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SWR2 - 14.12.2007
Die Buchkritik
Wolfgang Pomrehn: "Heiße Zeiten.
Wie der Klimawandel gestoppt werden kann".
Papyrossa Verlagsgesellschaft
236 Seiten
16,90 Euro
Der Paradigmenwechsel ist nicht zu übersehen: Der Klimawandel hat die Behauptung von der unbegrenzten Belastbarkeit der Natur nachhaltig erschüttert. Die Stimmen derjenigen, die die vom Menschen hervorgerufene Klimaerwärmung durch die Emission von Treibhausgasen noch anzweifeln und relativieren wollen, werden von Jahr zu Jahr leiser, ihre Thesen sind wissenschaftlich längst widerlegt. Der Zeitpunkt, an dem es keine Umkehr mehr gibt und Überflutungen in den Küstengebieten und Dürren in den Ebenen unausweichlich werden, rückt näher. Wissenschaftlich untermauerte weltweite Krisenszenarien sind heute Bestandteil der öffentlichen Debatte.
Der Journalist und Geophysiker Wolfgang Pomrehn fasst die aktuellen Diskussionen, ihre naturwissenschaftlichen, ökonomischen und politischen Hintergründe zum Klimawandel kompetent zusammen. Mit seinem Buch "Heisse Zeiten - Wie der Klimawandel gestoppt werden kann" gehört er weder zu den Weltuntergangspropheten, noch zu denen, die relativieren wollen. Insofern befindet er sich in guter Gesellschaft mit den meisten Regierungspolitikern, die sich bis heute in Bali auf der Klimaschutzkonferenz der Vereinten Nationen treffen. Nur zweifelt er nachhaltig und gut begründet an den Vorschlägen, die dort vorgebracht werden.
Pomrehn glaubt nicht an die Versprechungen der Politiker, die mit marktkonformen Mitteln und zusammen mit den großen Energiekonzernen den Klimawandel aufhalten wollen. "Der Klimawandel ist das größte Versagen des Marktes, den die Welt je gesehen hat", zitiert der Autor einen der politischen Voreingenommenheit völlig unverdächtigen Kronzeugen, den ehemaligen Weltbank-Ökonomen Nicholas Stern.
Sogenannte Biokraftstoffe und die Atomenergie, Lösungen, die auch von Wirtschaftsverbänden neben dem Festhalten an fossilen Energieträgern postuliert werden, hält Pomrehn nicht für zukunftsfähig. Bei der Diesel- und Ethanolproduktion aus Pflanzen käme es unververmeidlich zu einer Konkurrenz um Agrarflächen, die dann nicht mehr der Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung stehen würden. Auch bei der Atomenergie habe man die Risiken bis heute nicht im Griff, die Frage der Endlagerung sei nicht geklärt und außerdem das Uranvorkommen in 70 Jahren aufgebraucht.
Besonders scharf ins Gericht geht Pomrehn mit der Ankündigungspolitik der vergangenen und der aktuellen Bundesregierung. Zwar habe sie hehre Pläne entworfen, die Emmissionen zu reduzieren, aber die angewendeten Instrumente erwiesen sich als stumpf, zum Beispiel der Handel mit Emissionszertifikaten der Großindustrie. Die habe zwar mit diesem Handel gute Profite gemacht, aber keine Tonne Schadstoffe reduziert. Sobald es konkret wird, stelle sich Umweltkanzlerin Merkel schützend vor die Interessen der hiesigen Autokonzerne und verwässere etwa die Begrenzungen für den Ausstoß von CO2 im Individualverkehr. Neue Kohlekraftwerke, die in Deutschland errichtet werden sollen, meint Pomrehn, stehen im eklatanten Widerspruch zur proklamierten Klimaschutzpolitik.
Offizielle Statistiken, die Deutschland bescheinigen, die Treibhausgasemissionen reduziert zu haben, nimmt der Autor fachgerecht auseinander, etwa bei den Emissionen im Straßenverkehr. Grundlage für die Berechnung sei hier nur der verkaufte Sprit an den Tankstellen, aber der Tanktourismus in die benachbarten EU-Staaten, wo Benzin und Diesel viel billiger sind, werde vom Umweltbundesamt nicht eingerechnet. Allein der schwere Frachtverkehr auf Deutschlands Straßen habe deshalb 18 Millionen Tonnen CO2 mehr ausgestoßen als die vom Bundesamt veranschlagten 38 Millionen Tonnen.
Nebelkerzen werfe die Bundesregierung und mit ihr viele Presseorgane auch dann, wenn es um die Berechnung des internationalen CO2-Ausstoßes gehe. Nicht das Gesamtvolumen sei hier entscheidend, sondern der Pro-Kopf-Verbrauch. So werde China zwar in den nächsten Jahren mehr CO2 emittieren als die USA, aber pro Kopf liege das vielgescholtene China mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern immer noch weit hinter den USA und der Bundesrepublik.
Energie- und Verkehrspolitik macht Pomrehn schließlich als Hauptverursacher der menschengemachten Treibhausgasemissionen aus. Dabei gebe es längst alternative und umweltfreundliche Technologien, deren öffentliche Förderung allerdings ein Schattendasein führe, z.B. Windkraft und dezentrale Blockkraftwerke. Statt Privilegien für den Luft- und individuellen Strassenverkehr zu erhalten, schlägt Pomrehn vor, Schienen-, Wasser- und öffentlichen Nahverkehr zu fördern. Dafür müssten allerdings die heutigen Politiker den Willen und die Courage aufbringen, sich mit den starken Monopolen der Energiekonzerne sowie der Öl-und Automobilindustrie anzulegen. Die Schlussfolgerung des Autors ist konsequent: Mit der derzeitigen Bundesregierung sei der notwendige radikale Umbau der Industriegesellschaft nicht zu realisieren. Dem Buch des Geophysikers kommt das Verdienst zu deutlich zu machen, dass es beim Klimawandel weniger um ein technisches, sondern vielmehr um ein politisches Problem geht.
http://www.papyrossa.de/sites_buchtitel/pomrehn_zeiten.htm
Wolfgang Pomrehn
*1962. Diplom-Geophysiker. Lebt als freier Journalist in Berlin. War Korrespondent bei den Klimakonferenzen der UN in Berlin, Bonn, Genf, Den Haag und Kyoto. Zahlreiche Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge zu Klimaforschung, -schutz und -politik.
Heiße Zeiten - Wie der Klimawandel gestoppt werden kann
Auf der Internetseite des Autors können Sie das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung zu seinem Buch lesen.
http://wolfgangpomrehn.de/klima/Inhaltsverzeichnis%20Buch.html
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