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Buch-Tipp: Treuhandpolitik. Die »Haupttreu

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## Nachricht vom 29 Sep 03 weitergeleitet

## Ursprung : SABINE@SABINE.nadeshda.org
## Betreff : DIR-ML: Revisionismus und Raub (jw)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
## Msg-ID : 3F7855FF.32174.86140A@localhost


TI: Revisionismus und Raub
QU: Junge Welt
DA: 27.09.2003
SW: Mp; Ges; Pl; D; Ns; Wi; Org; Moe
AB: Die »Haupttreuhandstelle Ost« und der Raub polnischer Vermögen 1939 1945. Ein Buch von Bernhard Rosenkötter

Die »Haupttreuhandstelle Ost« und der Raub polnischer Vermögen 1939 1945. Ein Buch von Bernhard Rosenkötter

Hans G Helms
Der Titel von Bernhard Rosenkötters Studie über die kurz nach dem Überfall auf Polen installierte Treuhandstelle Ost greift ein wenig kurz. Fast ein Drittel der Arbeit stellt deren Vorläufer dar: die bereits 1920 von dem Graudenzer Postbeamten und Stadtrat Max Winkler gegründete Deutsche Stiftung und die Konkordia Literarische Anstalt. Zur Tarnung als private GmbH firmierend, bezogen sie ihr
Arbeitskapital von allen Regierungen der Weimarer Republik. (Seite 31f)

Gesteuert von einem bis 1939 unveränderten Cercle konservativer Finanzfachleute und Organisatoren, förderten beide Unternehmen, frühe Exemplare der public-private partnerships, eine Revisionspolitik, die das »Deutschtum« in den abgetrennten Gebieten stärken sollte. (40 f) Die Deutsche Stiftung kaufte deutsche Schulen, zahlte Lehrergehälter, unterstützte deutsche Vereine und vergab Kredite an deutsche Handwerker und Firmen. (37 ff) Über Tochterunternehmen finanzierte oder erwarb die Konkordia deutsche Zeitungen. 1922 kontrollierte sie sämtliche deutschen Blätter in Polen. (42 f) Sie betätigte sich auch im Baltikum, im Saarland und an Rhein und Ruhr. Dank steigender Zuwendungen des Staats und eingefahrener Gewinne bekam eine Tochter der Konkordia bis 1928 im besetzten Westen Deutschlands 294 Zeitungen oder Verlage an die Angel.

Mit den Presseprofiten begann Winkler Mitte der 20er Jahre, große Tageszeitungen wie die Deutsche Allgemeine Zeitung oder die Wiener Neuesten Nachrichten seinem Konzern einzuverleiben. (60) 1933 galt er unter Insidern als die »graue Eminenz des Zeitungswesens«. (62) Goebbels nutzte Winklers undurchschaubar verschachtelten Konzern, um die geraubten SPD- und KPD-Blätter samt Druckereien an die Gauverlage der Nazis zu überführen (61) und viele bürgerliche Zeitungen für den Franz Eher-Verlag arisieren oder kaufen zu lassen. 1937 kontrollierte dieser Zentralverlag der NSDAP 54 Prozent, 1944 gut 82 Prozent der deutschen Presse. (62 ff, 70 f) Winklers Konzern eignete sich die größten deutschen Nachrichtenagenturen an und fusionierte sie für Goebbels 1933 zum Deutschen Nachrichten-Büro. (60 ff) Im Mai 1939 beherrschte eine von Winklers Tarnfirmen nahezu die gesamte deutsche Filmindustrie von der Ufa bis zur Wien-Film. (75)

Während Winkler die Monopolisierung der Medien fortsetzte, ernannte Göring diesen bewährten Organisator im Oktober 1939 zum Chef der frisch eingerichteten Haupttreuhandstelle Ost (HTO). Sie war Görings Vierjahresplanbehörde unterstellt. Ihre Aufgabe: das gesamte staatliche und private Vermögen Polens zu erfassen und treuhänderisch zu verwalten. (7) Soweit es sich um Landwirtschaft, Handwerk und Wohnimmobilien handelte, kooperierte sie eng mit Himmlers Rasse- und Siedlungshauptamt und dessen Töchtern, um die vom »Dritten Reich« annektierten polnischen Gebiete einzudeutschen. (84 f) Die 1940 von der HTO begonnene »karteimäßige Erfassung« polnischen Eigentums (134 ff) bedeutete die totale Enteignung der Polen, ob katholischer oder jüdischer Konfession. (275) Selbstverständlich war die HTO auch an der Ghettoisierung und Vernichtung der Juden beteiligt. (225 ff)

Um die oberschlesische Industrie konkurrierten Göring, die
Reichsgruppe Industrie und die HTO. (20 ff, 140) Am Ende hatte der Reichsmarschall die 16 ertragreichsten Kohlegruben zu einem Spottpreis für die Hermann-Göring-Werke erworben. (142, 282) Die HTO verschmolz die restlichen Gruben und Hüttenwerke, soweit sie nicht an frühere Eigentümer zurückgegeben wurden, mit tschechischen Betrieben zur Holding Berghütte, dem größten Rüstungsproduzenten Oberschlesiens. Wie die HTO war auch die Berghütte eine public-private partnership. (242 f) Zum Jahresbeginn 1944 wurde die HTO dem Reichsführer SS unmittelbar unterstellt. (270) Im Februar 1945 übersiedelte sie nach Bückeburg, wo ihre Manager das Kriegsende unbehelligt überstanden. (272)

Wer sich für die revisionistische deutsche Politik seit 1920 und die ökonomische Organisation des Raubkriegs gegen Polen interessiert, wird Bernhard Rosenkötters Buch mit Gewinn lesen.

  • Bernhard Rosenkötter: Treuhandpolitik. Die »Haupttreuhandstelle Ost« und der Raub polnischer Vermögen 1939 1945. Klartext Verlag, Essen 2003, ISBN 3- 89861-141-8, 310 Seiten, 24,90 Euro
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30.09.03    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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