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Buch-Tipp: Einmischung. Texte, Eingaben, Briefe aus DDR-Zeit und Wende 1980-1991

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http://www.volksstimme.de/vsm/nachrichten/meinung_und_debatte/meinung_und_debatte/?sid=0a43575ab176315c95918cd3396a5679&em_cnt=726151

Volksstimme, 13.2.08

Dokumentation des Engagements eines Unbequemen in der ökologischen Bewegung in der DDR

Im "Demokratischen Aufbruch" gegen die Stasi gekämpft

Von Prof. Gerhard Schildt

Gerhard Loettel hat in zwei Bänden Dokumente und Erlebtes aus DDRZeit ausgewertet. Im ersten Band, der mit einer Ausnahme nur Dokumente aus DDR-Zeit enthält, äußert sich Autor Gerhard Loettel vor allem als engagiertes Mitglied der ökologischen Bewegung, ganz der Hauptströmung der Grünen in der Bundesrepublik entsprechend. Nur war seine Tätigkeit in der DDR wenn nicht illegal, so doch in höchstem Maße unerwünscht, bestimmte doch die SED allein den Kurs der Politik. Friedenserziehung, Abrüstung, Schutz der Umwelt und immer wieder erneut Warnungen vor Kernkraftwerken, dies schon vor Tschernobyl : Das sind die Themen der Eingaben, Briefe und Forderungen, mit denen sich der Autor an die zuständigen Stellen und an die Medien der DDR gewandt hat.

Auch als Pfarrer innerhalb der evangelischen Kirche hat Loettel in diesem Sinne zu wirken versucht. Die DDR-Stellen antworteten nichtssagend oder mit leicht drohendem Unterton, wenn sie überhaupt antworteten. Sie befanden sich ja in einem Dilemma. Einerseits mussten sie die DDR-Bevölkerung über die Kernkraftwerke in der DDR und der Sowjetunion informieren. Andererseits konnten solche Informationen Nachfragen hervorrufen, die die SED auf keinen Fall beantworten konnte, wenn sie eine Diskussion und eine Einwirkung auf die Politik verhindern wollte.

Beinahe selbstverständlich ist, dass Stasi-Mitarbeiter auf Loettel angesetzt worden sind. Auch das dokumentiert der Band. Die Umsicht und Sachkenntnis der Eingaben ist bemerkenswert auch für den, der in Fragen der Energiepolitik anderer Meinung ist.

Der zweite Band ist noch interessanter. Es gibt einen eindrucksvollen Briefwechsel mit Heinrich Böll und einen mit Christa Wolf. Die Briefschreiber konnten vermuten, dass die Stasi mitlas. Sie waren deshalb vorsichtig. Trotzdem wird deutlich, was alternatives Denken in der DDR war, das in den offi ziellen Äußerungen nicht laut werden durfte, sich deshalb nicht schriftlich niedergeschlagen hat und heute in Gefahr ist, vergessen zu werden.

Das wertvollste Dokument ist wohl die Analyse der Fluchtgründe, am 31. Oktober 1989, kurz vor der Maueröffnung verfasst und dem Pfarrer Heinrich Albertz anlässlich eines Radio-Interviews zugeschickt. Dargelegt werden die politischen, juristischen, kulturellen, fi nanziell-wirtschaftlichen, ästhetischen und daraus folgenden psychologischen Aspekte einschließlich einer gewissen Sprachlosigkeit der Ausreisenden. Die Analyse schließt eine Analyse der DDR ein : tiefgründig und gleichzeitig anschaulich. Jeder, der über die DDR nachdenkt, sollte dieses Dokument vor Augen haben.

Die folgenden Stücke sind Zeugnisse der DDR-Revolution im engeren Sinne. Zunächst gibt es einen Bericht vom 7. November 1989 über Ereignisse in Magdeburg, dann aufschlussreiche Dokumente aus der unmittelbaren Wendezeit, war Gerhard Loettel doch einer der Träger der Bürgerbewegung. Er hat sich für den" Demokratischen Aufbruch - sozial, ökologisch" engagiert, an der Willenswirkung der Partei mitgewirkt und Kämpfe gegen die ihre Stellung verteidigenden Kräfte der SED und der Stasi geführt.

Loettel hat den" Demokratischen Aufbruch" verlassen, weil er mit den Funktionären der alten Blockparteien nicht in einem Wahlbündnis zusammen wirken wollte. Das hat ihn für Verfehlungen im Wiedervereinigungsprozess besonders aufmerksam gemacht. Mit scharfer Kritik hat er den eingeschlagenen Weg verfolgt. Dies ist nicht untypisch gewesen für viele Bürgerrechtler der ersten Stunde. Auch dies wird dokumentiert.

Der im zweiten Band miteingebundene dritte Teil schließlich enthält vor allem Äußerungen zur Entwicklung der Naturwissenschaften und den damit verbundenen ethischen Implikationen.

Gerhard Loettel : Einmischung. Texte, Eingaben, Briefe aus DDR-Zeit und Wende 1980-1991 ; in zwei Bänden ; Docupoint Magdeburg 2007 ; 24,95 Euro inklusive Versand.

Prof. Gerhard Schildt, jetzt im Ruhestand, war Dozent für Neuere Geschichte an der TU Braunschweig.

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14.02.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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