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## Nachricht vom 18 Jul 03 weitergeleitet
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## Betreff : DIR-ML: Deutschland fühlen - 1 (FR)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
## Msg-ID : 3F18076A.167.BDBDE8@localhost
TI: Deutschland fühlen - 1
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 18.07.2003
SW: For; D; Lit; Ide; Na; Ase; Ges; Fr; Mp
AB: Schreibtischtäter: Ulrich Bielefeld enttarnt den "dichterischmilit
ärischen Komplex" als Anstifter von Nationalismus und antisemitischen
Ressentiments
TI: Deutschland fühlen - 2
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 18.07.2003
SW: For; D; Lit; Ide; Na; Ase; Ges; Fr; Mp; Mil
AB: Schreibtischtäter: Ulrich Bielefeld enttarnt den "dichterisch- militärischen
Komplex" als Anstifter von Nationalismus und antisemitischen Ressentiments Fortsetzung
Schreibtischtäter: Ulrich Bielefeld enttarnt den "dichterisch- militärischen
Komplex" als Anstifter von Nationalismus und antisemitischen
Ressentiments
Von Thomas Kreuder
Trotz Globalisierung und der wachsenden Bedeutung überstaatlicher
Organisationen sind Nationen, sind Nationalstaaten die wichtigste
politische Organisationsform. Nationen verwalten ihr Gebiet und
definieren eine Bevölkerung, sie strukturieren Erwartungen und
schaffen als Ort politischer Teilhabe Gelegenheiten. Für den
Nachrichtenkonsumenten entstehen Nationen in Unabhängigkeitskriegen,
wie etwa im früheren Jugoslawien, oder er registriert das Fehlen einer
gemeinsamen Nation als ebenso konfliktträchtig, wie beispielsweise in
Afghanistan, wo ethnische und religiöse Rivalitäten einer Befriedung
des Landes im Wege stehen.
Ulrich Bielefeld untersucht in Nation und Gesellschaft die Mechanismen
der Gestaltung einer Nation und wendet sich dabei denjenigen zu, die
solche Prozesse inspirieren - namentlich Dichter und Intellektuelle.
Die Herausbildung von Nationen im Gefolge der aufziehenden Moderne ist
für Bielefeld der historische Ausgangspunkt seiner Analyse. Gruppen
mit gemeinsamer Sprache, Kultur und Religion bestimmen ihre
Gemeinsamkeiten und grenzen sich gegen andere ab. Nationen beginnen,
die bereits bestehenden Staaten als gesellschaftliche und politische
Organisation auszufüllen. Der Prozess der "Bewusstwerdung" einer
Nation, die "Selbstthematisierung", reicht den Mitgliedern einer zur
Nation gewordenen Gruppe gewissermaßen die Begründung dafür nach,
warum sie Solidarität mit anderen Gruppenmitgliedern nicht auf Grund
individueller, auf Familie oder Clan gegründeter, sondern auf Grund
abstrakter Zuordnung empfinden sollen.
Die Formierung zur Nation ist demnach zunächst ein politischer
Vorgang. Dies begründet zugleich die Fragilität des Prozesses.
Insbesondere dort, wo sich wegen territorialer und politischer
Zersplitterung erst spät Nationen entwickelten, wurde zur
Herausbildung eines "Wir-Gefühls" ein Feindbild geschaffen, das zur
Einbeziehung aller Mitglieder einer Nation wie zur Grenzziehung
gegenüber allen anderen taugte. Diese selbstreflexive Versicherung der
"Wir-Existenz" wird durch Dichter und Intellektuelle geleistet. Sie
vollführen den Spagat, die Einheit der Nation zugleich als gegeben
vorauszusetzen wie sie als immerwährendes Ziel zu propagieren.
Diese Selbstthematisierung untersucht der Autor anhand von Frankreich
und Deutschland und bildet dazu Paare, die er in historische und
inhaltliche Beziehung zueinander stellt: Johann Gottlieb Fichte und
Maurice Barrès, Max Weber und Emile Durkheim, Erich von Salomon und
Céline. Dabei unterstellt der Autor seinen Protagonisten intentionales
Handeln und interpretiert rückblickend ihr Denken und Tun unter dem
Gesichtspunkt seines Untersuchungsgegenstandes. Dies mutet zuweilen
willkürlich an, hat jedoch wie jede methodische Komplexitätsreduktion
den Vorzug, dass auch verdeckte Entwicklungslinien erkennbar werden
können.
Bielefelds Untersuchung beginnt mit Johann Gottlieb Fichte, der in
seinen Schriften, darunter den Reden an die Deutsche Nation, die
Erfahrung der Französischen Revolution, der nachfolgenden
napoleonische Besetzung sowie der anschließenden Befreiungskriege
aufnahm und daraus eine universalistische Definition formte, die das
angeblich schöpferische, lebendige und freie, eben deutsche, Volk
abhebt von allem Totem, Oberflächlichen - Französischen. Die so
errichtete Nation hat eine gemeinsame, reine Sprache und eine nur sie
auszeichnende Kultur.
Dieses Konstrukt konnte nur Bestand haben, wenn gleichzeitig ein
fortwährendes Bekenntnis hierzu abgefordert und auch abgegeben wurde.
Problematisch waren aus der Perspektive der Architekten des "nation
building" intermediäre Gruppen, die im Ruf standen, keine eindeutigen
Loyalitäten zu kennen. Für Fichte galten Juden und Katholiken als
unzuverlässig. Sichtbarer Ausdruck dieses zunächst nur theoretisch
empfundenen Konflikts war später der tatsächlich ausgefochtene
"Kulturkampf" zwischen Bismarck und dem Katholizismus in Deutschland.
In dem Bestreben, die republikanische Nation nach der Niederlage von
1871 wieder zu begründen, wandte sich vor allem Maurice Barrès einem
radikalen Antisemitismus zu. Für Barrès waren die Juden aus
Deutschland eingewandert, um als "Parasiten" die französische Nation
zu durchsetzen und damit den mächtigsten Widersacher Deutschlands zu
schwächen. Juden galten ihm nicht lediglich als feindliche Ausländer,
die man wieder hätte ausweisen können, sondern sie waren ohne
Vaterland, existierten nur an der Börse, waren flüchtig, letztlich ein
Nichts. Dieser Antisemitismus fand in Frankreich seinen ersten
Höhepunkt in der Dreyfus-Affaire, in die Barrès nicht nur als
Intellektueller, sondern auch als Parlamentsabgeordneter eingriff. Mit
seiner Wiederbelebung der republikanischen Nation gelang es Barrès
zugleich, den bis dahin eng mit der monarchistischen Reaktion
verbundenen Konservativismus zu modernisieren und damit zukunftsfähig
zu machen.
Anders als Barrès ging es Emile Durkheim nicht um die Revitalisierung
der Nation als Selbstzweck, sondern als Rahmen der Selbstbestimmung
einer Gruppe, wodurch zugleich die Selbstbestimmung des Einzelnen
gewährleistet wurde. Ihn interessierte deshalb, auf welche Weise eine
aktive Identifikation der Industriearbeiterschaft mit der Nation
vermittelt werden könnte. Dabei erkannte er in bereits während der
Französischen Revolution genutzten Legitimationspraktiken - Fahnen,
Symbole, Riten -geeignete Instrumente zur Vermittlung einer
Zivilreligion, die effektiver als die ihrer Autorität entkleidete
traditionelle Religiosität als politische Ordnungsmacht fungieren
kann.
Die Auswirkungen der Industrialisierung auf Begriff und Inhalt der
Nation beschäftigten auch Max Weber. Weil die durch den Bedarf an
Arbeitskräften ausgelöste Binnenwanderung die als "physische Reserve"
angesehene Landbevölkerung ausdünnte, sah Weber die "Trägergruppe" des
Nationalen bedroht. Er reagierte darauf mit einer Aufwertung des
Staates. Bei Weber wird der bislang auf seine innere Verfassung
fokussierte Nationalstaat zum Machtstaat, der Weltpolitik betreibt und
durch ein - möglichst von einem charismatischen Führer inspiriertes -
Handeln die Nation stabilisiert. Webers Ansatz führte freilich zu
einer Entleerung des Begriffs der Nation, der bald darauf mit
rassistischen Elementen neu aufgeladen wurde, die den anfangs von
Ethnie und Territorium unabhängigen Gehalt einer Nation aufhoben. Das
Vakuum füllten Figuren wie Erich von Salomon, den Bielefeld in seiner
ideengeschichtlich angelegten Analyse als Vertreter einer
radikalisierten, von moralischen Standards unabhängigen Generation
herausgreift. Von Salomon, als Mitattentäter auf Rathenau zu
zweifelhafter Berühmtheit gelangt, verhalf der Vorstellungswelt der
Freikorps zu sprachlichem Ausdruck. Die Anmaßung, "Deutschland zu
fühlen", diente den Paramilitärs als Rechtfertigung, sich als elitäre
Avantgarde zu begreifen, die alles darf, "weil sie das Volk ist". Die
Nation besteht demgemäß nur noch aus dem im Kampf konstituierten Volk,
letztlich nur einem Mythos.
Ausgangspunkt für Louis Ferdinand Destouches, genannt Céline, war ein
Begriff der Nation, der durch die Völkerschlachten des Ersten
Weltkrieges entleert war. Céline machte für die Entgrenzung der Kriege
die Juden verantwortlich, die als Initiatoren von Aufklärung und
Emanzipation mit der von ihnen ausgelösten Erosion gottgegebener
Herrschaft auch den Rahmen der zuvor formal unter Fürsten
ausgetragenen Auseinandersetzungen gesprengt hätten. Konsequenterweise
hielt Céline, ausgebildeter Arzt und bis heute als Schriftsteller
gerühmt, gegenüber Juden die Anwendung äußerster Mittel für angemessen
und verwendete in seinen Traktaten Analogien zur Bekämpfung
lebensgefährlicher Seuchen.
Céline wie von Salomon waren keine Nationalisten. Wie Bielefeld zeigt,
haben sie jedoch den politisch wirkungsmächtigen Begriff der Nation zu
einem "Vorstellungsraum" gedehnt, in dem unter Ausnutzung absichtsvoll
verwendeter Semantik alles möglich wird und der in
nationalsozialistischer Ideologie und Mordpraxis gipfelt.
Bielefelds Werk war seiner Mühe Wert. Für die Darstellung des
"dichterisch-militärischen Komplexes" hat der Autor ein immenses
Material verarbeitet. Leider blendet die methodische Verengung auf
deutsche und französische Intellektuelle die angelsächsische Welt aus.
So kreist Bielefelds Untersuchung überwiegend um die unheilige Allianz
von Rebellion und Uniformismus. Individualismus im westlichen Sinne
und die moderne (Vertrags-)Gesellschaft entwickelter Industriestaaten
spielen keine Rolle.
Bielefeld kann so beschreiben, welche Mechanismen in "nachholenden"
Nationalstaaten auf dem Balkan wirken oder in Afghanistan zum Zuge
kommen könnten. Er liefert jedoch keine Kriterien dafür, was
"Weltbürger" an Nationen bindet und unter welchen Voraussetzungen
diese Zuwanderern Einlass gewähren. Ein Vergleich mit
Einwanderungsländern wie den USA, wo alle, unabhängig von Herkunft,
Hautfarbe oder Religion, zumindest in der Theorie zunächst Amerikaner
sind, hätte interessante Perspektiven eröffnen können. Dennoch hat
Ulrich Bielefeld ein Werk vorgelegt, das für künftige Diskussionen zu
Nation und Gesellschaft Maßstäbe setzt.
Das Buch
Ulrich Bielefeld: Nation und Gesellschaft. Selbstthematisierungen in
Deutschland und Frankreich. Hamburger Edition, Hamburg 2003, 416
Seiten, 30 Euro.
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