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## Nachricht vom 04 Jul 03 weitergeleitet
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## Betreff : DIR-ML: Das Ende der Sommerfrische (FR)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
## Msg-ID : 3F05C3B0.22663.FB1B87@localhost
TI: Das Ende der Sommerfrische
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 04.07.2003
SW: Ges; Ns; Ase; Hol; Mp; Lit; Nsa; Hh
AB: Schon lange vor 1933 rühmten sich zahlreiche deutsche Seebäder,
"judenfrei" zu sein: Eine Studie von Frank Bajohr
Schon lange vor 1933 rühmten sich zahlreiche deutsche Seebäder,
"judenfrei" zu sein: Eine Studie von Frank Bajohr
Von Sirku Plötner
Gibt es einen Weg, der "Borkum" und "Auschwitz" miteinander
verbindet? Auschwitz steht heute symbolisch für den Massenmord an
Millionen von Juden. Borkum dagegen ist ein kleines ostfriesisches
Inselidyll. Von Reiseführern 1880 als "deutsches Inselbad" angepriesen,
entwickelte sich Borkum bereits im Kaiserreich zu einem
Anziehungspunkt antisemitischer und deutschnationaler Gäste, die mit
Liedern wie "Bewacht den Strand auch künftig fein, Lasst keinen Jud in
eure Mitte, Lebt wohl, es muss geschieden sein" ihrer aggressiven
Gesinnung Ausdruck gaben. Borkum repräsentiert in seinem extremen
und früh einsetzenden antisemitischen Gebaren seiner Gäste eine
spezifische Ausdrucksform des Antisemitismus, für den sich der Begriff
des "Bäder-Antisemitismus" eingebürgert hat.
Bisher hat dieses Phänomen offener Feindschaft gegen jüdische Gäste
in deutschen Seebädern und Kurorten in der Forschung nicht als
eigenständiges Thema Beachtung gefunden. Einzelne Aufsätze sind
erschienen. Eine Monographie, hat aber nun erst der Hamburger
Historiker Frank Bajohr mit seiner Studie "Unser Hotel ist judenfrei"
vorgelegt. Damit bleibt der Autor auf der Linie seiner bisherigen
Forschungen, die versuchen, den Nationalsozialismus von seiner
gesellschaftlichen Praxis her zu fassen: Bücher zur Arisierung in
Hamburg, dem Nationalsozialismus in Norddeutschland und der
Korruption im "Dritten Reich" sind bisher von ihm erschienen.
Mit seinem Aufriss des Bäder-Antisemitismus, seiner Ausdrucksformen
und seiner Ausbreitung in Deutschland und einem Vergleich mit anderen
europäischen Ländern sowie den Vereinigten Staaten will Bajohr
Perspektiven auf größere Zusammenhänge eröffnen: Fragen nach der
Kontinuität des Antisemitismus vom Kaiserreich bis ins "Dritte Reich",
nach der Verankerung des Antisemitismus in der Bevölkerung und
schließlich dem Zusammenwirken dieses gesellschaftlichen
Antisemitismus mit organisierter Vernichtungspolitik, sollen beantwortet
werden.
Die Studie kommt hinsichtlich vieler Aspekte zu interessanten Einsichten.
Der Bäder-Antisemitismus beleuchtet so die spezifischen soziokulturellen
Hintergründe des Antisemitismus: Vor dem ersten Weltkrieg gab es eine
deutliche Trennung zwischen reichen "Judenbädern" wie Bad Kissingen
und Norderney, in denen gerade jüdische Gäste aus großbürgerlichem
Milieu wohl gelitten waren oder sogar die Mehrzahl der Gäste
ausmachten, und mittelständischen "Nachzügler-Bädern" wie Borkum
oder Heringsdorf, von deren Gästen ein penetranter Antisemitismus
ausging, der sich in antisemitischen Liedern wie dem "Borkum-Lied",
antisemitischen Postkarten oder Schmähschriften manifestierte. Toni
Cassirer, die Frau des Philosophen Ernst Cassirer, zeigte sich 1906 nach
einem Bäderaufenthalt entsetzt über die "deutsche Mittelstandsmasse",
deren Auffassungen sie als "fremdes, feindliches Weltbild" und "geistigen
Kannibalismus" begriff.
Gerade weil die Bäder Orte der individuellen Repräsentation, des Sehens
und Gesehen-Werdens waren, waren sie anfällig für Sozialneid und
Exklusionstendenzen. Meistens wurde hier das klassische Stereotyp des
"reichen jüdischen Parvenüs" bemüht, erst später trat das Klischee des
"schmutzigen Ostjuden" hinzu, mit dem die Ausgrenzung der Juden auch
aus den mondänen "Judenbädern" begann. Ging der Antisemitismus vor
1933 vor allem von den Gästen aus, wurde er nach 1933 langsam in
einen politischen Antisemitismus überführt: Lokale NS-Machthaber
initiierten antijüdische Maßnahmen, die Juden einen Bäderaufenthalt
verwehrten. Wie für Struktur und Dynamik des nationalsozialistischen
Systems typisch, wurden schließlich diese lokalen Initiativen 1937 in
einer reichseinheitlichen Regelung, die Kurbesuche für Juden verbot,
gebündelt. 1938 waren faktisch Apartheitsbedingungen in allen
deutschen Bädern geschaffen.
Die zentrale Frage Bajohrs ist die der Relevanz des gesellschaftlichen
BäderAntisemitismus für die Entwicklung der Judenverfolgung nach
1933. Die Frage also, ob "es einen Weg gibt, der Borkum mit Auschwitz
verbindet". Hinreichend kann Bajohr die Frage, wie er selbst zugibt, nicht
beantworten: Auf der einen Seite zeigt sich für ihn im BäderAntisemitismus
eine tiefe, gesellschaftlich verankerte Judenfeindschaft,
die zwar nicht wie Goldhagen mit seiner These von den willigen
Vollstreckern Hitlers behauptet auf Vernichtung abzielte, jedoch eine
Ausgrenzung "von unten" als soziale Praxis durchsetzte.
Auf der anderen Seite will Bajohr in einem internationalen Vergleich
zeigen, dass der Bäder-Antisemitismus auch in anderen europäischen
Ländern, wie in Österreich und vor allem auch in den Vereinigten Staaten
nach dem Ersten Weltkrieg, eine besondere Radikalität erhielt.
Überraschend ist das Ergebnis, dass gerade in Amerika der "Resort
Antisemitism" verbreiterter war als in Deutschland und noch bis weit in
die fünfziger Jahre fortbestand. Gesellschaftlicher Antisemitismus kann
nach Bajohr also nicht als zentrales Movens der Judenverfolgung nach
1933 gesehen werden. Zumindest erkläre er nicht, warum gerade in
Deutschland der Holocaust geschehen konnte.
Hilfreicher wäre es allerdings gewesen, hätte Bajohr seine Vergleiche
stärker differenziert. Dass nämlich in Amerika ein Bäder-Antisemitismus
bestand, muss nicht zu den gleichen Schlüssen führen wie die Existenz
eines radikalen Antisemitismus in Österreich und anderen europäischen
Ländern. Schon längst ist in der Forschung anerkannt, dass der
Antisemitismus ein europäisches Phänomen war. Gerade in den
osteuropäischen Ländern konnten die Nationalsozialisten auf einen
radikalen Antisemitismus zurückgreifen, und nicht selten kamen ihnen
Pogrome von Seiten der Bevölkerung in ihren Vernichtungsabsichten
zuvor. Die von Bajohr festgestellte Verbreitung des gesellschaftlichen
Antisemitismus in Europa lässt auch eine andere Schlussfolgerung zu:
Vielleicht erklärt gerade sie, dass der große "Zivilisationsbruch"
stattfinden und der Vernichtungsapparat der Nationalsozialisten in großen
Teilen Europas aufgebaut werden konnte.
Das Buch
Frank Bajohr: "Unser Hotel ist judenfrei." Bäder-Antisemitismus im 19.
und 20. Jahrhundert. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt / Main
2003, 232 Seiten, 12,90 .
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