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Freitag | Die Ost-West-Wochenzeitung
40 | 05.10.2007
Burga Kalinowski
Für jedes Kind ein Fähnchen
AUSSORTIERT: Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes, beklagt die
höchste Kinderarmut in der bundesdeutschen Geschichte und schätzt
spektakuläre Aktionen
Was will man mehr: Azurblau der Himmel, weiße Wölkchen und strahlende Sonne.
Auf einer kleinen Bühne drängeln sich Jungen und Mädchen in roten Trikots.
TV-Teams, Fotografen und Reporter rennen herum. Der politische
Event-Kalender weist den 20. September als Weltkindertag aus. Auf der Wiese
vor dem Reichstag fordern Berliner Schüler und ein Aktionsbündnis des
Deutschen Kinderschutzbundes, des Deutschen Kinderhilfswerks und UNICEF von
der Bundesregierung, Kinderrechte in das Grundgesetz aufzunehmen. Zeit wäre
es - Tierschutz wurde schon vor Jahren aufgenommen. Warum nicht auch den
Rechten von Kindern Verfassungsrang geben? Gute Frage.
Für einen Moment sind Kinder auf der Skala politischer und medialer
Hinwendung gefragt und eine Nachricht wert. Sonst gilt das nur, wenn sie
misshandelt, missbraucht oder umgebracht werden. Oder wenn etwa der Deutsche
Kinderschutzbund (DKSB) auf einer Pressekonferenz zur Kinderarmut in
Deutschland über bestürzende Verhältnisse berichtet, in denen Kinder
hierzulande leben.
"Es ist eine Schande." Heinz Hilgers, Präsident des DKSB, sagt es mit
stoischer Ruhe. Doch die Ruhe wirkt beunruhigend, als tobe dahinter ein
Sturm der Empörung. Macht Elend zornig? Es wäre gut zu verstehen. Hilgers
überlegt. Nein, ihn nicht - mehr. Wenn es ganz schlimm komme, mache es ihn
traurig. Doch auch das ist nicht seine Art. Ich komme aus dem Rheinland,
sagt er. Nach zwei Stunden weiß man, was das heißt.
Wir fahren im Taxi zum Hauptbahnhof, um Mitarbeiter aus Hannover abzuholen,
neuester Politklatsch, regionale Neuigkeiten, Arbeitsabsprachen, Scherze,
Kaffeetrinken. Danach Gespräch mit mir, dann im Sturmschritt rüber zur
Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft. Das Aktionsbündnis Kinderrechte
trifft sich am Abend mit Abgeordneten der Bundestagsfraktionen und
Regierungsvertretern, wirbt um Zustimmung und Verbündete für die Aufnahme
der Kinderrechte ins Grundgesetz noch während dieser Legislaturperiode.
6,80 Euro pro Tag müssen reichen
"Angesichts der Zunahme von Kinderarmut, dem Auseinanderdriften der
Gesellschaft in Reich und Arm und der häufigen Fälle von Vernachlässigung
und Gewalt gegen Kinder dürfen wir in Deutschland keine Zeit verlieren."
Hilgers übt sanften Druck aus. Mit Kinderrechten als einklagbarem Grundrecht
würde sich manches ändern in der öffentlichen Wahrnehmung, in der
politischen Verantwortung bis hin zur Gesetzgebung. Er will, dass der Staat
in der Pflicht steht für das Wohl der Kinder, und er will keine halben
Sachen. An diesem Abend führt er viele Gespräche - und hört aufmerksam zu.
Er weiß, was er will, und vor allem, wie es geht. Irgendwann ist ein
Bierchen fällig und etwas Ruhe. Am nächsten Tag eröffnet er in Essen die
Veranstaltung zum Weltkindertag. 25.000 Fähnchen werden gesteckt - für jedes
arme Kind der Stadt eines. Für das gesamte Bundesgebiet würden 2,6 Millionen
Fähnchen gebraucht. Hilgers hat Gespür für Wirkung.
Er wollte mal katholischer Pfarrer werden - und wurde Verwaltungswirt. Jetzt
ist er Bürgermeister seiner Heimatstadt Dormagen und seit 1993 ehrenamtlich
Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes mit seinen 50.000 Mitgliedern. Er
ist Lobbyist und Idealist und Anhänger des rheinischen Kapitalismus - "leben
und leben lassen". Das klingt so gemütlich. Fast könnte man glauben, dass es
funktioniert, aber "das mit dem Leben lassen ist vorbei". Schon lange. "Die
Verhältnisse so, wie sie sind, sind nicht in Ordnung." Der Präsident des
Kinderschutzbundes weiß nur zu gut, wovon er spricht.
Rund 700.000 Kinder sind landesweit in Familien zu Hause, die trotz Arbeit
auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind. Weitere 1,9 Millionen Kinder unter
15 Jahren mussten Ende 2006 von Hartz IV leben, zehn Prozent mehr als im
Jahr zuvor. Nicht genug mit diesen insgesamt 2,6 Millionen Bedürftigen.
Heinz Hilgers hat noch eine Zahl: Etwa 1,5 bis 2,5 Millionen Kinder und
Jugendliche leben knapp an der Grenze zu den prekären Mangel-Bereichen. Die
armen und die noch nicht ganz armen Kinder zusammen genommen - sie ergeben
fast ein Drittel aller in Deutschland lebenden Mädchen und Jungen.
Geht nicht, zu teuer
"Die höchste Kinderarmut in der Geschichte der Bundesrepublik bei
niedrigster Kinderzahl", stellt Hilgers fest und rechnet weiter vor: Hartz
IV-Kinder erhalten monatlich 208 Euro, dafür fällt das staatliche Kindergeld
(154 Euro) weg, etwaige Unterhaltsleistungen werden ebenfalls komplett
verrechnet. Umgerechnet stehen einem Kind pro Tag insgesamt 6,80 Euro zu.
Das muss reichen. Für Essen, Kleidung, Schulhefte, Klassenausflüge,
eventuell für Hustensaft bei Erkältung, denn den gibt es nicht auf Rezept.
Ganz zu schweigen von Kino, Zoobesuch, Sportverein oder von einem kleinen
Geschenk zum Geburtstag der Freundin.
Bei der Kalkulation des Regelsatzes für Kinder ging das
Müntefering-Ministerium von 2,57 Euro pro Tag für Ernährung und Getränke
aus. In manchen Kitas und Schulen kostet bereits das Mittagessen 2,50 bis
3,50. Aber macht wohl nichts. Voller Bauch macht sowieso nur faul.
Angesichts der steigenden Preise für Milchprodukte fällt einem nur noch der
Verweis auf Brot und Wasser ein. Das Statistische Bundesamt hat errechnet,
dass die Ausgaben für Kinder monatlich immerhin 549 Euro betragen. Im
Durchschnitt. Nicht für alle.
Es ist keine Genugtuung für Heinz Hilgers, dass der Kinderschutzbund von
Anfang an eindringlich gewarnt hat vor den Folgen von Hartz IV. Die
Wirklichkeit hat die schlimmen Befürchtungen überholt. "Kinderarmut bei uns
sieht vielleicht nicht so trostlos aus wie in Rumänien, Russland oder den
USA, aber das kann keine Beruhigung sein." Armut hat viele Gesichter. Armut
ist sehr alltäglich. Ist die einzige Jeans, die über Nacht trocknen muss,
damit das Kind zur Schule gehen kann. Ist die Krankschreibung kurz vor der
Klassenfahrt, weil die Familie sie nicht bezahlen kann. Ist der heulende
Verzicht auf ein schön gestaltetes Märchenbuch, weil die Mutter Nein gesagt
hat - zu teuer. Geht nicht, zu teuer, kein Geld - Kindheit als Mangel. Armut
ist der Blick in einen blinden Spiegel.
"Eine dramatische Entwicklung, nicht nur in finanzieller und materieller
Hinsicht. Es entsteht eine Armutskultur, aus der viele Menschen nicht mehr
rauskommen. Man muss sich das vorstellen: Menschen arbeiten Jahre oder
Jahrzehnte, werden arbeitslos - und mit Hartz IV stürzen sie gnadenlos ab.
Und mit ihnen stürzen die Kinder. Sie haben dann kaum noch Chancen."
Aussortierte Kinder. Diese Ungerechtigkeit ist nicht akzeptabel. Daneben
wirkt die Ankündigung des Vizekanzlers, das Kinder-Hartz IV um zehn Euro
erhöhen zu wollen, mindestens schäbig, wenn nicht zynisch.
Raus aus der Armutsfalle
Überhaupt gebe es viele Ankündigungen, aber er warte auf Taten, sagt Heinz
Hilgers und plädiert für die Wiedereinführung der einmaligen Beihilfen für
sämtliche Kinderbekleidung und für alles, was in der Schule gebraucht wird.
Was für das Kind bestimmt ist, kommt auch beim Kind an. In diesem Sinne
fordern DGB und Diakonie Berlin für die Hauptstadt bezirkliche Schulfonds,
die Kinder aus sozial schwachen Familien unterstützen. Bei Hartz IV für
Kinder und Jugendliche würden die Kosten für Schule und Ausbildung zu wenig
berücksichtigt. Es gehe um Ausgaben für Schulmaterial, auch für eintägige
Ausflüge und möglicherweise Nachhilfestunden. Eine Studie aus Frankfurt
stellt fest, dass arme Kinder schon in der Grundschule öfter sitzen bleiben
als Kinder aus bessergestellten Familien. Nur jeder Zehnte aus dieser Gruppe
wechselt zum Gymnasium. Der Berliner Schulfonds will ein bisschen
gegensteuern. Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linke) bejaht solche Fonds
als hilfreiche Übergangslösung bis zur Korrektur der Regelsätze. Das
allerdings kann dauern.
Kabinettstagungen, Eckpunktepapier, Maßnahmepaket, Statements - außer Spesen
nichts gewesen. Auch die Aufstockung des Kinderzuschlages für
Geringverdienende wird verschleppt. Angekündigt war dies für den 1. Januar
2006. Bald ist Neujahr 2008. Mindestens 175 Euro wären eine wirkliche Hilfe,
denn bei geringverdienenden Familien oder einem alleinerziehenden Elternteil
hilft viel auch viel - nämlich raus aus der Armutsfalle. Vielleicht.
"Frühe und respektvolle Hilfe ist die beste Armutsprävention. Kostengünstig
und wirksam." Es sind die Erfahrungen als Bürgermeister in Dormagen, einer
Stadt mit 63.000 Einwohnern im Rhein-Kreis Neuss. Die Stadt hat drei Prozent
ALG-I-Empfänger und 3,5 Prozent Hartz-IV-Bezieher. Das klingt unglaublich.
Heinz Hilgers lächelt. "Ich führe die Stadt wie ein kaufmännisches
Unternehmen." Und er kümmert sich. "Wir sind früh da in den Familien. Gehen
hin, gratulieren zum Baby, schenken Kindersachen. Reden. Mit den Leuten. Es
geht nicht nur ums Geld." Es geht um Planung von Zukunft. Für 20 Prozent der
Kinder gibt es Krippenplätze, und es sollen mehr werden, beim Kindergarten
sind es fast 100 Prozent, und ab nächsten Sommer gibt es in Dormagen nur
noch Ganztagsschulen. Kleine Garantien für das Kinderrecht auf soziale
Sicherheit und Bildung. Auf Deutschland übertragen, wären das große
Fortschritte. Oder wie Hilgers sagt: "Unsere Gesellschaft wird letztlich
keine Wahl haben oder wir sind moralisch erledigt."
Makel für die Industriestaaten
UNICEF zur Kinderarmu
In den Niederlanden geht es Kindern so gut wie in keinem anderen
Industriestaat der Welt, befindet der diesjährige Report von UNICEF, dem
Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Gefolgt werden die Niederlande von
den skandinavischen Staaten. Besonders schlecht abgeschnitten haben
Großbritannien und die USA - Deutschland liegt im Mittelfeld.
Seit 2000 untersucht UNICEF jährlich in über 20 Industrie-Nationen, wie
Kinder aufwachsen, und richtet sich dabei nach der Definition der
UN-Kinderrechtskonvention: Einem Kind geht es dann gut, wenn es seine
Persönlichkeit und seine Talente, seine geistigen und körperlichen
Fähigkeiten ausbilden kann. Folglich fragen die UNICEF-Rechercheure: Besitzt
ein Kind eigene Schulbücher? Ist es vor Gewalt geschützt? Wird es regelmäßig
von einem Arzt untersucht? Empfindet es sich als glücklich?
Als eindeutigen Trend der vergangenen Jahre konstatiert das
UN-Kinderhilfswerk: In 17 der untersuchten Staaten hat die Kinderarmut
zugenommen. Einzig in Norwegen lässt sich ein entgegengesetzter Trend
beobachten. Dort ist heute weniger als jedes 30. Kind arm. Die höchsten
Werte gibt es für die USA und Mexiko, wo mehr als jedes fünfte Kind von
Armut betroffen ist.
Prinzipiell - so UNICEF - könne ein Staat sehr viel gegen Kinderarmut tun.
Er müsse nur intervenieren und dürfe die Menschen nicht den Marktkräften
überlassen. Wenn ein Staat mindestens zehn Prozent seines
Bruttoinlandsprodukts für Sozialausgaben aufwende, sei es unwahrscheinlich,
dass mehr als jedes zehnte Kind in Armut leben müsse - solange der Staat
sich am Wohl der Kinder orientiere. Helfen würde es auch, wenn
Geringverdiener mehr Lohn erhielten.
"Der kleine Dienstag aber wich nicht vom Apparat."
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