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TI: Nachbarschaft
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 04.07.2003
SW: Lit; Mp; Ase; Ju; Nrw; Hol
AB: Kirsten Serup-Bilfeldt porträtiert Juden aus Köln
Kirsten Serup-Bilfeldt porträtiert Juden aus Köln
Von Ingrid Müller-Münch
Am späten Nachmittag des 21. Oktobers 1941 klingelte es an der
Wohnungstür von Familie Seuffert, Frechener Straße 7 in Köln. Es war
ein düsterer kühler Herbsttag. Tochter Marlies öffnete die Türe. Draußen
stand, in einen dicken Wintermantel gehüllt, ihr Spielkamerad Rolf.
Schüchtern steckte der 11-Jährige, den sie stets "Rölfchen" nannte, die
Hand aus und sagte, er wolle sich verabschieden. "Wir müssen weg.
Morgen." "Ja wohin denn?", erkundigte sich Marlies erstaunt. "Das weiß
ich nicht", antwortete Rölfchen. Schnell raffte Marlies daraufhin eine
Handvoll Bonbons zusammen, stopfte sie Rölfchen in die Manteltasche.
Woraufhin der sich artig bedankte, ihr die Hand gab und ging. Am
nächsten Tag wurden Rolf und seine Mutter nach Lodz deportiert. Dort
verlor sich ihre Spur.
Gäbe es nicht einen kleinen, unscheinbar vor sich hin glitzernden
Metallstein vor dem Haus Frechener Str. 17, kein Mensch würde sich
heute mehr an Rölfchen und seine Mutter erinnern. Und wäre nicht
soeben ein Buch der Kölner Autorin Kirsten Serup-Bilfeldt erschienen,
erführe niemand von der soeben beschriebenen Szene, in der sich der
jüdische Spielkamerad Rolf von seiner arischen Freundin Marlies
verabschiedete, kurz bevor ihn die Nazis deportierten.
Schicksale wie das von Rölfchen sind in Serup-Bilfeldts Buch
Stolpersteine nachzulesen, das sich - wie es der Titel schon ankündigt -
mit den etwa 1300 quadratischen Steinen befasst, die seit einigen Jahren
Kölner Trottoirs zieren. Eingelassen wurden sie von dem Künstler Gunter
Demnig, für den sie Mahnmale und Erinnerungen zugleich sind. Im
Vorwort von Serup-Bildfeldts Buch räumt Elke Heidenreich erst einmal
gründlich mit der Legende auf, dass nirgendwo sonst dem
Nationalsozialismus so viel Widerstand entgegengebracht wurde wie in
Köln. Schon Hitler selbst sah das anders, freute sich darüber, dass er in
der Domstadt mit den "größten Ovationen seines Lebens" bedacht
worden war. In Köln, so Elke Heidenreich, gab es nicht mehr oder weniger
Zivilcourage als anderswo. Wenig genug. Von 11 000 deportierten Juden
überlebten gerade mal 50.
Für ihr Buch über einiger dieser von Nazis deportierten Kölner hat die
Autorin Schicksale rekonstruiert, die fast nur aus Lücken bestehen, die
aber durch ihre Recherchen wieder lebendig geworden sind. Hierzu hat
sie eine wahre Fleißarbeit vollbracht, sich manchmal auch einfach der
Fantasie hingegeben. Was blieb ihr anderes übrig, bei so viel weißen
Flecken in den Biographien der Deportierten?
Wie bei Ursula Blumenfeld zum Beispiel, der engsten
Kindergartengespielin von Liesel, deren Vater noch mit einer
Pferdekutsche Blockeis durchs Severinsviertel fuhr. Die Blumenfelds
hingegen waren bessere Leute, lebten in einer Villa in Marienburg. Und
ließen Liesel dies dennoch nie spüren. Wie gerne rutschte die kölsche
Liesel aus dem Arbeiterviertel in dem feudalen Haus der Blumenfelds das
glattpolierte Treppengeländer hinunter, spielte im Sandkasten, auf der
Schaukel. Ursel und sie waren im katholischen Kindergarten der
Schwestern vom Heiligen Kreuz Busenfreundinnen geworden. Und wären
es womöglich noch heute, wenn die Blumenfelds nicht 1942 nach
Theresienstadt deportiert worden wären. Liesel, die nach dem Krieg
überall, wo es nur ging, nach Ursel suchte, fand sie nicht mehr. Einzig ein
Stolperstein vor dem Haus Robert-Heuser-Straße 3 erinnert seit kurzem
an ihre einstige Freundin.
So gut es ging hat die Autorin auch das Schicksal des Kölner Rabbiners
Isidor Caro nachvollzogen, der sich mit seiner Frau freiwillig zur
Begleitung des ersten Judentransportes zur Verfügung stellte und 1943 in
Theresienstadt verhungerte. Oder den Lebensweg des Schuhfabrikanten
Carl Frankenstein, der mit einer evangelischen Großbürgertochter
verheiratet war, die ihn, den Juden, irgendwann persönlich per Telefon an
die Gestapo verriet.
Die ins Kölner Straßenpflaster eingelassenen Stolpersteine von Gunter
Demnig tragen eingraviert lediglich die Namen und die Deportationsdaten
der Naziopfer. Einigen dieser Verschollenen und Ermordeten setzt Kirsten
Serup-Bilfeldt nun mit ihrem Buch ein überaus lesenswertes und
bewegendes Denkmal.
Das Buch
Kirsten Serup-Bilfeldt: Stolpersteine. Vergessene Namen, verwehte
Spuren. Wegweiser zu jüdischem Schicksal in Köln. Mit einem Beitrag
von Elke Heidenreich. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, 160
Seiten, 8,90 .
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