|
Dass Butter und Milch teurer werden – damit hätten wir uns ja noch abfinden
können. Doch jetzt schreckt uns eine Horrormeldung auf: Die Bierpreise
werden in Zukunft deutlich anziehen. Schlechte Zeiten für Trinker, könnte
man meinen. Wer traurig ist, sollte Trost in der Lektüre suchen.
Vortrefflich dazu geeignet ist das sehr schön gestaltete Taschenbuch „Die
feine Art des Saufens“. Also, liebe Leser, entspannen Sie sich, machen Sie
eine gute Flasche Wein oder ein echtes deutsches Bier (wahlweise auch ein
tschechisches) auf und setzen sich in Ihren bequemsten Sessel. Frank Kelly
Richs kleines Trinkerbrevier hat rund 200 Seiten. Das macht geschätzte fünf
Stunden Lesezeit oder – anders formuliert – anderthalb Flaschen Wein oder
fünf bis sechs 0,5 Liter-Flaschen Gerstensaft.
Das Buch ist ein Angriff gegen all jene, die einen Kult um den eigenen
Körper treiben und die Gesundheit zu ihrer neuen Religion ernannt haben.
Laut Rich ist es „die lange überfällige Antwort auf die Armeen selbst
ernannter Kindermädchen, die uns glauben machen wollen, dass kein bisschen
Spaß den langen, grauen Marsch in die Arme des Todes unterbrechen dürfe.
Die Kriegserklärung an jene, die die Gesellschaft mit der Androhung
sozialer Ächtung dazu gebracht hat, alles (das Glück eingeschlossen) nur
in homöopathischen Dosen zu genießen. Und uns einreden wollen, dass alles
was uns Spaß macht, schlecht sein müsse.“ Manch einer wird hier an das
Rauchverbot in Deutschland denken. Doch Vorsicht: Im Gegensatz zu ihren
qualmenden Mitmenschen schädigen die passionierten Schluckspechte nur ihre
eigene Gesundheit. Was übrigens auch in Frage gestellt werden muss, denn
Wein ist ja bekanntlich ein reines Wellness-Getränk.
Es ist nahezu unmöglich, den geistvollen Gehalt dieses Handbuchs für
Trinker wiederzugeben. Wer die 77 Säuferregeln, die bacchantischen Tempel
(Bars und Kneipen), Partystrategien, die Kraft des positiven Trinkens,
Umgangsformen im Verhalten gegenüber Abstinenzlern oder die Geschichte des
Alkohols kennen lernen will, muss dieses Buch kaufen. Oder machen Sie es
wie der Rezensent und bestellen sich ein Leseexemplar. Das gesparte Geld
können Sie dann getrost in den eigenen Alkoholvorrat investieren...
Der Autor hat die Gabe, schwierige Sachverhalte auf den Punkt zu bringen.
Zum Beispiel: „Einer Unbekannten einen auszugeben, hat nach wie vor Stil.
Es den ganzen Abend zu tun, ist dumm“ oder „Besoffen zu sein, heißt, sich
eloquent fühlen, ohne es aussprechen zu müssen.“ Tiefsinniger wird es in
dem Kapitel „Das Zen des einsamen Trinkens“. Es ist eine böswillige Mär,
dass das einsame Trinken keinen Spaß macht. Wahrscheinlich wurde diese
zweifelhafte Weisheit von rheinischen Frohnaturen in die Welt gesetzt, die
sich nur im Kollektiv wohl fühlen. Auf ein gepflegtes Bierchen ist immer
Verlass, vorausgesetzt, man hat den Kühlschrank gefüllt. Von seinen
zweibeinigen Mitbürgern auf Erden kann man eine solche Verlässlichkeit und
Treue nicht erwarten.
Als Beigabe zum einsamen Trinken empfiehlt Rich langsame, melodielastige
Musik wie Tom Waits, das Jackie Gleason Orchestra, Johnny Cash oder
Portishead. Aus eigener Anschauung raten wir ferner zu Leonard Cohnen –
vorausgesetzt, man hat keine eigene Waffe im Haus und die nächste
Autobahnbrücke ist weit entfernt – oder Morrissey. Als Lektüre die Bücher
von Richard Yates, auch er ein begnadeter Trinker, zeitlebens als
Schriftsteller verkannt, so dass er sich als Werbetexter, Redenschreiber
und Dozent an zweitklassigen Lehranstalten durchschlagen musste. Daher
eine persönliche Empfehlung: Kaufen Sie sich die großartigen Romane
„Zeiten des Aufruhrs“ und „Easter Parade“ sowie den Erzählungsband „Elf
Arten der Einsamkeiten“ von Richard Yates. Anschließend haben Sie eine
gehörige Depression, die sich nur mit Alkohol kurieren lässt. Hier
schließt sich der Kreis.
Frank Kelly Rich: Die feine Art des Saufens. Ein Handbuch für den modernen
Trinker. Tropen Verlag http://www.tropen-verlag.de: Berlin 2007. 202
Seiten. ISBN 978-3-932170-96-6. 14,80 Euro.
|