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Viele Gäste bei den Zapatistas
Miriam Boyer
Zum zweiten Mal hatten die Zapatistas in dem mexikanischen Südstaat
Chiapas zu einem »Treffen mit den Völkern der Welt« eingeladen. Fast 3000
Gäste aus über 30 Ländern zogen durch drei der fünf »Caracoles«, die
Verwaltungszentren der Zapatistas, von den kalten Hochebenen bis in den
subtropischen Urwald im Südosten. Die Zapatistas berichteten noch
ausführlicher als bei der ersten Zusammenkunft dieser Art im Januar diesen
Jahres über ihre Erfahrungen in den 2003 gegründeten »Caracoles«. Nach dem
Scheitern ihrer Bemühungen, auf institutionellem Wege materielle Rechte
und
Selbstbestimmung für die indigenen Gruppen in Mexiko zu erreichen, hatten
sie vor vier Jahren begonnen, Fakten zu schaffen (s. Ossietzky 17/03).
Seitdem tagt in jedem »Caracol« ein Rat der »Guten Regierung«, der das
Bildungs- und das Gesundheitswesen und die kollektive Arbeit in den 38
autonomen Landkreisen koordiniert, über die Aufteilung von Ressourcen und
über Justizfragen entscheidet und zudem als Kommunikationsinstanz unter
den Zapatistas wie auch nach außen dient. Die Mitgliedschaft im Rat
rotiert, damit kein Berufspolitikertum und keine Hierarchien
entstehen.
Während des einwöchigen Treffens berichteten verschiedene Komitees über
Probleme und Fortschritte. Rednerinnen, allesamt maskiert, erzählten von
der Arbeit mit Männern, »die lernen müssen‚ daß Frauen außerhalb des
Haushalts partizipieren können und sollen«; über Schulen, in denen »wieder
ein Bezug zu unserer Geschichte und unserer Realität« vermittelt wird;
über Probleme des kooperativ organisierten Transports bis hin zu
agrarökologischen Projekten, insbesondere zur Befreiung der Felder von
genverändertem Saatgut. Für die zapatistischen Gemeinden, die, auf ihre
Autonomie bedacht, bevormundende Hilfsprogramme der Regierung ablehnen,
ist der Zugang zu materiellen Ressourcen wie Strom oder Wasser eine
alltägliche Herausforderung. Auf dem Lande ist mit wenigen Ausnahmen nur
eine Subsistenzwirtschaft möglich, die Arbeit der verschiedenen Komitees
kann daher nicht entlohnt werden. Die Arbeit in den zapatistischen Schulen
und Gesundheitszentren wird aber dadurch ermöglicht, daß andere
Dorfbewohner beispielsweise gemeinschaftlich das Maisfeld des Lehrers oder
Arztes pflügen. Weitere gemeinschaftliche Arbeit (Tierzucht, Gemüseanbau,
Handwerksarbeit, Transport, Reparatur, Kooperativläden) erbringt teilweise
kleine monetäre Einkünfte, die unter anderem für den Kauf von Baumaterial
gebraucht werden.
In einigen der Kooperativen, die Kunsthandwerk zum Verkauf herstellen,
verwalten die Frauen das Einkommen kollektiv. Darüber hinaus haben
internationale Solidaritätsprojekte über die Jahre dazu beigetragen, daß
die Zapatistagemeinden inzwischen über Kliniken und sogar ein Krankenhaus
mit einer Chirurgie verfügen, die sie selber verwalten.
Die »Gute Regierung« der Zapatistas gewinnt an Bedeutung und Einfluß. Auch
Nachbargemeinden, die nicht zu den Zapatistas gehören, wenden sich
zunehmend an die Räte statt an die staatlichen Instanzen. Die Räte werden
als besonders faire Einrichtungen angesehen, wenn Streitigkeiten über
Bodennutzung, Diebstahl oder ähnliche Probleme geklärt werden müssen.
Eine Besonderheit des sommerlichen Treffens war die Teilnahme von »Via
Campesina«, einem Netzwerk von 140 Kleinbauernorganisationen in 56
Ländern. Die Vertreter von »Via Campesina« aus Indonesien, Thailand,
Indien, Korea, Brasilien, Kanada und den Vereinigten Staaten waren
besonders eingeladen, über ihre sozialen Kämpfe zu berichteten. Große
Aufmerksamkeit fand Patiphan Wiriyawana, Mitglied der Versammlung der
Armen in Thailand, der als Angehöriger einer dortigen indigenen Minderheit
von historischer Diskriminierung, Gewalt und Vertreibung erzählte. Der
umkämpfte Zugang zu den ländlichen Ressourcen und dem Urwald als
Lebensraum indigener Gemeinden – da begegneten die Zapatistas ihren
eigenen Problemen.
Auch in Mexiko fanden im August diesen Jahres wieder gewalttätige
staatliche Vertreibungen von Zapatista-Gemeinden in der Region Montes
Azules statt. Die mexikanische Regierung begründete sie ökologisch: Im
Naturreservat des lakandonischen Urwald dürften keine Menschen wohnen
bleiben. Die Zapatistas hielten entgegen, der wahre Zweck der
Vertreibungen sei die ungestörte Ausbeutung von Mineralien, Hölzern und
anderen Schätzen des Urwalds wie auch der Ausbau des Tourismus in der
Region. Wie in vielen Regionen Lateinamerikas betonen indigene und
ländliche Gruppen zu Recht, daß sie am ehesten die Natur respektieren und
schützen, nicht als Kapital, sondern als Voraussetzung ihres Überlebens,
also nachhaltig.
Die besondere Aufmerksamkeit der Zapatistas für die »Via Campesina« zeigt
ihr Interesse, Beziehungen zu diesen Bewegungen und vielleicht sogar
gemeinsame Strategien zu entwickeln. Als Teil der 2006 gegründeten
»Anderen Kampagne« (deren Name auf eine Bündnispolitik fern von den
Kampagnen der etablierten Parteien hindeuten soll) versuchen die
Zapatistas, nationale antikapitalistische Bündnisse mit
Nachbarschaftsorganisationen, Studierenden, Kleinbauern, Indigenen, Frauen
und anderen Gruppen zu schließen. Die Kampagne »von unten« stärkt die
Kräfte im Ringen um die Autonomie. Aber der Staat hat sofort massiv
reagiert. So marschierten im Mai vorigen Jahres 3.000 Bundespolizisten
äußerst brutal in Atenco ein, einem Dorf nahe Mexiko-Stadt, wo eine
ländliche Bewegung – erfolgreicher als die gegen die Startbahn West
bei Frankfurt am Main – den Bau eines neuen Flughafens verhindert
hat. Ergebnis der Polizeiaktion waren zwei Tote, viele Verletzte,
systematische Mißhandlungen und Vergewaltigungen seitens der Polizei sowie
dutzende von politischen Gefangenen.
Eine weitere Herausforderung der »Anderen Kampagne« ist die Bündnisfrage.
Denn nicht alle Bewegungen stimmen mit den Zapatisten darin überein, neue
Bündnisse nur unabhängig von der Parteipolitik zu bilden. Als die »Andere
Kampagne« im Januar 2006 begann, genoß der Kandidat der linksliberalen
Partei Mexikos, Andres Manuel Lopez Obrador, der dem ärmsten Teil der
Bevölkerung viele Versprechungen machte, massenhafte Unterstützung. Die
Zapatistas verweigerten trotz der Empörung vieler bisheriger
Sympathisanten (vor allem städtische Intellektuelle) wiederholt eine
Unterstützung des beliebten Kandidaten durch die »Andere Kampagne«. Nach
ihren Erfahrungen ist in Mexiko auf parteipolitischem Wege keine wirklich
emanzipatorische Politik zu machen.
Erschienen in Ossietzky 19/2007
QUELLE: http://www.sopos.org/aufsaetze/46f5417d21bb7/1.phtml
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