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Buch-Tipp: Schutzpolizei in der Bundesrepublik

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## Nachricht vom 04 Aug 03 weitergeleitet

## Ursprung : SABINE@SABINE.org
## Betreff : DIR-ML: Agenten des Gewaltmonopols (jw)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
## Msg-ID : 3F2E4F2D.1460.46B88C@localhost


TI: Agenten des Gewaltmonopols
QU: Junge Welt
DA: 02.08.2003
SW: Brd; Ges; Pol; Ko; Ns; Mp; Pb; Ako; Mae; Dem
AB: Die westdeutsche Polizei »zwischen Weimarer Traditionen und NS-Vergangenheit«

Die westdeutsche Polizei »zwischen Weimarer Traditionen und NS-Vergangenheit«

Stefan Haacke
Im September des Jahres 1962 hörte eine Gruppe von Polizeibeamten der Kreispolizeibehörde Lübbecke zunächst einen »Aufklärungsvortrag über den Kommunismus«. Zur Abrundung und vielleicht auch zur Belohnung für die Konfrontation mit dieser komplexen Materie wurde den westdeutschen Polizeibeamten danach der Film »Ernst Thälmann Sohn seiner Klasse« gezeigt. Beide Veranstaltungen fanden auf einer für Revierbeamte alle drei Monate angesetzten Weiterbildungsversammlung in NordrheinWestfalen statt. Wie aber die vom »Kommunismus« bedrohten
westdeutschen Polizisten nun den in der DDR hergestellten ThälmannFilm zu goutieren wußten, ist leider in dem jüngst erschienenen Buch des Historikers Klaus Weinhauer über die »Schutzpolizei in der Bundesrepublik« nicht überliefert. Es handelt sich dabei um die leicht überarbeitete Fassung einer an der Universität Hamburg angenommenen Habilitationsschrift über die Geschichte der westdeutschen
Schutzpolizei.

Quer durch ein Vierteljahrhundert der jüngsten Zeitgeschichte, die bis zu Beginn der 70er Jahre reicht, beschreibt Weinhauer auf Basis einer bislang unerreichten Quellen-und Materialdichte minutiös die Entwicklung der Schutzpolizei in den beiden wesentlich von der Sozialdemokratie geführten Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Weinhauer versteht dabei seine Studie als »eine
kulturhistorisch erweiterte Sozial- und Organisationsgeschichte der Polizei, die auch die bislang noch ausstehende
geschlechtergeschichtliche Fundierung der Polizeigeschichte vorantreiben und somit auf breiter Basis die Kultur der Polizei untersuchen möchte«. Mit diesem Ziel handelt er dann in fünf großen Kapiteln das komplexe Selbstverständnis der westdeutschen
Schutzpolizei »zwischen Weimarer Traditionen und NS-Vergangenheit« ab; beleuchtet wesentliche Aspekte ihres Aus- und Fortbildungsregimes, beschreibt die Spezifika des Revierdienstes und zeichnet im letzten Kapitel die im Rahmen polizeilicher Großeinsätze gegen Jugendliche und Studenten auftauchenden Problematiken nach.

Es liegt auf der Hand, daß das von Weinhauer ins Visier genommene Untersuchungsobjekt - im sprichwörtlichen Sinne - ungeheuer reizvoll ist. In einer generalisierten Betrachtungsweise müssen Polizeibeamte als zentrale Agenten des staatlichen Gewaltmonopols betrachtet werden. Dabei kommt in diesem konkreten Fall der beunruhigende Umstand hinzu, daß die Polizei der Bundesrepublik in anderen Studien, so referiert es Weinhauer, »als eine Organisation (geschildert wird), die sehr deutlich von personellen Kontinuitäten aus der Zeit der NS-Herrschaft sowie durch militärische Traditionen geprägt war«. Für diese in die Geschichte der Bundesrepublik nachwirkenden mörderischen Prägungen des Polizeiapparates präsentiert der Autor in seiner Untersuchung noch einmal eine Fülle von Belegen. In einem Amalgam aus
Gruppenzusammenhalt, Kameradschaft, aggressiv aufgeladenen
patriarchalischen Männlichkeitsbildern sowie der beständigen Hervorhebung der Bedeutung bürgerlicher Sekundärtugenden wie Ordnung und Sauberkeit, die immer auch im Zentrum rassistischer Denkweisen stehen, konstituierte sich die westdeutsche Polizei zunächst erneut als ein antikommunistischer Kampfverband. Selbstredend war dabei aber auch für Polizeibeamte ein offenkundiger Bezug auf den militärisch besiegten Nationalsozialismus nicht mehr möglich. Entsprechend mußte die Traditionspflege der Polizei auf die Zeit der Weimarer Republik verschoben werden. In einem der instruktivsten Abschnitte der Studie beschreibt und analysiert Weinhauer das am Beispiel der bis in die Mitte der 60er Jahre reichenden alljährlichen Gedenkfeierlichkeiten der Hamburger Schutzpolizei unter dem sinnfälligen Titel: »Revier Blutbuche«, die damit an die Niederschlagung des KPD- Aufstand vom Oktober 1923 erinnerte. Mit solchen heute undenkbar gewordenen Feierlichkeiten, in denen, an vermeintlich »überhistorische« polizeiliche Tugenden wie Kameradschaftsgeist und Opferbereitschaft appelliert wurde, sollte unverkennbar für junge Polizeibeamte ein Mythos gestiftet werden, der, so Weinhauer in gewundener Formulierung, allenfalls den Ausdruck eines äußerst »formalen Verständnisses von Demokratie« erkennen ließ.

Die Entwicklung der westdeutschen Polizei in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten wird aber in der vorliegenden Arbeit nicht auf diese antidemokratischen Praktiken verkürzt. Ausführlich werden von Weinhauer auch die von den beiden Polizeigewerkschaften GdP und den Polizisten in der ÖTV seit Ende der 50er Jahre beförderten Debatten um die NS- Verstrickung von westdeutschen Polizeibeamten beschrieben. Diese jahrelang anhaltenden Diskussionen gehören genauso zur Geschichte der Schutzpolizei wie die vom Autor skizzierte Entwicklung dieser gewaltmächtigen Organisation, die er als Konflikt zwischen unterschiedlichen Generationengruppen der Polizei darstellt, die allerdings in idealtypischer Zuspitzung in sogenannte »Patriarchen« und »Modernisierer« eingeteilt werden.

Damit sucht Weinhauer den vielfältigen Umbrüchen in der Schutzpolizei für den Verlauf von zwei Dekaden nachzuspüren, bei dem sich allmählich Selbst- und Leitbilder der Polizeibeamten veränderten. Als
kennzeichnend für beide Gruppen werden die in unterschiedlichen Gesellschaftssystemen gewonnenen Erfahrungen der Polizeibeamten verstanden. Nach meinem Eindruck feiert in dieser Darstellungsweise das von Weinhauer noch im Einleitungskapitel zu Recht verworfene Generationsmodell durch die Hintertür doch noch fröhliche Urständ, werden doch beide Gruppen wesentlich nach dem unterschiedlichen Eintrittsalter in den Polizeidienst sortiert. Und wenig verwunderlich kann es dabei sein, daß sich der Erfahrungsreichtum der noch in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus sozialisierten Polizeibeamten von denen unterschied, denen die Gnade der späten Geburt zufiel. Unter Umständen verstellt der von Weinhauer mit aus dem Polizeiapparat selbst stammenden Begriffen profilierte Zugriff den Blick darauf, das es in Großorganisationen immer eine gewisse Spannung zwischen unterschiedlichen Gruppen in der Erreichung des gemeinsamen Ziels gibt, am Ende immer die Ergebnisse zu optimieren.

Das mindert aber nicht den Wert dieser ganz vorzüglich geschriebenen Studie über eine zentrale Agentur des staatlichen Gewaltmonopols, die sicher zu den am schwierigsten zu erforschenden Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gehört.

  • Klaus Weinhauer: Schutzpolizei in der Bundesrepublik. Zwischen Bürgerkrieg und Innerer Sicherheit: Die turbulenten sechziger Jahre, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2003, 417 Seiten; 49,90 Euro.

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29.09.03    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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