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## Nachricht vom 01 Sep 03 weitergeleitet
## Ursprung : SABINE@SABINE.org
## Betreff : DIR-ML: Ohne Geschrei (jw)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
## Msg-ID : 3F53652A.26211.D7E17B@localhost
TI: Ohne Geschrei
QU: Junge Welt
DA: 01.09.2003
SW: Ged; Mil; D; Erz; Mp; For; Ddr; Tot; Pl
AB: Von Demagogen und Pädagogen: Was man am Jahrestag des Überfalls auf
Polen wissen sollte
Von Demagogen und Pädagogen: Was man am Jahrestag des Überfalls auf
Polen wissen sollte
Kurt Pätzold
Es vergeht kaum ein Tag, an dem uns die Presse von FAZ bis taz nicht
mitteilt, wer im benachbarten Polen für die Errichtung eines Zentrums
gegen Vertreibungen eintritt, wer es in Wroclaw, Görlitz oder Berlin
errichten möchte und wer sich dafür ausgesprochen hat, die ganze Idee
aufzugeben, weil sie nur Streit und Unfrieden zu stiften in der Lage
sei. Diese Berichterstattung, die neben der Frage des Ob oder Ob-Nicht
nur die des Standortes aufwirft und sich sonst dumm stellt, vermittelt
den Eindruck, das Wohl und Wehe der deutsch-polnischen Nachbarschaft
hänge an diesem von Steinbach und Co. inszenierten Projekt. Dabei gibt
es diesseits wie jenseits der Oder und Neiße einige Leute, die ohne
Geschrei, mit weniger Geld, aber einem Mehr an Verstand seit langem
beharrlich daran arbeiten, Vorurteile zu überwinden. So auch geschehen
im Jahre 2001 in Paderborn, wo sich vornehmlich
Erziehungswissenschaftler der beiden Staaten trafen. In »Vom Erinnern
zum Verstehen« kann nachgelesen werden, was sie an Erfahrungen und
Vorschlägen zu bieten hatten. Mehr Wissen, so die Überzeugung der
Beteiligten, sei Voraussetzung von Verständigung.
Im Zentrum des durch weitere Beiträge angereicherten und von Wolfgang
Keim herausgegebenen Bandes stehen, dem Anliegen der ganzen Reihe
gemäß, Beiträge zu »Kindern als Opfer von Rassismus und Völkerhaß«.
Umfassend können sich Lehrer informieren über polnische Jugendliche
als Zwangsarbeiter in Deutschland; das Elend der Kinder im Warschauer
Ghetto; Ostarbeiterinnen und deren Kinder; das Schicksal jener
polnischen Kinder, die nach 1939 in der UdSSR lebten; das geheime
Schulwesen im okkupierten Polen. Zu den verarbeiteten Erfahrungen
gehören die aus dem »NS- Dokumentationszentrum« in Köln. Der Band
enthält darüber hinaus eine Abhandlung über das Polenbild der
westdeutschen Kinder- und Jugendliteratur seit Ende des Zweiten
Weltkrieges.
Am Schluß wird ein Projekt vorgestellt, das in Form eines Wettbewerbs
Deutsche und Polen, die seinerzeit zwischen fünf und 25 Jahre alt
waren, aufrief, sich an die Zeit ihrer Vertreibungen zu erinnern. Aus
den entstandenen Arbeiten wurden 43 ausgewählt und (nach jeweiliger
Übersetzung) in einer deutsch- und einer polnischsprachigen Ausgabe
publiziert.
Was dem Band gegenüber skeptisch stimmt, sind nicht die in ihm
geschilderten, bedrückenden Erinnerungen und leidvollen Erfahrungen,
sondern das damit einhergehende Bekenntnis einer Initiatorin, es sei
der Absicht des Unternehmens zuwidergelaufen, »nach den Unterschieden
zu fragen, sie aufzulisten und abzuwägen«. Das wäre lange genug
geschehen. Es bleibt dann doch zu fragen, ob das nicht vor der Geburt
der Schüler gewesen ist, mit denen über die Ereignisse gesprochen
werden soll. Hier wird die Forderung des Herausgebers nach
Grundinformationen faktisch für überflüssig erklärt. Dazu paßt, daß
ein polnischer Autor, der Erinnerungen der veröffentlichten Art
verglichen hat, zu dem Ergebnis kam, daß die polnischen oft »größere
politische und geographische Kontexte« aufgreifen würden als die
deutschen.
Der Band bietet auch Überblicke über die Entwicklung der staatlichen
Beziehungen zwischen Deutschland und Polen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Da hapert es an Grundinformationen erheblich. Etwas widerwillig, ohne
jede Wertung, unter Weglassung der Namen beteiligter Politiker, ohne
Verweis darauf, was es in der wirtschaftlichen Situation 1950
bedeutete, die Oder-Neiße-Grenze als definitiv anzuerkennen, wird das
Görlitzer Abkommen erwähnt. Daß von den schwierigen, aber keineswegs
ergebnislosen Versuchen zu DDR-Zeit, persönliche Beziehungen zwischen
den Bürgern beider Staaten zu begünstigen (Schüleraustausch), nichts
geschrieben wird, verwundert dann schon so wenig wie der Umstand, daß
das Polenbild in der »schönen« Literatur des ostdeutschen Staates
ignoriert ist. Der Wissenschaft ergeht es nicht anders. In der DDR
scheint es eine Historiographie der deutsch-polnischen Geschichte
nicht gegeben zu haben. Felix- Heinrich Gentzens frühes Verdienst wird
ebenso wie das Eva Seebers mißachtet, die zur Geschichte der
polnischen Zwangsarbeiter in Deutschland forschte. Auch Werner Röhrs
Polen-Band, erschienen zum 50. Jahrestag des deutschen Überfalls in
der Dokumentenedition »Europa unterm Hakenkreuz«, findet sich in
keinem Literaturverweis.
Im Vorwort wird konstatiert, daß für die Verständigung zwischen
Deutschen und Polen noch nie so günstige Bedingungen existiert hätten
wie jetzt. Die sind offenkundig für eine angemessene »innerdeutsche«
Verständigung nicht in Sicht.
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