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Buch-Tipp: Geschichte des jüdischen Alltags

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## Nachricht vom 06 Jul 03 weitergeleitet

## Ursprung : SABINE@SABINE.org
## Betreff : DIR-ML: Shalom Goethe (jw)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
## Msg-ID : 3F0870C5.4347.9F48F4@localhost


TI: Shalom Goethe
QU: Junge Welt
DA: 07.07.2003
SW: Ju; Ges; Sos; D; Lit; Mp
AB: Alltag mit Auflagen: Über die Geschichte jüdischer Lebenswirklichkeit in Deutschland

Alltag mit Auflagen: Über die Geschichte jüdischer Lebenswirklichkeit in Deutschland

Martin Büsser

In ihrer Einführung schreibt Marion Kaplan, daß die Geschichte der Juden in Deutschland bislang entweder von »außen« analysiert worden ist, etwa unter dem Gesichtspunkt des Antisemitismus, oder aber von »innen«, als Religions-und Familiengeschichte. Vorliegendes Buch bemüht sich auf einzigartige Weise, möglichst vielen Aspekten gerecht zu werden und damit die Wechselwirkungen von jüdischem Leben und politischem Klima aufzuzeigen. Eine zentrale, den Texten
zugrundeliegende Frage lautet also, wie sich jüdisches Leben in Deutschland entwickelt hat und aufgrund welcher Bedingungen es sich so hat entwickeln können oder müssen. Vom Beginn der Moderne bis zum Nationalsozialismus in vier große Teile gegliedert, untersuchen die Autoren Robert Liberles, Stevan M. Lowenstein, Marion Kaplan und Trude Maurer Aspekte wie jüdisches Wohnen, Ehe und Familie, Kindheit, Schule, Handel, Volksbräuche, Religion und soziale Beziehungen zu Nichtjuden. Bei dieser Unzahl an Informationen, unter der sich auch noch scheinbar Nebensächliches berücksichtigt findet von
Spezialitäten der jüdischen Küche bis zu jüdischen Sportvereinen , hätte es leicht zu einer nüchternen Aneinanderreihung von Fakten kommen können. Während die Sozialgeschichte, so das Vorwort, »dem Intimen das Unpersönliche vorgezogen« habe, wird hier allerdings eine Verbindung geschaffen, die dem Lesefluß hilft: Auf die Fakten folgen zahlreiche Quellen, vor allem Briefe und Tagebücher, die einen sehr persönlichen Einblick gewähren, ganz gleich, ob es sich um Klagen über beengte Wohnbedingungen handelt oder um das Schicksal einer Frau, die von ihrem Mann geschlagen wurde und nicht weiß, wohin sie sich wenden soll.

Diese selbstgewählte Aufgabe, möglichst viele Beispiele jüdischen Lebens an möglichst vielen Schauplätzen zu berücksichtigen und auch noch durch Quellenmaterial lebendig werden zu lassen, nützt vor allem einer Erkenntnis: Pauschalurteile sind meist Verallgemeinerungen oder das Ergebnis von Vorurteilen.

So muß man also beim Lesen in Kauf nehmen, daß die »Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland« keinen einfach gestrickten Leitfaden an die Hand gibt, schon gar nicht im Sinne einer Charakterstudie, die den prototypischen jüdischen Alltag und damit eine Mentalität festmachten würde. Bereits das erste Kapitel über die Wohnbedingungen von Juden im 17. Jahrhundert verdeutlicht, daß Geschichtsschreibung ihrem Studienobjekt nur durch Wahrnehmung von Differenz gerecht werden kann. Während einige Juden in Ghettos lebten, gab es Städte, in denen sich einzelne Häuser mit jüdischen Bewohnern mitten im Stadtzentrum befanden. Manche Deutsche bevorzugten diese Lage, weil sich so das jüdische Leben besser kontrollieren ließ, andere wiederum beschlossen, daß sich Juden am Stadtrand ansiedeln sollten. Und auch aus der Sicht der jüdischen Bewohner gab es ganz verschiedene Einschätzungen: Manche zogen die isolierte Lage vor, um unter sich zu sein, andere bevorzugten das Stadtzentrum, nicht zuletzt aus Angst vor kriminellen Übergriffen.

Die Geschichte des jüdischen Alltags, das wird besonders schnell deutlich, ist eine, die sich von jener der Deutschen, genauer gesagt der Christen, in den meisten Punkten nicht unterscheidet. Ein Großteil des Spezifischen, das sich am jüdischen Alltag ablesen läßt, ist überhaupt nur der Tatsache geschuldet, daß den Juden immer wieder ganz bestimmte Auflagen gemacht wurden, die verhinderten, daß sie sich in Beruf und Wohnsituation wie andere Staatsbürger einrichten konnten. Der Weg bis ins frühe 20. Jahrhundert war also auch unter Juden von der Aufklärung und den neu entstandenen Idealen des Bildungsbürgertums geprägt. Die Beiträge des Buches schildern anschaulich, wie Religion dabei auch für viele Juden an zentraler Bedeutung verlor, bis schließlich Beethoven und Goethe den Platz an der Wohnzimmerwand einnahmen - nicht zuletzt als Bekenntnis, selbst Teil der deutschen Kultur zu sein. »Die Juden«, schreibt Marion Kaplan, »modelten sich die deutsche Kultur um«, wünschten meist, ihre eigene Identität zu bewahren, zugleich aber auch als Deutsche akzeptiert zu werden. Dieser Prozeß von Identifikation und Integration fand mal freiwillig, mal unfreiwillig statt: »Die Konversion als radikalste Abkehr vom Judentum«, so Kaplan, »hing eng zusammen mit Wellen des
Antisemitismus.« Nicht zuletzt Angst brachte viele Juden dazu, sich den Deutschen so gut wie möglich anzupassen.

Trude Maurers großes Kapitel über den jüdischen Alltag unter nationalsozialistischer Herrschaft wird vorm Hintergrund dieser Entwicklung verständlicher. Die Frage danach, warum viele Juden die Gefahr unterschätzt oder das Exil immer wieder als Möglichkeit ausgeschlagen haben, hängt sehr stark damit zusammen, daß sie die ständige Spannung zwischen liberalen und antisemitischen Tendenzen in Deutschland kannten und deshalb glaubten, der Spuk sei nur von kurzer Dauer. Eine perfide, schrittweise von den Nationalsozialisten vorgenommene Entrechtung der Juden brachte allerdings mit sich, daß den Juden die finanziellen Mittel zur Ausreise sehr schnell geraubt wurden. Was folgt ist die Geschichte von Konzentrationslagern und Zwangsarbeit. Von einem jüdischen Alltag in Deutschland im engeren Sinne kann ab diesem Zeitpunkt nicht mehr die Rede sein, dennoch verfolgt das Buch auch den Werdegang derjenigen, die sich weigerten, den Judenstern zu tragen und die versuchten, sich als »Arier« zu tarnen ein Incognito-Dasein, dessen Erfolg meist nur von kurzer Dauer war.

Dieses Buch kann ohne jeden Zweifel als Standardwerk empfohlen werden, denn gerade sein »Blick von unten« entwirft keine Alltagsgeschichte von »den Juden«, sondern eine von zahlreichen Einzelbiographien, denen jedoch eines gemeinsam war: die Hoffnung in das Projekt Aufklärung.

Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland. Vom 17. Jahrhundert bis 1945.
von Robert Liberles, Steven M. Lowenstein, Trude Maurer, Marion Kaplan (Herausgeber)
Preis: 39,90 Euro


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08.07.03    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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