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http://www.stern.de/wirtschaft/unternehmen/unternehmen/615031.html
stern.de - 27.3.2008
EXTRA: Der Lidl-Skandal
Überwachungsskandal - Lidl gibt Bespitzelung zu
Stasi-Methoden bei Lidl: Monatelang haben Detektive im Auftrag des
Discounters in Filialen Mitarbeiter ausspioniert und intimste Details aus
deren Privatleben protokolliert. Der stern und stern.de deckten diesen
Überwachungsskandal auf. Nun hat Lidl mögliche Bespitzelungen eingeräumt.
Der Lebensmitteldiscounter Lidl ließ voriges Jahr systematisch die
Beschäftigten in zahlreichen Filialen überwachen. Dem stern und stern.de
liegen mehrere hundert Seiten interner Lidl-Protokolle vor, in denen jeweils
mit Tag und Uhrzeit notiert ist, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die
Toilette gehen, wer mit wem möglicherweise ein Liebesverhältnis hat, wer
nach Ansicht der Überwacher unfähig ist oder einfach nur "introvertiert und
naiv wirkt". Die meisten dieser Einsatzberichte stammen aus Lidl-Filialen in
Niedersachsen, dazu kommen einzelne Abhörberichte aus Rheinland-Pfalz,
Berlin und Schleswig-Holstein.
Die Überwachung funktionierte immer nach dem gleichen Muster: Montag morgen
installierten von Lidl beauftragte Detektive in der jeweiligen Filiale meist
zwischen fünf und zehn Miniaturkameras. Dem Filialleiter wurde erzählt, es
gehe darum Ladendiebe aufzuspüren. Tatsächlich notierten die Detektive aber
auch ihre genauen Beobachtungen der Lidl-Mitarbeiter.
Kritik an Lidl
Achim Neumann, Handelsexperte der Gewerkschaft Verdi, erklärte gegenüber dem
stern, er sei zwar einiges gewohnt von Lidl, von solch einer systematischen
Mitarbeiterüberwachung aber habe er noch nie gehört. "Diese Dimension ist
mir völlig neu." Der Hamburger Arbeitsrechtler Klaus Müller-Knapp, dem die
Protokolle vorab gezeigt wurden, hält sie für "in höchstem Maße skandalös",
weil es nicht um Arbeits-, sondern um Verhaltenskontrolle geht. "Das stellt
einen klaren Verstoß gegen Artikel zwei Grundgesetz dar, der die freie
Entfaltung der Persönlichkeit schützt."
Lidl selbst bestritt die Existenz der Protokolle gegenüber dem stern nicht,
behauptet aber zunächst, sie "dienen nicht der Mitarbeiterüberwachung,
sondern der Feststellung eventuellen Fehlverhaltens", so Lidl-Sprecherin
Petra Trabert. Auch von den detaillierten Protokollen aus der Privatsphäre
der Beschäftigten distanziert sich das Unternehmen im Nachhinein und
erklärt, die "Hinweise und Beobachtungen entsprechen weder im Umgangston
noch in der Diktion unserem Verständnis vom Umgang miteinander."
Mittlerweile räumte Lidl ein, dass in einzelnen Filialen Mitarbeiter
möglicherweise mit Überwachungskameras bespitzelt wurden. "Ich kann zum
jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass es dazu Aufträge gegeben hat",
sagt das Mitglied der Lidl-Geschäftsführung, Jürgen Kisseberth, am Mittwoch
in Neckarsulm. "Das war aber nicht der Auftrag der Geschäftsleitung." Die
zwei Detekteien hätten den Auftrag gehabt, über Kameraanlagen vor allem
Diebstähle von Kunden aufzudecken.
Erst wenn alle Aufträge im Bundesgebiet geprüft worden seien, könnten alle
Verdachtsmomente ausgeschlossen werden, erklärte Kisseberth.
Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, erklärte gegenüber
dem stern, dass das Protokollieren eines Toilettenbesuchs und ähnliches
einen schweren Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz darstelle: "Ich
gehe davon aus, dass, wenn solche Vorgänge bekannt werden, die zuständige
Datenschutzbehörde tätig wird und Ermittlungen einleitet."
Wegen der Mitarbeiterbespitzelung ist Lidl nun ins Visier von Datenschützern
gerückt. Es werde datenschutzrechtlich geprüft, ob die Beschäftigten in
zahlreichen Filialen systematisch überwacht wurden, sagte eine Sprecherin
des baden-württembergischen Innenministeriums am Mittwoch in Stuttgart. Die
Datenschützer für den nicht-öffentlichen Bereich in Baden- Württemberg
werden nach Angaben des Innenministerium den Fall unter die Lupe nehmen.
"Der Sachverhalt muss aufgeklärt werden", betonte die
Ministeriumssprecherin.
Günther Schedler, Datenschutzbeauftragrer in Baden-Württemberg, kritisierte
im Gespräch mit stern.de vor allem die Organisation von Lidl: "Das Problem
bei Lidl fängt mit der Verschachtelung des Unternehmens in eine Vielzahl von
Unterfirmen an. Wir müssen prüfen, welche GmbH & Co KG für was
verantwortlich ist", sagte er und kündigte an, den Fall genau zu prüfen:
"Man muss sich das wohl Filiale für Filiale genau ansehen. Wir werden Lidl
einige Fragen stellen."
Von Markus Grill und Malte Arnsperger
Artikel vom 25. März 2008
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Überwachung per Kamera bei Lidl: Dem stern und stern.de liegen
Videoaufnahmen und Protokolle der Mitarbeiterbespitzelung vor
http://www.stern.de/_content/61/50/615031/2603_lidl_380.jpg
Zitate aus den Lidl-Protokollen
http://www.stern.de/wirtschaft/unternehmen/unternehmen/614776.html
Überwachungsprotokoll: "Frau M. ist an beiden Unterarmen tätowiert"
http://www.stern.de/politik/panorama/614792.html
So ließ Lidl Mitarbeiter bespitzeln [Video]
http://www.stern.de/wirtschaft/unternehmen/unternehmen/615031.html
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27586/1.html
TELEPOLIS
Arbeiten wie im Big-Brother-Camp
Reinhard Jellen 26.03.2008
Lidl ließ seine Mitarbeiter widerrechtlich überwachen
Die Liste der Repressionen der Discounterkette Lidl (1) gegen ihre
Mitarbeiter umfasst systematischen Arbeitsdruck, unbezahlte Mehrarbeit,
lange Arbeitszeiten, ungerechtfertigte Entlassungen, Kreuzverhöre, Mobbing,
extrem gewerkschaftsfeindliches Verhalten sowie die Überwachung und
Ausspionierung des Personals. In welch grotesken Ausmaßen das Unternehmen
seine Angestellten durch Privatdetektive hat Bespitzeln lassen, wird nun
durch einen Bericht des Stern (2) offenbar, der morgen erscheinen soll. Nach
Aussage des Nachrichtenmagazins wurden diesem mehre hundert Seiten aus
Überwachungsprotokollen zugespielt.
Danach ließ der Discounter durch Detektive in seinen Filialen
Miniaturkameras anbringen, die angeblich Ladendiebstähle erfassen sollten,
tatsächlich aber auf das eigene Personal gerichtet waren. Auch
Liebesbeziehungen, Arbeitsmoral und Toilettenaktivitäten wurden sorgfältig
protokolliert. Sogar rein Privates wie die finanzielle Situation, das
Aussehen oder der Freundeskreis wurden sorgfältig dokumentiert. Vor allem
aus Niedersachsen, aber auch aus Rheinland-Pfalz, Berlin und
Schleswig-Holstein sind solche Protokolle aufgetaucht.
Diese Überwachungspraktiken stellen einen schwerwiegenden Verstoß gegen
Grundgesetz und Datenschutz dar. Sowohl der Arbeitsrechtler Klaus Müller
Knapp (3), der einen "klaren Verstoß gegen Artikel zwei Grundgesetz" beklagt
(welcher "die freie Entfaltung der Persönlichkeit schützt") als auch der
Bundesbeauftragte für Datenschutz, Peter Schaar (4), kritisierten das
Vorgehen des nach ALDI zweiterfolgreichsten Billiganbieters scharf. Die
Pressesprecherin des Unternehmens, Petra Trabert, bestätigte die Existenz
solcher Protokolle, erklärte allerdings, diese dienten nicht der Überwachung
des Personals, sondern der "Feststellung eventuellen Fehlverhaltens".
Das mächtige (5) Unternehmen, bei dem die Deutschen im Durchschnitt pro Jahr
416 Euro (6) lassen, steht aufgrund der Arbeitsbedingungen und der
ungewöhnlich gewerkschaftsfeindlichen Haltung bereits seit längerem im Fokus
einer Kampagne der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Im "Schwarzbuch Lidl"
(7), wurde bereits ausführlich dokumentiert, wie der Erfolg des vom
Geschäftsgebaren des amerikanischen Branchenriesen Wal Mart (8) inspirierten
Betriebes über eine extreme Ausbeutung der Angestellten bewerkstelligt wird.
Daneben versuchte Lidl auch massiv die Gründung von Betriebsräten (9) zu
verhindern.
Im Jahr 2004 bekam der Billiganbieter wegen seiner "menschenverachtenden
Methoden" einen "Big Brother Award" (10) verliehen. Begründet wurde dies
unter anderem damit, dass in Tschechien Toilettengänge für Lidl-Mitarbeiter
während der Arbeitszeit verboten seien. Lediglich Frauen, die ihre
Menstruation hätten, dürften die sanitären Anlagen aufsuchen, müssten dafür
allerdings auch ein Stirnband tragen.
Links
(1) http://www.labournet.de/branchen/dienstleistung/eh/lidl-darst.html
(2) http://www.stern.de/wirtschaft/unternehmen/unternehmen/615031.html
(3) http://www.netzeitung.de/wirtschaft/unternehmen/948757.html
(4) http://www.welt.de/wirtschaft/article1837424.html
(5) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21111/1.html
(6) http://www.finanzen.net/nachricht/_686055
(7) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23126/1.html
(8) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25540/1.html
(9) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19005/1.html
(10) http://www.bigbrotherawards.de/2004/.work
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