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Poonal Nr. 801
Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes
lateinamerikanischer Agenturen vom 27. Mai 2008
INHALT
MEXIKO
Filmstart von "Verdades que Matan" von Morddrohungen begleitet
HONDURAS
CIDH verurteilt Zustände in honduranischen Gefängnissen
MITTELAMERIKA
Alternativer Klimagipfel endet
KOLUMBIEN
Verstärkt Proteste gegen die Auslieferung von Paramilitärs an die USA
ECUADOR - KOLUMBIEN - VENEZUELA - USA
Streit um Luftraumverletzung
CHILE
Menschenrechtsorganisation fordert Namen von Folterern
LATEINAMERIKA - EU
Offizieller EU-LA-Gipfel und Alternativengipfel zu Ende
"Im Vordergrund steht die Vernetzung der einzelnen Gruppen und
Bewegungen" - Interview mit Katrin Buhl, Leiterin des Büros der
Rosa-Luxemburg-Stiftung in Sao Paulo
MEXIKO
Filmstart von "Verdades que Matan" von Morddrohungen begleitet
Von Federico Campbell Peña
(Mexiko-Stadt, 21. Mai 2008, cimac-poonal).- Aktivistinnen der
Organisation "Unsere Töchter sollen nach Hause zurückkehren" NHRC
(Nuestras Hijas de Regreso a Casa) aus Ciudad Juárez haben ihre
Teilnahme an einer Werbekampagne für den Film "Verdades que matan"
(engl. Titel "Bordertown", dt. Titel "Tödliche Wahrheiten") abgesagt.
Marisela Ortiz, Norma Andrade und Malú García Andrade, die den
Vorführungen des Films beiwohnen sollten, hatten zuvor Morddrohungen via
E-Mail und Mobiltelefon erhalten. "Jetzt ist die Bedrohung real",
bestätigte Ortiz.
Norma Andrade und ihre Tochter Malú García Andrade waren im Februar 2007
bei der Premiere des Films auf der Berlinale anwesend. An einer
Pressekonferenz für den Film am 12. Mai 2008 in Mexiko-Stadt nahmen sie
jedoch auf Grund von Drohungen gegen sie nicht mehr teil. Auf der
Pressekonferenz berichtete Regisseur Gregory Nava von kontinuierlichen
Morddrohungen während der Dreharbeiten. Zuvor hatten mexikanische
JournalistInnen berichtet, ebenfalls telefonische Drohungen erhalten zu
haben. Sie sollten sich nicht an einer Berichterstattung über den Film
beteiligen.
Nava erinnerte daran, dass während der Dreharbeiten ein junger
Mitarbeiter des Produktionsteams entführt und gefoltert wurde, bis er
verriet, in welchem Hotel sich das Filmmaterial befand, welches
daraufhin von Beamten der Polizei von Ciudad Juárez entwendet wurde. Der
Drehstab entschied daraufhin, in Ciudad Juárez nur noch Doubles der
Darsteller Jennifer López und Antonio Banderas einzusetzen und die
Dreharbeiten in Nogales und Tijuana fortzusetzen.
Des weiteren rief der Regisseur ins Gedächtnis, dass der Film in
US-Kinos nicht gezeigt worden sei, was an seiner scharfen Kritik am
nordamerikanischen Freihandelsabkommen NAFTA und an der Ausbeutung
mexikanischer Arbeiterinnen in den für den Export produzierenden
Maquiladoras liegen könnte, die sich vielfach in US-amerikanischen
Besitz befinden. Auch könne ein Grund für den Boykott des Films an einer
Filmszene liegen. Die zeigt, wie ein US-Senator und der Chefredakteur
einer Chicagoer Zeitung (dargestellt von Martin Sheen) Absprachen
treffen, um eine Zeitungsmeldung einer Reporterin (Jennifer López) zu
zensieren.
Menschenrechtsorganisationen forderten die Behörden Mexikos und des
Bundesstaats Chihuahua auf, Maßnahmen zum Schutz von Marisela Ortiz,
Ramona Morales, Norma Andrade, María Luisa García Andrade, Rosaura
Montañez, Julia Cano und Rubí Pando - allesamt Aktivistinnen von NHRC -
zu ergreifen.
"Verdades que matan" lief dann am 16. Mai in hundert Filmtheatern
mehrerer Städte Mexikos an.
HONDURAS
CIDH verurteilt Zustände in honduranischen Gefängnissen
(Fortaleza, 16. Mai 2008, adital).- Die Interamerikanische
Menschenrechtskommission CIDH (Comisión Interamericana de Derechos
Humanos) hat in einer Pressemitteilung den gewaltsamen Tod von 27
Häftlingen in zwei honduranischen Gefängnissen verurteilt. In der
Erklärung forderte die CIDH den honduranischen Staat dazu auf zu
verhindern, dass sich in Zukunft derartige Vorfälle wiederholten. Die
notwendigen Maßnahmen dazu seien in Angriff zu nehmen, auch angesichts
der Tatsache, dass bereits in der Vergangenheit Häftlinge immer wieder
zu Opfern von Gewalttaten wurden.
Die jüngsten Entwicklungen nahmen ihren Ausgang am 26. April im
Gefängnis von San Pedro Sula, das im Norden des Landes liegt. Hier hatte
eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen den Insassen der Haftanstalt
neun Tote und zwei Verletzte zur Folge.
Nach diesem Vorfall wurden einige der überlebenden Beteiligten in drei
über das Land verteilte Haftanstalten überwiesen, 31 von ihnen in das
nahe der Hauptstadt Tegucigalpa liegende Nationalgefängnis. Dort wurden
sie am 3. Mai in einen weiteren Kampf mit ihren Zellengenossen
verwickelt. Es starben 18 Insassen.
„Die CIDH bedauert die Vorfälle zutiefst, solidarisiert sich mit den
Familien der Opfer und erinnert daran, dass der honduranische Staat nach
internationalem Recht dazu verpflichtet ist, das Leben und die
Integrität aller Gefangenen zu garantieren“, so die CIDH in ihrer
Pressemitteilung.
Die Situation der Gefängnisse in Honduras ist durch strukturelle
Probleme gekennzeichnet. Die Gefängnisbevölkerung umfasst 12.000
InsassInnen, Überbelegung ist der Normalfall. In der Haftanstalt von San
Pedro Sula leben 2.000 Menschen, im Nationalgefängnis rund 3.000. In
allen Gefängnissen kommt es regelmäßig zu Fluchtaktionen, Meutereien und
Mordanschlägen, da die Kontrollen und Sicherheitsvorkehrungen nur
ungenügend sind. Allein in den letzten sieben Jahren starben rund 450
Gefangene.
MITTELAMERIKA
Alternativer Klimagipfel endet
Von Torge Löding, San Pedro Sula
(San José, 26. Mai 2008, voces nuestras).- Umweltgerechtigkeit,
nachhaltige Landwirtschaftspolitik und die Forderung an die
Industrienationen nach Einlösen ihrer ökologischen Schuld, das waren die
zentralen Diskussionsthemen auf dem ersten mittelamerikanischen
Klimagipfel der Zivilgesellschaft. Fast 250 VertreterInnen aus
Basisgruppen und Nichtregierungsorganisation waren der Einladung der
Weltnaturschutzunion UICN (International Union for the Conservation of
Nature) ins honduranische San Pedro Sula gefolgt, darunter Campesinos,
WissenschaftlerInnen, GewerkschafterInnen und umweltbewusste
UnternehmerInnen.
Das Abschlussdokument enthält den Vorschlag für den Aufbau eines Forums
der Zivilgesellschaft, welches Wissensmanagement zum Klimawandel
organisieren und den Regierungen beratend zur Seite stehen soll. Mängel
und Fehler des Kyotoprotokolls müssten behoben werden, wie etwa das
Fehlen eines Systems, das den Bestandsschutz primären Regenwaldes
prämiere. Die Staaten sollen zudem verpflichtet werden, einen festen
Bestandteil ihres Bruttoinlandsproduktes auf die Abschwächung des
Klimawandels zu verwenden. Zudem bauen die TeilnehmerInnen des
Alternativgipfels auf Ausgleichszahlungen aus den Industrienationen, die
somit ihre „ökologische Bringschuld“ begleichen sollen.
„Wir sind eine anfällige Region“, sagte Grethel Aguilar,
Mittelamerika-Direktorin der IUCN. Das beziehe sich sowohl auf soziale
wie geografische Faktoren. Mehr als die Hälfte der Menschen in
Zentralamerika lebten in Armut, dazu komme die Form des Isthmus, der
Nord- und Südamerika verbinde und von zwei Ozeanen umspült werde und
somit ähnliche Charakteristika wie ein Inselstaat aufweise. „Einzelne,
isolierte Aktionen reichen nicht aus. Das Thema Klimawandel sollte man
nicht nur als Risikomanagement betrachten. Stattdessen sollte man
verstehen, dass wir eine nachhaltige Entwicklung brauchen, welche allen
eine gute Lebensqualität sichert. Wir brauchen ein neues, solidarisches
Gesellschaftsmodell.“//
Umweltthemen sorgen bereits für sozialen Sprengstoff in der Region.
Während die GipfelteilnehmerInnen in Honduras diskutierten, gingen
einige ihrer MitstreiterInnen mit mehr als 2000 anderen in Costa Rica
auf die Barrikaden und lieferten sich Auseinandersetzungen mit der
Polizei. Im sonst so verschlafenen Ort Sardinal in der Pazifikregion
Guanacaste begehrten die AnwohnerInnen gegen den Bau eines privaten
Aquäduktes auf. Damit die Hotelgäste nicht auf dem Trockenen sitzen und
um Golffelder zu besprenkeln, wollen sich TourismusunternehmerInnen
durch den Aquädukt mit Wasser versorgen. Dass sie den AnwohnerInnen
damit das nötige Nass zum Leben nehmen, stört sie dabei nicht.
Mehr Informationen unter: www.iucn.org
KOLUMBIEN
Verstärkt Proteste gegen die Auslieferung von Paramilitärs an die USA
(Fortaleza, 16. Mai 2008, adital-poonal).- Die internationale
Wahrheitskommission in Kolumbien hat die Entscheidung des
kolumbianischen Präsidenten Ávaro Uribe kritisiert, Paramilitärs an die
USA auszuliefern. Laut der Organisation stelle diese Haltung eine
Beleidigung des ethischen Bewusstseins der Menschheit dar. „Mit dieser
Entscheidung entfällt die Möglichkeit, Gerechtigkeit für die Opfer von
Verbrechen gegen die Menschlichkeit walten zu lassen.“ Am 13. März
wurden 14 Paramilitär-Chefs zum Militärflughafen in Bogotá gebracht.
Damit begann offiziell der Auslieferungsprozess an die USA.
Laut Angaben der Wahrheitskommission haben einige der Ausgelieferten
ihre Teilnahme an illegalen Aktivitäten unter Billigung des Militärs und
mit Unterstützung politischer und wirtschaftlicher Kräfte Kolumbiens
zugegeben. „Die Auslieferung wird zu einem Straflosigkeitsmechanismus,
der für Opfer und deren Angehörige internationale Gerechtigkeit, wie
z.B. den Zugang zum Internationalen Strafgerichtshof, verhindert oder
zumindest erschwert.“
Zudem glaubt die Organisation, dass durch die Auslieferung die
Verurteilung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht garantiert
sei. Das US-amerikanische Rechtssystem sieht vor, dass Kriminelle, die
relevante Informationen zu ihren Aktivitäten im Drogenhandel
bereitstellen, im Gegenzug mit Strafmilderung rechnen können. Sie haben
sogar die Möglichkeit, in ein Zeugenschutzprogramm einzutreten. Das
ermöglicht es ihnen, ihre Identität zu ändern. Damit würde zukünftigen
Generationen die Möglichkeit verweigert, die Täter für ihre Vergehen zu
belangen.
Die Arbeit der Wahrheitskommission müsse angesichts neuer Methoden der
Straflosigkeit wirksamer werden. „Durch die Entscheidung der
kolumbianischen Regierung wird die Wirklichkeit verdunkelt und zugunsten
der Regierung und der Mörder manipuliert. So wälzt sie die Verantwortung
für Straflosigkeit, fehlenden Fortschritt und Frieden ab auf die Opfer,
die Menschenrechtsorganisationen und die Opposition.“, so die
Wahrheitskommission.
ECUADOR - KOLUMBIEN - VENEZUELA - USA
Streit um Luftraumverletzung
(Buenos Aires, 20. Mai 2008, púlsar-poonal).- Die ecuadorianische
Außenministerin María Isabel Salvador hat am 19. Mai erklärt, dass es
immer wieder zu Zwischenfällen an der Grenze zwischen Ecuador und
Kolumbien komme. In den letzten Wochen seien mindestens zwei
kolumbianische Hubschrauber unerlaubt in ecuadorianisches Territorium
eingedrungen. Auch seien kolumbianische Wasserstreitkräfte in
ecuadorianischen Gewässern gesichtet worden.
Seit Anfang März sind die Beziehungen zwischen beiden Ländern
angespannt, nachdem am 1. März kolumbianische Militärs in Ecuador
eingedrungen waren, um ein Lager der Revolutionären Streitkräfte
Kolumbiens FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) auf
ecuadorianischem Territorium anzugreifen (siehe Poonal Nr. 795 und Nr.
796).
Die ecuadorianische Regierung forderte nun Bogotá auf, das
Sicherheitsabkommen der binationalen Grenzsicherungskommission COMBIFRON
(Comisión Binacional de Frontera), das infolge des Zwischenfalls
ausgesetzt wurde, unverzüglich wieder in Kraft zu setzen, um eine
„militärische Eskalation“ der diplomatischen Krise zu verhindern.
Auch die venezolanische Regierung protestierte gegen illegales
Eindringen von Militärs in ihr Territorium. Am 16. Mai seien 60
kolumbianische Soldaten im Bundesstaat Apure im Südwesten des Landes auf
venezolanisches Gebiet vorgedrungen. Der kolumbianische
Verteidigungsminister Juan Manuel Santos wies diese Anschuldigung als
haltlos zurück.
Das Pentagon hingegen räumte ein, dass am 17. Mai ein US-amerikanisches
Aufklärungsflugzeug vom Typ S-3 Viking in venezolanischen Luftraum
eingedrungen war. Die gegen Drogenschmuggel in der Karibik tätige „Joint
Interagency Task Force“ teilte mit, das von einem
US-Luftwaffenstützpunkt auf der Antilleninsel Curaçao kommende Flugzeug,
welches im Rahmen einer Anti-Drogen-Operation unterwegs gewesen sei, sei
aufgrund eines Navigationsfehlers von der Route abgekommen und habe
venezolanische Inseln überflogen.
CHILE
Menschenrechtsorganisation fordert Namen von Folterern
(Buenos Aires, 19. Mai 2008, púlsar).- Die Vereinigung von
Familienangehöriger politisch Hingerichteter AFEP (Agrupación de
Familiares de Ejecutados Politicos) fordert die Offenlegung der Namen
der Militärs, die während der Militärdiktatur von Augusto Pinochet in
den Gefangenenlagern tätig waren.
In Form eines Briefes wurde das Oberhaupt der Armee, General Oscar
Izurieta, aufgefordert, die Namen der "Offiziere, Unteroffiziere und
anderen Militärs, die in Gefangenlagern in Folter und Mord verwickelt
waren" preiszugeben.
Aktueller Anlass für diese Aufforderung ist die Einstellung des
Gerichtsverfahrens gegen die Mörder Víctor Jaras vergangene Woche. Der
Musiker und kommunistische Aktivist war während der Militärdiktatur
gefangengenommen, gefoltert und getötet worden.
Marta Godoy und Dolores Cautivo, Präsidentin und Vize-Präsidentin der
AFEP, wiederholten ihr Vorhaben, "die Verantwortlichen bis zum Schluss
zu verfolgen, auch wenn die Gerichte dies nicht tun, so wie im Fall des
Verbrechens an Víctor Jara ".
LATEINAMERIKA - EU
Offizieller EU-LA-Gipfel und Alternativengipfel zu Ende
Von Andreas Behn, Lima
(Berlin, 17. Mai 2008, npl).- Wie nicht andres erwartet, ging das 5.
Gipfeltreffen der Regierungschef aus Lateinamerika, der Karibik und der
EU am Samstag in der peruanischen Hauptstadt Lima ohne nennenswerte
Ergebnisse zu Ende. Nicht einmal Venezuelas Präsident Chávez, bekannt
für sein oft provokatives Auftreten, tat den gelangweilten 1.500
JournalistInnen vor Ort den Gefallen, für Schlagzeilen zu sorgen.
Lediglich das Geplänkel mit Bundeskanzlerin Merkel gab einiges an
Gesprächsstoff her. Chávez entschuldigte sich für seine Äußerungen im
Vorfeld des Treffens und sorgte für Rätselraten mit einer Bemerkung über
eine Einladung nach Deutschland.
Mehr und bessere Stimmung prägte den Alternativgipfel „Enlazando
Alternativas – Alternativen Verknüpfen“, der ab dem 13. Mai weit über
Tausend AktivistInnen aus beiden Kontinenten ebenfalls in Lima
versammelte. Die Versuche der peruanischen Regierung unter Alan García,
das Treffen zu kriminalisieren und totzuschweigen, misslangen. Am
Freitagabend versammelten sich Tausende auf dem Platz des 2. Mai, wo in
Anwesenheit des bolivianischen Präsidenten die Abschlusserklärung des
Gipfels verlesen wurde. Im Zentrum stand die Ablehnung von
Agrartreibstoffen, des Versuch von Europa, neue Freihandelsabkommen auf
den Weg zu bringen und die Verletzung von Umwelt- und Menschenrechten
durch transnationale Konzerne.
Dies war auch Thema eines Tribunals, das während der
Alternativveranstaltung tagte (siehe Poonal Nr. 800). Am Freitag erging
ein Urteil über die Machenschaften von über 20 europäischen Firmen, die
in Lateinamerika und der Karibik den Unmut von Gewerkschaften,
Umweltorganisationen und Indígenas auf sich gezogen haben. Für den
Sprecher der Veranstalter, Miguel Palicín, war "Enlazando Alternativas"
ein Erfolg: „Wenn Alan García inzwischen fordert, der Präsidentengipfel
solle handfeste Ergebnisse aufs Papier bringen, ist dies auch auf den
Druck des Sozialgipfels zurückzuführen.“
Insbesondere bezüglich der beiden Hauptthemen des offiziellen Gipfels
wollten sich die versammelten PräsidentInnen in keiner Hinsicht
festlegen. Sowohl in Sachen Armutsbekämpfung wie auch bei Maßnahmen
gegen den Klimawandel blieb es bei Zielformulierungen, die durch keine
konkreten oder messbaren Maßnahmen in eine politische Praxis übersetzt
werden.
Der Themenkomplex bilaterale Assoziierungs- und Freihandelsabkommen
sorgte hingegen schon zu Beginn des Treffens für Aufregung. Boliviens
Präsident Evo Morales kritisierte auf seiner ersten Pressekonferenz, die
Verhandlungsstrategie der EU würde auf eine Spaltung des Andenpaktes CAN
(Comunidad Andina) abzielen. „Es geht nicht an, dass
(EU-Handelskommissar Peter, d. Red.) Mandelson uns vorschreibt, dass wir
entweder die Verhandlungsvorgaben der EU über einen Freihandelsvertrag
akzeptieren müssen oder von den Verhandlungen ausgeschlossen werden",
sagte Morales. Zuvor hatten sich Perus Präsident Alan García und sein
kolumbianischer Kollege Álvaro Uribe ebenfalls für einen schnelleren
Rhythmus der Verhandlungen ausgesprochen.
Bolivien und das vierte Land des Andenpaktes Ecuador - Venezuela ist
bereits wegen Unstimmigkeiten über die wirtschaftspolitische Richtung
ausgetreten - stehen den Gesprächen, die Privatisierungen öffentlicher
Dienste ebenso einschließen wie umfassende Handelserleichterungen, eher
ablehnend gegenüber und beharren darauf, dass der Andenpakt nur als
ganzes in die Verhandlungen eintreten solle - wenn überhaupt.
Generell entstand der Eindruck, dass beim Gipfeltreffen nicht die
bilateralen Beziehungen beider Kontinente im Mittelpunkt standen.
Vielmehr waren es die politischen Beziehungen innerhalb Lateinamerikas
und das Tauziehen zwischen rechten, linken und Mitte-Links-Regierungen,
die die Gespräche wie auch die Berichterstattung in Lateinamerika
dominierten. Dabei erregte lediglich der unvermeidliche Konflikt
zwischen Chávez und seinem kolumbianischen Kollegen Uribe die Gemüter.
Interpol hatte am Tag vor dem Gipfel bekannt gegeben, die Daten auf den
Computern von FARC-Kommandant Raúl Reyes, der bei dem kolumbianischen
Angriff auf ein FARC-Camp auf ecuadorianischem Territorium am 1. März
ums Leben kam (siehe Poona Nr. 795ff), seien nicht manipuliert worden.
Interpolt enthielt sich jeder einer inhaltlichen Interpretation der
Daten. Kolumbiens Regierung behauptet immer wieder, die Daten
bestätigten, dass Venezuela Verbindungen zur Guerillagruppe FARC
unterhalte. Andere Stimmen, u.a. auch US-amerikanische Wissenschaftler,
die die Computer untersucht haben, fanden keine so eindeutigen Beweise
vor. Ähnlich äußerte sich auch der Generalsekretärs der Organisation
Amerikanischer Staaten, José Miguel Insulza (siehe Poonal Nr. 800).
Chávez bezeichnete das Vorgehen als „Clown-Theater“ und seinen Widerpart
unumwunden als „das größte Problem der Region“.
Im Gegensatz zu den LateinamerikanerInnen, die fast alle mit
hochkarätigen Delegationen präsent waren, reisten aus Europa nur gut die
Hälfte der 27 Staatschefs nach Peru. Es ist zu spüren, dass die
europäischen Regierungen solchen Mammuttreffen fernab der heimischen und
der asiatischen Märkte weniger Bedeutung beimessen als die Staatschefs in
Lateinamerika und der Karibik tun.
LATEINAMERIKA - EU
"Im Vordergrund steht die Vernetzung der einzelnen Gruppen und Bewegungen"
Interview mit Katrin Buhl, Leiterin des Büros der
Rosa-Luxemburg-Stiftung in Sao Paulo, Brasilien, zur politischen
Bedeutung des "Tribunals der Völker", das im Rahmen des
Alternativgipfels "Enlazando Alternativas" vom 13. bis 16. Mai in Lima,
Peru, tagte.
Von Andreas Behn, Lima
(Berlin, 17. Mai, npl).- npl: Welche Rolle spielt dieses Tribunal im
Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen?
Katrin Buhl: Es hat in erster Linie eine symbolische Bedeutung. In dem
Sinne, dass einem Präsidentengipfel ein Gipfeltreffen der
Zivilgesellschaft gegenüber gestellt wird. Gleichzeitig geht es um
Inhalte: Verschiedene soziale Bewegungen, Gewerkschaften,
Organisationen, stellen ganz konkret vor, welche Auswirkungen
Megaprojekte transnationaler europäischer Unternehmen in Lateinamerika
haben. Das Gerichtsverfahren hat letztendlich moralischen Charakter, es
hat keine juristische Relevanz, ist aber dazu geeignet, diese sonst
unsichtbaren Auswirkungen sichtbar zu machen. Und es werden Menschen
gehört, die sonst kaum zu Wort kommen. Denn es sind hier nicht nur
Intellektuelle und ExpertInnen vertreten, sondern Vertreter und
Vertreterinnen der betroffenen Bevölkerungsgruppen, die die Möglichkeit
haben, ihre Situation öffentlich darzustellen. Dieses Treffen all der
Betroffenen, ist nicht zu unterschätzen, denn viele von ihnen sind kaum
einmal aus ihren Gemeinden herausgekommen. Hier Gemeinsamkeiten
festzustellen, ist ungemein wichtig für das Selbstwertgefühl und die
Kraft, die sie in ihrem Kampf brauchen.
npl: Welche positiven oder negativen Auswirkung kann ein solches
Tribunal auf die Beziehungen zwischen beiden Kontinenten haben?
Katrin Buhl: Im Vordergrund steht die Vernetzung der einzelnen Gruppen
und Bewegungen, um auch in den Herkunftsländern der betreffenden
Unternehmen Druck aufbauen zu können. Diese Art von Beziehungen sollen
hier ausgebaut werden.
npl: Um welche Art von Fälle geht es im einzelnen?
Katrin Buhl: Ein gutes Beispiel ist der Bau eines großen Stahlwerks im
Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien. Der Hauptinvestor ist
Thyssen-Krupp, ein transnationales Unternehmen mit Sitz in Deutschland.
Schon zu Baubeginn gab es negative Auswirkung: Die Lebensgrundlage von
43.000 Fischern wird zerstört, weil die angrenzende Bucht von Sebatiba
derart verschmutzt wird, dass die Fische sterben und die Fischer ihren
Lebensunterhalt verlieren. Außerdem hat ein Schiff des Unternehmens ein
Fischerboot gerammt, wobei ein Fischer ums Leben gekommen ist. Es gibt
also bereits jetzt grobe Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden.
Hinzu kommt, dass dieses Stahlwerk ausschließlich für den Export
produzieren wird, also nichts dem brasilianischen Markt zugute kommt,
sondern vor allem europäische, US-amerikanische und auch chinesische
Unternehmen davon profitieren werden. Die Nutznießer dieses
Megaprojektes sind also nicht vor Ort, dafür aber die Geschädigten. Ein
anderer Fall handelt von einem norwegischen Fischerei-Unternehmen in
Chile, dort sind die Arbeitsbedingungen, insbesondere für Frauen,
skandalös, es gibt Umweltverschmutzungen und den ansässigen Fischern
wird die Existenzgrundlage entzogen. In anderen Fällen geht es um
Korruption, zum Beispiel Schmiergeldzahlungen, um an bestimmte Aufträge
heranzukommen. Erdölkonzernen wird wiederum vorgeworfen, beim Verlegen
von Leitungen schwere Umweltbelastungen zu verursachen und die Rechte
der indigenen Bevölkerung zu missachten.
npl: Wie verstehst du die Rolle einer deutschen Parteistiftung bei der
Unterstützung der Arbeit der Betroffenen?
Katrin Buhl: Zum einen können wir dank der Mittel, die uns aus
öffentlichen Haushalten zustehen, die Arbeit der betroffenen sozialen
Bewegungen unterstützen. Bei dem Fall der Fischer in Rio de Janeiro geht
es nicht nur um die Finanzierung der Studie, mit der der Fall hier
präsentiert werden konnte. Wir begleiten die Fischer auch in ihrem
Widerstand und ihren Versuchen, Alternativen zu finden, gemeinsam mit
brasilianischen Organisationen. Gleichzeitig sehen wir unsere Aufgabe
darin, in Deutschland und vor allem der Europäischen Union darüber zu
informieren, welche Auswirkungen solche Megaprojekte europäischer
Unternehmen hier haben, welche Auswirkungen insgesamt politische
Entscheidungen der Europäischen Union oder der deutschen Regierung hier
in der Region haben. Zudem wollen wir soziale Organisationen aus
Lateinamerika mit denen in Europa vernetzen, um Erfahrungen aus
politischen Kämpfen oder im Rahmen der politischen Bildung nach Europa
zu vermitteln, im Sinne eines gegenseitigen Lernprozesses.
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