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## Nachricht vom 06 Jul 03 weitergeleitet
## Ursprung : SABINE@SABINE.org
## Betreff : DIR-ML:Tun und Treiben der kleinen Leute (FR)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
## Msg-ID : 3F0870D7.7237.9F9257@localhost
TI: Tun und Treiben der kleinen Leute
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 05.07.2003
SW: Mp; Ges; Ju; Ns; Sos
AB: Ein Band zur "Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland"
richtet den Blick auf die soziale Praxis vom 17. Jahrhundert bis 1945
Ein Band zur "Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland" richtet
den Blick auf die soziale Praxis vom 17. Jahrhundert bis 1945
Von Stefanie Schüler-Springorum
Sechs Jahre nach der großen, vom Leo Baeck Institut angeregten
vierbändigen Gesamtdarstellung der Deutsch-jüdischen Geschichte in der
Neuzeit liegt nun gewissermaßen dessen alltagsgeschichtliche Ergänzung
vor, herausgegeben im Auftrag wiederum des Leo Baeck Instituts von der
US-amerikanischen Historikerin Marion Kaplan. Und auch hier hat man
auf die bewährte Form der internationalen Teamarbeit zurückgegriffen:
Robert Liberles (Beer Sheva) zeichnet für den Abschnitt zur Frühen
Neuzeit verantwortlich; Steven M. Lowenstein (Los Angeles) beschreibt
die lange Phase der schrittweisen Integration und Verbürgerlichung
zwischen 1780 und 1871; die Herausgeberin selbst schildert die
Konsolidierung der jüdisch-bürgerlichen Existenz im Kaiserreich; und
Trude Maurer (Göttingen) schließlich widmet sich in einer Gesamtschau
dem Alltagsleben von Juden in der Weimarer Republik und im
Nationalsozialismus.
Verklammert werden die vier Teile durch einen stringent durchgehaltenen
Aufbau, der die jeweilige Epoche von innen nach außen erschließt: Alle
vier Autoren beginnen mit der "materiellen Basis" jüdischer Existenz, den
Siedlungsmustern und Wohnformen, schildern dann Familienleben und
Kindererziehung, Arbeit und Religiosität, um schließlich das weitere Feld
der sozialen Beziehungen, innerhalb der jüdischen Gemeinden und zur
nichtjüdischen Umwelt, zu erkunden. Sie richten ihren Blick also auf die
soziale Praxis, auf die vielen kleinen Geschichten hinter jenen großen
historischen Prozessen, die die Historiker gemeinhin mit den Begriffen
Emanzipation, Integration und Verbürgerlichung der deutschen Juden zu
fassen versuchen, und an deren Ende die Verfolgung, Vertreibung und
Ermordung einer aufs neue diskriminierten, segregierten und verarmten
Minderheit steht.
Für dieses letzte Kapitel gelingt Trude Maurer durch die kühne
Entscheidung, die Jahre vor und nach 1933 als Einheit zu analysieren,
eine ungewöhnliche und um so bedrückendere Annäherung an die
Alltagsperspektive der Verfolgten. Gleichzeitig jedoch rücken so
ausgerechnet die Jahre der Weimarer Republik stark in den Hintergrund,
in denen sich das jüdische Leben in Deutschland durch eine nie zuvor
erreichte Vielfalt und Dynamik auszeichnete.
Der Weg dorthin, der dramatische soziale Wandel, den die jüdische
Minderheit in den davor liegenden 200 Jahren durchlief, wird in den
Kapiteln zuvor mit all seinen Ungleichzeitigkeiten und Verwerfungen,
seinen regionalen Unterschieden und in seiner geschlechterspezifischen
Differenz ausgebreitet. Gerade letzteres, die konsequente Einbeziehung
der Geschlechterdimension, ist so bisher noch in keiner allgemeinen
Darstellung zur jüdischen Geschichte gelungen. Dies ist mit Sicherheit
nicht zuletzt dem wachsamen Auge der Herausgeberin Marion Kaplan zu
verdanken, die immer noch die profundeste Kennerin dessen ist, was
einmal "Frauengeschichte" genannt wurde und sich mittlerweile auch in
der deutsch-jüdischen Geschichte zur Geschlechtergeschichte erweitert.
Das breite Panorama jüdischer Existenz, das so auf 470 Textseiten
entfaltet wird, basiert auf einem Verständnis von Alltagsgeschichte als
"Geschichte von unten", als Geschichte der "kleinen Leute", deren
Lebenswelt, Erfahrungen und Wahrnehmungen im Zentrum stehen. Hier
allerdings krankt das große Projekt an seinem eigenen Anspruch - nicht
umsonst haben die meisten alltagsgeschichtlichen Studien das Objekt
ihrer Wissbegierde so klein wie möglich gehalten: ein Dorf, eine Biografie,
ein Betrieb. Denn nur so können die qualitativen Aspekte des täglichen
Lebens, die Emotionen, Hoffnungen und Enttäuschungen wirklich in den
Blick geraten. Eine Alltagsgeschichte, die 200 Jahre umfasst und so viele
verschiedene Regionen und Settings in den Blick nimmt, tendiert aufgrund
dieser Entgrenzung zu einer gewissen Beliebigkeit, und dies vor allem
dann, wenn die Auswahl des Erzählten nicht hinreichend begründet wird.
Auch fällt die Analyse der Deutungen und Sinnstiftungen eben dieser
"kleinen Leute" schnell hinter die Darstellung ihrer materiellen Lebenswelt
zurück, wenn nicht wirklich aussagekräftige Quellen vorhanden sind
beziehungsweise entsprechende Fragen aufgeworfen werden. Dies ist
eben nicht nur ein Überlieferungsproblem: Die "klassischen"
alltagsgeschichtlichen Zeugnisse, nämlich lebensgeschichtliche
Interviews, standen natürlich nur für den letzten Zeitabschnitt zur
Verfügung - und wurden hier auch ausgiebig genutzt.
Für die weiter zurückliegenden Zeiten hat man sich - neben den
zahlreichen mittlerweile vorhandenen Lokal- und Regionalstudien - vor
allem auf den reichhaltigen Bestand an Selbstzeugnissen im Leo Baeck
Institut gestützt. Allerdings werden gerade die Autobiografien fast
ausschließlich illustrativ verwendet, das heißt als zwar subjektive, aber
dennoch valide Rekonstruktionen eines zurückliegenden Alltags gelesen,
und nicht als Konstruktionen, die vor allem etwas über die Bedürfnisse,
nachträglichen Deutungen und Sichtweisen der Autoren im Moment der
Schreibens aussagen können. Dies aber würde letztlich eine enge
Kontextualisierung und Begrenzung erfordern, wie sie eine
Gesamtdarstellung kaum leisten kann.
Und so ist dieser Band tatsächlich das, was die Herausgeberin eingangs
in Aussicht stellt, und was man zunächst angesichts des Umfangs mit
Erstaunen zur Kenntnis genommen hatte: Keine Zusammenfassung,
sondern "ein Vorwort und ein Anstoß", eine Ermunterung, auf diesem Weg
weiterzugehen und sich der jüdischen Geschichte aus alltagshistorischer
Sicht anzunähern, und dann vielleicht einmal ein Stadtviertel zu
untersuchen oder einen Gerichtsbezirk, um so den vertrauten Quellen mit
anderen Fragestellungen neue Antworten zu entlocken.
Das Buch - Marion Kaplan (Hrsg.):
Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland. Vom 17. Jahrhundert
bis 1945. C.H. Beck Verlag, München 2003, 638 Seiten, 39,90 .
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