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http://www.tagesspiegel.de/wissen-forschen/archiv/06.11.2006/2878845.asp
Exzellenz ohne Legitimität
Machtkartelle und Oligarchien siegen über Leistung: Wie im Elitewettbewerb
entschieden wurde
Von Richard Münch
Eine international wettbewerbsfähige Gesellschaft bedarf der Förderung von
Exzellenz. Darauf zielt die "Exzellenzinitiative" zur Förderung von
Wissenschaft und Forschung an den deutschen Hochschulen ab. Die Hochschulen
wurden eingeladen, sich um die Finanzierung von Graduiertenschulen,
Exzellenzclustern und Zukunftskonzepten einer Spitzenuniversität zu
bewerben. Das hat für viel Bewegung an den Hochschulen gesorgt.
Nach der Entscheidung in der ersten Runde ist die Exzellenzinitiative
allerdings in die Kritik geraten. Den wenigen Gewinnern stehen viele
frustrierte Verlierer gegenüber, die viel Zeit und Energie in gescheiterte
Anträge gesteckt haben und vergeblich nach rationalen Gründen suchen, die
ihnen erklären, warum sie nicht zum Zuge gekommen sind. Erstaunen und
Irritation ruft hervor, dass eine ganze Reihe von Anträgen nicht gefördert
wurde, die nach dem kritischen Urteil der Gutachter vor der entscheidenden
Sitzung des Bewilligungsausschusses besser als die später siegreichen
Anträge waren oder gleichauf mit ihnen rangierten. Erstaunen ruft auch
hervor, dass die drei mit Elitestatus ausgezeichneten Universitäten
keineswegs als unumstrittene Sieger durchs Ziel gingen, wie es in den
Verlautbarungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des
Wissenschaftsrates heißt.
Unterzieht man die Verteilung der Forschungsmittel auf die Hochschulen einer
statistischen Analyse, dann stößt man auf erstaunliche Zusammenhänge. Nicht
der offene Wettbewerb und Leistungsdifferenzen sind die maßgeblichen
erklärenden Faktoren, sondern Machtkartelle, Monopolstrukturen und
Oligarchien. Sie sorgen für ein eklatantes Missverhältnis zwischen der
Konzentration von Forschungsgeldern auf wenige Standorte im Zentrum des
akademischen Feldes und der ganz anders verteilten Produktivität in der
Einwerbung von Drittmitteln und im Output an Publikationen pro eingesetztem
Personal.
Nach DFG-Statistik vereinnahmen nur 17 von etwa 100 Universitäten die Hälfte
aller DFG-Bewilligungen zur Forschungsförderung. Das aktuelle
Forschungs-Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung(CHE) ermittelt eine
Spitzengruppe von acht "forschungsstarken Universitäten". Daraus wird
geschlossen, dass sich in der Tat schon einige "Spitzenuniversitäten" von
der Masse der "höheren Lehranstalten" abgesetzt hätten.
Unterzieht man diese These einer genaueren Prüfung, dann zeigt sich jedoch,
dass sie sich ausschließlich auf das absolute Drittmittelaufkommen der
Standorte und auf Faktoren wie Traditionsstatus, Größe, Dominanz von Natur-,
Bio- und Ingenieurwissenschaften sowie Medizin und Mitgliedschaften in
Akademien und DFG-Ausschüssen stützt.
Ein Blick auf die Einwerbung von Forschungsgeldern pro Professor und erst
recht pro Wissenschaftler vermittelt jedoch ein anderes Bild. Die
Differenzen zwischen den Standorten schrumpfen deutlich zusammen. Einige
Standorte fallen von der Spitze ins Mittelfeld zurück. So findet sich
beispielsweise die mit "Elitestatus" versehene LMU München bei den
DFG-Bewilligungen pro Wissenschaftler 2003 auf Rang 32 und 2006 auf Rang 26
unter 80 einbezogenen Hochschulen. Gut 10 dahinter liegende Hochschulen
kommen auf ähnliche Werte. Es fällt auf, dass mittlere und kleinere
Hochschulen größere Effizienz in der Nutzung ihrer Personalkapazität
erreichen als Großstandorte.
Der harte Prüfstein, ob die Konzentration von Forschungsgeldern auf wenige
auserwählte Hochschulen die Forschungsleistungen und die internationale
Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland steigert, ist der
Publikationsoutput. Nur wissenschaftliche Publikationen beweisen die
Effizienz der Investition von Forschungsmitteln. Das lässt sich anhand von
Daten des CHE-Forschungs-Rankings überprüfen.
Legen wir diese Daten zugrunde, dann ist zu sehen, dass die absoluten
Publikationswerte mit der Summe der eingeworbenen Drittmittel steigen,
allerdings nur in einem eng begrenzten Maße. Nur sehr schwach, in der ganz
überwiegenden Mehrzahl der Fächer überhaupt nicht, ist ein Zusammenhang
zwischen dem absoluten beziehungsweise relativen Drittmittelinput und den
relativen Publikationswerten pro Professor zu erkennen.
Wir können also die große Ungleichheit der Verteilung von Forschungsgeldern
nicht durch Leistungsdifferenzen - beziehungsweise "Exzellenz" - erklären.
Wäre "Exzellenz" der erklärende Faktor für die hohe Konzentration der Gelder
auf wenige Standorte, dann müsste sich eine Konzentration auf dieselben
Hochschulen auch bei den Werten für die Einwerbung von Forschungsgeldern und
für die Publikationen relativ pro eingesetztem wissenschaftlichem Personal
zeigen.
Als alternative Erklärung drängt sich eine auf wenige Standorte
konzentrierte Machtverteilung im akademischen Feld auf. Demnach ist hier
weniger von einem Kompetenzfeld als von einem Machtfeld zu sprechen, in dem
eine kleine Gruppe von Hochschulen trotz nur durchschnittlicher
Forschungsproduktivität den größten Teil der Forschungsmittel der DFG an
sich zieht.
Als Machtbasis dieser Gruppe ist ihre überproportionale Vertretung in den
DFG-Ausschüssen zu identifizieren. Mit 59 Mitgliedern haben im Jahr 1998 nur
zehn Hochschulen zusammen mit der Max-Planck-Gesellschaft mehr als die
Hälfte der 110 wissenschaftlichen Mitglieder von Präsidium, Senat,
Bewilligungsausschüssen für Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs
und dem Auswahlausschuss für den Heinz-Maier- Leibniz-Preis in der DFG
gestellt. Im Jahr 2005 hat dieselbe Gruppe mit 329 Mitgliedern ebenfalls
mehr als die Hälfte der Sitze in den entscheidenden Ausschüssen besetzt. Sie
sind auch im Bewilligungsausschuss für die Exzellenzinitiative
überproportional vertreten.
Diese hohe Konzentration von Ausschussmitgliedschaften wirkt wie ein
latentes Machtkartell, das die Forschungsmittel ohne direkte Absprache
zwangsläufig auf die Mitglieder des Kartells konzentriert. Die
Kartellmitglieder teilen ein Klubgut, das ihnen umso größeren Nutzen bringt,
je kleiner der Kreis der Nutznießer gehalten wird. Die Mitglieder von
Bewilligungsausschüssen handeln nicht in einem wissenschaftspolitischen
Vakuum, sondern in einem wissenschaftlichen Machtfeld, in dem die Vertretung
von Hochschulen im Zentrum der Macht von entscheidender Bedeutung ist. Vor
diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass unter den umstrittenen
Anträgen im Exzellenzwettbewerb vor allem diejenigen eine Hochstufung
erfuhren, die von den später gekürten "Elite"-Universitäten eingereicht
worden waren.
An dieser Sachlage wird sich auch in der zweiten Runde des
Exzellenzwettbewerbs nichts ändern. Wenn dann jetzt gescheiterte Kandidaten
aus dem Kartell der Mächtigen doch noch den Elitestatus erlangen, werden
sich alle fragen, warum es dazu eines zweiten Anlaufs bedurfte. Das
Verfahren offenbart hier einen Mangel an Legitimität. Es führt dazu, dass im
Vergleich ungerechtfertigte Belohnungen verteilt werden und sich alle
Spitzenforscher in den marginalisierten Disziplinen und an degradierten
Fachbereichen und Standorten um den Lohn ihrer Arbeit betrogen sehen.
Inzwischen herrscht keine "Aufbruchstimmung" mehr, sondern blanker Zorn.
Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität Bamberg und
Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs "Märkte und Sozialräume in Europa". Er
hat eine empirische Untersuchung über das System der Forschungsförderung in
Deutschland durchgeführt, deren Ergebnisse im Mai 2007 unter dem Titel "Die
akademische Elite. Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz"
in der edition suhrkamp publiziert werden. Ein ausführlicher Aufsatz zum
Thema erscheint in Heft 4, 2006 (Dezember), der Berliner Zeitschrift für
Sozialwissenschaft, Leviathan. (06.11.2006)
"Der kleine Dienstag aber wich nicht vom Apparat."
Der kleine Dienstag
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