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WAZ: Sechs-Tage-Schule im Gespräch Mit der heißen Nadel gestrickt -
Leitartikel von Rolf Potthoff
Essen (ots) - Was hat die Politik für die Bürger zu leisten? Dass
Herausforderungen angenommen werden, die für das möglichst
reibungslose Funktionieren des Staates gemeistert werden müssen. Dass
Probleme und Hindernisse frühzeitig erkannt und gelöst werden, die
das Ziel, siehe oben, behindern könnten. Dabei darf, dabei muss die
Politik streiten - aber um der Sache wegen. Die muss immer Kern des
Mühens bleiben.
Mit der Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur hat sich die
Politik einer gesellschaftspolitischen und ökonomischen
Herausforderung gestellt und sie hat die richtige Entscheidung
getroffen. Jedoch - nur im Prinzip. Jetzt werden handwerkliche Fehler
offenbar: Der Stundenplan an weiterführenden Schulen ist so opulent
und dicht gepackt, dass an regulären Samstagsunterricht gedacht wird.
Der aber wurde nicht zuletzt aus guten familienpolitischen Gründen
abgeschafft. Dass er wieder auf die Tagesordnung kommt, ist ein Hohn:
Alle Parteien entdecken in diesen Tagen die Familie neu. Die Familie
erlebt in der Politik eine Renaissance, weil sie auch in der modernen
Welt als Stätte der Geborgenheit, des Grundvertrauens in soziale
Beziehungen, der Wertevermittlung gilt. Oder ist dies alles nur
Politikers Sonntags-Gerede?
Die Probleme einer verkürzten Schulzeit hätten früher erkannt -
und gelöst werden müssen. Es gibt bessere Möglichkeiten, den
Unterrichtsstoff so zu verteilen, dass er Jugendliche nicht
stresshaft überfordert und die Lust am Lernen gänzlich vergällt.
Bieten nicht Ferien genug Chancen zur Disposition? Müssen sie so lang
sein, kann man nicht neue Ferienordnungen organisieren?
Vor allem: Was ist mit dem Ganztagsbetrieb? Wo immer Schüler in
internationalen Leistungsstudien gut und vor den deutschen
abschneiden, besuchen sie den Ganztagsunterricht. Er bietet:
Förderung von Schwächeren; Entlastung berufstätiger Eltern bzw.
Alleinerziehender; einen auf den Tag verteilten Wechsel zwischen
Lernen und Erholen und er macht einen Sechs-Tage-Unterricht
überflüssig. Nicht zuletzt: Ganztagsschulen können sich besser
profilieren, eine eigene "Identität" schaffen. "Dazu zu gehören" wird
Schüler mit Sicherheit mehr motivieren - nicht schlecht für den
Lernerfolg.
Natürlich kostet Ganztagsbetrieb mehr Geld. Betreuung und
Verpflegung (in eigener Küche) haben ihren Preis. Doch wenn Bildung
wirklich "Prioritätstufe 1" genießt, um Teilhabe-Gerechtigkeit zu
erzielen und um in globaler Konkurrenz wettbewerbsfähig zu bleiben -
wie die Politik unermüdlich behauptet - ist der Preis nicht zu hoch.
Originaltext: Westdeutsche Allgemeine Zeitung
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