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## Nachricht vom 10 Sep 03 weitergeleitet
## Ursprung : SABINE@SABINE.org
## Betreff : DIR-ML: Faszination der Frustration - 1 (FR)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
## Msg-ID : 3F5F3BD6.1318.BD7C6C@localhost
TI: Faszination der Frustration - 1
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 10.09.2003
SW: Ein; Fra; Mfi; Ns; Zus; Sym; Ku; Str; Ide; Ko; R; Ase
AB: Zum Tode der verführten und gleichzeitig verführenden Avantgardistin Leni
Riefenstahl
TI: Faszination der Frustration - 2
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 10.09.2003
SW: Ein; Fra; Mfi; Ns; Zus; Sym; Ku; Str; Ide; Ko; R; Ase
AB: Zum Tode der verführten und gleichzeitig verführenden Avantgardistin Leni
Riefenstahl - Fortsetzung
Zum Tode der verführten und gleichzeitig verführenden Avantgardistin Leni
Riefenstahl
Von Daniel Kothenschulte
Am Ende war das Licht. Im Schlussbild ihres vor gut einem Jahr
uraufgeführten Films "Impressionen unter Wasser" zieht es die
Silhouette der Taucherin zum sonst gefürchteten Oberlicht. Ihre letzte
Rolle hatte sich Leni Riefenstahl auf den Leib geschrieben: Als
menschliche Besucherin einer Unterwasserwelt, in der statt böser
Fragen die reine Stille herrscht und in der sich auch die
Hundertjährige so leicht und geschmeidig bewegen konnte wie die Fische
um sie herum, ihre idealen Gastgeber: kein Vergleich zum
Haifischbecken dort oben. Das Tageslicht - für die Froschperspektive
der Unterwasserkamera ist es von blendender Jenseitigkeit, nicht
weniger symbolbehaftet als das "Blaue Licht" jenes Bergmärchens, mit
dem ihre Regiekarriere 1932 begonnen hatte. Dorthin mag die 101-
jährige am Montagabend entschwunden sein, als ihr Herz stehen blieb.
Leni Riefenstahl, es gab sie nicht ohne ihre eigene Inszenierung.
Niemand, der die Filmemacherin am Starnberger See besuchte, drang
weiter vor als es die Routine ihrer Medienpersona zuließ. Stets das
Ritual: Fragen nach ihrer Rolle im Dritten Reich sollten nicht
gestellt werden, wurden aber wirkungssicher im rechten Augenblick von
ihr selbst platziert. Am Ende wusste man nicht mehr als vorher und war
doch gefangen in jenem unaufgelösten Spannungsverhältnis aus Spektakel
und Unspektakulärem, das ihr Werk charakterisiert: die Faszination der
Frustration.
So sind ihre Filme: Keiner, an dem es nichts zu bewundern gäbe - doch
auch keiner, der sich von Anfang bis Ende genießen oder mit
Leidenschaft vor Kritikern verteidigen ließe. Die Übermacht der Form,
die um einen von der Künstlerin als vernachlässigenswert empfundenen
Inhalt kreist: Das war das Riefenstahl-Ereignis, das der Medienpersona
wie das der Kunst. Die ästhetische Frustration die ihr Werk bei aller
Attraktion entfacht, rührt aus einem Irrtum der Moderne, dem Primat
der Form über dem Inhalt, der fatal ist, wenn man ihn auf die Kunst
des Dritten Reichs anwendet. In der Propaganda von "Triumph des
Willens" ist es die Form, die für den Inhalt wirbt.
Leni Riefenstahl, die am 22. August 1902 geborene Tänzerin und
Schauspielerin, die über die Bergfilme ihres Mentors Arnold Fanck zur
Regie gefunden hat und die nach dem Krieg eine weitere Karriere als
Fotografin erlebte, es gab sie nicht ohne ihre selbst aufgebrachten
Widersprüche. Sie wünschte sich den Tod und zelebrierte in der
Öffentlichkeit eine fast übermenschliche sportive Lebendigkeit. Sie
erklärte alle nach ihrem unpolitischen Erstlingswerk realisierten
Filme zur Nebensache und verteidigte sie stets mit dem Argument des
Künstlerischen. Sie beklagte ihre "Verfemtheit" und suchte die
Konfrontation mit Kritikern, denen sie sich als Inbegriff der
Unnachgiebigkeit präsentierte.
Wo immer aber Leni Riefenstahl auftauchte, geschah auch etwas
Sonderbares, das faszinierend und befremdlich zugleich war. Es war die
Erfahrung der Gegenwart von Vergangenheit. Die bloße Tatsache, dass
sie noch unter uns war, hielt Debatten über das Dritte Reich lebendig,
die in anderen Bereichen längst aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit
verschwunden sind. Die Abarbeitung an Riefenstahl ist für Generationen
eine Schlüsselerfahrung politischer Bildung gewesen. Lange hatte man
geglaubt, dass erst nach ihrem Tod die Sicht auf ihr Werk schlagartig
eine andere sein würde. Dass man sich der formalen Avanciertheit ihrer
wenigen langen Regiearbeiten, "Das blaue Licht", "Triumph des
Willens", den beiden "Olympia"- Filmen und "Tiefland" ohne
ideologische Tabus würde nähern und sie nüchtern und gerecht würde
verorten können - irgendwo im verzweigten System von hoher und
populärer Kunst. Diese Auseinandersetzung, die wie alles, das mit
Riefenstahl zu tun hatte, durch die Künstlerin gefördert wie vereitelt
wurde (die Neuausgaben ihrer Filme und Bücher gingen durch ihre
Selbstzensur), hat vorsichtig begonnen. Ein schwieriges, aber
anregendes Unterfangen, das ins weit verzweigte Verhältnis von freier
und angewandter Kunst führt und an der historischen Schnittstelle
zwischen Bauhaus- Aufbruch und NS-Restauration seinen Ausgangspunkt
hat.
Propaganda, 1934 als "Triumph des Willens" gedreht, war das
gebräuchlichere Wort für Werbung. Kein Medienprodukt des 20.
Jahrhunderts macht den Zwiespalt augenfälliger als dieser Film.
Ersetzt man das Wort Propaganda durch Werbung, wird die Annährung
vielleicht etwas einfacher. Dann ist es ein Werbefilm über eine
Werbeveranstaltung der NSDAP. Wie immer, wenn für ein Produkt geworben
wird, werden unerfreuliche Aspekte ausgeklammert. Dafür sucht der
Marketingchef nach einem Art Director, der eine Affinität zum
Dargestellten mitbringt. In diesem Fall sind das Massenbewegungen,
Nachtaufnahmen, Synchronisation von Bild und Musik und das filmisch
aufzulösende Verhältnis von Horizontalen und Vertikalen. Für all diese
Gestaltungsprobleme hatte Leni Riefenstahl in ihrem Regie-Erstling
"Das blaue Licht" Lösungen gefunden. Keine Lösungen hatte sie für
lange Reden, denn ihr Verständnis vom Film entsprach dem der
zeitgenössischen Avantgarde, die sich durch den Stummfilm definierte.
Und so hat man heute fast vergessen, dass am Ende von "Triumph des
Willens" eine statisch abgefilmte neunminütige Ansprache Hitlers
steht, die nicht in das Bild der Montagekunst Riefenstahls passt. Für
die Gewichtung des Films aber sagt dieser dramaturgische Höhepunkt
einiges aus. Alles aufgebotene Spektakel, alle Schauwerte dienen der
Vorbereitung des Hitler-Auftritts, der vom Publikum offensichtlich als
Höhepunkt empfunden werden sollte.
Die Verwendung des Begriffs Werbung lenkt vom gebräuchlichen
Konfliktpaar Kunst und Faschismus ab. Diese Polarisierung hat in der
Riefenstahl-Diskussion fast ausschließlich zu einer Trennung von
Ideologie und Ästhetik geführt. Im Falle von "Triumph des Willens" ist
dies fatal. Heute, da sich die Grenzen von High- und Low-Culture
verwischen, Werbung von Künstlern gemacht wird und Designer im
Kunstkontext reüssieren, sollte man eigentlich das Instrumentarium
haben, gerade die Ausdifferenzierungen von Film als angewandter Kunst
näher zu erforschen. Man denke nur an die Debatten um Olivero Toscanis
Benneton-Reklame. Riefenstahl ist in ihrer Zeit nur eine unter vielen
KünstlerInnen, die sich für eine Anwendbarkeit ihres Formenvokabulars
nicht nur anboten, sondern erst in dieser Zweckdienlichkeit
perfektionieren konnten.
Man wird "Triumph des Willens" nie gerecht werden, wenn man die
ästhetische Seite von ihrem Sujet trennt, wie es etwa Joachim C. Fest
anlässlich der Fernsehausstrahlung dieses Films 1977 getan hat. "Es
ist ja nicht so", kommentiert Fest, "dass eine schlechte Sache auch
schlechte Kunstäußerungen hervorbringen müsse... Die Kunst kann kein
Argument für ein Herrschaftssystem sein. Sie mag überredende Wirkungen
haben, aber sie bezeugt nichts. Eisenstein zeugt nicht für
Sowjetrussland, Pound nicht für den Faschismus. Das ästhetische Urteil
kommt aus anderen Kategorien." Aber es gab eine Affinität zwischen der
Lust der Filmavantgarde, die frisch erworbenen Möglichkeiten der
Dynamisierung des Raums, der Animation sonst statischer
Gestaltungselemente und der Bewegung der Massen.
Wer sich mit Riefenstahl befasst, ist mit einer Fülle von Legenden
konfrontiert. So war sie nicht, wie vielfach behauptet, Deutschlands
erste Regisseurin. Vor ihr waren unter anderen Hanna Henning, Olga
Tschechowa oder Leontine Sagan. Anderseits war sie zwar nicht die
erste, mit "Das blaue Licht" aber eine profilierte Mitstreiterin für
eine internationale Filmavantgarde, die sich vom Aufkommen des
Tonfilms in ihren Grundfesten erschüttert sah. Ihr 1932 erschienener
Film ist eines der letzten jener "Filmpoeme", die dem gesprochenen
Wort nur eine marginale Rolle innerhalb einer synästhetischen
Kunstauffassung beimaßen und für einen Erhalt des "Filmischen"
eintraten. Eine Schlüsselrolle in "Das blaue Licht" spielt
Riefenstahls künstlerischer Mitarbeiter Béla Balázs. Dieser frühe
Filmtheoretiker und Kommunist, der im Bergfilm eine sozialistische
Kunstform sah, ist auch ein posthumer Kronzeuge der moralischen Kritik
an Riefenstahl. Als der auch im russischen Exil verfolgte Künstler
später sein Honorar einforderte, ermächtigte die Regisseurin den
bekannten Antisemiten Julius Streicher "juristisch gegen die
Forderungen des Juden Béla Balázs gegen mich" vorzugehen. Später
betrachtete sie diese im Bundesarchiv dokumentierte Aktennotiz als
Fälschung.
Man muss Riefenstahl, den letzten Stummfilmstar, auch als eine späte
Botin aus dieser widersprüchlichen ästhetischen Kino-Moderne ansehen,
die von der Tonfilm-Revolution entmachtet zu werden drohte, dann aber
ausgerechnet in der NS-Moderne Anknüpfungspunkte fand. Denn auch das
ist ja ein unaufgearbeitetes Terrain: Die Rolle der Nazis als
Kunstbanausen, die nahezu für die gesamte bildende Kunst gilt, lässt
sich auf Fotografie und Film nur bedingt anwenden. In den technischen
Bildmedien gab es durchaus Raum für Modernismen, die aus der Neuen
Sachlichkeit und weiten Teilen der Stummfilmavantgarde schöpften.
Man wird Riefenstahls Filme in Zukunft weniger emotional sehen können,
manche Passagen - insbesondere ihrer technisch unbestritten
wegweisenden "Olympia"-Filme - werden durchaus Klassikerstatus
genießen. Ein klares Meisterwerk, das sich rein ästhetisch über alle
Kritik erhöbe, ist ihr nicht gelungen.
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