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Berlin/ Suleymaniah den 23.11.2007
Wadi e. V.: Presseeerklärung
Irakisch-Kurdistan: Gesetzantrag zum Verbot weiblicher
Genitalverstümmelung wurde dem kurdischen Parlament vorgelegt
Die Kampagne »Stop FGM in Kurdistan« hat in ihrem Engagement zum
gesetzlichen Verbot weiblicher Genitalverstümmelung in IrakischKurdistan
einen entscheidenden Durchbruch erzielt: dieser Tage wurde
den Abgeordneten des kurdischen Regionalparlament in Arbil ein
entsprechender Gesetzentwurf zur Abstimmung vorgelegt.
Zuvor hatten sich der Frauenausschuss des Parlaments, die Sprecherin
der Parlamentarierinnengruppe Pachschan Zangana sowie weitere
prominente Politikerinnen und Politiker der Region sehr für diese
Gesetzesinitiative eingesetzt. Ein Gesetzantrag im kurdischen Parlament
erfordert als besondere Auflage die Unterstützung von zehn
Parlamentariern und Parlamentarierinnen, welche jetzt ebenfalls
vorgewiesen werden konnte. Nunmehr obliegt es dem Parlament, in der
nächsten Zeit über diesen Gesetzentwurf abzustimmen. Zangana zeigt sich
optimistisch, dass noch in diesem Jahr ein entsprechendes Gesetz
verabschiedet werden würde.
WADI hat in den vergangenen Jahren Befragungen in 116 verschiedenen
Dörfern der Region vorgenommen. Von 3665 befragten Frauen und Mädchen
waren 2403 verstümmelt, dies entspricht einer Quote von 65%. Momentan
führt Wadi mit sechs mobilen Teams in ganz Irakisch-Kurdistan eine
wissenschaftliche Studie über Verbreitung und Ursachen von FGM durch.
„Die vorläufigen Ergebnisse sind erschreckend“, erklärt Suaad
Abdulrahman, Koordinatorin von Wadi in Suleymaniah, „in vielen Regionen
sind über 90% der Frauen verstümmelt.“
Eine durchschlagende Kampagne
Die Kampagne »Stop FGM in Kurdistan« (www.stopfgmkurdistan.org
<http://www.stopfgmkurdistan.org/> ) kann auf eine beeindruckende
Erfolgsgeschichte verweisen. Erst im April 2007 gegründet, fand sie
binnen kurzer Zeit über 14.000 Unterstützerinnen und Unterstützer.
Zunehmend konnten auch Entscheidungsträgerinnen und –träger für die
Sache gewonnen werden. Mit großflächigen Anzeigen in lokalen Zeitungen
und selbst Fernsehspots konnte sie das Bewusstsein und den
Kenntnisstand über diese Problematik in der Öffentlichkeit steigern und
eine breite öffentliche Diskussion anstoßen, die vorher kaum jemand für
möglich gehalten hätte. Dass dem Parlament nun nach nur einem halben
Jahr ein Gesetzantrag vorliegt, ist dem großen zivilgesellschaftlichen
Engagement der Fürstreiterinnen und Fürstreiter dieser Kampagne zu
verdanken.
»Stop FGM in Kurdistan« ist ein Zusammenschluss von lokalen Frauen- und
Menschenrechtsorganisationen, Ärztinnen und Anwältinnen und wird
unterstützt von der deutschen Hilfsorganisation WADI e.V.. Erst 2005
hatte die Organisation, die seit Anfang der 1990er Jahre Programme zur
nachhaltigen Förderung und Gleichstellung von Frauen in der Region
unterstützt, die Existenz weiblicher Genitalverstümmlung im Nordirak
öffentlich gemacht. »Bis dahin galt FGM als ein Problem afrikanischer
Staaten«, erklärt Cheman Rashid, die Projektkoordinatorin für Stärkung
von Frauen von WADI in Arbil. »Über dem Thema hängt ein Tabu, das die
Frauen darin gehindert hat, über ihre Probleme zu sprechen«.
Aufklärung: „FGM in fünf Jahren abschaffen“
Das anstehende rechtliches Verbot weiblicher Genitalverstümmlung wäre
ein erster großer Erfolg für die Kampagne. Die beteiligten
Organisationen sind sich allerdings einig, dass Verbote alleine das
Problem nicht lösen können. FGM (Female Genital Mutilation) ist eine
gesellschaftlich tief verwurzelte Praxis, die vor Ort sowohl
traditional als auch islamisch begründet wird. Aufklärung und
Unterstützung müssen daher mit dem Verbot einhergehen, Ursachen und
Wirkungsweisen von FGM genauer untersucht werden. Eine groß angelegte
wissenschaftliche Erhebung über Genitalverstümmlung, unterstützt von
internationalen Organisationen wie der Schweizer Caritas, hat im Sommer
begonnen. Sie wird von WADI durchgeführt und betreut. Bereits seit
einiger Zeit führt WADI ein Aufklärungsprogramm durch und sucht Frauen
vor allem in ländlichen Gebieten auf. Gemeinsam mit Vertretern der
Ministerin für Gesundheit, Erziehung, religiöse Angelegenheiten und
Justiz ist die Schaffung von Expertengruppen im Gange, um den Kampf
gegen FGM in Schulen, Krankenhäusern, durch Medienkampagnen und über
die Moscheen zu koordinieren.
Zudem ist eine landesweite Medienkampagne geplant.
„Wir haben uns nun das Ziel gesetzt mit Unterstützung von
Parlamentariern, Ministerien und Nichtregierungsorganisationen FGM
binnen der nächsten fünf Jahre weitgehend abzuschaffen“ erklärt
Abdulrahman.
Demokratische Initiative
Die bisherigen Erfolge im Kampf gegen FGM seien auf vorbildlich
demokratischer Weise erreicht worden und damit ein Beispiel für
mögliche zivilgesellschaftlichen Aktivitäten im Irak und IrakischKurdistan,
erklärt Falah Muradkin, Projektleiter von WADI im Irak.
„Noch nie hat es eine Petition ans Parlament gegeben, die auf so große
Resonanz gestoßen ist.“ Sowohl Parlament als auch Exekutive hätten von
Anfang an auf den öffentlichen Druck positiv reagiert und auch die
Medien der Region die Kampagne mit Aufmerksamkeit verfolgt.
Wie Cheman Rashid, Vertreterin von WADI in der kurdischen Hauptstadt
Arbil erklärte, sei diese Kampagne nicht nur für Irakisch-Kurdistan
wichtig: „Es gibt Indizien, dass FGM in der ganzen Region verbreitet
ist. In den anderen Ländern, wie Syrien oder dem Iran, existiert
allerdings keine Öffentlichkeit. Schon jetzt kontaktieren uns viele
Frauen aus anderen Ländern der Region und wünschen uns viel Erfolg,
denn sie hoffen, dass auch dort ähnliche Initiativen entstehen
könnten.“
Gez. A. Vormann WADI e. V.
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