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Westdeutsche Zeitung: Schulsystem = von Anja Clemens
Düsseldorf (ots) - Für nordrhein-westfälische Landesregierungen
ist die Einheitsschule ein ideologischer Kampfbegriff, mit dem man
seine Wähler nur vergraulen kann. Deshalb wurde in den vergangenen
Jahrzehnten jede Diskussion über eine Gemeinschaftsschule im Keim
erstickt. Dass Christdemokraten und Liberale am dreigliedrigen
Schulsystem festhalten, liegt an ihrem bildungspolitischen
Verständnis. Aber auch die SPD schaffte es in ihrer 39-jährigen
Regierungszeit nicht, das von ihr favorisierte Modell durchzusetzen.
"Die Gesellschaft ist noch nicht bereit dafür", hieß es
entschuldigend hinter vorgehaltener Hand. Erst jetzt - als
Oppositionspartei - gehen die Sozialdemokraten in die Offensive. Ein
wenig spät, wenn man bedenkt, dass Pisa bereits 2001 auf die
Ungerechtigkeit des deutschen Modells hingewiesen hat.
Die Eltern jedenfalls quittieren das politische Hickhack auf ihre
Weise: Wohl wissend, dass sich Regierung und Opposition noch lange
über den richtigen Weg zu guter Bildung streiten werden, stimmen sie
mit den Füßen ab - die hohen Anmeldezahlen für die Gesamtschulen
sprechen eine deutliche Sprache.
Sie haben erkannt, dass das dreigliedrige Schulsystem zum Sterben
verurteilt ist. Den Anfang macht die Hauptschule, die seit langem
dahinsiecht. Hier landen nur noch die so genannten Problemschüler,
die auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt nie eine echte Chance
erhalten. Weder engagierte Lehrer noch die Ganztagsinitiative der
Landesregierung werden daran etwas ändern können. Auch Eltern von
Migrantenkindern haben dies inzwischen erkannt. Doch wenn die
Hauptschule wegbricht, stimmt die Statik des dreigliedrigen Systems
nicht mehr. Dann wird die Realschule mittelfristig die Rolle der
Basisschule übernehmen - und damit all ihre Probleme.
Rüttgers & Co. machen keinen Hehl daraus, dass ihnen an der
Gesamtschule nichts liegt. Doch mit ihrem Schulgesetz verschaffen sie
gerade ihr ungeahnten Zulauf. Denn viele Eltern wählen die
Gesamtschule nicht zuletzt deshalb, weil sie in neun Jahren - und
nicht wie das Gymnasium in acht - zum Abitur führt. Das gibt gerade
Spätzündern eine Chance. Außerdem zeigen die Lernstandserhebungen,
dass auch in Gesamtschulen gute Arbeit geleistet wird. Das wird die
Regierung nicht länger ignorieren können.
Anja Clemens-Smicek
Politikredaktion
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