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http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/die-lust-am-schleim/?src=SE&cHash=57f5ef44f4
taz, 19.4.08
Charlotte Roches "Feuchtgebiete" ist ein Symptom
Die Lust am Schleim
KOMMENTAR VON INES KAPPERT
"Eine Frau, die furzt, kann ich nicht küssen." Mit diesen Worten
kommentiert, in gewohnt unübertroffener Schlichtheit, der
/Bild-/Zeitungs-Kolumnist Franz Josef Wagner den sagenhaften Erfolg von
"Feuchtgebiete", dem Roman von Charlotte Roche. Er bringt damit jene
Haltung auf den Punkt, die von Frauen das Verstecken der eigenen
Kreatürlichkeit verlangt - und damit Schweiß und fleckige Unterhosen für
Männer reserviert.
Mit seiner Abscheu vor Roches Roman macht Wagner deutlich, dass die
Forderung nach weiblicher Hygiene ein Mittel patriarchal gesinnter
Männer ist, um Frau besser kontrollieren zu können. Nolens volens
widerspricht Wagner damit seinen Kollegen aus dem angesehenen Feuilleton
von /Süddeutscher Zeitung/ und /FAZ. /Die haben das Thema
Selbstbefreiung durch Bruch mit den allgemein gültigen Benimmregeln
nämlich als nebensächlich abgetan: Mädchenkram eben.
Dieser Mädchenkram hat sich nun 430.000-mal verkauft. Nach nur sechs
Wochen. "Feuchtgebiete" ist damit mehr als nur ein Bestseller von
irgendeiner Fernsehmoderatorin. "Feuchtgebiete" ist ein Phänomen.
Offenkundig trifft Roches humorvolle Erkundung erogener Zonen bei sehr
vielen, vorwiegend weiblichen Leserinnen auf Interesse. Ein Interesse,
das sich - darin sind sich dann alle Rezensenten einig - nicht allein
mit "Sex sells" erklären lässt.
Natürlich sind Jugend, Schönheit und Prominentenstatus der Autorin sowie
die Geste des Tabubruchs gute Voraussetzungen für einen
Bestseller-Erfolg. Im Falle von Roche ist aber wohl das rotzige
Selbstbewusstsein entscheidend, mit der ihre Protagonistin die Lust am
eigenen Schleim, Geruch und Körper obsessiv feiert. Rabiat attackiert
der Text gerade jene Einstellungen, die Franz Josef Wagner als Volkes
Stimme verteidigt.
Roche aber bricht nicht nur souverän das Tabu, das vom Frauenkörper bis
heute eine ganz besondere Hygiene und Sittsamkeit verlangt - folglich
schmutzige Mädchen als asozial ausgrenzt. Das Besondere und auch
besonders Zeitgemäße ist vielmehr, dass Roches Erzählweise nicht bei der
Negation, beim Angriff auf die Prüderie stehenbleibt. Stattdessen
erfindet sie neue, sanfte Worte für jene Körperzone, die bis heute
gemeinhin als weiblicher Schambereich bezeichnet wird. Für ihre Heldin
sind die äußeren Schamlippen "Vanillekipferl", die inneren firmieren als
"Hahnenkämme", die Klitoris hat sie auf den glitzernden Märchennamen
"Perlenrüssel" getauft. Der Text ist ein Aufruf, mit sich selbst zu
spielen und für seine Lust neue Praktiken und Namen zu finden. Helens
größter Kontrahent ist daher ihre Mutter: die ist ein einziger
Hygienezwang.
"Feuchtgebiete" ist nicht mehr als ein raubeiniges Manifest gegen die
Einhegung des weiblichen Körpers durch Sauberkeits- und Schönheitszwänge
- und mehr will es auch nicht sein. Doch es ist ein Symptom. An den
unterschiedlichsten Ecken flammen derzeit Diskussionen um die -
erotische oder ökonomische - Unabhängigkeit von Frauen auf: Feminismus
ist wieder Thema. Pünktlich zum 40. Jubiläum von 1968 bekommt Alice
Schwarzer Gesellschaft. Und zwar von Akteurinnen und Akteuren, die nicht
ins Klischee von der Feministin passen. Sondern, siehe Charlotte Roche
oder auch Familienministerin Ursula von der Leyen - eher zur Marke
/everyones darling /gehören.
Selbstredend darf der Regisseur Quentin Tarantino in der Reihe der
unorthodoxen, aber aktuell einflussreichen feministischen Akteure nicht
fehlen. Filme wie "Kill Bill" oder seine jüngste Hommage an Stuntfrauen
in "Death Proof" feiern gleichfalls Heldinnen, die männlich okkupierte
Zonen entern und aneignen. Ähnlich selbstbezogen wie Helen beleben sie
ein feministisches Imaginäres. Bei Tarantino dürfen Frauen schön und
gewalttätig sein, bei Charlotte Roche weisen sie den zeitgemäßen
Schönheitswahn zurück und öffnen die Tür für das Spiel mit Schamhaar,
Schleim und Perlenrüssel. Auf der Strecke bleibt jeweils die Sorge um
andere, um Schwächere. Der aktuell massentaugliche Feminismus spiegelt
den Egoismus der Mittelschicht wider.
Trotzdem erlaubt diese Haltung, die Diskussion auf eine Weise zu führen,
die wieder mehr Mädchen und Frauen anspricht. Ein Beispiel dafür, dass
frauenpolitische Themen an Bedeutung gewinnen, ist der Bereich Frauen
und Arbeit. Ende letzten Jahres hat eine Studie der OECD darauf
aufmerksam gemacht, dass Frauen in Europa trotz gleicher Qualifikation
deutlich weniger verdienen als erwerbstätige Männer. Deutschland gehört
dabei zu den Ländern, die ihre weiblichen Erwerbstätigen am
schlechtesten bezahlen: Der Verdienst von Frauen unterschreitet den
männlichen im Schnitt um 22 Prozent. Die Diskussion um fehlende
Kinderbetreuung hat sich damit um das Thema der ungerechten Bezahlung
erweitert.
Selbst BBC berichtete unlängst über diese deutsche Ungerechtigkeit: Man
hatte sie so in Deutschland nicht erwartet. Den Deutschen hingegen ist
diese Schieflage, wie eine vom Frauenministerium in Auftrag gegebene
Studie belegt, durchaus bekannt. Zwei Drittel der befragten Männer und
Frauen gehen davon aus, dass Männer besser bezahlt werden als Frauen,
obwohl 92 Prozent eine gleiche Bezahlung für gerecht halten. Die jungen
kinderlosen und akademisch gebildeten Frauen, heißt es dort, "bewerten
ihre Chancen in der Berufswelt optimistisch". Ab 35 Jahren nimmt dieser
Optimismus dann ab: insbesondere, wenn inzwischen Kinder da sind. Genaue
Zahlen allerdings wissen die wenigsten. Diese werden nun nachgereicht -
und sorgen für Erstaunen. So verdient ein Koch durchschnittlich 3.403 ?
brutto im Monat, eine Köchin hingegen nur 2.062 ?. Die Ungerechtigkeit
findet sich in allen Branchen.
So unterschiedlich das Phänomen Charlotte Roche und die von offizieller
Seite angestoßenen Debatten um verbesserte Kinderbetreuung und gleiche
Gehälter für gleiche Leistung sind - dass es eine Verbindung gibt, liegt
auf der Hand. Es geht um klassische feministische Themen: das Entdecken
der eigenen Geschlechtlichkeit als nicht eklig; die Verbindung von
Mutterschaft und Erwerbstätigkeit; die Gleichbehandlung von Frauen in
der Arbeitswelt.
Nun sollte sich aber auch die Mittelschicht nicht zu früh freuen. Denn
die Gleichzeitigkeit von dem - diskursiven - Aufbegehren gegen ungleiche
Bezahlung und einem extrem lässigen Umgang mit weiblicher Sexualität
zeigt ja nicht nur, dass es wieder vorangeht. Es zeigt auch, dass die
gewonnenen Kämpfe in Sachen Sex mitnichten mit einer Souveränität auf
der ökonomischen Ebene korrespondieren. Zu denken, dass die relative
erotische Befreiung eine ökonomische nach sich ziehen würde, hat sich
als ein Missverständnis entpuppt. Bei aller errungenen Coolness ist es
für die meisten Arbeitgeber überhaupt kein Problem, Frauen durch
Geringerbezahlung bei gleicher Leistung wieder in die zweite Reihe zu
verweisen. Hiergegen anzugehen ist zweifellos die aktuell wichtigste
Aufgabe.
Ines Kappert ist Redakteurin im Meinungsressort der taz und
Literaturwissenschaftlerin. Demnächst erscheint ihr Buch "Der Mann in
der Krise. Eine konservative Kapitalismuskritik im kulturellen
Mainstream" (transcript verlag).
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