismus-Gesetze
anzunehmen.
Der Gesetzentwurf für das Terrorismus-Gesetz lag bereits vor dem 11.
September 2001 bei einem Ausschuss und sollte lediglich die bestehenden
Regelungen der UN-Konventionen zum Terrorismus umsetzen. Nach 9/11 wurde
das Gesetz grundlegend geändert und geheim gehalten, während Regierung und
Opposition darum bemüht waren, ihre Unterstützung der USA kundzutun.
Glücklicherweise wurden die Änderungen im Gesetz dennoch bekannt, was zu
erheblicher öffentlicher Ablehnung führte, wodurch die schlimmsten Aspekte
des Gesetzes abgemildert wurden. Unglücklicherweise folgten etliche
weitere Gesetze. Diese Gesetze spiegeln die Gesetzgebung der USA wieder
und beinhalten den Border Security Act, den Maritime Security Act, den
Telecommunications (Interception Capability) Act, den Identity
(Citizenship and Passports) Act, den Security Intelligence Act sowie
Erweiterungen des Immigration Act und des Strafgesetzbuches.
Zusätzlich zu den gesetzlichen Änderungen wurden die Haushalte und der
Personalbestand der staatlichen Sicherheits- und Überwachungsdienste
massiv erhöht – alles im Namen der Terrorismusbekämpfung. Mit diesen
neuen Mitteln und all den neuen Spielzeugen mussten die Polizei und der
Geheimdienst einfach mal einen Terroristen finden. Der erste Versuch war,
dieses Label an den algerischen Exilpolitiker Ahmed Zaoui zu hängen, der
2001 mit falschen Papieren nach Neuseeland kam. Als das Vorhaben 2006
scheiterte, weil der Bericht über das Risiko, dass er angeblich
darstellte, widerrufen wurde, mussten andere gefunden werden, um die Rolle
der 'Terroristen' zu füllen. In der Welt der Geheimdienste wird
ausserparlamentarische politische Aktivität als gefährlich angesehen,
politische Aktivitäten der Maori als besonders gefährlich.
So war die Bühne bereitet und die Rollen verteilt, als 300 PolizistInnen
die erste 'Anti-Terror' Razzia durchführten.
Der Terrorism Suppression Act diente dazu, die Genehmigung für extensive
Abhörmassnahmen für Telefone und Autos zu erlangen, aber den Verhafteten
wurden zunächst nur gemeinsamer Waffenbesitz nach dem Waffengesetz
vorgeworfen. Um wegen terroristischer Aktivitäten angeklagt zu werden,
bedurfte es noch der Genehmigung der Generalstaatsanwaltes.
Die erste Woche im Knast
In der ersten Woche nach meiner Verhaftung sass ich in Einzelhaft ohne
Zugang zu irgendwelchen Nachrichten oder Informationen. Ich stand unter
Schock. Ich bin schon einige Male vorher wegen politische Aktivitäten
festgenommen worden, aber ich war noch nie im Gefängnis. Ich hatte Angst.
Allerdings hatte ich noch Glück, weil eine meiner besten Freundinnen
ebenfalls verhaftet worden war und mit mir einsaß. Wir hatten benachbarte
Zellen und konnten uns über eine 8 Meter hohe Betonmauer im Hof durch
lautes Schreien verständigen. Am dritten Tag bekam ich ein Buch: Jailbird
von Kurt Vonnegut. Ich musste weinen vor Lachen.
Als wir am Ende der ersten Woche endlich in den allgemeinen Trakt verlegt
wurden, kam dieser mir wie ein herrlicher Ort vor – was nur beweist,
wie schnell der eigene Widerstand und die Wahrnehmung der Realität in der
Einzelhaft verloren gehen. Es war so schön, Stimmen und Musik zu hören,
nach draussen gehen zu können und den Himmel und die Berge sehen zu
können.
Antrag auf Haftverschonung abgelehnt
Nach einer Woche haben es unsere Anwälte dann geschafft, einen Antrag auf
Haftverschonung zu stellen. Wir wurden im Wellingtoner Bezirksgericht
erwartet von einer Masse UnterstützerInnen und den Medien. Wenige Minuten
nach Beginn der Verhandlung wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Es
war der bedrohliche Anfang eines der schwersten Tage meines Lebens.
In den folgenden Stunden malte der Staatsanwalt das Bild einer Gruppe von
Leuten, die gemeinsam für terroristische Anschläge geübt hätten. Uns wurde
vorgeworfen, im Urewera-Gebiet an Trainingslagern teilgenommen zu haben,
bei denen wir Waffen, Molotow-Cocktails und Napalm verwendet hätten. Die
Tatsache, dass meine drei unmittelbaren Mitangeklagten keine Vorstrafen
haben und ich selbst nur sehr geringfügige, wurde gegen uns verwendet, um
unsere üble Absicht zu beweisen, aus dem Gefängnis zu kommen und unsere
Pläne in die Tat umzusetzen. In dem Moment, wo das Stichwort Terrorismus
fällt, würde kein Gericht der Welt uns aus der Untersuchungshaft
entlassen. Als wir an diesem Freitag zurück ins Gefängnis kamen, war ich
sehr, sehr finster.
Anklage unter dem Anti-Terror Gesetz wird vorbereitet
Am Montag, den 29. Oktober präsentierte die Polizei ihr Beweismaterial dem
Generalstaatsanwalt, sodass der Vorwurf der 'Teilnahme in einer
terroristischen Gruppe' gegen uns erhoben werden konnte. Diesen Abend
verbrachte ich alleine in meiner neuen Zelle, ohne jemandem zu haben, mit
dem ich darüber reden konnte, was wohl als nächstes passiert. Ich war in
einer geheimen Mission, die Bin Laden alle Ehre gemacht hätte, 700 km
nördlich ins Frauengefängnis von Auckland verschleppt worden.
Am folgenden Mittwoch konnte Premierministerin Helen Clark ihren Mund
nicht mehr halten und stieg in die Debatte ein. Sie setzte sich arrogant
über die Regeln des Sub Iudice – die ein faires Verfahren erlauben
sollen – hinweg, indem sie behauptete, die Angeklagten hätten
„im mindesten mit Waffen und Napalm trainiert“. Der
Medienzirkus ging weiter.
Unsere Solidarität gegen ihre Repression
Überall im Land wurden Demonstrationen, Kundgebungen, Benefizkonzerte und
Informationsveranstaltungen organisiert und was von der Linken in
Neuseeland übrig ist, unterstützte die Verhafteten. Die Politische Debatte
verlief zwischen indigener Souveränität, Bürgerrechten und Überwachung.
Die bürgerlichen Medien fuhren mit ihrer Tradition der sensationslüsternen
Berichterstattung, schlecht informierten Kommentaren und schlichten Lügen
fort. Die Medienkonzentration in Aotearoa Neuseeland ist eine der höchsten
der Welt. Fast alle Tageszeitungen gehören zwei multinationalen Konzernen.
Alle sangen sozusagen vom gleichen Notenblatt. Auch anderen Ländern
solidarisierten sich AktivistInnen mit uns (u.a. in Berlin).
Terrorismus oder nicht Terrorismus
Am Tag vor dem nächsten Haftprüfungstermin, nach nahezu einem Monat, hatte
ich ein langes Gespräch mit meinem Anwalt. Wir besprachen seine Strategie
für die Verhandlung und die möglichen Argumente der Staatsanwaltschaft. Am
Ende der Unterhaltung sagte er: „Oh, da war noch was, was ich dir
sagen wollte. Der Generalstaatsanwalt wird bald seine Entscheidung
bekanntgeben. Valerie, sie werden die Terrorismus-Anklagen erheben.“
Ich legte auf und suchte Emily, meine Mitangeklagte und Freundin. Ich
sagte ihr, dass wir uns darauf vorbereiten müssen, weil es passieren wird.
Ich war manisch, verzweifelt und tief beunruhigt. Wir sassen eine Weile
zusammen bevor ich in meine Zelle ging und das Radio anmachte. Die
Vier-Uhr-Nachrichten brachten sofort einen Livebericht von der
Pressekonferenz des Staatsanwalts. Ich sass auf meinem Bett, steif vor
Angst. Er sagte: „Ich kann die Anklagen unter dem Terrorism
Suppression Act nicht zulassen“. Ich rannte aus meiner Zelle und im
ganzen Gefängnis umher, und schrie „sie machen's nicht, sie machen's
nicht!“. Ich rief hinauf zu Emily, die in ihrer Zelle war. Ich
konnte kaum die Worte rausbringen.
Ihre Antwort war: „für uns alle?“ und ich dachte, oh nein,
dass weiss ich gar nicht. In meiner Aufregung hatte ich den Bericht nicht
zu Ende gehört. Ich rannte mit ihr zurück in meine Zelle.
Wir machten das Radio wieder an und hörten ihn sagen, dass die Beweise
nicht hinreichend wären, dass keine/r von uns angeklagt werden würde und
dass das Gesetz 'komplex, unzusammenhängend und nicht umsetzbar' wäre. Ich
war ekstatisch. Einen Moment später erhielt ich einen Anruf von meinem
Anwalt, der mir mitteilte, dass die Staatsanwaltschaft keinen Einspruch
mehr gegen unsere Entlassung erheben würde. Morgen würden wir draussen
sein.
Es war surreal. Ich habe noch nie in meinem Leben solch freudige
Erleichterung gespürt wie an diesem Abend. Ich konnte nicht schlafen. Ich
konnte mich nicht konzentrieren. Ich sass nur da und staunte über die
Ereignisse des letzten Monats.
Wieder auf freiem Fuss
Am Freitag, dem 9. November wurden wir vom Gericht in Auckland auf freien
Fuss gesetzt. Wir sind trotzdem nicht frei. Gegen sechzehn von uns
bestehen immer noch Anklagen nach dem Waffengesetz. Wir haben immer noch
beschwerliche Auflagen zu erfüllen, u.a. Ausgangssperren, Meldepflicht bei
der Polizei und Kontaktverbot untereinander. Dies sind die staatlichen
Methoden der Kontrolle und Bestrafung.
Wie ich schon angedeutet habe, weist alles darauf hin, dass die Razzien
politisch motiviert waren aus der lange bestehenden Angst vor der
Durchsetzung indigener Macht. In diesem Wahljahr gefällt es der
Labour-Regierung, 'böse Maori' zu finden, um die alte koloniale 'Teile und
Herrsche' Strategie anwenden zu können. Sie werden, wen immer sie können,
durch Propaganda und Überredung assimilieren; diejenigen, die sich
widersetzen, werden brutalisiert und kriminalisiert, wie schon seit mehr
als einem Jahrhundert. Maori-Aktivisten werden vom Staat beobachtet, weil
sie Maori sind.
Es überrascht wenig, dass die Vereinten Nationen einer Beschwerde von
indigenen AnwältInnen nachgehen und das Verhalten der neuseeländischen
Regierung bei den Razzien untersuchen, obwohl es das erste Mal ist, dass
einer Beschwerde einer Gruppe gegen den Staat (statt andersherum)
nachgegangen wird. Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass dies zu einer
substantiellen Verbesserung der Situation der Maori oder der Angeklagten
führen wird, ist es doch ein weiterer Schlag gegen die idealisierte Utopie
in der Südsee.
In den kommenden Monaten wird der Fall der 'Urewera 16' vor dem
Bezirksgericht in Auckland gehört werden. Meine grosse Hoffnung für das
Verfahren und für die Zukunft dieses Landes ist, dass die Razzien
weiterhin den falschen Frieden dieses Kolonialstaates stören werden und
dass Menschen zu dem Kampf um Gerechtigkeit und Frieden radikalisiert
werden.
Valerie Morse ist Anarchistin und Schriftstellerin aus Wellington. Sie hat
die meisten ihrer 36 Jahre in Tucson Arizona and Washington DC verbracht,
hat die USA aber während der Clinton-Regierung angeekelt verlassen. Gegen
sie liegen derzeit drei Anklagen wegen Verstosses gegen das Waffengesetz
(Besitz von Waffen, Molotov-Cocktails und Munition) vor, die sich aus den
Razzien vom 15. Oktober 2007 ergeben. Das Ergebnis ihres sogenannten
'Terroristen'-Daseins ist, dass ihr Pass eingezogen wurde und ihr Leben
als Anarcho-Touristin ist weitgehend eingeschränkt. Sie ist Mitglied von
Rebel Press, einem anarchistischen Verlagskollektiv. Ihr Buch 'Against
Freedom: the war on terrorism in everyday New Zealand life' und ihr
Knastmagazin 'Can't hear me scream' sind frei herunterzuladen bei:
www.rebelpress.org.nz
[Die Übersetzung wurde an offensichtlich fehlerhaften Stellen leicht
korrigiert; LPA Berlin]
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