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Das Parlament | Nr. 11 / 10.3.2008 | Das politische Buch
Besitzstandswahrung des Bürgertums
Bruno Preisendörfer hat es geschafft: Er hat Abitur gemacht und eine
Universität besucht. Er hat einen Doktortitel erworben und damit das Recht,
zwei Buchstaben und einen Punkt vor seinen Namen zu setzen, die ihm auch in
den Augen seiner Mitmenschen Reputation und Ansehen verleihen. Er ist
Journalist und Schriftsteller und hat es damit fraglos zu etwas gebracht.
Warum das erwähnenswert ist? Weil es für den Spross einer Familie, in der
vor ihm niemand studiert hat, eine ungewöhnliche Laufbahn ist. Gemeinhin
werden in Deutschland eher jene, die bereits Doktoren im Haus haben, auf die
Universität gelotst, alle anderen in Richtung Werkbank, an der kaum mehr
jemand gebraucht wird. In Zahlen ausgedrückt nehmen 83 von 100 Kindern aus
akademisch gebildeten Familien ein Studium auf; unter den anderen nur 23.
Den Grundstein für die Ungleichheit legt bereits die Grundschule. Kinder aus
bildungsnahen Haushalten haben - bei gleichen Fähigkeiten - eine mehr als
zweieinhalb Mal so große Chance, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, wie
Kinder aus bildungsfernen. Studien, die auf die eine oder andere Art
belegen, dass das deutsche Bildungssystem sozial ungerecht ist, liefert die
Bildungsforschung seit Jahren nahezu im Monatstakt.
Regt das, außer den immer gleichen Mahnern der immer gleichen
Forschungsinstitute, noch jemanden auf? Das müsste es jedenfalls - nämlich
all jene, die nicht mit den gleichen Chancen ausgestattet werden. Von sich
selbst ausgehend aber sozusagen stellvertretend für all jene, die qua Geburt
für dumm verkauft werden, hat Preisendörfer ein ebenso kluges wie böses Buch
geschrieben.
Unter dem wenig Raum für Interpretation lassenden Titel "Das
Bildungsprivileg. Warum Chancengleichheit unerwünscht ist" stellt der
Berliner Journalist seine eigene Bildungsgeschichte in Zusammenhang mit dem
großen Ganzen. Das hätte in der persönlichen Abrechnung eines verletzten
Menschen ohne großen Zugewinn für den Leser enden können - ist es aber
nicht. Die Gegenüberstellung von Selbsterlebtem und schulpolitischer Debatte
ist höchst erhellend. Erstens macht sie das Selbstverständliche auch einmal
deutlich: dass es echte Menschen sind, die auf einen viel zu kurzen
Bildungsweg geschickt werden.
Arbeiterkind
Zweitens gewährt Preisendörfer einen Blick in eine Familie, der die Alma
Mater kein natürlicher Aufenthaltsort, sondern eine höchst fremde
Institution ist. Ein Kind aus einer Arbeiterfamilie, das nach oben will -
und das gilt erst recht für Millionen Kinder von Migranteneltern - muss sich
nämlich im Zweifel nicht nur gegen das Schulsystem, sondern auch gegen seine
Herkunft durchsetzen.
Vor allem aber hätte er nicht so erfrischend böse schreiben können, wäre er
nicht selbst einer der "Bifs" - der Bildungsfernen. "Die Scham über die
Kränkung treibt uns das Blut in die Wangen", schreibt er, "der Zorn über sie
lässt uns erbleichen." So liest sich das Buch - und stellt eine These ins
Zentrum über die häufiger gesprochen und gestritten werden sollte: Die in
Sonntagreden viel beklagte Ungerechtigkeit verfolge in Wirklichkeit einen
klaren Zweck: die Besitzstandswahrung des Bürgertums. Wo die Bifs
einrückten, argumentiert Bruno Preisendörfer, geriete schließlich auch der
eigene Nachwuchs unter Druck.
Wieso der heute 51-Jährige es dennoch geschafft hat? Als er trotz guter
Noten mit einer Realschulempfehlung beleidigt wird, hört er sich nach
Alternativen um. Er kämpft sich durch die Prüfung an einem
Benediktiner-Internat und scheitert am Ende an Latein. Er pendelt zurück auf
die Realschule, dann wieder auf das Gymnasium. Später studiert und
promoviert er mithilfe von Bafög und Nafög (Nachwuchsförderung), zwei
Instrumenten, die tatsächlich mehr Gerechtigkeit schafften. Die größten
Helfer auf seinem Weg seien allerdings gewesen: "Zufälle, wenn auch von mir
selbst erkämpfte."
Jeannette Goddar
Bruno Preisendörfer:
Das Bildungsprivileg. Warum Chancengleichheit unerwünscht ist.
Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 2008; 192 S., 16,95 EUR
URL: www.das-parlament.de/2008/11/PolitischesBuch/19839199.html
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