|
Dieser Text unterliegt dem Urheberrecht und dient exklusiv Ihrer
persönlichen Information.
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/raub0766.html
Schattenblick > INFOPOOL > POLITIK > KOMMENTAR
"Dumm macht dick"
Sozialrassismus der Eliten
Die mit der Präsentation der Nationalen Verzehrstudie angeblich zur
Gewißheit verdichtete Schmähung, laut der "dick dumm macht", ist gezielt
darauf abgestellt, Menschen in einem klassenspezifischen Sinne zu
diskriminieren und disziplinieren. Von einer Wissenschaft, die den
Interessen und Zwängen kapitalistischer Vergesellschaftung unterliegt, ist
allerdings nichts anderes zu erwarten, als daß ihre sozialmedizinischen
Maßstäbe rassistische Stereotypien produzieren.
Das Problem beginnt nicht mit der angeblich unzureichenden Aufklärung
"bildungsferner Schichten" durch paternalistische Sozialingenieure, sondern
setzt bereits an der Bemessung der individuellen Leiblichkeit durch soziale
und medizinische Parameter an. Schon die Unterstellung, es gebe so etwas wie
eine "richtige Ernährung", wird durch nichts eindrucksvoller widerlegt als
durch die kontroversen, in den Zyklen vorherrschender Meinungen eher Moden
denn unbestreitbaren Untersuchungsergebnissen folgenden Behauptungen der
Ernährungsphysiologie. Über Selbstverständlichkeiten - wie die jedem
Menschen unmittelbar einleuchtende Erkenntnis, daß zu viel selten gut tut -
hinaus ist die heilige Kuh der gesunden Ernährung so sehr Götze ganz anderer
Interessen als dem am allgemeinen Wohlbefinden, daß die damit befaßten
Institute alle Mühe haben, ihre Existenzberechtigung durch systemkonforme
Fragestellungen und daraus resultierende Forschungsergebnisse zu
legitimieren.
Zweifellos unterliegt die Art und Weise, wie sich der Mensch ernährt,
sozialen und kulturellen Einflüssen. Wenn man unter objektiver Wissenschaft
jedoch versteht, die Körpermaße einer Gruppe von Probanden zu erfassen und
mit ihren Sozialdaten zu korrelieren, um schließlich eine statistisch
verifizierte Korrelation zwischen Bildungsstand, Status und Leibesfülle zu
erwirtschaften, dann hat man einer ganzen Kette von Bedingheiten ein Glied
entnommen, um es gesellschaftlichen Zwängen zu entheben, unter denen
Fettleibigkeit noch eines der geringsten Probleme ist.
So können noch so breit annoncierte Empfehlungen, mehr Gemüse und Obst zu
essen, nicht befolgt werden, wenn das für die Ernährung verfügbare Geld
einfach nicht reicht. Wenn sogar propagiert wird, daß Nahrungsmittel teurer
werden müßten, um die Bauern zur Produktion und die Kunden zum Kauf von
besserer Qualität zu nötigen, dann zeigt sich, daß die gesundheitspolitische
Diätetik auf die Aushungerung derjenigen Menschen hinausläuft, die ohnehin
schon ausgegrenzt sind und sich daher am wenigsten wehren. So sollte nicht
vergessen werden, daß die Welternährungslage immer prekärer wird und die
Einübung einer Form von nahrungstechnischer Mangelkontrolle durchaus im
Sinne herrschender Kräfte ist. Daß deren Wohlleben eben nicht
verallgemeinert werden soll, belegt nicht nur die immer tiefer werdende
Kluft zwischen Arm und Reich in der Bundesrepublik, sondern zeigt sich auch
daran, daß der wachsende Lebensstandard in China und anderen aufstrebenden
Ländern des Südens als Bedrohung des eigenen Ressourcenverbrauchs verstanden
wird.
Nicht minder gravierend für die körperliche Verfassung sind Arbeitsdruck und
sozialer Streß. Diese Belastungen verhindern nicht nur, daß man sein Essen
in Ruhe zubereitet und zu sich nimmt, sondern nötigen auch zu
kompensatorischem Konsum, um sie überhaupt durchstehen zu können. Wem sich
aufgrund seines Einkommens nicht jene leicht zugänglichen Möglichkeiten zur
körperlichen Regeneration eröffnen, die Wellnessindustrie und
Luxusgastronomie anbieten, der ist von vornherein dazu verdammt, sich seiner
Klassenzugehörigkeit gemäß verbrauchen zu lassen.
Es ist kein Zufall, daß die medial inszenierte Glorifizierung der
Schlankheit ein Elitenideal verkörpert, während Dickleibigkeit häufig auf
verächtliche und unsympathische Weise dargestellt wird, sondern Ausdruck von
sozialchauvinistischem Rassismus. Dem frönt die Unterstellung
unterschichtenspezifischer Prävalenz von Fettleibigkeit schon damit, daß sie
nicht den Klassenwiderspruch im eigenen Land und das imperialistische
Verhältnis zu den Ländern des Südens zum Problem einer für das Gros der
Menschen unzureichenden Ernährung erhebt, sondern herrschaftskonforme
Atomisierung produziert, indem der individuellen Bezichtigung in Gestalt
disziplinatorischer Maßnahmen wie etwa an physiologische Normwerte
gekoppelter Krankenkassenbeiträge oder der absehbaren Ausgabe von
Sachleistungen anstelle von Geld an besonders eigenwillige "Unterschichtler"
Vorschub geleistet wird.
31. Januar 2008
--
MA-Verlag Helmut Barthel, e.K. · Redaktion Schattenblick · Dr. Susanne
Schöning · Dorfstraße 41, 25795 Stelle-Wittenwurth · Telefon 04837/901-229 ·
Fax 04837/901-230 · E-Mail: ma-verlag.redakt.schattenblick ät gmx.de ·
www.schattenblick.de
"Der kleine Dienstag aber wich nicht vom Apparat."
derkleinedienstag@jpberlin.de
www.kommunikationssystem.de
www.zlb.de/projekte/kaestner/emil/dienstag.jpg
|