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"Dumm macht dick" ... Sozialrassismus der Eliten

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"Dumm macht dick"

Sozialrassismus der Eliten

Die mit der Präsentation der Nationalen Verzehrstudie angeblich zur Gewißheit verdichtete Schmähung, laut der "dick dumm macht", ist gezielt darauf abgestellt, Menschen in einem klassenspezifischen Sinne zu diskriminieren und disziplinieren. Von einer Wissenschaft, die den Interessen und Zwängen kapitalistischer Vergesellschaftung unterliegt, ist allerdings nichts anderes zu erwarten, als daß ihre sozialmedizinischen Maßstäbe rassistische Stereotypien produzieren.

Das Problem beginnt nicht mit der angeblich unzureichenden Aufklärung "bildungsferner Schichten" durch paternalistische Sozialingenieure, sondern setzt bereits an der Bemessung der individuellen Leiblichkeit durch soziale und medizinische Parameter an. Schon die Unterstellung, es gebe so etwas wie eine "richtige Ernährung", wird durch nichts eindrucksvoller widerlegt als durch die kontroversen, in den Zyklen vorherrschender Meinungen eher Moden denn unbestreitbaren Untersuchungsergebnissen folgenden Behauptungen der Ernährungsphysiologie. Über Selbstverständlichkeiten - wie die jedem Menschen unmittelbar einleuchtende Erkenntnis, daß zu viel selten gut tut - hinaus ist die heilige Kuh der gesunden Ernährung so sehr Götze ganz anderer Interessen als dem am allgemeinen Wohlbefinden, daß die damit befaßten Institute alle Mühe haben, ihre Existenzberechtigung durch systemkonforme Fragestellungen und daraus resultierende Forschungsergebnisse zu legitimieren.

Zweifellos unterliegt die Art und Weise, wie sich der Mensch ernährt, sozialen und kulturellen Einflüssen. Wenn man unter objektiver Wissenschaft jedoch versteht, die Körpermaße einer Gruppe von Probanden zu erfassen und mit ihren Sozialdaten zu korrelieren, um schließlich eine statistisch verifizierte Korrelation zwischen Bildungsstand, Status und Leibesfülle zu erwirtschaften, dann hat man einer ganzen Kette von Bedingheiten ein Glied entnommen, um es gesellschaftlichen Zwängen zu entheben, unter denen Fettleibigkeit noch eines der geringsten Probleme ist.

So können noch so breit annoncierte Empfehlungen, mehr Gemüse und Obst zu essen, nicht befolgt werden, wenn das für die Ernährung verfügbare Geld einfach nicht reicht. Wenn sogar propagiert wird, daß Nahrungsmittel teurer werden müßten, um die Bauern zur Produktion und die Kunden zum Kauf von besserer Qualität zu nötigen, dann zeigt sich, daß die gesundheitspolitische Diätetik auf die Aushungerung derjenigen Menschen hinausläuft, die ohnehin schon ausgegrenzt sind und sich daher am wenigsten wehren. So sollte nicht vergessen werden, daß die Welternährungslage immer prekärer wird und die Einübung einer Form von nahrungstechnischer Mangelkontrolle durchaus im Sinne herrschender Kräfte ist. Daß deren Wohlleben eben nicht verallgemeinert werden soll, belegt nicht nur die immer tiefer werdende Kluft zwischen Arm und Reich in der Bundesrepublik, sondern zeigt sich auch daran, daß der wachsende Lebensstandard in China und anderen aufstrebenden Ländern des Südens als Bedrohung des eigenen Ressourcenverbrauchs verstanden wird.

Nicht minder gravierend für die körperliche Verfassung sind Arbeitsdruck und sozialer Streß. Diese Belastungen verhindern nicht nur, daß man sein Essen in Ruhe zubereitet und zu sich nimmt, sondern nötigen auch zu kompensatorischem Konsum, um sie überhaupt durchstehen zu können. Wem sich aufgrund seines Einkommens nicht jene leicht zugänglichen Möglichkeiten zur körperlichen Regeneration eröffnen, die Wellnessindustrie und Luxusgastronomie anbieten, der ist von vornherein dazu verdammt, sich seiner Klassenzugehörigkeit gemäß verbrauchen zu lassen.

Es ist kein Zufall, daß die medial inszenierte Glorifizierung der Schlankheit ein Elitenideal verkörpert, während Dickleibigkeit häufig auf verächtliche und unsympathische Weise dargestellt wird, sondern Ausdruck von sozialchauvinistischem Rassismus. Dem frönt die Unterstellung unterschichtenspezifischer Prävalenz von Fettleibigkeit schon damit, daß sie nicht den Klassenwiderspruch im eigenen Land und das imperialistische Verhältnis zu den Ländern des Südens zum Problem einer für das Gros der Menschen unzureichenden Ernährung erhebt, sondern herrschaftskonforme Atomisierung produziert, indem der individuellen Bezichtigung in Gestalt disziplinatorischer Maßnahmen wie etwa an physiologische Normwerte gekoppelter Krankenkassenbeiträge oder der absehbaren Ausgabe von Sachleistungen anstelle von Geld an besonders eigenwillige "Unterschichtler" Vorschub geleistet wird.

31. Januar 2008

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03.02.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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