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## Nachricht vom 10 Sep 03 weitergeleitet
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## Betreff : DIR-ML: Die Sprache der Körper - 1 (FR)
## Ersteller: dirinfo@web.de (D.I.R. e.V.)
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TI: Die Sprache der Körper - 1
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 10.09.2003
SW: Ein; Fra; Ns; Mfi; Zus; Ko; The
AB: Mit Ornamenten und Arabesken: Die Filmregisseurin und Fotografin Leni
Riefenstahl ist im Alter von 101 Jahren gestorben
TI: Die Sprache der Körper - 2
QU: Frankfurter Rundschau
DA: 10.09.2003
SW: Ein; Fra; Ns; Mfi; Zus; Ko; The
AB: Mit Ornamenten und Arabesken: Die Filmregisseurin und Fotografin Leni
Riefenstahl ist im Alter von 101 Jahren gestorben - Fortsetzung
Mit Ornamenten und Arabesken: Die Filmregisseurin und Fotografin Leni
Riefenstahl ist im Alter von 101 Jahren gestorben
Von Peter W. Jansen
Sie war vor allem Bildermacherin - vor allem und so ausschließlich,
wie es sich nur denken lässt. Ob mit der Spielfilm- oder der
Dokumentarfilm-Kamera, und zuletzt viele Jahre lang mit der Ausrüstung
des Fotografen: Sie hat Bilder gemacht, denen es hauptsächlich und
fast ausnahmslos um ihre Bildhaftigkeit und deren Schönheit ging. Der
Aspekt des Schönen war für sie so vorherrschend, dass sich das
Ästhetische an die Stelle des Moralischen setzen konnte und die Form
zum Inhalt wurde. So hat sie selbst es immer sehen wollen, und so
haben es ihre Fürsprecher und Verehrer von Deutschland bis Japan und
von Frankreich bis Amerika gesehen.
Da ließ sich, mit dem Anspruch der Wertfreiheit, jeder Inhalt
unterbringen, da waren die Nubier, die sie fotografiert hat, nicht
weniger, aber auch nicht mehr wert und bedeutsam als die gigantischen,
gigantesken Ornamente aus Menschenmassen auf den wagnerianisch
inszenierten Parteitagen der Nationalsozialisten. Und die Naturbilder
ihrer Spielfilme (Das blaue Licht von 1932) nicht mehr, aber auch
nicht weniger exklusiv, weil eben schön, als die athletischen Körper
der modernen Olympioniken. Dass sie ihren zweiteiligen Film über die
Olympischen Spiele von 1936 Fest der Völker und Fest der Schönheit
nannte, entspricht auf's genaueste ihrer Auffassung.
Leni Riefenstahl hat nie begriffen, nie verstehen wollen, vielleicht
auch nicht verstehen können, dass es bei aller Schönheit von FahnenAufz
ügen und Appellen, von Lichterdomen und Menschenkolonnen in der
akkuraten Ordnung französischer Parks sehr wohl eine Bedeutung hatte,
welche Gesinnung ihnen jenseits und vor ihrer ästhetischen Erscheinung
inne war und was ihre vollendete Form ideologisch sagen wollte. So hat
sie auch nie begreifen können, dass man sie, auch sie, verantwortlich
machte für den propagandistisch instrumentalisierten Aspekt des
Schönen. Dass ihre Bilder ein Fest des Schönen waren und dass ihre
Kameras, etwa bei dem Parteitagsfilm Triumph des Willens (1934), sich
entweder selbst ideologisch verhielten oder das Ideologische feierlich
illuminierten -: das alles ist nicht wegzuleugnen, auch nicht durch
manche Versuche, die es gegeben hat und sicher auch wieder geben wird,
wertfrei zu interpretieren, was das, wertfrei gesagt, grandiose
Lebenswerk der Leni Riefenstahl ausmacht.
Solche Versuche verdoppeln nur das Missverständnis des Schönen als
einer Erscheinung, die ihren Wert in sich trägt. Denn das Schöne ist
nicht selbstverständlich das Wahre und Gute, nur weil es dem Auge
angenehm ist. Das Schöne ist auch des Schrecklichen Anfang. Es ist ein
deutsches Missverständnis seit Goethes Tasso, dass erlaubt sei, was
gefällt. Diesem Verständnis wohnt prinzipiell eine tiefe
Unmenschlichkeit inne, weil es den Menschen zur Arabeske macht. Auch
wenn er das unter göttlichem Aspekt und jenseits allen Historischen
sein mag, ist es ein Vergehen gegen die zeitlich und historisch
gebundene, vergängliche Existenz des Menschen, ihn derart zu
verdinglichen. Was freilich Überlegungen sind, denen sich der
Ästhetizismus entzieht.
Geboren am 22. August 1902 in Berlin als Tochter eines Kaufmanns,
wurde an dieser Berta Helene Amalie Riefenstahl, die sich Leni nennen
sollte, die ästhetische Erziehung des Menschen der deutschen Klassik
vollzogen - und, sieht man auf das Ende hin, pervertiert. Zuerst als
Malerin ausgebildet, dann durch die russische Ballerina Eduardowa zur
ästhetischen Disziplin angehalten und von der Ausdruckstänzerin Mary
Wigman in der Mystik der Körpersprache unterwiesen, erhielt sie eine
Ausbildung, die sie Anfang der zwanziger Jahre zu einem Beruf machte.
Überaus erfolgreich - bis sie den Film für sich entdeckte. Die
Körperlichkeit ihrer Auffassung des Ästhetischen ließ die Tänzerin,
als es die Filmrolle verlangte, zur Skiläuferin werden, auch hier auf
die schöne Erscheinungsform des Sports bedacht.
Bei Arnold Fanck, dem Filmpionier, der aus dem Atelier ins Freie ging
und mit dem "Bergfilm" und Kameraleuten wie Sepp Allgeier, Richard
Angst und Hans Schneeberger ein neues Genre schuf, bei Fanck und neben
Luis Trenker verkörperte sie die weibliche Hauptrolle in Filmen wie
Der heilige Berg, Der große Sprung, Die weiße Hölle vom Piz Palü und
S.O.S. Eisberg. Die von der schieren Materialität des Schönen
imprägnierten Filme brachten sie, die sich persönlich stets fern jeder
Ideologie wähnte, mit Béla Balázs zusammen, dem marxistischmaterialistisch
orientierten ungarischen Filmtheoretiker. Dass sie
gemeinsam das Drehbuch zu Riefenstahls erstem eigenen Film Das blaue
Licht schreiben konnten, lässt keineswegs auf eine frühe Nähe der
Filmemacherin zu kommunistischen Überzeugungen schließen, sondern
wiederum, für sie charakteristisch, auf die für alle Ideen offene
"Neutralität" ihres ebenso rein materiellen wie seelenlosen
Schönheitsideals. Es ist eine ähnliche Verführbarkeit, wie man sie
auch bei manch' anderen Künstlern der Zeit - zu denken wäre etwa an
Heinrich George - antrifft, die unwandelbarer und unreflektierter
Idealismus sowie dumpfe Gegnerschaft gegen den unerbittlichen Fortgang
der Geschichte, die Moderne und deren unabsehbare Verwerfungen, unter
die Fahne des Unmenschen trieben.
Das blaue Licht erzählt eine Legende aus den Dolomiten, was aber nur
Anlass ist für eine obsessive Idolatrie des schönen Bildes. In diesem
Film, so scheinbar weit entfernt vom politischen Faschismus, ist schon
dessen ganze kultische Ikonographie versammelt, die emphatischen
Gesten des Lichts wie der Körper, die rhetorische Figur der Arabeske,
das Arrangement einer zersplitterten Welt zum heilen- heiligen
Weltbild, die Aufhebung der schrecklichen Vereinzelung und Einsamkeit
am warmen Lagerfeuer der Gemeinschaft. Niemand konnte geeigneter sein,
dem nationalsozialistischen Trugbild einer heimatlichen Welt von
ehernem Bestand die Bilder zu schaffen, Bilder, deren populistische
Verbreitung durch den Film in der Phantasie der Massen selber wiederum
Bilder erschufen.
Riefenstahls Filme vom Reichsparteitag der NSDAP 1934 in Nürnberg,
Triumph des Willens, wie auch ihr Film von den Olympischen Spielen
1936 in Berlin (1938 vollendet) sind Zeugnisse eines absoluten, schier
rücksichtslosen Willens zur Schönheit. Man kann sie, für deren
Herstellung Riefenstahl über grenzenlose Mittel und das modernste
Equipment ihrer Zeit verfügen konnte, als Dokumente nicht lesen. Oder
eher als Dokumente zweiten Grades: als Dokumentationen dessen, was es
zu dokumentieren gab. Denn das war der Punkt, an dem sie übereinkamen,
die wertfreie Ästhetin und die Ästheten der Macht, die Bildermacherin
und die Macher, die Architektin und die, die ihr Haus schon bewohnten,
bevor es errichtet war.
Selten hat es so viel Übereinstimmung gegeben zwischen einem
Auftraggeber, der als Künstler gescheitert war, und der Künstlerin,
die seinem Material zu dem Ausdruck verhalf, der ihm schon innewohnte.
Sie lassen sich nicht mehr unterscheiden, die Arrangements der
Aufmärsche und Aufzüge, die politische Ikonographie der Macht, die
sich als Bild vor der Abbildung gigantisch vor die Anschauung rückt,
von dem zu Bildkompositionen organisierten Filmbild. Und so offen sie
bleiben, die Frage und die Diskussion, wieweit die reale Erscheinung
und ihr Imponiergehabe schon, dem politischen Willen gehorchend, für
die Kameras der Riefenstahl vorgeformt waren oder erst durch den
inszenatorischen Willen der Bildermacherin ihre Gestalt auf dem
riesigen Set des Parteitagsgeländes annahmen -: die Montage, ein Werk
von makelloser Schönheit, imprägniert die Filme noch einmal mit dem
Willen zur Kunst, ist allein Riefenstahls Werk. In ihm herrscht ein
Terrorismus des Schönen, dessen unschuldige Seele sich nach Bedarf
vergiften lässt.
Am Montagabend starb Leni Riefenstahl in ihrem Haus in Pöcking am
Starnberger See, rund zwei Wochen nach ihrem 101. Geburtstag, an
Herzversagen.
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