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Gemeinsame Pressemitteilung von
Rettet den Regenwald / ROBIN WOOD / FDCL / KoBra / BLUE 21
/Berlin / Hamburg / Freiburg, 9. Mai 2008/
Regenwaldrodung per Regierungsabkommen
Frau Merkel: "Stoppen Sie Agrarsprit aus Brasilien!"
*Gemeinsame Pressemitteilung von
Rettet den Regenwald / ROBIN WOOD / FDCL / KoBra / BLUE 21
Berlin / Hamburg / Freiburg, 9. Mai 2008
Regenwaldrodung per Regierungsabkommen
Frau Merkel: "Stoppen Sie Agrarsprit aus Brasilien!"
Bundeskanzlerin Angela Merkel will den Import von Agrarsprit aus Übersee
durch ein Energieabkommen zwischen Deutschland und Brasilien fördern,
damit Deutschland die hohen Beimischungsziele einhalten kann. Am 12. Mai
wird Merkel nach Brasilien fliegen, um den Pakt zur Vernichtung des
Regenwaldes zu unterschreiben. In einem offenen Brief an die Kanzlerin
protestieren deutsche und brasilianische Organisationen gemeinsam gegen
das Abkommen und die Zerstörung von Regenwäldern für die
Rohstoffversorgung Deutschlands und der EU.*
Um mehr Agrarsprit nach Deutschland exportieren zu können, sollen in
Brasilien neue Anbauflächen erschlossen werden. Schon jetzt dringt dort
die Agrarindustrie in immer neue Gebiete vor, bedroht unmittelbar
wertvolle Ökosysteme wie Cerrado, den Amazonas-Regenwald und den
Pantanal, vermindert die regionale Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln,
unterminiert kleinbäuerliche Landwirtschaft, gefährdet die
Ernährungssouverainität und Biodiversität und gerät immer stärker in
Konflikt mit der Agrarreform.
In Brasilien wird derzeit auf sieben Millionen Hektar Zuckerrohr
angebaut. Etwa die Hälfte des geernteten Zuckerrohrs wandert als Ethanol
in den Autotank. Nach Einschätzung der brasilianischen Regierung ist das
Marktpotential für Zuckerrohr so groß, dass sich die Plantagen auf 30
Millionen Hektar ausweiten ließen. "Die erhöhte Nachfrage nach
Rohstoffen wegen des Agro-Energiebooms hat fatale Folgen für die lokale
Bevölkerung, die Artenvielfalt und die Umwelt", sagt ROBIN
WOOD-Aktivistin Steph Grella. "Wir appellieren dringend an Frau Merkel,
Verantwortung für Mensch und Natur zu übernehmen und das Abkommen nicht
zu unterzeichnen."
"Was hierzulande fälschlicherweise immer noch als "Bio"-Sprit bezeichnet
wird, bedeutet auf der anderen Seite der Erde Vertreibung von Menschen
und Vernichtung von Regenwäldern", erläutert Klaus Schenck von der
Organisation Rettet den Regenwald. Die brasilianische Umweltministerin
Marina Silva beteuert zwar, für die Produktion von Ethanol würden keine
Tropenwaldgebiete in Anspruch genommen, aber die Wahrheit sieht anders
aus: "Die monokulturelle Plantagenwirtschaft belegt Flächen, die vormals
als Weideland genutzt wurden, so dass die Viehwirtschaft in die
Regenwaldgebiete vordringt", erklärt Guadalupe Rodríguez von Rettet den
Regenwald.
"Wo es bereits vorher Landrechtskonflikte gab, werden diese durch die
Ausweitung des Anbaus von Agrokraftstoffen und den daraus folgenden Run
auf Landflächen massiv verschärft", erklärt Kirsten Bredenbeck vom
landesweiten Netzwerk der Brasiliensolidarität Kooperation Brasilien -
KoBra aus Freiburg. Christian Russau vom Forschungs- und
Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika - FDCL ergänzt, dass
Zuckerfabriken gezielt Land pachten, um es der Umverteilung im Rahmen
der Agrarreform zu entziehen. Aufgrund des Anstiegs der Bodenpreise kann
der Staat kaum noch den Landankauf für Kleinbauern im Rahmen der
Agrarreform finanzieren. "Es darf nicht sein, dass das geplante
deutsch-brasilianische Energieabkommen für die Füllung deutscher
Autotanks dazu beiträgt, die Agrarreform in Brasilien zu verhindern!",
appelliert Russau.
Die Klimabilanz des vermeintlichen "Bio"-Kraftstoffs ist negativ. Durch
Landnutzungsänderungen und Brandrodungen werden bei der Herstellung von
Ethanol mehr Treibhausgase freigesetzt, als sie durch Ersatz von
Kraftstoffen auf Erdölbasis durch Agrarsprit eingespart werden können.
Die ökologischen Folgen der Zuckerrohrplantagen sowie anderer
Monokulturen für den Anbau von Biomasse sind verheerend. "Von
«CO2-Neutralität» zur Verbesserung der Klimabilanz zu reden, ist im Fall
großflächiger Monokulturen für den Agrokraftstoffanbau ein Hohn",
urteilt Sandra Schuster von der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft
Umwelt und Entwicklung - BLUE 21.
Zudem werden durch den intensiven Einsatz von Pestiziden und Dünger
Boden und Wasser vergiftet. Besonders davon betroffen sind die lokale
Bevölkerung und die Plantagenarbeiter. Vor allem in trockeneren Gebieten
wird der Wasserhaushalt gestört. Je nach Region werden für die
Herstellung eines einzigen Liters Ethanol aus Zuckerrohr bis zu 3.500
Liter Wasser benötigt.
Um diese fatale Entwicklung aufzuhalten fordern die NGOs in einem
offenen Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Nehmen Sie die
obligatorischen Beimischungsziele auf bundesdeutscher und europäischer
Ebene zurück! Stoppen Sie alle Importe von Agrarkraftstoffen und von
Rohstoffen aus Energiepflanzen aus Übersee einschließlich Brasilien!
Stoppen Sie das deutsch-brasilianische Energieabkommen! Ethanol aus
Brasilien ist umwelt- und sozialschädlich! Wer die Menschenrechte und
den Vorsitz der UN-Biodiversitätskonferenz ernst nimmt, muss Ethanol und
andere Agrarenergien aus Brasilien und anderen tropischen Staaten STRIKT
ablehnen! Setzen Sie sich endlich für eine grundlegende ökologische
Energiewende hierzulande ein!"
Für Rückfragen:
Steph Grella, ROBIN WOOD, 0163-7834333
Klaus Schenck, Guadalupe Rodríguez, Rettet den Regenwald, 0176-488 599 72
Sandra Schuster, BLUE 21, 030-6946101
Kirsten Bredenbeck, KoBra, 0761-6006926
Christian Russau, FDCL, 0171-2095585
Quelle: http://fdcl-berlin.de/index.php?id11#c3181
_Offener Brief an Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel. Von Rettet den
Regenwald, Robin Wood, FDCL, KoBra, BLUE 21, 9. Mai 2008:_
An
Bundeskanzlerin Angela Merkel
Bundeskanzleramt
Willy-Brandt-Straße 1
10557 Berlin
Fax: 0 30 / 400 18 18
E-mail: angela.merkel@bk.bund.de
CC
Umweltminister Sigmar Gabriel
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit,
Ministerbüro
Alexanderstraße 3
10178 Berlin
Telefon: 0 30 / 18 305-0
Fax: 0 30 / 18 305-4375
E-mail: sigmar.gabriel@bmu.bund.de
Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Postfach 12 03 22
53045 Bonn
Telefon: 02 28 / 9 95 35-0
Fax: 0 228 / 535 25 01
E-mail: wieczorek@bmz.bund.de
/Berlin/Freiburg/Hamburg, 9. Mai 2008/*
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel,*
gemeinsam mit einer großen Zahl befreundeter brasilianischer
Organisationen und Gruppen (siehe Anlagen) sind wir sehr besorgt über
das angekündigte bilaterale Energieabkommen zwischen Deutschland und
Brasilien mit dem Schwerpunkt Agrokraftstoffe. Die Entwicklung der
letzten Jahre im brasilianischen Agrotreibstoffsektor widerlegt die
Äußerungen von Umweltminister Gabriel zur vermeintlichen Nachhaltigkeit
der Agrarkraftstoff-Produktion in Brasilien.
Eine "nachhaltige Produktion" ist allein schon angesichts des
anvisierten Maßstabes und induzierten Anbauvolumens von Biomasse nicht
möglich. Zudem fehlen praxisüberprüfte, objektive und mit allen
Beteiligten gemeinsam erarbeitete Kriterien zu deren Überprüfung.
In Brasilien dringt die Agrarfront vermehrt in neue Regionen vor,
bedroht unmittelbar wertvolle Ökosysteme wie Cerrado, Amazonasregenwald
und Pantanal, vermindert die regionale Verfügbarkeit von
Nahrungsmitteln, unterminiert die kleinbäuerliche Landwirtschaft und
gerät in immer stärkeren Konflikt mit der Agrarreform. Wie sich hier
exemplarisch zeigt, hat der industrielle Anbau von Agrokraftstoffen
schwerwiegende negative ökologische, soziale und menschenrechtliche
Konsequenzen. Aus diesem Grund lehnen wir den industriellen Anbau von
Agrokraftstoffen auf großen Flächen wie auch den Import dieser Produkte
aus Übersee nach Deutschland und Europa ab.
Vor diesem Hintergrund möchten wir im Hinblick auf das geplante
bilaterale Energieabkommen und der Einschätzung von Sigmar Gabriel zur
Nachhaltigkeit der Agrokraftstoffproduktion in Brasilien im Einzelnen
auf folgende Punkte und Probleme besonders hinweisen:
Durch ein Ausbleiben "legaler" Agrokraftstoff-Exporte nach Deutschland
erhöhe sich, so Sigmar Gabriel, der "Druck zur illegalen Produktion" in
Brasilien. Dieser Argumentation können wir nicht folgen. Indes möchten
wir Sie darauf aufmerksam machen, dass die Anreize für einen Ausbau der
brasilianischen Produktion von Agrokraftstoffen gerade von den hiesigen
Beimischungszielen ausgehen und in Ländern wie Brasilien u.a. indirekte
Landnutzungsänderungen auslösen,. Hierdurch erhöht sich der Druck auf
Kulturlandschaften und Ökosysteme, zudem führt dies zu
Flächenkonzentrationen, der Zunahme und Verschärfung von Land- und
Ressourcenkonflikten, Vertreibungen und zu einem Anstieg der Preise für
Grundnahrungsmittel.
Die von Sigmar Gabriel angeführte geplante "Zonierung der Anbauflächen
durch die brasilianische Regierung" bietet hierfür keine Lösung, da
diese nach Angaben der brasilianischen Gruppen am Reißbrett, ohne
Beteiligung der Zivilgesellschaft, Kleinbauern und betroffenden
Indigenen geschieht. Raumordnung ist ohne Zweifel ein unverzichtbares
Planungselement, doch sollte diese in enger Zusammenarbeit mit den
lokalen Regierungen und der Zivilgesellschaft erfolgen und deren
Interessen und Belange berücksichtigen.
Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass nach unseren Kenntnissen die von
Sigmar Gabriel genannten "100 Millionen Hektar Brachland" in dieser Form
in Brasilien nicht existieren. Derartige Zahlen erwecken den Eindruck,
dass es sich um unbewohnte und vegetationslose Landflächen handele, die
problemlos u.a. zum Anbau von Agrokraftstoffen benutzt werden können. In
der Realität sind dies Gebiete wie der Cerrado (Savannenlandschaft), die
hierfür zerstört werden sollen. Dies bedeutet nicht nur einen Verlust an
Biodiversität, sondern auch, dass vielen Menschen der Lebensraum
genommen wird, die von diesem abhängig sind. Sie benötigen ihn als
Weideland und zum Sammeln von Früchten, Nüssen, Medizinalpflanzen und
Brennholz.
Die aktuelle Zuckerrohranbaufläche von zirka 7 Millionen Hektar (etwa
die Hälfte davon für Ethanol) soll auf bis zu 30 Millionen Hektar
ausgebaut werden -- bei einer derzeitigen bebauten Ackerfläche von 62
Millionen Hektar. Insgesamt sollen in Brasilien etwa 50 Mio ha neue
Flächen für den Energiepflanzenmarkt zur Verfügung stehen -- das
entspricht etwa einem Viertel der noch im Agroplan 2006 der
Brasilianischen Regierung geschätzten gesamten potentiell
landwirtschaftlich nutzbaren Fläche. Die Umweltminister Gabriel kürzlich
von der brasilianischen Regierung vorgelegten Zahlen widersprechen somit
offiziellen regierungseigenen Schätzungen und Daten.
Nach Angaben des Zuckerrohrverbands Unica (União da Agroindústria
Canavieira de São Paulo) ist bis 2012 der Ausbau der Anzahl von
Ethanolfabriken von derzeit 248 auf 325 geplant. Das Gros der neuen
Plantagen entsteht derzeit im Dreieck von Minas Gerais, im Süden von
Goiás und im Osten von Mato Grosso do Sul.
Hinzu kommt eine enorme Intensivierung der Leistungsanforderungen für
Zuckerrohrschneider, die für die Zunahme der Arbeitsunfälle, häufig mit
tödlichem Ausgang, verantwortlich ist. Die Flexibilisierung der
Arbeitsverhältnisse schafft Raum für kriminelle Arbeitsvermittler, die
Migranten unter teils menschenunwürdigen Bedingungen für die
Zuckerrohrernte anheuern. Die staatlichen Arbeitsinspektoren decken auch
in den Zucker- und Ethanolkomplexen immer wieder Fälle von
sklavenähnlicher Beschäftigung auf. 52% (3131 von 5974) der "Arbeiter
unter sklavereiähnlichen Bedingungen", welche 2007 durch die "Mobile
Eingreiftruppe" des Arbeitsministeriums befreit wurden, waren in
Zuckerrohrfabriken beschäftigt. Insgesamt ist die Zahl der "modernen
Sklaven" und der Arbeiter unter "ausbeuterischen Arbeitsbedingungen"
enorm gestiegen.
Nachhaltigkeit beinhaltet neben wirtschaftlichen auch soziale und
umweltliche Aspekte! "Unredlich" ist es, im Zusammenhang mit dem
Energie-Abkommen die sozialen, menschenrechtlichen und ökologischen
Problemwirkungen eines verstärkten Biomasseanbaus im Ursprungsland
Brasilien auszublenden. Die von Sigmar Gabriel angesprochenen
Produktionsstandortbedingungen entbehren der Berücksichtigung
bestehender Realitäten:
Hunger und Agrarreform: 44 Millionen Menschen sind in Brasilien von
extremer Armut betroffen und leiden Hunger. Eine der ersten Maßnahmen
der Regierung von Präsident Lula da Silva war deshalb gleich nach
Amtseintritt die Gründung eines Ministeriums für Ernährungssicherheit
und Hungerbekämpfung, das insbesondere mit der Einführung des nationalen
Programms "Null Hunger" beauftragt wurde. Das Programm ist Kernstück der
politischen Strategie der Regierung und soll armen Menschen eine
angemessene Ernährung gewähren: "Wenn am Ende meiner Amtszeit alle
Brasilianer dreimal am Tag essen können, dann habe ich die Mission
meines Lebens erfüllt" verkündete Lula beim Weltsozialforum von Porto
Alegre im Januar 2003."
Schon im vergangenen Jahr widerlegte Maria Aparecida de Moraes Silva von
der Landesuniversität São Paulo (Universidade Estadual Paulista) die
Behauptungen der Regierung von Lula da Silva, "der Anbau von
Bioenergiemonokulturen habe keinen Einfluss auf die nationale
Nahrungsmittelproduktion", in dem sie die offiziellen Zahlen des
Instituts für landwirtschaftliche Ökonomie (Instituto de Economia
Agrícola) zitierte: "Im Zeitraum zwischen 2006 und 2007 ist die
Anbaufläche von 32 landwirtschaftlichen Produkten zurückgegangen:
darunter Reis (10% weniger), Bohnen (13 %), Mais (11%), Kartoffeln
(14%), Maniok (3%), Baumwolle (40%) und Tomaten (12%)." Außerdem
verzeichnet Brasilien eine Million weniger Rinder und Milchkühe. Dabei
sind Reis, Bohnen, Maniok, Kartoffeln sowie Rindfleisch und Milch die
mit wichtigsten Grundnahrungsmittel Brasiliens!
Das Versprechen, von der Agrodieselproduktion würden Kleinbauern
profitieren, kann nicht eingehalten werden. Inzwischen stammen bereits
80 % der Rohstoffe für Agrodiesel aus dem Sojaanbau, vielfach aus
genmanipulierter Produktion. Die bisherigen Erkenntnisse über das
"Biodieselprogramm" zeigen, dass bisher drei Viertel der Rohstoffe vom
Agrobusiness geliefert wurden. Die soziale Komponente des Programms, die
Einbindung kleinbäuerlicher Landwirtschaft, verhinderte bisher folglich
nicht, dass das Agrobusiness als Hauptnutznießer des Programms dasteht.
Nun zeigt sich aber, dass Zuckerfabriken gezielt das Land unproduktiver
Farmen pachten, um es der Umverteilung im Rahmen der Agrarreform zu
entziehen. Mit dem Anstieg der Bodenpreise kann der Staat kaum noch den
Landankauf für die Verteilung im Rahmen der Agrarreform finanzieren. Das
geplante deutsch-brasilianische Energieabkommen, das der "nachhaltigen"
Füllung deutscher Autotanks dienen soll, trägt somit direkt dazu bei,
die Agrarreform in Brasilien zu verhindern. Die Gewalt auf dem Land in
den Regionen Zentraler Westen und Nordosten, also den Regionen des
Cerrado, welche neuerdings an landwirtschaftlichem Wert gewinnen, hat
dem jüngsten Bericht der Landpastorale zufolge deutlich zugenommen. Die
Zahl derer, die durch private Gewaltanwendung vertrieben wurden, ist
erheblich gestiegen - von 1.809 (2006) auf 4.340 (2007).
Mato Grosso do Sul, einer der Bundesstaaten in denen die Anbaufläche für
Zuckerrohr stark erweitert wird, ist nach dem Indianermissionsrat CIMI
der Staat mit den meisten Morden an Ureinwohnern. Ursache sind
hauptsächlich Konflikte um Landrechte, so die Anthropologin Lúcia Rangel
von der katholischen Universität São Paulo (PUC-SP). Im vergangenen Jahr
wurden dort 53 Indianer, die meisten vom Volk der Guarani Kaiowá, ermordet.
Die brasilianische Regierung und Industrie betreibt daneben sehr
ambitionierte Pläne zur Produktion von Ethanol aus der Zellulose von
Eukalyptusbäumen (BtL) sowie Agrodiesel aus Soja, Palmöl und Rizinus.
Die Investitionen in diesem Bereich verdeutlichen das. Der Bundesstaat
Pará im Amazonasgebiet, wo Sigmar Gabriel sich mit Regierungsvertretern
traf, ist das Zentrum der Palmölproduktion mit der ersten
Biodieselfabrik auf Basis von Palmöl. Im Bundesstaat Acre, der mitten im
Amazonasgebiet liegt, gibt es bereits intensiven Zuckerrohranbau und
Ethanolfabriken, und in der Mehrheit der Bundesstaaten im Amazonasgebiet
wurden auf großflächigen Rodungen Sojamonokulturen für den Export
angelegt. Aktuelle Zahlen des Forschungsinstituts Imazon bestätigen,
dass sich die Abholzung des Amazonasregenwaldes wieder beschleunigt. Von
Januar bis März wurden in den eben genannten, Biodiesel produzierenden
Bundesstaaten Mato Grosso und Pará rund 214 Quadratkilometer Regenwald
abgeholzt, 3-mal so viel wie im ersten Jahresquartal 2007.
Sigmar Gabriel zufolge geht die "größte Bedrohung für den Regenwald vom
Sojaanbau für die Futtermittelproduktion" aus. Gerade jedoch die
Ausweitung von Zuckerrohranbauflächen führt nachweislich zu einer
Verdrängung von Sojaanbau und Viehzucht in die Amazonasregion. Zudem
wird Soja sowohl zur Futtermittel- als auch zur Agrokraftstoffproduktion
angebaut. Auch aufgrund der Marktnachfrage ist in der Praxis eine
Trennung in Plantagen für die Futtermittel- und Agrospritproduktion
nicht möglich. Mit den zunehmenden Importen von Sojaöl nach Deutschland
zur Beimischung im Dieselkraftstoff ist zudem eine weitere schwere
Bedrohung hinzugekommen. Wie Greenpeace bereits durch Proben an
deutschen Zapfsäulen Anfang 2008 nachgewiesen hat, sind im
Dieselkraftstoff schon jetzt erhebliche Mengen Sojaöl enthalten.
Immer mehr dieser Soja aus Brasilien, vor allem im Süden des Landes, ist
gentechnisch verändert (fast 50%). Und selbst der brasilianische
Präsident Lula da Silva hat unlängst in Bezug auf die damit verbundenen
potentiellen Gefahren erklärt, das gentechnisch veränderte Soja könne im
Zuge des Agroenergiebooms in den Tanks landen ("soja boa a gente come, e
soja transgênica a gente faz biodiesel"). Dieser Sichtweise können und
wollen wir nicht folgen, da durch die Verbrennung von gentechnisch
verändertem Soja in unseren Tanks das Problem der biologischen
Sicherheit und Ernährungssouveränität im Herkunftsland nicht behoben
wird. Wir lehnen es strikt ab, dass durch die Markteinführung von
Gensoja als Agrokraftstoff ein weiteres Einfallstor auch in anderen
Bereichen für gentechnisch manipulierte Produkte geschaffen wird.
Es gibt bisher kein funktionierendes und international anerkanntes
Zertifizierungsverfahren zu Agrokraftstoffen und keine unabhängige
Überprüfung dieser Kriterien. Initiativen wie RSPO, RRS, BSI, RSB
befinden sich teilweise noch in der Phase der Formulierung der Standards
und Kriterien und es wird noch Jahre dauern, bis diese einsatzfähig
sind. Da diese Initiativen massiv von Wirtschaftsinteressen dominiert
sind und die Teilnahme von Umwelt- und Sozialgruppen sowie
Bauernverbänden völlig unzureichend ist, sind die Standards sehr
allgemein formuliert und reichen nicht aus, um eine nachhaltige
Produktion unter umweltlichen und sozialen Gesichtspunkten zu garantieren.
Die deutsche Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung fordert unterdessen Maßnahmen zur Beruhigung der Märkte,
Investitionen in die Landwirtschaft und ein Moratorium für Agrartreibstoffe.
Wir fordern deshalb:
- Nehmen Sie die obligatorischen Beimischungsziele auf
bundesdeutscher und europäischer Ebene zurück!
- Stoppen sie alle Importe von Agrarkraftstoffen und von Rohstoffen
aus Energiepflanzen aus Übersee einschließlich Brasilien!
- Stoppen Sie das deutsch-brasilianische Energieabkommen! Ethanol
aus Brasilien ist umwelt- und sozialschädlich!
- Wer die Menschenrechte und den Vorsitz der
UN-Biodiversitätskonferenz ernst nehmen will, muss Ethanol und
andere Agrarenergien aus Brasilien und anderen tropischen Staaten
STRIKT ablehnen!
- Setzen Sie sich endlich für eine grundlegende ökologische
Energiewende hierzulande ein!
Rettet den Regenwald e.V.
ROBIN WOOD
FDCL- Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika
BLUE 21 - Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Umwelt und Entwicklung
KoBra e.V. - Kooperation Brasilien
Quelle: http://fdcl-berlin.de/index.php?id11#c3181
--
Doppelsendungen bitten wir zu entschuldigen!
Wer keine weiteren mails mehr erhalten möchte, wird bei Rückmeldung umgehend aus dem Verteiler gestrichen!
FDCL
Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V.
Centro de Investigación y Documentación Chile-América Latina
Centro de Pesquisa e Documentação Chile-América Latina
Center for Research and Documentation Chile-Latin America
Gneisenaustraße 2a
D-10961 Berlin
Fon: ++49-(0)30-693 40 29
Fax: ++49-(0)30-692 65 90
email: info[at]fdcl.org
Weitere Informationen unter:
http://www.fdcl-berlin.de
FDCL e.V.:
Vereinsregister-Nr. 5010 Nz * Amtsgericht Charlottenburg
Vorstandsvorsitzende Petra Schlagenhauf
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</head>
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<b>Gemeinsame Pressemitteilung von<br>
Rettet den Regenwald / ROBIN WOOD / FDCL / KoBra / BLUE 21</b><br>
<br>
<i>Berlin / Hamburg / Freiburg, 9. Mai 2008</i><br>
<br>
<big><b>Regenwaldrodung per Regierungsabkommen<br>
Frau Merkel: „Stoppen Sie Agrarsprit aus Brasilien!“<br>
</b></big><br>
<b>Gemeinsame Pressemitteilung von<br>
Rettet den Regenwald / ROBIN WOOD / FDCL / KoBra / BLUE 21<br>
Berlin / Hamburg / Freiburg, 9. Mai 2008<br>
<br>
Regenwaldrodung per Regierungsabkommen<br>
Frau Merkel: „Stoppen Sie Agrarsprit aus Brasilien!“<br>
<br>
Bundeskanzlerin Angela Merkel will den Import von Agrarsprit aus
Übersee durch ein Energieabkommen zwischen Deutschland und Brasilien
fördern, damit Deutschland die hohen Beimischungsziele einhalten kann.
Am 12. Mai wird Merkel nach Brasilien fliegen, um den Pakt zur
Vernichtung des Regenwaldes zu unterschreiben. In einem offenen Brief
an die Kanzlerin protestieren deutsche und brasilianische
Organisationen gemeinsam gegen das Abkommen und die Zerstörung von
Regenwäldern für die Rohstoffversorgung Deutschlands und der EU.</b><br>
<br>
Um mehr Agrarsprit nach Deutschland exportieren zu können, sollen in
Brasilien neue Anbauflächen erschlossen werden. Schon jetzt dringt dort
die Agrarindustrie in immer neue Gebiete vor, bedroht unmittelbar
wertvolle Ökosysteme wie Cerrado, den Amazonas-Regenwald und den
Pantanal, vermindert die regionale Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln,
unterminiert kleinbäuerliche Landwirtschaft, gefährdet die
Ernährungssouverainität und Biodiversität und gerät immer stärker in
Konflikt mit der Agrarreform. <br>
<br>
In Brasilien wird derzeit auf sieben Millionen Hektar Zuckerrohr
angebaut. Etwa die Hälfte des geernteten Zuckerrohrs wandert als
Ethanol in den Autotank. Nach Einschätzung der brasilianischen
Regierung ist das Marktpotential für Zuckerrohr so groß, dass sich die
Plantagen auf 30 Millionen Hektar ausweiten ließen. „Die erhöhte
Nachfrage nach Rohstoffen wegen des Agro-Energiebooms hat fatale Folgen
für die lokale Bevölkerung, die Artenvielfalt und die Umwelt“, sagt
ROBIN WOOD-Aktivistin Steph Grella. „Wir appellieren dringend an Frau
Merkel, Verantwortung für Mensch und Natur zu übernehmen und das
Abkommen nicht zu unterzeichnen.“<br>
<br>
„Was hierzulande fälschlicherweise immer noch als „Bio“-Sprit
bezeichnet wird, bedeutet auf der anderen Seite der Erde Vertreibung
von Menschen und Vernichtung von Regenwäldern", erläutert Klaus Schenck
von der Organisation Rettet den Regenwald. Die brasilianische
Umweltministerin Marina Silva beteuert zwar, für die Produktion von
Ethanol würden keine Tropenwaldgebiete in Anspruch genommen, aber die
Wahrheit sieht anders aus: „Die monokulturelle Plantagenwirtschaft
belegt Flächen, die vormals als Weideland genutzt wurden, so dass die
Viehwirtschaft in die Regenwaldgebiete vordringt", erklärt Guadalupe
Rodríguez von Rettet den Regenwald.<br>
<br>
„Wo es bereits vorher Landrechtskonflikte gab, werden diese durch die
Ausweitung des Anbaus von Agrokraftstoffen und den daraus folgenden Run
auf Landflächen massiv verschärft", erklärt Kirsten Bredenbeck vom
landesweiten Netzwerk der Brasiliensolidarität Kooperation Brasilien -
KoBra aus Freiburg. Christian Russau vom Forschungs- und
Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika - FDCL ergänzt, dass
Zuckerfabriken gezielt Land pachten, um es der Umverteilung im Rahmen
der Agrarreform zu entziehen. Aufgrund des Anstiegs der Bodenpreise
kann der Staat kaum noch den Landankauf für Kleinbauern im Rahmen der
Agrarreform finanzieren. „Es darf nicht sein, dass das geplante
deutsch-brasilianische Energieabkommen für die Füllung deutscher
Autotanks dazu beiträgt, die Agrarreform in Brasilien zu verhindern!",
appelliert Russau.<br>
<br>
Die Klimabilanz des vermeintlichen „Bio“-Kraftstoffs ist negativ.
Durch Landnutzungsänderungen und Brandrodungen werden bei der
Herstellung von Ethanol mehr Treibhausgase freigesetzt, als sie durch
Ersatz von Kraftstoffen auf Erdölbasis durch Agrarsprit eingespart
werden können. Die ökologischen Folgen der Zuckerrohrplantagen sowie
anderer Monokulturen für den Anbau von Biomasse sind verheerend. "Von
«CO2-Neutralität» zur Verbesserung der Klimabilanz zu reden, ist im
Fall großflächiger Monokulturen für den Agrokraftstoffanbau ein Hohn",
urteilt Sandra Schuster von der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft
Umwelt und Entwicklung - BLUE 21.<br>
<br>
Zudem werden durch den intensiven Einsatz von Pestiziden und Dünger
Boden und Wasser vergiftet. Besonders davon betroffen sind die lokale
Bevölkerung und die Plantagenarbeiter. Vor allem in trockeneren
Gebieten wird der Wasserhaushalt gestört. Je nach Region werden für die
Herstellung eines einzigen Liters Ethanol aus Zuckerrohr bis zu 3.500
Liter Wasser benötigt. <br>
<br>
Um diese fatale Entwicklung aufzuhalten fordern die NGOs in einem
offenen Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Nehmen Sie die
obligatorischen Beimischungsziele auf bundesdeutscher und europäischer
Ebene zurück! Stoppen Sie alle Importe von Agrarkraftstoffen und von
Rohstoffen aus Energiepflanzen aus Übersee einschließlich Brasilien!
Stoppen Sie das deutsch-brasilianische Energieabkommen! Ethanol aus
Brasilien ist umwelt- und sozialschädlich! Wer die Menschenrechte und
den Vorsitz der UN-Biodiversitätskonferenz ernst nimmt, muss Ethanol
und andere Agrarenergien aus Brasilien und anderen tropischen Staaten
STRIKT ablehnen! Setzen Sie sich endlich für eine grundlegende
ökologische Energiewende hierzulande ein!“<br>
<br>
<br>
<b>Für Rückfragen:</b><br>
Steph Grella, ROBIN WOOD, 0163-7834333<br>
Klaus Schenck, Guadalupe Rodríguez, Rettet den Regenwald, 0176-488 599
72<br>
Sandra Schuster, BLUE 21, 030-6946101<br>
Kirsten Bredenbeck, KoBra, 0761-6006926<br>
Christian Russau, FDCL, 0171-2095585<br>
<br>
Quelle: <a class="moz-txt-link-freetext"
href="http://fdcl-berlin.de/index.php?id11#c3181">http://fdcl-berlin.de/index.php?id11#c3181</a><br>
<br>
<br>
<u><b>Offener Brief an Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel. Von Rettet
den
Regenwald, Robin Wood, FDCL, KoBra,
BLUE 21, 9. Mai 2008:</b></u><br>
<br>
<p class="bodytext"><strong>An<br>
Bundeskanzlerin Angela Merkel</strong><br>
Bundeskanzleramt<br>
Willy-Brandt-Straße 1<br>
10557 Berlin <br>
Fax: 0 30 / 400 18 18<br>
E-mail: <a class="moz-txt-link-abbreviated"
href="mailto:angela.merkel@bk.bund.de">angela.merkel@bk.bund.de</a><br>
<br>
CC<br>
<strong>Umweltminister Sigmar Gabriel</strong><br>
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit,
Ministerbüro<br>
Alexanderstraße 3<br>
10178 Berlin<br>
Telefon: 0 30 / 18 305-0<br>
Fax: 0 30 / 18 305-4375 <br>
E-mail: <a class="moz-txt-link-abbreviated"
href="mailto:sigmar.gabriel@bmu.bund.de">sigmar.gabriel@bmu.bund.de</a><br>
<br>
<strong>Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul</strong><br>
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung <br>
Postfach 12 03 22<br>
53045 Bonn<br>
Telefon: 02 28 / 9 95 35-0 <br>
Fax: 0 228 / 535 25 01<br>
E-mail: <a class="moz-txt-link-abbreviated"
href="mailto:wieczorek@bmz.bund.de">wieczorek@bmz.bund.de</a><br>
<br>
<br>
<br>
<strong><br>
</strong><em>Berlin/Freiburg/Hamburg, 9. Mai 2008</em><strong><br>
<br>
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel,</strong><br>
<br>
gemeinsam
mit einer großen Zahl befreundeter brasilianischer Organisationen und
Gruppen (siehe Anlagen) sind wir sehr besorgt über das angekündigte
bilaterale Energieabkommen zwischen Deutschland und Brasilien mit dem
Schwerpunkt Agrokraftstoffe. Die Entwicklung der letzten Jahre im
brasilianischen Agrotreibstoffsektor widerlegt die Äußerungen von
Umweltminister Gabriel zur vermeintlichen Nachhaltigkeit der
Agrarkraftstoff-Produktion in Brasilien. <br>
<br>
Eine “nachhaltige
Produktion” ist allein schon angesichts des anvisierten Maßstabes und
induzierten Anbauvolumens von Biomasse nicht möglich. Zudem fehlen
praxisüberprüfte, objektive und mit allen Beteiligten gemeinsam
erarbeitete Kriterien zu deren Überprüfung.<br>
<br>
In Brasilien dringt
die Agrarfront vermehrt in neue Regionen vor, bedroht unmittelbar
wertvolle Ökosysteme wie Cerrado, Amazonasregenwald und Pantanal,
vermindert die regionale Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln,
unterminiert die kleinbäuerliche Landwirtschaft und gerät in immer
stärkeren Konflikt mit der Agrarreform. Wie sich hier exemplarisch
zeigt, hat der industrielle Anbau von Agrokraftstoffen schwerwiegende
negative ökologische, soziale und menschenrechtliche Konsequenzen. Aus
diesem Grund lehnen wir den industriellen Anbau von Agrokraftstoffen
auf großen Flächen wie auch den Import dieser Produkte aus Übersee nach
Deutschland und Europa ab.<br>
<br>
<br>
Vor diesem Hintergrund möchten
wir im Hinblick auf das geplante bilaterale Energieabkommen und der
Einschätzung von Sigmar Gabriel zur Nachhaltigkeit der
Agrokraftstoffproduktion in Brasilien im Einzelnen auf folgende Punkte
und Probleme besonders hinweisen:<br>
<br>
Durch ein Ausbleiben “legaler”
Agrokraftstoff-Exporte nach Deutschland erhöhe sich, so Sigmar Gabriel,
der “Druck zur illegalen Produktion” in Brasilien. Dieser Argumentation
können wir nicht folgen. Indes möchten wir Sie darauf aufmerksam
machen, dass die Anreize für einen Ausbau der brasilianischen
Produktion von Agrokraftstoffen gerade von den hiesigen
Beimischungszielen ausgehen und in Ländern wie Brasilien u.a. indirekte
Landnutzungsänderungen auslösen,. Hierdurch erhöht sich der Druck auf
Kulturlandschaften und Ökosysteme, zudem führt dies zu
Flächenkonzentrationen, der Zunahme und Verschärfung von Land- und
Ressourcenkonflikten, Vertreibungen und zu einem Anstieg der Preise für
Grundnahrungsmittel.<br>
<br>
Die von Sigmar Gabriel angeführte geplante
“Zonierung der Anbauflächen durch die brasilianische Regierung” bietet
hierfür keine Lösung, da diese nach Angaben der brasilianischen Gruppen
am Reißbrett, ohne Beteiligung der Zivilgesellschaft, Kleinbauern und
betroffenden Indigenen geschieht. Raumordnung ist ohne Zweifel ein
unverzichtbares Planungselement, doch sollte diese in enger
Zusammenarbeit mit den lokalen Regierungen und der Zivilgesellschaft
erfolgen und deren Interessen und Belange berücksichtigen.<br>
<br>
Wir
möchten Sie darauf hinweisen, dass nach unseren Kenntnissen die von
Sigmar Gabriel genannten “100 Millionen Hektar Brachland” in dieser
Form in Brasilien nicht existieren. Derartige Zahlen erwecken den
Eindruck, dass es sich um unbewohnte und vegetationslose Landflächen
handele, die problemlos u.a. zum Anbau von Agrokraftstoffen benutzt
werden können. In der Realität sind dies Gebiete wie der Cerrado
(Savannenlandschaft), die hierfür zerstört werden sollen. Dies bedeutet
nicht nur einen Verlust an Biodiversität, sondern auch, dass vielen
Menschen der Lebensraum genommen wird, die von diesem abhängig sind.
Sie benötigen ihn als Weideland und zum Sammeln von Früchten, Nüssen,
Medizinalpflanzen und Brennholz.<br>
<br>
Die aktuelle
Zuckerrohranbaufläche von zirka 7 Millionen Hektar (etwa die Hälfte
davon für Ethanol) soll auf bis zu 30 Millionen Hektar ausgebaut werden
– bei einer derzeitigen bebauten Ackerfläche von 62 Millionen Hektar.
Insgesamt sollen in Brasilien etwa 50 Mio ha neue Flächen für den
Energiepflanzenmarkt zur Verfügung stehen – das entspricht etwa einem
Viertel der noch im Agroplan 2006 der Brasilianischen Regierung
geschätzten gesamten potentiell landwirtschaftlich nutzbaren Fläche.
Die Umweltminister Gabriel kürzlich von der brasilianischen Regierung
vorgelegten Zahlen widersprechen somit offiziellen regierungseigenen
Schätzungen und Daten.<br>
<br>
Nach Angaben des Zuckerrohrverbands Unica
(União da Agroindústria Canavieira de São Paulo) ist bis 2012 der
Ausbau der Anzahl von Ethanolfabriken von derzeit 248 auf 325 geplant.
Das Gros der neuen Plantagen entsteht derzeit im Dreieck von Minas
Gerais, im Süden von Goiás und im Osten von Mato Grosso do Sul.<br>
<br>
Hinzu
kommt eine enorme Intensivierung der Leistungsanforderungen für
Zuckerrohrschneider, die für die Zunahme der Arbeitsunfälle, häufig mit
tödlichem Ausgang, verantwortlich ist. Die Flexibilisierung der
Arbeitsverhältnisse schafft Raum für kriminelle Arbeitsvermittler, die
Migranten unter teils menschenunwürdigen Bedingungen für die
Zuckerrohrernte anheuern. Die staatlichen Arbeitsinspektoren decken
auch in den Zucker- und Ethanolkomplexen immer wieder Fälle von
sklavenähnlicher Beschäftigung auf. 52% (3131 von 5974) der „Arbeiter
unter sklavereiähnlichen Bedingungen“, welche 2007 durch die „Mobile
Eingreiftruppe“ des Arbeitsministeriums befreit wurden, waren in
Zuckerrohrfabriken beschäftigt. Insgesamt ist die Zahl der „modernen
Sklaven“ und der Arbeiter unter „ausbeuterischen Arbeitsbedingungen“
enorm gestiegen.<br>
<br>
Nachhaltigkeit beinhaltet neben
wirtschaftlichen auch soziale und umweltliche Aspekte! “Unredlich” ist
es, im Zusammenhang mit dem Energie-Abkommen die sozialen,
menschenrechtlichen und ökologischen Problemwirkungen eines verstärkten
Biomasseanbaus im Ursprungsland Brasilien auszublenden. Die von Sigmar
Gabriel angesprochenen Produktionsstandortbedingungen entbehren der
Berücksichtigung bestehender Realitäten:<br>
<br>
Hunger und Agrarreform:
44 Millionen Menschen sind in Brasilien von extremer Armut betroffen
und leiden Hunger. Eine der ersten Maßnahmen der Regierung von
Präsident Lula da Silva war deshalb gleich nach Amtseintritt die
Gründung eines Ministeriums für Ernährungssicherheit und
Hungerbekämpfung, das insbesondere mit der Einführung des nationalen
Programms „Null Hunger“ beauftragt wurde. Das Programm ist Kernstück
der politischen Strategie der Regierung und soll armen Menschen eine
angemessene Ernährung gewähren: “Wenn am Ende meiner Amtszeit alle
Brasilianer dreimal am Tag essen können, dann habe ich die Mission
meines Lebens erfüllt” verkündete Lula beim Weltsozialforum von Porto
Alegre im Januar 2003.”<br>
<br>
Schon im vergangenen Jahr widerlegte
Maria Aparecida de Moraes Silva von der Landesuniversität São Paulo
(Universidade Estadual Paulista) die Behauptungen der Regierung von
Lula da Silva, "der Anbau von Bioenergiemonokulturen habe keinen
Einfluss auf die nationale Nahrungsmittelproduktion", in dem sie die
offiziellen Zahlen des Instituts für landwirtschaftliche Ökonomie
(Instituto de Economia Agrícola) zitierte: "Im Zeitraum zwischen 2006
und 2007 ist die Anbaufläche von 32 landwirtschaftlichen Produkten
zurückgegangen: darunter Reis (10% weniger), Bohnen (13 %), Mais (11%),
Kartoffeln (14%), Maniok (3%), Baumwolle (40%) und Tomaten (12%)."
Außerdem verzeichnet Brasilien eine Million weniger Rinder und
Milchkühe. Dabei sind Reis, Bohnen, Maniok, Kartoffeln sowie
Rindfleisch und Milch die mit wichtigsten Grundnahrungsmittel
Brasiliens!<br>
<br>
Das Versprechen, von der Agrodieselproduktion würden
Kleinbauern profitieren, kann nicht eingehalten werden. Inzwischen
stammen bereits 80 % der Rohstoffe für Agrodiesel aus dem Sojaanbau,
vielfach aus genmanipulierter Produktion. Die bisherigen Erkenntnisse
über das "Biodieselprogramm" zeigen, dass bisher drei Viertel der
Rohstoffe vom Agrobusiness geliefert wurden. Die soziale Komponente des
Programms, die Einbindung kleinbäuerlicher Landwirtschaft, verhinderte
bisher folglich nicht, dass das Agrobusiness als Hauptnutznießer des
Programms dasteht.<br>
<br>
Nun zeigt sich aber, dass Zuckerfabriken
gezielt das Land unproduktiver Farmen pachten, um es der Umverteilung
im Rahmen der Agrarreform zu entziehen. Mit dem Anstieg der Bodenpreise
kann der Staat kaum noch den Landankauf für die Verteilung im Rahmen
der Agrarreform finanzieren. Das geplante deutsch-brasilianische
Energieabkommen, das der "nachhaltigen" Füllung deutscher Autotanks
dienen soll, trägt somit direkt dazu bei, die Agrarreform in Brasilien
zu verhindern. Die Gewalt auf dem Land in den Regionen Zentraler Westen
und Nordosten, also den Regionen des Cerrado, welche neuerdings an
landwirtschaftlichem Wert gewinnen, hat dem jüngsten Bericht der
Landpastorale zufolge deutlich zugenommen. Die Zahl derer, die durch
private Gewaltanwendung vertrieben wurden, ist erheblich gestiegen −
von 1.809 (2006) auf 4.340 (2007).<br>
<br>
Mato Grosso do Sul, einer der
Bundesstaaten in denen die Anbaufläche für Zuckerrohr stark erweitert
wird, ist nach dem Indianermissionsrat CIMI der Staat mit den meisten
Morden an Ureinwohnern. Ursache sind hauptsächlich Konflikte um
Landrechte, so die Anthropologin Lúcia Rangel von der katholischen
Universität São Paulo (PUC-SP). Im vergangenen Jahr wurden dort 53
Indianer, die meisten vom Volk der Guarani Kaiowá, ermordet.<br>
<br>
Die
brasilianische Regierung und Industrie betreibt daneben sehr
ambitionierte Pläne zur Produktion von Ethanol aus der Zellulose von
Eukalyptusbäumen (BtL) sowie Agrodiesel aus Soja, Palmöl und Rizinus.
Die Investitionen in diesem Bereich verdeutlichen das. Der Bundesstaat
Pará im Amazonasgebiet, wo Sigmar Gabriel sich mit Regierungsvertretern
traf, ist das Zentrum der Palmölproduktion mit der ersten
Biodieselfabrik auf Basis von Palmöl. Im Bundesstaat Acre, der mitten
im Amazonasgebiet liegt, gibt es bereits intensiven Zuckerrohranbau und
Ethanolfabriken, und in der Mehrheit der Bundesstaaten im
Amazonasgebiet wurden auf großflächigen Rodungen Sojamonokulturen für
den Export angelegt. Aktuelle Zahlen des Forschungsinstituts Imazon
bestätigen, dass sich die Abholzung des Amazonasregenwaldes wieder
beschleunigt. Von Januar bis März wurden in den eben genannten,
Biodiesel produzierenden Bundesstaaten Mato Grosso und Pará rund 214
Quadratkilometer Regenwald abgeholzt, 3-mal so viel wie im ersten
Jahresquartal 2007.<br>
<br>
Sigmar Gabriel zufolge geht die “größte
Bedrohung für den Regenwald vom Sojaanbau für die
Futtermittelproduktion” aus. Gerade jedoch die Ausweitung von
Zuckerrohranbauflächen führt nachweislich zu einer Verdrängung von
Sojaanbau und Viehzucht in die Amazonasregion. Zudem wird Soja sowohl
zur Futtermittel- als auch zur Agrokraftstoffproduktion angebaut. Auch
aufgrund der Marktnachfrage ist in der Praxis eine Trennung in
Plantagen für die Futtermittel- und Agrospritproduktion nicht möglich.
Mit den zunehmenden Importen von Sojaöl nach Deutschland zur
Beimischung im Dieselkraftstoff ist zudem eine weitere schwere
Bedrohung hinzugekommen. Wie Greenpeace bereits durch Proben an
deutschen Zapfsäulen Anfang 2008 nachgewiesen hat, sind im
Dieselkraftstoff schon jetzt erhebliche Mengen Sojaöl enthalten.<br>
<br>
Immer
mehr dieser Soja aus Brasilien, vor allem im Süden des Landes, ist
gentechnisch verändert (fast 50%). Und selbst der brasilianische
Präsident Lula da Silva hat unlängst in Bezug auf die damit verbundenen
potentiellen Gefahren erklärt, das gentechnisch veränderte Soja könne
im Zuge des Agroenergiebooms in den Tanks landen (“soja boa a gente
come, e soja transgênica a gente faz biodiesel”). Dieser Sichtweise
können und wollen wir nicht folgen, da durch die Verbrennung von
gentechnisch verändertem Soja in unseren Tanks das Problem der
biologischen Sicherheit und Ernährungssouveränität im Herkunftsland
nicht behoben wird. Wir lehnen es strikt ab, dass durch die
Markteinführung von Gensoja als Agrokraftstoff ein weiteres Einfallstor
auch in anderen Bereichen für gentechnisch manipulierte Produkte
geschaffen wird.<br>
<br>
Es gibt bisher kein funktionierendes und
international anerkanntes Zertifizierungsverfahren zu Agrokraftstoffen
und keine unabhängige Überprüfung dieser Kriterien. Initiativen wie
RSPO, RRS, BSI, RSB befinden sich teilweise noch in der Phase der
Formulierung der Standards und Kriterien und es wird noch Jahre dauern,
bis diese einsatzfähig sind. Da diese Initiativen massiv von
Wirtschaftsinteressen dominiert sind und die Teilnahme von Umwelt- und
Sozialgruppen sowie Bauernverbänden völlig unzureichend ist, sind die
Standards sehr allgemein formuliert und reichen nicht aus, um eine
nachhaltige Produktion unter umweltlichen und sozialen Gesichtspunkten
zu garantieren.<br>
<br>
Die deutsche Bundesministerin für
Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fordert unterdessen
Maßnahmen zur Beruhigung der Märkte, Investitionen in die
Landwirtschaft und ein Moratorium für Agrartreibstoffe.<br>
<br>
<strong>Wir fordern deshalb:</strong><br>
<br>
</p>
<ul>
<li><strong>Nehmen Sie die obligatorischen Beimischungsziele auf
bundesdeutscher und europäischer Ebene zurück!</strong></li>
<li><strong>Stoppen sie alle Importe von Agrarkraftstoffen und von
Rohstoffen aus Energiepflanzen aus Übersee einschließlich Brasilien!</strong></li>
<li><strong>Stoppen Sie das deutsch-brasilianische Energieabkommen!
Ethanol aus Brasilien ist umwelt- und sozialschädlich!</strong></li>
<li><strong>Wer
die Menschenrechte und den Vorsitz der UN-Biodiversitätskonferenz ernst
nehmen will, muss Ethanol und andere Agrarenergien aus Brasilien und
anderen tropischen Staaten STRIKT ablehnen!</strong></li>
<li><strong>Setzen Sie sich endlich für eine grundlegende ökologische
Energiewende hierzulande ein! </strong></li>
</ul>
<strong><br>
Rettet den Regenwald e.V.<br>
ROBIN WOOD<br>
FDCL- Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika<br>
BLUE 21 - Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Umwelt und Entwicklung<br>
KoBra e.V. - Kooperation Brasilien</strong><br>
<br>
Quelle: <a class="moz-txt-link-freetext"
href="http://fdcl-berlin.de/index.php?id11#c3181">http://fdcl-berlin.de/index.php?id11#c3181</a><br>
<br>
<pre class="moz-signature" cols="72">--
Doppelsendungen bitten wir zu entschuldigen!
Wer keine weiteren mails mehr erhalten möchte, wird bei Rückmeldung umgehend aus dem Verteiler gestrichen!
FDCL
Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V.
Centro de Investigación y Documentación Chile-América Latina
Centro de Pesquisa e Documentação Chile-América Latina
Center for Research and Documentation Chile-Latin America
Gneisenaustraße 2a
D-10961 Berlin
Fon: ++49-(0)30-693 40 29
Fax: ++49-(0)30-692 65 90
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Weitere Informationen unter:
<a class="moz-txt-link-freetext" href="http://www.fdcl-berlin.de">http://www.fdcl-berlin.de</a>
FDCL e.V.:
Vereinsregister-Nr. 5010 Nz * Amtsgericht Charlottenburg
Vorstandsvorsitzende Petra Schlagenhauf
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</body>
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