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Film-Tipp: Die Rollbahn

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## Nachricht vom 09 Nov 03 weitergeleitet

## Ursprung : SABINE@SABINE.nadeshda.org
## Betreff : DIR-ML: Kästchen auf Luftaufnahmen (FR)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
## Msg-ID : 3FAE70F2.2399.BC7EB2@localhost


TI: Kästchen auf Luftaufnahmen
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 08.11.2003
SW: Ges; Hes; Kl; Abe; Ns; Mfi; Fra; Ent; Wi
AB: Der Dokumentarfilm "Die Rollbahn" erzählt von Zwangsarbeiterinnen am Frankfurter Flughafen

Der Dokumentarfilm "Die Rollbahn" erzählt von Zwangsarbeiterinnen am Frankfurter Flughafen

VON BIRGIT ROSCHY
Wie ist es möglich, in einem dicht besiedelten Gebiet 1700 junge Frauen so zu verstecken, dass niemand aus der Umgebung etwas mitbekommt? So geschehen 1944, als halbwüchsige ungarische Jüdinnen in Viehwaggons aus Auschwitz nach Walldorf gebracht wurden, wo sie in Baracken im Stadtwald vegetierten. Lange Zeit wollte niemand von den Nachbarn, die nach Kriegsende Holz und Steine der Unterkünfte als Baumaterial verwendeten, etwas gewusst haben. Aber es geht im Dokumentarfilm Die Rollbahn nicht darum, die Weggucker anzuklagen. Es geht um den Prozess der Wiederkehr des Verdrängten und um seine Folgen im Alltag. Denn die ungarischen Mädchen schufen die Grundlage für den heutigen Frankfurter Flughafen. Für Hitlers "Wunderwaffe", das Düsenflugzeug Me 262, musste eine betonierte Rollbahn gebaut werden, wo sich bisher nur Graspisten für Zeppeline und Propellermaschinen befanden.

In dreijähriger Arbeit haben die Frankfurter Dokumentarfilmer Malte Rauch, Bernhard Türcke und Eva Voossen die Ereignisse von 1944 und danach rekonstruiert, bis hin zu einem Besuch von 18 überlebenden Frauen in Frankfurt im Jahr 2000. Die die Filmemacher setzten dabei komplexe Verknüpfungen anhand von Fotos und Aussagen Betroffener Stück für Stück zu einem Mosaik des Schreckens zusammen, in dem sich Terror und ökonomisches Denken ergänzen.

Im Kopf des Zuschauers, nicht auf der Leinwand, entstehen die Bilder: von halb verhungerten Mädchen in Sommerkleidern, Arme und Beine mit Betonsäcken umwickelt. Im winterlichen Wald suchen sie nach Bucheckern - so geschildert von einem der raren deutschen Zeitzeugen. Walldorf war nicht die letzte Station auf dem Leidensweg der 1700 Frauen, von denen nur 200 diese Vernichtung durch Arbeit überlebten. Die Verknüpfung von damals und heute ist so nüchtern wie einleuchtend - junge Gesichter auf sepiabraunen Fotos stehen neben Bildern heutiger Teenager; allierte Luftaufnahmen des Stadtwaldes, auf dem die Lager als rechteckige Kästchen erscheinen, neben geruhsamen Radlern durch die Idylle. Die ehemaligen Internierten landeten im Jahr 2000 auf der Rollbahn, die sie 56 Jahre zuvor zu bauen gezwungen waren.

Es ist jugendlicher Neugier und Unbefangenheit zu verdanken, dass alles aufgedeckt wurde: Drei "local heroes" fanden zufällig den Namen ihres Ortes auf einer Karte von NS-Lagern und fingen einfach mal an, im Unterholz zu graben. Später gingen Gymnasiasten auf Klassenfahrt nach Ungarn, um überlebende Frauen zu treffen. Sie kamen auch auf die Idee, dass doch eigentlich die Baufirma Züblin, die einst der SS vier Reichsmark pro Tag und Sklavin zahlte, die Synagoge des Dorfes restaurieren könnte, aus dem elf der Frauen stammten. Die Firma schweigt und zahlt in einen gesetzlichen Entschädigungsfonds; die Konfrontation eines Firmenvertreters mit den alten Frauen, die vergeblich auf eine Geste der Entschuldigung warten, gehört zu den bewegendsten Momenten des Films.

Die Rollbahn: 12. November Orfeos Erben, Frankfurt, 26. November Traumstern Kino, Lich, danach deutschlandweit.


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09.11.03    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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