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Jeff Kanews Holocaust-Spielfilm "Babij Jar - Das vergessene Verbrechen"

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## Nachricht vom 04 Jul 03 weitergeleitet

## Ursprung : SABINE@SABINE.org
## Betreff : DIR-ML: Mahnende Trommeln (FR)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
## Msg-ID : 3F05C3AC.12251.FB0BE1@localhost


TI: Mahnende Trommeln
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 04.07.2003
SW: Mfi; Hol; Mo; Ukr; Ase
AB: Jeff Kanews Holocaust-Spielfilm "Babij Jar - Das vergessene Verbrechen"

Jeff Kanews Holocaust-Spielfilm "Babij Jar - Das vergessene Verbrechen"

Von Jan Distelmeyer
Bevor Stepan an diesem warmen Septembertag nach Hause geht, will er noch ein bisschen schwimmen. Er taucht in den Fluss, lässt sich auf dem Rücken liegend die Sonne ins Gesicht scheinen und gewinnt mit ein paar leichten Stößen Abstand vom Ufer. Die Idylle endet jäh, als seine Hand auf einen Leichnam stößt. Nach hektischen Drehungen verfängt er sich in immer mehr Leichen - als ob statt gefällter Baumstämme gemordete Menschen über das Wasser geflößt würden. Zuhause angekommen, ruft Stepan: "Im Fluss, Leichen, Juden, lauter tote Juden!"

Mit dieser Szene hat Babij Jar - Das vergessene Verbrechen schon in den ersten Minuten sein Programm entworfen: Konfrontation und eindeutige Benennung, show and tell. Ähnlich programmatisch sagt uns auch schon der Untertitel des von Artur Brauner produzierten Schwarzweißfilms, was nicht sein soll, das Vergessen. 33 771 Juden wurden am 29. und 30. September 1941 in der Schlucht Babij Jar bei Kiew von den einmarschierten Deutschen erschossen. Ihres Gepäcks und ihrer Kleidung bestohlen, hatten sich jüdische Frauen, Männer und Kinder aus Kiew und Umgebung in ihr Massengrab zu legen, bevor sie von den SD-Leuten und Sonderkommandos ermordet wurden. Die Ordnung des Massakers sah vor, dass sich die nachfolgenden Opfer stets auf die Körper der zuvor Erschossenen legen mussten.

Babij Jar erzählt von den letzten Tagen der Familie Lerner aus Kiew, vom Erlebnis ihres Nachbarjungen Stepan (Gleb Porschnew) am Fluss bis zum Tod der Familie im Massengrab. Kein Augenblick ist diesem Film gestattet, der sich dem Fluchtpunkt des organisierten Massenmords entziehen würde; alles spitzt sich erbarmungslos auf den Moment des Todes zu, den nur Stepan und die flüchtende Jüdin Franca (Olga Erokhovets) überleben.

Wir sehen, wie Großvater Genadij Lerner (Michael Degen) zunächst Stepans Nachricht als Gräuelpropaganda abtut, bis er Zeuge der Verbrennung des jüdischen Kantors wird. Seine Tochter Natalya (Barabar de Rossi) kämpft darum, ihren schwer verwundeten Mann aus dem Krankenhaus herauszubekommen und ihn zur Flucht zu bewegen. Derweil entwickelt Stepans Mutter Lena (Katrin Saß), nach Jahrzehnten nachbarschaftlicher Freundschaft mit den Lerners plötzlich einen unbändigen Hass auf "die Mistjuden" und hofft auf deren Hab und Gut. Die Spirale dreht sich weiter, mit dem verantwortlichen SSStandartenf ührers Blobel (Axel Milberg), der bei der Vernichtung der Juden auf die Mithilfe "der blutrünstigen Ukrainer" baut und keinen Zweifel an seiner Bösartigkeit lässt: "Das sind keine Kinder, das sind nur kleine Juden!"

Es scheint, als sei jede Szene in Babij Jar nicht nur gegen ein Vergessen, sondern zugleich auch gegen jede Form von Zweifel inszeniert. Die Regie Jeff Kanews, der in den achtziger Jahren mit Star-Vehikeln wie Archie und Harry - sie können's nicht lassen und V.I Varshawski mäßig bekannt wurde, geht so eigenartig unbefangen an das Thema heran, als habe es die schwierigen Diskussionen um die Darstellbarkeit des Holocaust nie gegeben. Hatte Claude Lanzmann, dessen Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr derzeit in deutschen Kinos zu sehen ist, noch Spielbergs Schindlers Liste vorgeworfen, als Fiktion und Trivialisierung eine Darstellungsgrenze überschritten zu haben, zeigt sich Babij Jar gegen derlei Bedenken völlig unempfindlich.

Klassische Orchestrierung lenkt die Sympathie, mit den Nazis kommen mahnende Trommeln. Während das Schwarzweiß der Bilder den Übergang zwischen den Spielszenen und einigen Dokumentaraufnahmen verschwinden lassen soll (und ihn doch nur betont), will jeder Charakterzug der bruchlos sympathischen Lerners bezeugen, dass hinter den Zahlen von Babij Jar einzelne Schicksale stehen.

So hölzern und zielorientiert geht hier alles vor sich, dass man kaum glauben kann, einen Film von 2003 vor sich zu haben. Keine offene Frage, nichts hemmt den schematischen Gang der Dinge. Gleichzeitig aber gibt eben diese seltsam billig wirkende Selbstvergessenheit Babij Jar eine verstörende Kraft, etwas Gespenstisches jenseits berechtigter Kritik. Der teleologische Schulfilmcharakter, mit Dokumentarszenen als Fußnoten, tritt zurück hinter der Vehemenz, mit der dieser Film "Es war so!" schreit. Nahezu obszön vor Entschlossenheit zeigt Babij Jar nicht nur das Massaker im klassischen Schuss/Gegenschuss-Verfahren und hält die leblosen Leiber im Sand fest, sondern schneidet auf ins Massengrab pinkelnde Deutsche und einen Offizier, der sich aus Verzweiflung in den Kopf schießt. Die Kamera gleitet über Dutzende nackter Statisten in der Grube - die Stimmung bei den Dreharbeiten muss unvorstellbar gewesen sein.

Wie kann man heute einen solchen Film machen, und wie kann man sich heute dazu verhalten? Je geschlossener die Form wird, desto mehr Fragen stellen sich, desto sperriger wird Babij Jar. Obwohl er den bekannten Bildern des Holocaust kein einziges neues hinzufügt, sogar hinter viele der letzten 25 Jahre zurückfällt, kann uns doch nichts auf die plan inszenierte Brutalität der Tötungsszenen vorbereiten. Am Ende ist auch das Vorhersehbare kaum auszuhalten. Die Tragik dieses Verfahrens liegt darin, dass Babij Jar das große Publikum, das er mit allen Mitteln zu greifen und zu erschüttern sucht, gerade deshalb wohl nicht erreichen wird.


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07.07.03    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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