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WOZ - 20.12.2007
Der Schock ist nicht das Schlimmste
Von Johannes Wartenweiler
Naomi Kleins «Schockstrategie» ist das beste Weihnachtsgeschenk für alle,
die verstehen wollen, wie Kriege und Naturkatastrophen dem Neoliberalismus
Vorschub leisten.
Als die kanadische Journalistin Naomi Klein im März 2004 in den Irak reiste,
um die Privatisierungswelle zu untersuchen, sagte ihr ein Friedensaktivist:
«Niemand kümmert sich um Privatisierungen. Hier geht es um das Überleben.»
Wie zum Beweis explodierte in unmittelbarer Nähe eine Bombe. Dabei gab es
einiges zu untersuchen: Nach der Invasion im Frühjahr 2003 hatte der
US-Statthalter Paul Bremer den Irak als «open for business» erklärt, die
Importe freigegeben und ein grosses Privatisierungsprogramm angekündigt. Die
Wirtschaft brach zusammen, der Aufstand brach aus.
In ihrem Buch «Die Schockstrategie - der Aufstieg des
Katastrophenkapitalismus» stellt Klein die Invasion im Irak 2003 als
vernünftige Handlung dar, um eine bislang für ausländische Investor-Innen
geschlossene Volkswirtschaft gewaltsam zu öffnen.
In der Logik dieses neoliberalen Projektes gab es nach einem kurzen, auf
maximale Schockwirkung angelegten Krieg 2003 keinen Wiederaufbau im Stil des
Marshallplans nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern Plünderung und Ausverkauf.
Die US-Verwaltung überschüttete eine Reihe von US-Konzernen mit Aufträgen -
ohne Ausschreibung und ohne effektive Kontrolle. Rund 77 Milliarden
US-Dollar verteilte sie unter dem Titel «Geschenk des amerikanischen an das
irakische Volk» an diese Unternehmen - was Klein zur Bemerkung veranlasste,
das US-Hilfsprogramm für den Irak sei ein «New Deal» für die
UnternehmerInnen gewesen. (New Deal hiessen die staatlichen Programme, mit
denen die USA unter Präsident Franklin D. Roosevelt in den dreissiger Jahren
die Wirtschaftskrise überwanden.)
Umfangreiche Plünderungen
Ein US-Exponent bezeichnete die umfangreichen Plünderungen im Anschluss an
die Besetzung des Landes als Beitrag zur Schrumpfung des ungeliebten
öffentlichen Sektors. Fast alles, selbst klassische Verwaltungsausgaben,
übertrug die US-Verwaltung an private Unternehmen, sodass die irakische
Verwaltung unter US-Führung dem Idealbild eines «hohlen Staates»
neoliberaler Prägung nahekam.
Allerdings geriet der forcierte Umbau des irakischen Staates zu einer
Schlächterei. 655 000 Menschen starben gemäss Klein nach dem Ende des
Krieges: bei Anschlägen, bei offenen Kriegshandlungen, bei Operationen von
Todesschwadronen. Um den Widerstand zu brechen, nahmen die USA zahllose
Menschen fest und betrieben in Abu Ghraib ein Folterlager.
Wegen des Aufruhrs im Lande konzentrierte Klein ihre Recherchen auf die
Ideen und Vorhaben der US-Seite. Man erfährt leider wenig über die konkrete
Lage der irakischen Wirtschaft und über die Strategien des irakischen
Widerstandes. Tatsache bleibt: Die USA kamen mit ihrer Schockstrategie im
Irak nicht zum gewünschten Ziel. Das veranlasste den stellvertretenden
Aussenminister Richard Armitage zur Feststellung: «Amerika hat es im Irak
mit einem Volk zu tun, das weder geschockt noch entsetzt ist.» Er wünschte
sich, man hätte den Irak noch härter angefasst.
Kleins Nachforschungen im Irak sind der Ausgangspunkt für ein episches Werk,
in dessen Mittelpunkt die These steht, dass ultraliberale Reformen mit den
drei Pfeilern Deregulierung, Privatisierung und Kürzung der Staatsausgaben
nur dann konsequent umgesetzt werden können, wenn eine Gesellschaft
handlungsunfähig unter Schock steht. Obwohl die These recht unterschiedliche
Entwicklungen in verschiedenen Regionen der Welt umfasst, gelingt es Klein
und ihren zahlreichen ZuträgerInnen, sie mit zahlreichen Beispielen zu
belegen. Vieles ist bekannt, aufgearbeitet in staatlichen und
nichtstaatlichen Dokumentationen, einiges ist frisch recherchiert, alles
zusammen ein gelungener Versuch, die Entstehung eines besonders aggressiven
Kapitalismus zu beschreiben, der seit dreissig Jahren die Welt verändert und
verunsichert.
Das «Monster» Milton Friedman
Zu Beginn der siebziger Jahre gab es aus Sicht der USA und aus Sicht der
grossen Konzerne zwei Probleme: Nach Jahren des Wachstums geriet die
Wirtschaft unter Druck, die Profite sanken. Gleichzeitig versuchten sich die
Länder des Südens mit eigenen Entwicklungsmodellen der Vorherrschaft des
westlichen Kapitalismus zu entziehen. Der Ost-West-Konflikt überlagerte
diese Entwicklungen und war für die USA vielfach Vorwand, um sich in die
inneren Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen - besonders dreist in
den Staaten Südamerikas. StudentInnen aus diesen Ländern erhielten
wirtschaftsliberale Ausbildungen an führenden US-Universitäten. Eine
zentrale Rolle spielten dabei der Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman
und die von ihm mitbegründete Chicagoer Schule. Klein nennt Friedman, der
lange Zeit als akademischer Aussenseiter galt und dann mit dem
Wirtschaftsnobelpreis geehrt wurde, ein Monster. Nicht zu Unrecht. Friedman
sprach sich als Berater der chilenischen Putschisten auch dann noch für
schockartige Wirtschaftsmassnahmen aus, als selbst Junta-Chef Augusto
Pinochet zu zweifeln begann, ob er dies seiner Bevölkerung zumuten könne.
Der Putsch in Chile 1973 begründete eine neue Epoche. Es war das ers-te
Beispiel für die Verbindung von politischer Gewalt - Putsch und Folter - mit
marktradikalen Reformen. Die Chicago-Boys hatten die Militärs mit einem
dicken Buch - genannt «Der Ziegel» - gebrieft. Darin waren alle Massnahmen
aufgeführt, die nach dem Putsch gegen den gewählten sozialistischen
Präsidenten Salvador Allende zur Umsetzung der Wirtschaftsreformen notwendig
waren. Der Putsch sollte nicht nur den Widerstand brechen, sondern auch die
Gesellschaft in Angst und Schrecken versetzen. Das Ergebnis: Zigtausend
Menschen starben oder mussten fliehen, die Ökonomie brach ein, die
Mittelschichten verarmten; nur eine kleine Minderheit profitierte.
Folter als Teil der Schocktherapie
Ähnliche Prozesse liefen in Brasilien, in Argentinien, in Uruguay, in
Bolivien ab - Klein zitiert den uruguayischen Schriftsteller Eduardo
Galeano, der schon damals sagte: «Wie kann man den ökonomischen Schock ohne
Elektroschock aushalten?» Klein wiederum beschreibt die Folter als Teil der
Schocktherapie. Mit ihr sollen Einzelne gefügig gemacht werden, damit die
ganze Gesellschaft gefügig wird.
Das Buch besucht viele Schauplätze der neoliberalen Revolution - wo die
Grundthese in nicht immer genau der gleichen Form zu beobachten ist: In
Britannien nutzte Premierministerin Margaret Thatcher 1982 den Krieg um die
Falklandinseln und die damit verbundene patriotische Stimmung, um die Macht
der Bergarbeitergewerkschaft im eigenen Land zu brechen. Deng Xiao-ping
liess 1989 im kommunistischen China die Demokratiebewegung niederwerfen und
gleichzeitig die Wirtschaft deregulieren. In Polen gab es in den neunziger
Jahren statt der von der Gewerkschaft Solidarnosc geforderten
Arbeiterselbstverwaltung Hyperinflation und Expresskapitalismus. In
Russ-land beschleunigte Boris Jelzin 1993 die Privatisierung, indem er das
widerspenstige russische Parlament beschiessen liess. In der Ostasienkrise
ab 1997 zähmten westliche Spekulanten die Tiger-Staaten, und im Irak
steigerte sich US-Präsident George Bush in ein grössenwahnsinniges Projekt,
das den freien Markt mit einem befriedeten Nahen Osten verbinden sollte.
Unsicherheit, ein Geschäftsmodell
Als ob dies noch nicht genug wäre, beschreibt Klein eine weitere
beunruhigende Entwicklung seit der Jahrtausendwende. Bush trieb im Nachgang
zum Terroranschlag auf das World Trade Center die Privatisierung der
Sicherheit voran - in den USA selbst, aber auch in den Kriegsgebieten.
Söldnerfirmen wie Blackwater machen aus der Unsicherheit ein Geschäft.
Ähnliches passiere in Israel, wo eine wachsende Sicherheitsindustrie von der
angespannten Lage direkt profitiere. Klein sieht beträchtliche ökonomische
Interessen direkt an Situationen der Unsicherheit gekoppelt. Für diese immer
mächtigeren Wirtschaftszweige seien friedliche Gesellschaften kein
wünschenswerter Zustand.
Zudem etabliert sich eine besondere Art von Schockkapitalismus im Nachgang
zu Naturkatastrophen. Auf den Malediven betrieb die Regierung nach dem
Tsunami 2004 nicht den Wiederaufbau der zerstörten Inseln, sondern die
Umsiedlung der lokalen Bevölkerung. Die leer geräumten Inseln stellte sie
dann internationalen Hotelkonzernen zur Verfügung. Und in New Orleans läuft
seit dem Wirbelsturm Katrina ein neoliberales Projekt zur Umgestaltung der
Stadt: Anstelle der bisherigen Staatsschulen setzen die Behörden auf privat
geführte Schulen.
Klein sieht aber auch Abnützungserscheinungen dieses Kapitalismus. Friedman
ist tot, viele politische Führer-Innen des Neoliberalismus sind
diskreditiert, führende Wirtschaftexponenten nicht mehr bürgerliche
Ehrenmänner, sondern Knastbrüder, die Bevölkerung ist nicht mehr so einfach
einzuschüchtern. Einzelne Entwicklungen seien beunruhigend, wie die
autoritären und rückwärts gewandten Tendenzen in Osteuropa und Russland.
Hoffnungsvoll hingegen seien die Entwicklungen in Südamerika. Die meis-ten
Staaten des Kontinents gehen auf Distanz zu den USA und den von ihnen
geführten internationalen Finanzinstitutionen Internationaler Währungsfonds
und Weltbank. Klein setzt bei allen Vorbehalten auf Evo Morales in Bolivien,
Rafael Correa in Ecuador, Néstor Kirchner in Argentinien, Hugo Chávez in
Venezuela und Fidel Castro auf Kuba. Und nicht zuletzt verteidigt sie die
westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten und Kanada, wo derartige Schocktherapien
dank einer stabilen demokratischen Struktur nicht umzusetzen seien. Sie
verweist insbesondere auf die deutsche Entwicklung nach der
Wiedervereinigung: Nach dem Ende der DDR sei versucht worden, den
Strukturwandel im Osten mit finanzieller Unterstützung abzufedern.
Klein ist keine Revolutionärin, eher eine junge «alte» Sozialdemokratin. Sie
ist einem marktwirtschaftlichen Wirtschaftsmodell nicht grundlegend
abgeneigt. Gerade weil sie in ihren politischen Vorstellungen so
zurückhaltend auftritt, gewinnen ihre Argumente und Analysen eine besondere
Überzeugungskraft und ein grosses politisches Gewicht.
«Die Schockstrategie - Der Aufstieg des Katastrophenkapitalismus»
Klein, Naomi
S. Fischer Verlag. Frankfurt a. M. 2007.
763 Seiten. Fr. 40.40.
www.naomiklein.org
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