|
Dieser Text unterliegt dem Urheberrecht und dient exklusiv Ihrer
persönlichen Information.
http://www.keine-a39.de/content/view/584/86/
Matthias Stührwoldt
Die Autobahn
Es ist laut bei uns. Kein Wunder, liegt die A 21 doch nur etwa zwanzig Meter
von unserem Wohnzimmer entfernt. Die Autobahn geht so dicht an unserem Haus
vorbei, dass in der Baugenehmigung unseres Wintergartens, den wir vor
einigen Jahren erstellten, folgender schöner Satz zu lesen war: "Das
Bauvorhaben ist so auszubilden, dass eine Blendung der Verkehrsteilnehmer
auf der Bundesautobahn nicht erfolgt. Weiterhin ist das Bauvorhaben so zu
gestalten, dass es durch seine Form, Farbe und Größe nicht zu Verwechslungen
mit Verkehrszeichen und -einrichtungen Anlass gibt."
Das Leben an der Autobahn hat aber auch etwas Gutes. Es bildet die Stimme.
Wenn wir im Sommer mit Freunden auf der Terrasse sitzen, dann müssen wir uns
anschreien, wenn wir einander verstehen wollen. Das schult die Lungen und
spült Luft und Kohlenmonoxid bis in die letzten kleinen Bläschen. Das ist
gesund. Und wir lernen, lautstark zu brüllen. Schon heute verzichten wir bei
Ortsgesprächen auf das Telefon.
Außerdem leben wir im Einklang mit der Natur. Der Wechsel der Jahreszeiten
bestimmt den Rhythmus unseres Lebens. Wir sind die ersten, die wissen, dass
der Frühling da ist. Denn dann erwachen die Motorradfahrer aus dem
Winterschlaf und beschleunigen oder motorbremsen mit einem Höllenlärm, je
nachdem, aus welcher Richtung sie kommen; denn zweihundert Meter hinter
unserem Hof endet die Autobahn. Oder sie beginnt, je nach Sichtweise und
Blickrichtung; denn jedem Ende wohnt auch ein Anfang inne. Jedenfalls ist
das bei Autobahnen so.
Unsere Kinder entwickelten mit Hilfe der Autobahn ganz schnell ein ganz
natürliches Verhältnis zum Tod. Zuerst war es immer ein großer Schock, wenn
eine kleine Katze plötzlich verschwunden war. Stunden- und tagelang wurde
gesucht, bis eins der Kinder die breitgefahrene Mieze von unserer
Autobahnbrücke aus entdeckte, von Tausenden von Autos auf die Fahrbahn
gebepscht. Verschwindet mal wieder ein Tier, dann heißt es bei uns nicht:
Zottel ist jetzt im Meerschweinchenhimmel. Oder: Zottel weilt in den ewigen
Jagdgründen. Nein, bei uns heißt es: Zottel fährt jetzt auf dem unendlich
langen, unendlich breiten Highway. Nun wird inzwischen auch schon nicht mehr
lange gesucht. Wir wissen ja, wo unsere kleinen pelzigen Lieblinge sind. Auf
diese Weise komme ich neuerdings sogar ums Beerdigen herum.
Trotzdem nervt die Autobahn. Das fängt an damit, dass ständig die Polizei
anruft und behauptet, irgend jemand habe sie verständigt, bei uns liefen
Kühe auf der Autobahn. Zuerst glaubte ich das sogar und rannte raus, in
großer Sorge. Aber es war immer alles in Ordnung. Ich habe nur eine
Erklärung für diese ständigen Anrufe: Die Leute knallen dermaßen schnell die
Straße entlang, dass sie zwar unsere Kühe sehen können, die neben der
Fahrbahn grasen, nicht aber den stabilen Zaun, der zwischen ihnen und der
Autobahn verläuft. Da diese Businessfredis während des Abwickelns von
Unternehmen im Auto sowieso ständig telefonieren, rufen diese Arschgeigen
zwischendurch mal eben bei der Polizei an; die klingelt bei mir durch, und
ich muss wieder hin und gucken, ob meine Viecher noch da sind.
Zwei Mal waren tatsächlich Tiere von mir auf der Autobahn. Beide Male habe
ich es selbst bemerkt. Einmal floh ein Kalb vor mir, und auf dem Weg von
unserem Hof bis in die Schaufensterscheibe eines Schlachterladens kreuzten
wir auch die Autobahn, glücklicherweise ohne Schaden zu machen. Und einmal
suchte Wilhelmina, eine Kuh, die auf der Hofkoppel gekalbt hatte, ihr Kalb,
welches ich schon in den Kälberstall verbracht hatte. Sie stieg über den
Zaun, rannte um die Hofkoppel herum, über die Autobahnbrücke, an der
Leitplanke entlang. Dann rauschte sie durch das Straßenbegleitgrün die
Böschung hinunter und blieb am Fahrbahnrand stehen. Dort graste sie
friedlich, als ich sie entdeckte. Mit einem Eimer Schrot und einem Strick
ging ich hin und fing sie ein, freundlich den vorbeifahrenden Autos winkend.
Eines hielt an. Ein älteres Touristenehepaar stieg aus und fotografierte
mich. Ich hörte noch, wie die Frau sagte: "Schau mal, wie ursprünglich die
Eingeborenen hier noch leben! Ein echter Kuhhirte! Wie idyllisch!" Derweil
knipste ihr Mann mich, steckte mir dann fünf Euro zu und sagte: "Foto gut.
Nix Gefahr! Nix Seele jetzt in Kasten hier! Du gesund! Alles Gute!" Und sie
stiegen in ihr Auto und fuhren wieder, und ich ging heim, mit Wilhelmina im
Schlepptau.
Insgesamt überwiegen die negativen Aspekte der Nähe zur Autobahn. Also
freute ich mich, als unser Freund Baude eines Tages bei uns im Garten saß
und sagte: "Ist ja scheiße, dieser Lärm hier! Das hält ja kein Schwein aus.
Die Autobahnen sollen doch privatisiert werden. Ich kauf dieses Teilstück
und schenk es euch! Und dann legen wir es still! Versprochen: Zur
Silberhochzeit kriegt ihr die Autobahn von mir!" Was für ein reizvoller
Gedanke! Acht Kilometer asphaltierter Fahrsilo direkt am Stall! Klasse!
Und am Nachmittag stand Baude auf, zog los und gründete ein
Internetunternehmen, um die erforderlichen Millionen zu scheffeln.
Inzwischen aber hat er seine Firma verkloppt und ist in die USA
ausgewandert, um sich unserem Zugriff zu entziehen. Noch hat er elf Jahre
Zeit. Im Jahre 2016 will ich den ersten Schnitt auf die Autobahn knallen!
Darauf freue ich mich heute schon! Und ich lasse keine Gelegenheit aus,
Baude an sein Versprechen zu erinnern. Bis nach Wisconsin bin ich ihm
gefolgt, um ihn aufzuspüren!
Wenn es einst soweit sein sollte: Ich glaube, ich werde die Autobahn
vermissen, trotz allem. Keine Autos mehr, die bei Schneeglätte in unseren
Garten rauschen. Keine Scheinwerfer mehr, die über den wunderbar weißen
Körper der Liebsten huschen, wenn wir beieinander liegen. Und keine
Gelegenheit mehr, ein liebgewonnenes Ritual auszuführen. Noch heute halte
ich auf dem Heimweg von Feten immer auf der Brücke an, um in hohem Bogen von
ihr herunter zu pinkeln, stets darauf hoffend, ein Cabrio möge
drunterherfahren. Noch nie habe ich eins getroffen. Aber ich habe ja noch
elf Jahre Zeit...
--
Den Text "Die Autobahn" hat der schleswig-holsteinische Bauer Matthias
Stührwoldt[1] über das Leben seiner Familie an der Autobahn geschrieben. Wer
auf eine unglaublich witzige und einfühlsame Weise erfahren will, wie ein
Bauer lebt, denkt und fühlt, wie Familie und Hof, Leben und Arbeiten, Dorf
und Region im Alltag zusammengehören - dem seien ganz nachdrücklich
seine Kurzgeschichten, Betrachtungen und Gedichte empfohlen:
Matthias Stührwoldt (2003), Verliebt Trecker fahren, 180 Seiten; 9,90 Euro
Matthias Stührwoldt (2005), Der Wollmützenmann, 182 Seiten; 11,90 Euro
Matthias Stührwoldt (2007), Schubkarrenrennen, 199 Seiten; 11,00 Euro
Matthias Stührwoldt live (2003), CD; 13,90 Euro.
Zum Selber-Genießen und zum Verschenken - Bestellung bei
AbL-Bauernblatt-Verlag-GmbH, Bahnhofstr. 31, 59065 Hamm, Tel. 02381-492288,
Fax -492221, Mail: verlag@bauernstimme.de, www.bauernstimme.de
[1] http://rehna.de/druck.phtml?showarchivdata-1&Instanz=414&Datensatz=191
|