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## Betreff : DIR-ML: Shalom Goethe (jw)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
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TI: Shalom Goethe
QU: Junge Welt
DA: 07.07.2003
SW: Ju; Ges; Sos; D; Lit; Mp
AB: Alltag mit Auflagen: Über die Geschichte jüdischer Lebenswirklichkeit in
Deutschland
Alltag mit Auflagen: Über die Geschichte jüdischer Lebenswirklichkeit in
Deutschland
Martin Büsser
In ihrer Einführung schreibt Marion Kaplan, daß die Geschichte der
Juden in Deutschland bislang entweder von »außen« analysiert worden
ist, etwa unter dem Gesichtspunkt des Antisemitismus, oder aber von
»innen«, als Religions-und Familiengeschichte. Vorliegendes Buch
bemüht sich auf einzigartige Weise, möglichst vielen Aspekten gerecht
zu werden und damit die Wechselwirkungen von jüdischem Leben und
politischem Klima aufzuzeigen. Eine zentrale, den Texten
zugrundeliegende Frage lautet also, wie sich jüdisches Leben in
Deutschland entwickelt hat und aufgrund welcher Bedingungen es sich so
hat entwickeln können oder müssen. Vom Beginn der Moderne bis zum
Nationalsozialismus in vier große Teile gegliedert, untersuchen die
Autoren Robert Liberles, Stevan M. Lowenstein, Marion Kaplan und Trude
Maurer Aspekte wie jüdisches Wohnen, Ehe und Familie, Kindheit,
Schule, Handel, Volksbräuche, Religion und soziale Beziehungen zu
Nichtjuden. Bei dieser Unzahl an Informationen, unter der sich auch
noch scheinbar Nebensächliches berücksichtigt findet von
Spezialitäten der jüdischen Küche bis zu jüdischen Sportvereinen ,
hätte es leicht zu einer nüchternen Aneinanderreihung von Fakten
kommen können. Während die Sozialgeschichte, so das Vorwort, »dem
Intimen das Unpersönliche vorgezogen« habe, wird hier allerdings eine
Verbindung geschaffen, die dem Lesefluß hilft: Auf die Fakten folgen
zahlreiche Quellen, vor allem Briefe und Tagebücher, die einen sehr
persönlichen Einblick gewähren, ganz gleich, ob es sich um Klagen über
beengte Wohnbedingungen handelt oder um das Schicksal einer Frau, die
von ihrem Mann geschlagen wurde und nicht weiß, wohin sie sich wenden
soll.
Diese selbstgewählte Aufgabe, möglichst viele Beispiele jüdischen
Lebens an möglichst vielen Schauplätzen zu berücksichtigen und auch
noch durch Quellenmaterial lebendig werden zu lassen, nützt vor allem
einer Erkenntnis: Pauschalurteile sind meist Verallgemeinerungen oder
das Ergebnis von Vorurteilen.
So muß man also beim Lesen in Kauf nehmen, daß die »Geschichte des
jüdischen Alltags in Deutschland« keinen einfach gestrickten Leitfaden
an die Hand gibt, schon gar nicht im Sinne einer Charakterstudie, die
den prototypischen jüdischen Alltag und damit eine Mentalität
festmachten würde. Bereits das erste Kapitel über die Wohnbedingungen
von Juden im 17. Jahrhundert verdeutlicht, daß Geschichtsschreibung
ihrem Studienobjekt nur durch Wahrnehmung von Differenz gerecht werden
kann. Während einige Juden in Ghettos lebten, gab es Städte, in denen
sich einzelne Häuser mit jüdischen Bewohnern mitten im Stadtzentrum
befanden. Manche Deutsche bevorzugten diese Lage, weil sich so das
jüdische Leben besser kontrollieren ließ, andere wiederum beschlossen,
daß sich Juden am Stadtrand ansiedeln sollten. Und auch aus der Sicht
der jüdischen Bewohner gab es ganz verschiedene Einschätzungen: Manche
zogen die isolierte Lage vor, um unter sich zu sein, andere
bevorzugten das Stadtzentrum, nicht zuletzt aus Angst vor kriminellen
Übergriffen.
Die Geschichte des jüdischen Alltags, das wird besonders schnell
deutlich, ist eine, die sich von jener der Deutschen, genauer gesagt
der Christen, in den meisten Punkten nicht unterscheidet. Ein Großteil
des Spezifischen, das sich am jüdischen Alltag ablesen läßt, ist
überhaupt nur der Tatsache geschuldet, daß den Juden immer wieder ganz
bestimmte Auflagen gemacht wurden, die verhinderten, daß sie sich in
Beruf und Wohnsituation wie andere Staatsbürger einrichten konnten.
Der Weg bis ins frühe 20. Jahrhundert war also auch unter Juden von
der Aufklärung und den neu entstandenen Idealen des Bildungsbürgertums
geprägt. Die Beiträge des Buches schildern anschaulich, wie Religion
dabei auch für viele Juden an zentraler Bedeutung verlor, bis
schließlich Beethoven und Goethe den Platz an der Wohnzimmerwand
einnahmen - nicht zuletzt als Bekenntnis, selbst Teil der deutschen
Kultur zu sein. »Die Juden«, schreibt Marion Kaplan, »modelten sich
die deutsche Kultur um«, wünschten meist, ihre eigene Identität zu
bewahren, zugleich aber auch als Deutsche akzeptiert zu werden. Dieser
Prozeß von Identifikation und Integration fand mal freiwillig, mal
unfreiwillig statt: »Die Konversion als radikalste Abkehr vom
Judentum«, so Kaplan, »hing eng zusammen mit Wellen des
Antisemitismus.« Nicht zuletzt Angst brachte viele Juden dazu, sich
den Deutschen so gut wie möglich anzupassen.
Trude Maurers großes Kapitel über den jüdischen Alltag unter
nationalsozialistischer Herrschaft wird vorm Hintergrund dieser
Entwicklung verständlicher. Die Frage danach, warum viele Juden die
Gefahr unterschätzt oder das Exil immer wieder als Möglichkeit
ausgeschlagen haben, hängt sehr stark damit zusammen, daß sie die
ständige Spannung zwischen liberalen und antisemitischen Tendenzen in
Deutschland kannten und deshalb glaubten, der Spuk sei nur von kurzer
Dauer. Eine perfide, schrittweise von den Nationalsozialisten
vorgenommene Entrechtung der Juden brachte allerdings mit sich, daß
den Juden die finanziellen Mittel zur Ausreise sehr schnell geraubt
wurden. Was folgt ist die Geschichte von Konzentrationslagern und
Zwangsarbeit. Von einem jüdischen Alltag in Deutschland im engeren
Sinne kann ab diesem Zeitpunkt nicht mehr die Rede sein, dennoch
verfolgt das Buch auch den Werdegang derjenigen, die sich weigerten,
den Judenstern zu tragen und die versuchten, sich als »Arier« zu
tarnen ein Incognito-Dasein, dessen Erfolg meist nur von kurzer
Dauer war.
Dieses Buch kann ohne jeden Zweifel als Standardwerk empfohlen werden,
denn gerade sein »Blick von unten« entwirft keine Alltagsgeschichte
von »den Juden«, sondern eine von zahlreichen Einzelbiographien, denen
jedoch eines gemeinsam war: die Hoffnung in das Projekt Aufklärung.
Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland. Vom 17. Jahrhundert
bis 1945.
von Robert Liberles, Steven M. Lowenstein, Trude Maurer, Marion Kaplan
(Herausgeber)
Preis: 39,90 Euro
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