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Trotz vermehrter Warnungen: Grenzwerte fuer elektromagnetische Strahlung werden nicht verschaerft

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ZDF - 04.05.2008

ML Mona Lisa

"Mobilfunk - grenzenlos?"
Ohne Kabel im Strahlennetz

Schnurlose Telefone, Handys oder drahtlose Computer-Netzwerke benutzt inzwischen fast jeder. Doch jedes dieser Geräte verursacht eine hochfrequente elektromagnetische Strahlung, über deren schädigende Wirkung auf den menschlichen Organismus sich nur wenige ernsthaft Gedanken machen.

Baubiologin Almut Hullmann ist der elektromagnetischen Strahlung auf der Spur. Stefan Schorer und seine Freundin waren überrascht, als Hullmann feststellte, dass ihr schnurloses DECT- Telefon ununterbrochen mit 7000 Mycrowatt strahlt, auch wenn es nicht benutzt wird. Für Stefan Schorer ist das zunächst nicht weiter beunruhigend: "Solange man nichts merkt, einem nichts weh tut, ist es okay. "

Wie Stefan denken die meisten Mobilfunknutzer. Das macht elektromagnetische Strahlung so bedenklich: Man riecht nichts, schmeckt nichts, spürt nichts. Doch mehrere Forscher haben herausgefunden, dass bereits 100 Mycrowatt biologische Auswirkungen auf das Immunsystem haben können. Ihre Kritik: Die vom Gesetzgeber festgelegten Grenzwerte sind längst überholt und zu hoch. Auch Dr. Ulrich Warnke von der Universität des Saarlandes warnt: "Die Grenzwerte stimmen nicht. Es gibt deutliche Hinweise, dass unter bestimmten Umständen weit unter den Grenzwerten Schäden beim Menschen auftauchen."

Schwere Zellschädigung möglich

Bei diesen Schäden handelt es sich nicht nur um Schlaflosigkeit oder Konzentrationsmangel, sondern um Krebs: Die zellschädigende Wirkung der körpereigenen so genannten freien Radikale wird durch die elektromagnetische Strahlung noch verstärkt. Nach zehn Jahren Handynutzung kann sich nach einer von der Europäischen Umweltagentur veröffentlichten Langzeitstudie das Hirntumorrisiko bis zu 200 Prozent erhöhen. Deshalb hat diese Behörde vor einigen Monaten gefordert, die Grenzwerte für Mobilfunk zu korrigieren. Auch die Bundesregierung rät jetzt, gerade zu Hause auf funkgestützte Technik zu verzichten.

Das Bundesamt für Strahlenschutz behauptet, dass es bei Einhaltung der Grenzwerte nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand keine Beweise für eine gesundheitsschädigende Wirkung gibt. Gleichzeitig aber warnt es: "Es existieren allerdings Hinweise auf biologische Effekte auch unterhalb der Grenzwerte." Diese Grenzwerte werden empfohlen von einem privaten Verein, der "Internationalen Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung", kurz ICNIRP. Sie wurde 1977 gegründet und bestand damals vorwiegend aus Ingenieuren und Angehörigen der Industrie. In Deutschland war kein Mitglied der ICNIRP bereit, uns ein Interview zu geben.

Kein Grund tätig zu werden?

Der italienische Vorsitzende der Kommission, Dr. Paolo Vecchia, sieht keinen Grund zum Handeln: "Die einzigen dokumentierten Auswirkungen sind die Erhitzungseffekte. Es gibt zwar Hinweise auf biologische Auswirkungen und es stimmt, einige Studien liefern dazu verschiedene Antworten. Aber es liegt kein Beweis für Gesundheitsschäden jenseits der Grenzwerte vor." Eine kühne Behauptung, zumal Langzeitstudien eindeutige Ergebnisse liefern. Hinzu kommt, dass man inzwischen vielen unterschiedlichen Strahlungsquellen gleichzeitig ausgesetzt ist.

Die Summe macht es so gefährlich, auch bei niedriger Strahlung der einzelnen Geräte. Ausschlaggebend ist die Dosis, so Dr. Ulrich Warnke: "Dosis heißt Amplitude mal Zeit: bei einer niedrigen Amplitude ist man über lange Zeit genauso betroffen." Der Kunde wähnt sich oft in trügerischer Sicherheit. Kaum einer denkt an mögliche Gefahren, denn die Hersteller versichern ja, die Grenzwerte einzuhalten. Die Industrie wiederum macht es sich leicht und beruft sich auf die Empfehlungen der ICNIRP. Dr. Uwe Kullnick vom Branchenverband BITKOM begründet die Haltung: "Wenn man sich auf die Wissenschaft stützt, dann hören wir, dass es keine Hinweise gibt, dass elektromagnetische Felder unterhalb der Grenzwerte ... zu gesundheitlichen Folgen führen können."

Ein Erklärungsversuch

Obwohl sich selbst Bundesregierung und Bundesamt für Strahlenschutz einig darüber sind, dass Handlungsbedarf besteht, wiegelt der Vorsitzende der Kommission, Dr. Paolo Vecchia, ab: "Die Grenzwerte vorsorglich zu ändern wäre riskant und auch recht unpopulär, womöglich nicht machbar. Wenn man Werte festsetzen würde, die niedriger sind als die von der Wissenschaft bestätigten, lässt man unterschwellig eine Art Katastrophenalarm auf die Bevölkerung los."

Bloß keine Panik - und das auf Kosten der Gesundheit. Die Industrie kann sich über soviel Rücksichtnahme nur freuen. In der Wohnung von Stefan Schorer und seiner Freundin hat die Baubiologin noch weitere Strahlungsquellen entdeckt. Auch der WLAN-Anschluss vom Büro nebenan strahlt ins Schlafzimmer. Jetzt ist auch Stefan Schorer hellhörig geworden. Auf schnurloses Telefonieren zu Hause wird er in Zukunft verzichten.

05.05.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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