|
http://de.indymedia.org/2007/11/200224.shtml
Schwarzer Peter: Anarchie in Russland
Petra Grad 21.11.2007 12:27
Rund 200 Autonome, Punx, Skins, Antifas, Umweltbewegte und sonstige
AnarchistInnen trafen sich vergangenes Wochenende in St. Petersburg zum
alljährlichen Festival "Tschorny Petrograd" (Schwarzes Petersburg).
Diesmal wurde es eine interessante Mischung aus Chaostagen, Anarchietagen
und Vernetzungstreffen.
Aus dem ganzen europäischen Teil Russlands und dem angrenzenden Ausland
reisten bereits am Freitag (16.11.) zahlreiche Menschen nach St.
Petersburg, kurz "Piter" - viele per Zug oder Autostopp, was schon mal
erste Gelegenheiten zur Verbreitung anarchistischen Gedankenguts bot. Die
politische Situation Russlands ist ja nicht gerade günstig: viele sehen
das Land kurz vor dem Ende der regulären Präsidentschaft Putins an der
Schwelle zur Diktatur, weil er offensichtlich die Macht nicht wie
vorgeschrieben nach zwei Amtszeiten abgeben möchte und der Verfassung
deswegen demnächst irgendeine Vergewaltigung bevorsteht; währenddessen
versinkt die Mehrheit der Gesellschaft in Armut; faschistische Ideen
greifen um sich, und entsprechende Gewalttaten bis hin zu Morden sind an
der Tagesordnung; und in Tschetschenien köchelt immer noch ein Krieg vor
sich hin, der zwar offiziell kein Thema (weil längst "gewonnen"), aber
dennoch durch die verstümmelten Veteranen und die geheime Angst der jungen
Männer vor dem Wehrdienst allgegenwärtig ist.
In dieser Situation lässt sich auch der Mitreisende im Nachtzug auf eine
angeregte Diskussion ein und sein Schönheitsschläfchen sausen, wenn Golowa
mit den Worten "Hör mal, Genosse, wir von der anarchistischen Bewegung
sehen die Lage folgendermaßen..." zu erzählen beginnt, dass es alles auch
ganz anders laufen könnte.
Ab dem frühen Vormittag bereits strömten die schwarz-bunten Scharen in die
Petersburger Innenstadt. Wind, Schneefall und zahlreiche Minusgrade
("Piter" liegt mit 60 Grad noch ein ganzes Stück nördlicher als Moskau,
und die nahe Ostsee macht das Klima dort nicht angenehmer) konnten die
Freude nicht trüben, FreundInnen aus den entferntesten Regionen mal wieder
zu sehen, und das wurde ausgiebig in verschiedenen Parks gefeiert (was
auch die Temperatur etwas erträglicher machte). Quartiere in den
verschiedenen anarchistischen WGs der Stadt wurden abgecheckt,
anschließend gaben sich viele noch die kulturelle Breitseite mit den
Museen und zaristischen Protzbauten der Innenstadt. Am Abend fand dann das
erste kurze Plenum statt; über mehrere Schleusungspunkte wurden die
BesucherInnen in einen Hinterhof gelotst, wo die Treffpunkte für die
Aktionen des Wochenendes bekanntgegeben wurden.
Nach kurzem gemeinsamem Vorglühen stürzte sich die Meute daraufhin ins
Petersburger Nachtleben. Zunächst mal ging's ins "Frikadelki", die
russische Version von McDoof. Der gemeine ausländische Beobachter denkt
sich vielleicht "uaaahh---", aber es kam ganz anders. Nach der fast ganz
regulären Einnahme einer Mahlzeit (nee, das ess ich nicht, das ist ja gar
nicht vegan) füllte sich der Laden zusehends mit GenossInnen, ein Workshop
kümmerte sich um die Versorgung mit kostenlosen Getränken von der Theke,
die härteren Sachen standen sowieso schon unterm Tisch bereit, und die
Atmosphäre entsprach spätestens nach einer Stunde eher einem AJZ als einem
Fastfoodschuppen. Sozusagen ein McSquat - man muss ja nicht immer gleich
ein ganzes Haus besetzen. Gegen später wurden verschiedene Konzerte und
eine Ska-Disco besucht, was noch sehr lustig war, nur auf dem Rückweg
holten sich ein paar Leute eine derbe Erkältung, als sie im Morgengrauen
drei Stunden vor einer zwecks Schiffspassage geöffneten Newa-Brücke warten
mussten.
Samstag mittag begann dann das offizielle Programm. Auf dem Senny-Platz
war um halb drei der erste Treffpunkt angesagt. Vor den Augen einiger
etwas ratloser Milizionäre breitete sich zunächst so eine Art
Chaostage-Szenerie aus; etwa 60 Tschorny-Piter-Fans trafen sich, wobei
teils recht aufwändig gestylte Punks das Bild prägten. Auch die
verschiedenen Skin-Fraktionen (RASH, SHARP und Oi!, wobei zu erwähnen ist,
dass Oi! in Russland immer eine deutliche Positionierung gegen Nazis, vor
allem "Bonchedi" - Boneheads, Naziglatzen - bedeutet und "a-politisch"
hier mit 'nem grossen A im Kreis geschrieben wird) waren sichtbar präsent.
Das Wetter war deutlich schöner als gestern, es wurde viel getrunken und
gelacht, ehe dann auf ein verabredetes Signal hin die Metro gestürmt
wurde. Der Drehkreuzwächter und die Alarmanlage waren zwar der Meinung,
dass 10 Jetons ein bisschen wenig für uns alle sind, wurden aber
demokratisch überstimmt (ausnahmsweise kein Konsensentscheid, aber gegen
die versuchte Verhaftung eines Genossen gab es noch viel mehr Vetos). Was
auffiel, war, dass es nach der Schleusung über zwei weitere Treffpunkte
schließlich deutlich mehr Leute waren; in Deutschland ist ja bei ähnlichen
Aktionen eher die Tendenz, dass unterwegs die Hälfte verlorengeht. So aber
trafen sich am Ende der Stadtrundfahrt an die 150 Leute in einem Kino in
der Vorstadt.
Nach kurzer Beratung war das Programm festgelegt. Zu Beginn wurde "i - der
Film" gezeigt, der indymedia-Werbetrailer, und ein paar Clips von Aktionen
in Russland. Anschließend wurde im Plenum über die Organisation der
anarchistischen Bewegung in Russland diskutiert. Nach einer kleinen
leckeren Werbeunterbrechung durch Food Not Bombs ging es in die Workshops.
Beraten wurde über die verschiedenen laufenden und anstehenden Kampagnen
wie Kämpfe am Arbeitsplatz und an den Unis, Aktionen gegen die 3. Amtszeit
Putins (und was zu tun ist, wenn es dazu kommt), die Aktionscamps im
Sommer (vor allem zu Umweltthemen) und allgemein über mögliche
Aktionsformen und anarchistische Selbstorganisation.
Letzterer Workshop drehte sich zunächst (bevor in der letzten
Viertelstunde noch schnell Nägel mit Köpfen gemacht wurden) vor allem um
das Thema Alkoholismus und Drogen; während einige TeilnehmerInnen das
Saufen als Grundlage russischer Geselligkeit und damit als unabdingbare
Voraussetzung jeder kollektiven Organisation sahen, waren andere der
Meinung, der Konsum solcher Mittel zerstöre jeglichen Aktivismus. Dagegen
wurde das Beispiel von Frontaids gebracht, einer der aktivsten politischen
Organisationen, die jede Menge auf die Beine stellt, obwohl sie von Haus
aus zum großen Teil aus Junkies besteht - andererseits waren viele von
ihnen an diesem Abend in der Stadt, schafften es aber nicht aufs Treffen,
weil sie sich in irgendwelchen Squats die Rübe wegballern mussten. Heroin
gibt's zur Zeit in Russland viel und billig, und es geht das Gerücht um,
dass das kein Zufall ist, sondern dass staatliche Stellen dabei ihre
Finger im Spiel haben und so gezielt versuchen, jetzt kurz vor den Wahlen
den Widerstand zu schwächen. Die SE-Debatte spielte auch zwischen den
Workshops eine Rolle, da ein paar Obermacker nicht ganz damit klarkamen,
dass es für viele der Anwesenden eben dazugehört, zwischendurch vor dem
Haus ein paar Wodka Bull oder andere Leckereien zu kippen.
Ein Workshop des Anarchist Black Cross vermittelte außerdem ein paar
Grundlagen über Gesetze, Rechte und ihre Durchsetzbarkeit im Umgang mit
der Staatsmacht. Dieser Workshop fand anschließend auf der Straße gleich
eine praktische Fortsetzung: eine Miliz-Streife war der Meinung, dass die
Papiere eines auswärtigen Genossen nicht in Ordnung seien, und wollte ihn
mitnehmen. Dazu muss man sagen, dass das Leben in Russland ziemlich gut
überwacht wird und die Bewegung von A nach B an sich schon einen
kriminellen Beigeschmack hat. Deswegen muss man beim Fahrkartenkauf auch
einen Perso vorlegen, der Name wird auf dem Ticket notiert, und das gilt
als Registrierung am Zielort. Besagter Genosse war aber mit dem Auto
angereist und daher auch in St. Petersburg nicht registriert, was im
Gesetz irgendwie nicht so richtig vorgesehen ist; und wenn es keine
Regelung gibt, kann man ja mal davon ausgehen, dass irgendwas daran
illegal ist und auf blöd für eine Verhaftung ausreicht. Nun, im konkreten
Fall dann doch nicht, denn es entwickelte sich ein größerer Wickel mit
dieser und einer weiteren hinzugekommenen Milizwannenbesatzung,
zwischendurch ging mal der größte Teil der Anwesenden auf dem gefrorenen
Gehsteig zu Boden, und als sich das Chaos etwas beruhigt hatte, war der
"Illegale" verschwunden.
Auch in der folgenden Nacht mieden viele Schwarzer-Peter-Fans den Schlaf.
Trotzdem fanden am Sonntag ab dem frühen Morgen Aktionen statt, z. B. am
Grab von Timur (der sich bei Food not Bombs und in der Flüchtlingshilfe
engagiert hatte und vor zwei Jahren - ebenfalls auf dem "Tschorny Piter" -
von Nazis erstochen worden war), von Frontaids und gegen die anstehenden
Wahlen.
Um halb drei war dann wieder - diesmal bei strahlendem Sonnenschein -
Treffen auf dem Senny-Platz, anschließend ging es in die Vorstadt.
Offenbar weil es gestern so locker gelaufen war, waren ein paar
GenossInnen beim Metro-Eingang nicht ganz so auf Zack: der Drehkreuzmann
konnte zwei Leute herausgreifen und hinter die Barriere ziehen, von denen
auch nur einer schnell genug war, um durch den Hinterausgang zu flitzen.
Der andere war allerdings nach einer Stunde auch wieder draußen.
Nach einigem Hin und Her fuhr die versammelte Mannschaft mit dem Bus in
das Kulturhaus eines nahegelegenen Dorfes, wo ein Konzert mit fünf Bands
aus Piter und Moskau stattfand. Das Programm reichte von anarchistischem
Liedermaching über Ska, Oi! und HC-Punk bis Crust, dazu wurde ausgiebig
getanzt und gefeiert. Den Tanz könnt Ihr Euch so ähnlich vorstellen wie
den Pogo auf einem gewöhnlichen Deutschpunkkonzi, vielleicht ein bisschen
gröber und mit mehr kollektiven Spielchen; z. B. klumpt sich der Mob
gelegentlich zu teils mehrstöckigen Gebilden zusammen, die dann
aufeinander losgehen. Rund um das Konzert war wieder jede Menge
anarchistisches Infomaterial geboten, ein paar Distros vertickten Buttons
etc., Aktionen und Treffen wurden abgecheckt, und schließlich ging es mit
den letzten Bussen zurück in die Stadt, wo die Leute teils auf die
Nachtzüge gingen, teils in den WGs und Treffpunkten weiterfeierten.
Insgesamt wird "Tschorny Petrograd 2007" allgemein als voller Erfolg
gewertet, es hat organisatorisch viel mehr geklappt als in den vergangenen
Jahren, es waren mehr Leute da und es war nicht nur ein Massenbesäufnis,
es gab wenig Nazistress, fast keine Verhaftungen und nur zwei
Leichtverletzte (einen durch nazibedingten Kontakt mit Pfefferspray und
einen durch alkoholbedingten Kontakt mit einer Rolltreppe). Ist also
sicher kein Fehler, für November 2008 schon mal eine Reise an die Newa
einzuplanen...
Dieses Werk ist gemeinfrei im Sinne der Public Domain
|