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## Nachricht vom 26 Sep 03 weitergeleitet
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## Betreff : DIR-ML: Die Mentalität des Massakers - 1 (FR)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
## Msg-ID : 3F749561.30165.6461A7@localhost
TI: Die Mentalität des Massakers - 1
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 26.09.2003
SW: Ns; Fs; The; For; Ges; Mil; Mo; Hol; R; Ase
AB: Enzo Traverso sucht nach der europäischen Genealogie der
nationalsozialistischen Vernichtungspolitik
TI: Die Mentalität des Massakers - 2
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 26.09.2003
SW: Ns; Fs; The; For; Ges; Mil; Mo; Hol; R; Ase; Mp
AB: Enzo Traverso sucht nach der europäischen Genealogie der
nationalsozialistischen Vernichtungspolitik - Fortsetzung
Enzo Traverso sucht nach der europäischen Genealogie der
nationalsozialistischen Vernichtungspolitik
Von Klaus Holz
Als Enzo Traversos Essay La violence nazie. Une généalogie européenne
letztes Jahr auf Französisch erschien, kommentierte Saul Friedländer,
es sei "durchweg brillant". Man mag es kaum für möglich halten, ein
derart weitreichendes Thema auf nur 160, überdies allgemein
verständlichen Seiten angemessen zu erörtern -und doch zeichnet
Traverso in seinem nun auf Deutsch vorliegenden Buch einen Grundriss
der europäischen Entwicklungslinien, die der Nationalsozialismus im
Vernichtungskrieg und den Vernichtungslagern synthetisierte. Die
Stärke der Abhandlung liegt nicht darin, wesentlich neue
Entwicklungslinien namhaft zu machen. Vielmehr konfiguriert Traverso
die Voraussetzungen der nationalsozialistischen Massenmorde, die in
der Regel isoliert betrachtet werden.
Theorien der nationalsozialistischen Massenmorde waren Jahrzehnte lang
entweder als Struktur- und Institutionenanalyse oder als
Ideengeschichte der antisemitischen und rassistischen Feinderklärungen
(meist mit einer Psychologie der Vordenker und Täter vermengt)
angelegt. Die je andere Seite wurde in der Regel en passant
abgehandelt. Traverso gehört zur wachsenden Gruppe von Autoren, die
solche Prämissen hinter sich lassen. Zur Genealogie der
nationalsozialistischen Gewalt gehört unabdingbar die Kulturgeschichte
der Feinderklärungen.
Die Analyse von Gefängnis und Fabrik zeigt nur die Mittel, nicht aber
die Zwecke auf, denen sie im Nationalsozialismus dienten. Traverso
zeichnet deshalb in drei Kapiteln die europäische Genese der
Feindbilder nach, die die Opfer der nationalsozialistischen Gewalt
präformierte. Der im Kolonialismus und Imperialismus verankerte
Rassismus, der "Klassenrassismus" gegen die armen und arbeitenden
Schichten und der Antisemitismus führten schon im Vorfeld der
nationalsozialistischen Weltanschauung zur "wissenschaftlichen"
Definition der Feinde und Schädlinge: die Juden, die Bolschewisten,
minderwertigen "Rassen", die Asozialen und Behinderten der eigenen
"Rasse".
Parallel hierzu entstand zwischen der französischen Revolution und dem
Ersten Weltkrieg ein neues System der Überwachung, Bestrafung und
Tötung, mit dem die modern werdenden Staaten ihre eigenen
Bevölkerungen kontrollierten. Am Beispiel der Guillotine illustriert
Traverso die Mechanisierung des Tötens. Was Zeitgenossen als
Fortschritt der Vernunft, als humane Form des Tötens an Stelle der
Unmenschlichkeit der Folter begrüßten, erwies sich als neues Paradigma
seriellen Tötens, das durch Arbeitsteilung, Effizienz und
"Neutralisierung der ethischen Verantwortung" gekennzeichnet ist. Die
Armenhäuser und Gefängnisse entwickelten sich zu bürokratischrationalen
Anstalten, die die Gefangenen auf Dauer entmenschlichten,
ihre Körper disziplinierten und Zwangsarbeit als Strafe statt als
Quelle des Profits einsetzten.
Die Verhältnisse in diesen modernen Anstalten des 19. Jahrhunderts
waren zuweilen so barbarisch, dass man von einem "Beinahe- Genozid" an
den Gefangenen sprechen kann. Sie erinnern an die späteren
Konzentrationslager, in denen Arbeit als Mord organisiert wurde.
Vollends synthetisiert wurden beide Paradigmen - das serielle,
maschinelle Töten und das Gefängnis - in den Vernichtungslagern,
wodurch "etwas schrecklich Neues und historisch Unerhörtes entstand":
ein rationales und industrielles System der Vernichtung.
Die Verschmelzung der Feindbilder mit einer modernen Praxis des Tötens
hat ihre Vorläufer in den kolonialen Kriegen und Verbrechen. Hinzukam
der Ersten Weltkrieg, der eine bis dahin ungeahnte Form der
Massenschlächterei mitten in Europa hervorrief. Die vormaligen Krieger
wurden zu "Arbeitern im Dienste der Kriegsmaschine", die von
"fordistischen Armeen" bedient wurde. Die Schlachten glichen
Massakern, die Zehntausende von unbekannten Toten in einer
durchpflügten Landschaft hinterließen, während die Heimatfront durch
die Internierung der Staatsangehörigen feindlicher Länder und die
Zwangsarbeit von Zivilisten und Kriegsgefangenen gesichert wurde.
Weder die Schlachten noch die Konzentrationslager des Ersten
Weltkrieges sind denen des Zweiten gleich zu setzten. Aber in "den
Schützengräben des Ersten Weltkrieges bildete sich eine neue Ethik und
neue Mentalitäten heraus, ohne die die Massaker des Zweiten
Weltkrieges nicht verstanden werden können".
Die Analyse des Ersten Weltkrieges als Vorbedingung des
Nationalsozialismus, Traversos stärkstes Kapitel, zeigt eine Dialektik
auf, die Traverso in ihrer Erklärungskraft für den
nationalsozialistischen Vernichtungskrieg und die Vernichtung der
Juden allerdings vereinseitigt. Er betont die rationale und
technologische Organisation von Gewalt, übersieht die andere Seite,
die Brutalisierung und Dehumanisierung der Soldaten, nicht, zieht aber
daraus keine Schlussfolgerungen. Er rückt die Vernichtungslager als
Tötungsfabriken in den Mittelpunkt, deren Inbegriff Auschwitz ist.
Damit gerät aus dem Blick, dass Millionen von Menschen nicht in einer
Todesfabrik, sondern mit Knüppeln und aufgesetzten Genickschüssen
ermordet wurden. Die Dialektik von Zivilisation und Barbarei, die
Ermöglichung ungeheuerer Unmenschlichkeit durch die zivilisatorischen
Errungenschaften ersetzt den Mörder nicht nur durch die Mordmaschine.
Vielmehr schafft und braucht die Mordfabrik neben Bürokraten,
wegschauenden Nachbarn und Lokführern auch ein Personal, das die nicht
zur Deportation in die Vernichtung fähigen Opfer, Kleinkinder, Alte,
Kranke, von Angesicht zu Angesicht umbringt.
Darin liegt die Unwahrheit der siebten These in der Dialektik der
Aufklärung, der zufolge der Antisemitismus ein Wahnsystem ohne
antisemitische Subjekte geworden sei. Der Nationalsozialismus aber war
nicht subjektlos. Gerade weil er den Antisemitismus als System, als
"Antisemitismus der Vernunft" (Hitler) organisierte, schuf er Raum für
leidenschaftliche Antisemiten, routinierte Mörder und lustvolle
Sadisten. Beides zusammen, Auschwitz als rationelle Todesfabrik und
der einen jüdischen Säugling erstechende Polizist, vollendet den
Zivilisationsbruch.
Wird dem Nationalsozialismus nicht seine Singularität genommen,
Deutschland seine Verantwortung abgesprochen, wenn man die Ursprünge
des Nationalsozialismus in den modernen Strukturen und Deutungsmustern
des Okzidents verortet? Traverso zeigt, dass die Ursprünge nicht als
zwingende Ursachen den Nationalsozialismus determinierten. Vielmehr
war der Nationalsozialismus eine "einzigartige Synthese" dieser mehr
oder minder verstreuten Entwicklungslinien. Der deutsche Sonderweg
liegt nicht in spezifisch deutschen Entwicklungspfaden in die Moderne,
sondern in der Synthese von Feindbildern, Herrschafts- und
Tötungspraxen, die das lange 19. Jahrhundert entwickelte. Die
Synthese, der Nationalsozialismus an der Macht, ist der deutsche
Sonderweg. Seine Genealogie ist europäisch, modern, okzidental. Diese
Einsicht macht die Erinnerung an die nationalsozialistische Gewalt
noch verstörender.
Das Buch
Enzo Traverso: Moderne und Gewalt. Eine europäische Genealogie des NaziTerrors.
Aus dem Französischen von Paul B. Kleiser. Neuer ISP-Verlag,
Karlsruhe 2003, 160 Seiten, 15 .
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