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## Nachricht vom 25 Aug 03 weitergeleitet
## Ursprung : SABINE@SABINE.org
## Betreff : DIR-ML: Es geht um Kohle, nicht um Kultur - 1 (FR)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
## Msg-ID : 3F4A55E1.21612.B3BAA6@localhost
TI: Es geht um Kohle, nicht um Kultur - 1
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 25.08.2003
SW: Mus; Wi; Fin; D; Na
AB: Die Forderung nach einer Quote für deutsche Musik im Radio ist wie Herpes:
Äußerst ärgerlich, immer wiederkehrend - und vollständig sinnlos
TI: Es geht um Kohle, nicht um Kultur - 2
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 25.08.2003
SW: Mus; Wi; Fin; D; Na
AB: Die Forderung nach einer Quote für deutsche Musik im Radio ist wie Herpes:
Äußerst ärgerlich, immer wiederkehrend - und vollständig sinnlos - Fortsetzung
Die Forderung nach einer Quote für deutsche Musik im Radio ist wie Herpes:
Äußerst ärgerlich, immer wiederkehrend - und vollständig sinnlos
Von Stefan Müller
Im jamaikanischen Slang ist der "Selector" ein Musikliebhaber, der die
neuesten und besten Scheiben auflegt und damit die "Dancehall" zum
Kochen bringt. "Selector" - so heißt zufälligerweise auch die gängige
Musiksoftware für Hit-rotierende Radiosender. Dieser Selector ist
allerdings ein willfähriger Automat: er lässt sich mit aktuellen Hits
füllen und spuckt diese in regelmäßigen Abständen wieder aus; wenn
gewünscht, zehnmal am Tag. Das Prinzip dieser Hit-Rotation stammt aus
den USA und hat deutsche Privatradios und öffentlich-rechtliche
Popwellen im Sturmlauf erobert.
Noch ein Sturmlauf: Der größte jamaikanische Popstar seit Bob Marley
heißt Sean Paul. Der 28jährige Sänger tummelt sich mit seinem
aktuellen Dancehall-Hit Get Busy seit Wochen in den Top-Ten der
weltweiten Charts. Eine erstaunliche Erfolgsgeschichte für eine
Musikrichtung, der bis vor kurzem keinerlei Mainstream- Kompatibilität
zugetraut wurde. Vielen Radiosendern war die Musik von Sean Paul zu
"undergroundig", andere Stationen gingen auf Nummer Sicher und
spielten Get Busy erst, als es sich als sicherer Hit entpuppt hatte.
Ähnlich lief die Sache vor einem halben Jahr mit dem schrägen Mundian
To Bach Ke des indischstämmigen Briten Panjabi MC. Der exotische
HipHop-Hybrid setzte sich wochenlang auf Platz zwei der deutschen
Hitparade fest und wurde als "erfolgreichster Newcomer" prämiert. In
beiden Fällen hatte das Radio als Trendbarometer versagt -
ausschlaggebend für den Erfolg waren zunächst die Clubs und später die
Videoclips.
Seit dem prophetischen 81er Hit der Buggles Video killed the radiostar
weiß jedes Kind: Die Hits werden nicht mehr vom Radio gemacht, sondern
von den Clipsendern MTV und Viva. Die Gründungsphase des deutschen
Musikfernsehens Viva fiel vor knapp zehn Jahren zusammen mit einem
regelrechten Boom an deutschsprachigem HipHop, allen voran Stuttgarts
Vorzeige-Rapper "Die Fantastischen Vier" und Frankfurts Inderin
Sabrina Setlur. Den warmen Geldregen saugten die an Viva beteiligten
Majorlabels gern auf.
Doch nun ist die Euphorie verflogen. Die Geschäfte laufen so schlecht
wie noch nie, und plötzlich sind die Radiosender mit schuld an der
Misere, so Gerd Gebhardt, Chef der deutschen Phonoverbände. Jetzt wird
der öffentlich-rechtliche Kulturauftrag angemahnt und nach
ambitionierten Programmen verlangt, "die es sich noch auf die Fahnen
schreiben, gute Musik bekannt zu machen". Was der Mann unterschlägt:
im ARD-Verbund gibt es eine Fülle solcher Angebote mit dem gewünschten
"entschieden subjektiven Geschmack". Gerade sind die deutschen Bands
"Wir sind Helden" und "Virginia Jetzt" - auch durch Airplay mutiger
Jugendsender - als Hoffnungsträger der Branche durchgestartet. Hessens
Radio XXL sorgte mit einer speziellen Version aus Hits von Eminem und
Nena für Furore - die beteiligten Plattenfirmen verschliefen jedoch
die Chance, diesen exklusiven, todsicheren Chart-Knaller zu
platzieren.
Die Musikbranche befindet sich in der Defensive und muss sich
unbequeme Fragen gefallen lassen: Warum haben die Majorlabels ihren
Sender für innovative und unbekanntere Musik, Viva Zwei, durch die
poppige Mainstream-Variante Viva plus ersetzt? Wo es doch darum ging,
"dringend Plattformen für deutschsprachige Musik" (Gebhardt) zu
schaffen? Man besitzt praktisch einen Abspielkanal, nutzt ihn aber
nicht. Die hausgemachte Misere sollen nun andere Medienkanäle wieder
hinbiegen und zwar mit Hilfe der Politik. "Die Musikwirtschaft hat
sich entschlossen, eine Quote für Musik im öffentlich-rechtlichen
Radio zu fordern" - eigentlich eine olle Kamelle, aber so eröffnete
man geschickt einen Nebenschauplatz und spannte sich eine illustre
Politikerriege vor den Karren, von Ex- Kulturstaatssekretär Julian
Nida-Rümelin über Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) bis
Bayern-Staatsminister Erwin Huber (CSU). Welche Radiosender diese
Herren bevorzugen, ist nicht überliefert, ebensowenig, ob sie
überhaupt dem Äther lauschen.
Die kommerziellen Sender jedenfalls dürfen weiterhin ihre Hits
rotieren lassen. Schon kursieren im Internet Seiten von aufgebrachten
Radiohörern wie "Rotationsverbot.de", die sich für eine Abschaffung
der "Dauerrotation" einsetzen. Währenddessen stellen sich die
Internet-Freaks längst per DSL-Flatrate ein weltweites RadioLieblingsprogramm
zusammen. Keine Spur von lästiger Hit-Rotation: Ondemand
lassen sich beispielsweise die Glanzlichter unter den BBCRadiosendungen
nach Hause holen. Ein Paradigmenwechsel deutet sich an,
redet hier jemand noch von einer Quote?
"Den Befürwortern einer Quote geht es nicht um Deutschtümelei",
beruhigte Nida-Rümelin kürzlich in der Süddeutschen Zeitung, "sondern
um kulturelle Vielfalt und künstlerische Kreativität". Bei
Phonoverbands-Mann Gebhardt heißt es: "Wir brauchen die Radioquote zur
Stärkung unserer nationalen Musikkultur." Doch was verbirgt sich genau
hinter dieser "nationalen" Musikkultur? Man denkt mit Grausen an
Küblböck und Co. Im Zweifel definieren die Plattenfirmen ja immer
selbst, was sie für wirtschaftlich relevant halten. Und da liegt auch
der zum Himmel schreiende Anachronismus ihrer Quoten-Forderung: es
geht in Wirklichkeit um Kohle, nicht um Kultur. Noch süffisanter: In
der DDR existierte einst eine 60-Prozent- Quote für Musik aus den
Ostblock-Ländern. Herr Thierse, wollen Sie uns das noch einmal antun ?
Nein, die Koalition aus Politik und Industrie will "MinderheitenSchutz"
und "Artenvielfalt". Konkret: jeder zweite gespielte
Musiktitel soll eine Neuheit sein, die Hälfte davon wiederum soll auf
deutsch gesungen werden.
WDR-Musikredakteur Tom Petersen findet es hingegen "wunderbar", wenn
der Kölner Reggaestar "Gentleman" auf Patois singt, dem jamaikanischen
Dialekt, und "wenn RZA mit Xavier Naidoo rappt". Man merkt schnell: es
gibt gar keine rein-deutsche Musikkultur mehr. Daher sei die
verordnete Quote eine "veraltete, sinnlose Sache" (Petersen), die nur
die Hilflosigkeit der Industrie zeige. Und Eins-Live-Kollege Wolfram
Kähler ergänzt: "Bei uns herrscht eine große Offenheit und
weitreichendes Engagement, was deutsche Produktionen angeht."
Radiomacher Klaus Walter (Der Ball ist rund in hr3) meint: "Was wir
brauchen, sind unabhängige Radio-DJs, die ihren Job mit Enthusiasmus
machen und von den Radiostationen dazu die nötige Rückendeckung
erhalten."
In einer ohnehin globalisierten Musikwelt kann es sich der US-Rapstar
RZA vom Wu-Tang-Clan erlauben, sein aktuelles Album mit den
"deutschen" (aber in Wirklichkeit multikulturellen) Gastsängern Xavier
Naidoo, Curse, Afrob und Cool Savas auszustaffieren und ausschließlich
in Europa zu veröffentlichen. Der aus Polen stammende Berliner
Diskjockey DJ Tomekk hat sich ebenfalls prominente Verstärkung aus der
US-HipHop-Szene geholt. Ein Schachzug, der in Frankreich schon
vielfach erprobt ist: dort sind einheimische Rapper regelmäßig als
Gäste bei US-Größen an Bord. So umgehen die Amerikaner geschickt die
seit neun Jahren geltende französische Radioquote.
"Die deutsche Szene wird sich auch ohne Radioquote etablieren", davon
ist Herbert Grönemeyer überzeugt. Eine gesetzlich festgeschriebene
Quote führt in eine Sackgasse. Gefragt sind mutigere Musikredakteure,
die ihre Automaten auch freiwillig mal mit Blumfeld statt Catterfeld
füttern. Keine Angst vor guter Popmusik, das wissen auch die
musikliebenden Selectors aus der jamaikanischen Dancehall.
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