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Andrea Maria Schenkel
KALTEIS
Roman (Erstveröffentlichung)
Edition Nautilus, Verlag Lutz Schulenburg
Hamburg 2007
Broschur, 160 Seiten
ISBN 978-3-89401-549-7
Preis: € (D) 12,90 / sFr 22,70
"Der zweite Roman »Kalteis« von Andrea Maria Schenkel hat bereits kurz
nach seinem Erscheinen Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste erklommen und
macht damit ihrem ersten Roman »Tannöd« nun Konkurrenz. Im September wurde
der Roman, der nach Tobias Gohlis (Die Zeit) »mitten ins Herz trifft«, auf
Platz 1 der KrimiWelt-Bestenliste gewählt. Ab Mitte September geht die
Autorin auf große Lesereise, in über 40 Städten und Orten wird sie zu Gast
sein."
Weitere Informationen über unsere Bücher www.edition-nautilus.de
Nach Lektüre dieses verdammten Buchs habe ich zwei Nächte schlecht
geträumt und noch schlechter geschlafen ...
KALTEIS, nach dem verfilmten Topseller und Debutroman TANNÖD der zweite
Roman von Andrea Maria Schenkel, ist ein verstörendes Dokument
menschlicher, präziser: männlicher Bestialität. Die wiederum auf einem
wahren Fall beruhende Geschichte des unverfrorenen Massen"lust"mörders
Kalteis aus den 1930er Jahren und die in ihr erzählten Geschichten seiner
Opfer sind eher ein Sozialroman als ein Krimi. Dieses entsetzliche Buch
wird wohl niemals verfilmt werden - zumindest müßten grausame Details
ausgeklammert werden, die selbst für die splattergewohnte Schock- und
Horrorfilmindustrie über die Grenzen des Zeigbaren hinausgehen.
Bezeichnenderweise hat mich der Roman an ein IndianerInnenmassaker
erinnert, bei dem ein ganzes Dorf samt Frauen und Kindern niedergemacht
wurde und die "siegreich" paradierenden Kavelleristen der US-Army
teilweise die herausgeschnittene Scham ihrer vergewaltigten und
massakrierten Opfer als Trophäen an den Hüten getragen haben sollen.
Bei Kalteis hingegen handelt es sich um einen Einzeltäter, einen
psychopathischen Einzelgänger, der im Raum München seiner kranken Geilheit
freien Lauf läßt und sich bedenkenlos schnappt die er kriegen kann. Die
rücksichtslose Dreistheit des Mordkopulierers erschreckt und schockiert.
Mitten in der anscheinend friedlichen Gesellschaft mit ihrer allzunomalen
Nazialltäglichkeit, die hie und da durchhuscht wie ein Gespenst aus einem
Alb, etwa bei der Erwähnung Dachaus hinter der vorgehaltenen Hand, ist da
einer außer Kontrolle der total(itären) Kontrollwütigen. Daß gleichzeitig
ein mörderischer Psychopath aus der "Hauptstadt der Bewegung" der
umjubelte "Führer" der sogenannten Nation ist, dringt offenbar kaum in den
kleinen Alltag der kleinen Leute durch.
Naive Mädel vom Lande, die in der großen Stadt ihr Glück suchen,
Arbeiterinnen, ein zufällig auf dem Heimweg angefallenes Kind,
bodenständige und wehrhafte Bayerinnen, der Lustschlächter greift sich,
was er braucht (an einer Stelle sagt er: "Ich brauch was."), geilt sich
grad erst am Widerstand auf. Der wird notfalls mit dem Revolver gebrochen
und dann in und über den armen Kadaver ejakuliert. Schüsse sind in der
Zeit ja fast normal und man überhört sie besser. Blutverschmiert radelt
der Täter nach Hause und wird wieder nicht gesehen. Die Frauenleichen
werden von ihm aufwändig beiseite geschafft, teils zerlegt. Das kann er:
das Sau stechen hat er gelernt. Das hat er immer gern gemacht.
Von Beginn an ist klar, daß der Roman der blutigen Spur des Mörders folgt
und feinsinnig die Geschichten der Opfer erzählt, von denen man vergeblich
hofft, daß sie keine Opfer werden. Und Kalteis erzählt seine Version der
Geschichte im Verhör.
Ausgerechnet beherzte Frauen bringen den Kerl nach einer dreisten
Vergewaltigung zur Strecke - nicht wissend wen sie vor sich haben. In der
Vernehmung schiebt der Täter immer wieder seine Vaterschaft, seine
angeblich intakte Familie vor, die er längst zerstört hat, weil er keine
Verantwortung dafür haben will, nicht mal finanzielle. Es scheint ihm
einfacher sich "was" zu holen: abspritzen, abmurksen und fertig. "... ein
aufrechter Deutscher" sei er (ebenso wie später all die "anständigen" und
"aufrechten Deutschen" die nach "der Niederlage" von nichts gewußt haben
wollten und eben daher für nichts Verantwortung übernehmen wollten) .
Alles sei ein tragischer Fehltritt unter Alkohol, winselt er. Doch hinter
der Maske des biederen zweiunddreißigjährigen Bahners steckt ein als
perverses Monster erscheinender Mann, der ohne große Gewissensbisse
rauschhaft zuschlägt. Frauen sind für ihn kaum mehr als zu schlachtende
Schweine. Die Frage wie diese Psyche sich so entwickeln konnte, bleibt
nahezu unbeantwortet und wühlt daher weiter - wie so manches aus dieser
Zeit.
Jack the Ripper nimmt sich gegen den Stadt- und Landkiller Kalteis aus wie
der freundliche, mackenhafte Onkel von nebenan. Denn nicht das neblige,
düstere London ist die Kulisse des grausamen Stücks, sondern die
bierbehäbige, weißblauhimmelige und naturgrüne Landschaft Bayerns, in der
solche Exzesse unmöglich scheinen. "Kalteis" wirkt verstörend und
zerstörend. Die anscheinend folkloristische Idylle der Biergartenmetropole
und ihrer Umgebung hängt auf den letzten Seiten des Romans wie ein
zerfetztes Tourismusplakat von der Wand, auf dem noch Stücke von Menschen
zu sehen sind.
R@lf G. Landmesser für LPA Berlin
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